mini|Bleisiegel des Dogen. Es wurde vor 2010 in der Lagune entdeckt und gelangte auf den illegalen Antiquitätenmarkt. Die Umschrift lautet „+VRS / VS DVX / VE(NE)ICI / ARVM“. Die schlechter erhaltene und schwerer lesbare Schrift ließ sich als „R/ XPE SAL(VA VE)(NE)CIAS“ wahrscheinlich machen. Von den drei als „Ursus“ bekannten Dogen kam, nachgewiesen anhand von zeitgenössischen Bullen, vor allem aber von Münzen, nur die Zeit Ursus’ I. in Frage. Eine selten gebrauchte Formel wie „Christe salva Venecias“ war weder ein Jahrhundert vor Ursus I. in Gebrauch, also zur Zeit des Orso Ipato, noch in der Zeit Ursus’ II. (912–932).Michele Asolati: Una bulla plumbea del Doge Orso I Particiaco (864–881), in: Rivista Italiana di Numismatica 117 (2016) 35–54 (academia.edu). Orso I. Particiaco, in den zeitlich näheren Quellen Ursus Particiacus oder Ursus Paureta, später auch Participazio oder Partecipazio († 881 in Venedig), war laut der Tradition, wie die staatliche gesteuerte Geschichtsschreibung der Republik Venedig genannt wird, deren 14. Doge. Er regierte von 864 bis 881 und führte die Unabhängigkeitspolitik gegenüber Byzanz, die sein Vorgänger begonnen hatte, zu einem ersten Abschluss.

Ab 866 kämpfte er gegen slawische Piraten an der Ostküste der Adria, aber auch gegen Sarazenen, die sich in Süditalien festgesetzt hatten. Bei Salvore vor Istrien erlitt die venezianische Flotte 872 eine Niederlage. Angriffe der Sarazenen in der oberen Adria wurden durch Kämpfe gegen das Emirat von Tarent ausgelöst – nun drangen Sarazenen von Kreta her bis nach Grado vor. Sie wichen jedoch der venezianischen Flotte aus und plünderten stattdessen Comacchio. Die Narentaner, slawische Piraten, blieben jedoch unbesiegt. Gegenüber dem Karolinger Karl III. konnte Ursus vertraglich die seit 840 bestehenden Bestimmungen des Pactum Lotharii mit seiner Grenzziehung verlängern. Diese Erneuerung der Grenzziehung unterstrich Venedigs Selbstständigkeit gegenüber dem westlichen Kaiserreich. Darüber hinaus dehnte der neue Vertrag seine Rechte auf das gesamte Reich Karls aus.

Ursus erhielt vom byzantinischen Kaiser um 878 einen hohen Ehrentitel, was mit der Erneuerung des 840 abgeschlossenen Pactum Lotharii kontrastierte, bei dem es sich um einen eigenständigen Vertrag handelte, ohne dass Byzanz dabei noch eine Rolle spielte.

Auf Ursus und seinen mitherrschenden Sohn Iohannes geht ein wenn auch fruchtloses Verbot des Handels mit Sklaven zurück.

Erfolgreicher hingegen war die dauerhafte Einrichtung der sechs venezianischen Bistümer, nämlich derjenigen von Caorle, Heracleia (häufig verwechselt mit Eraclea), Equilium (häufig und ebenso unzutreffend mit Jesolo gleichgesetzt), Metamaucum (erster namentlich bekannter Bischof war Felix I., ebenso häufig und fälschlich mit Malamocco gleichgesetzt), Olivolo und Torcello. Sie waren dem Patriarchat Grado kirchenrechtlich unterstellt. Den Patriarchen zwang Ursus, auch gegen päpstlichen Widerstand, zur Flucht. Schließlich setzte er sogar die Anerkennung seiner in Abwesenheit eingesetzten Bischöfe durch, obwohl er von Papst Johannes VIII. mit der Exkommunikation bedroht worden war.

Derartige Einflussnahmen in der kirchlichen Sphäre wurden für die Dogen selbstverständlich und zugleich ein Mittel, die Hausmacht zu festigen, indem Verwandte und Parteigänger eingesetzt wurden. Die Heftigkeit der Kämpfe hing damit zusammen, dass das Patriarchat Grado, dessen Grenzen in Italien mit denen der dortigen Großreiche zusammenfielen, zum Einfallstor für deren Politik zu werden drohte. Dies wiederum hing damit zusammen, dass Grado seine Selbstständigkeit gegen die Ansprüche des Patriarchen von Aquileia verteidigen musste, das aus der Entstehung Grados eine Obödienz abzuleiten versuchte. Damit aber hätten die venezianischen Bistümer einen der karolingischen Großen oder später einen Reichsfürsten als geistlichen Oberherrn erhalten.

Ursus ließ Sumpfgebiete um Rialto trockenlegen und förderte die Ansiedlung in Dorsoduro. Er wurde in der Kirche San Zaccaria bestattet. Ihm folgte sein Erstgeborener Iohannes im Amt.

Familie Die Particiaco gehörten zu den einflussreichsten tribunizischen Familien in der Frühzeit der Lagunenstadt. Zusammen mit den Candiano und den Orseolo war es die Familie Particiaco – so will es die venezianische historiographische Tradition –, die von 810 bis zur Verfassungsreform von 1172 die meisten Dogen stellte. Der erste Doge eines von Byzanz unabhängigen Venedig war Agnellus (810–827). Ihm folgten seine Söhne Justinianus und Johannes (829–836). Nach der fast dreißigjährigen Regierung des Petrus (836–864) und seines Sohnes Johannes Tradonicus († 863) kehrten die Particiaco mit Ursus I. auf den Dogenstuhl zurück. Ihm folgte wiederum sein Sohn Johannes. Weitere Dogen waren Ursus II. (911–932) und dessen Sohn Petrus (939–942) aus einem Seitenzweig der Familie, den Badoer. Außerdem entstammten mehrere Bischöfe und Patriarchen den Familien der Particiaco und der Badoer.

Diese angebliche Kontinuität ist jedoch keinesfalls gesichert. Die jüngere Forschung geht im Gegenteil davon aus, dass der Zusammenhang zwischen der Familie, der Ursus angehörte, und den Particiaco im Nachhinein, und zwar erst im 13. Jahrhundert, konstruiert worden ist. Der Hauptzweig der Particiaco scheint 836 ohne legitimen Erben ausgestorben zu sein. So dürften Ursus I. und Ursus II. – letzteren machte erst Johannes Diaconus um 1000 zu einem „Particiacus“La cronaca veneziana del diacono Giovanni, in: Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime, Rom 1890, S. 131 f. – bestenfalls einem Nebenzweig der Particiaco entstammen. Den Badoer gelang in jedem Falle damit eine Verlängerung ihrer Abstammungslinie weit in die Vergangenheit, nämlich in die Zeit, als sich Venedig von Byzanz unabhängig machte, und damit ein enormer Prestigegewinn.

Das Dogenamt mini|links|Ungefährer Machtbereich des kroatischen Reiches unter Trpimir I. und der Narentaner Allem Anschein nach war Ursus nicht in den Mord an seinem Vorgänger verwickelt, im Gegenteil setzte er dessen Politik in wesentlichen Zügen fort. Er sorgte für die Verbannung der Täter, setzte die zivilen und kirchlichen Reformen fort und bekämpfte die Piraten, allen voran Slawen in der oberen und Sarazenen in der unteren Adria.

Gegen die Slawen setzte er 866 eine Flottenexpedition in Gang. Diese richtete sich gegen Domagoj, der zwei Jahre zuvor den legitimen Prätendenten Zdeslav vom kroatischen Thron gestürzt hatte. Domagoj fand sich ohne Kampf zu Verhandlungen bereit, und er ließ Gefangene frei. Doch offenbar hielt der Frieden nicht lange, denn 872 kam es zu einer Niederlage der venezianischen Flotten bei Salvore (Savudrija) vor Istrien. Trpmir, der Sohn des inzwischen gestorbenen Domagoj, griff 876 eine Reihe von Städten auf Istrien an, um sich dann gegen Grado zu wenden. Diesmal gelang den Venezianern ein Sieg. Schließlich kam es 878 mit Zdeslav, dem es gelungen war, die Macht zurückzugewinnen, zu einem Vertragsabschluss. Dafür war Venedig bereit, Tribut zu zahlen. Doch die sogenannten Narentaner, eine weitere slawische Piratengruppe, entzog sich seit jeher dem kroatischen Einfluss. Sie setzten ihre Kaperfahrten fort. Ein Versuch, sie mit Gewalt davon abzuhalten, blieb ohne Erfolg. mini|Sarazenen erobern 878 Syrakus, Bilderhandschrift des Skylitzes, ursprünglich in den 1070er Jahren angefertigt; illustrierte Kopie von etwa 1150 bis 1175, entstanden im Umkreis des normannischen Königshofs in Palermo, Biblioteca Nacional de España in Madrid, fol. 100v mini|links|Die muslimische Eroberung Siziliens Ähnliches galt für die Sarazenen, gegen die es sowohl zu Erfolgen als auch zu Misserfolgen kam. Zwischen 867 und 871, als Kaiser Ludwig II. gegen sie in Süditalien vorging, griffen venezianische Schiffe mit Erfolg die Sarazenen von Tarent an. Doch nun griffen Sarazenen, die um 826 Kreta erobert hatten, das mittlere Dalmatien an. Sie drangen bis Brač vor. 875 konnten sich die Bewohner von Grado gegen einen Angriff verteidigen. Deren Angriff konnte eine venezianische Flotte, ohne dass es zum Kampf kam, unter Führung des Dogensohnes Johannes abwehren und gegen Comacchio ablenken. Infolgedessen wurde die Handelskonkurrentin von den Sarazenen geplündert. Diesen gelang 878 auf Sizilien die Eroberung von Syrakus, womit die 827 begonnene Eroberung der Insel zu einem gewissen Abschluss kam.

Insgesamt wirkten die Erfolge der venezianischen Operationen, häufig in Verbindung mit byzantinischen Flotten und karolingischen Landheeren, prestigesteigernd. Vom byzantinischen Kaiser Basileios I. erhielt Ursus – wohl gelegentlich einer kaiserlichen Gesandtschaft – um 878 den Ehrentitel eines Protospatharios, ein Titel, den bis dato kein Doge erhalten hatte. Der karolingische Kaiser Karl III. erneuerte das 840 abgeschlossene Pactum Lotharii, das Lothar I. mit Petrus Tradonicus abgeschlossen hatte. Dieser Vertrag hatte die staatliche Souveränität Venedigs begründet, denn darin wurden seine Grenzen festgelegt. Vor allem aber handelte es sich um einen eigenständigen Vertrag, ohne dass Konstantinopel dabei noch eine Rolle spielte.

Ursus wird neben äußeren Erfolgen eine Reihe von Reformen zugeschrieben. So entstanden zu seiner Zeit neue Bistümer. Dabei wurde der Kanon der sechs Diözesen der Kirchenprovinz Grado dauerhaft festgelegt: Caorle, Heracleia, Iesolo, Metamaucum, Olivolo und Torcello. Doch der Versuch der staatlichen Macht, sich die kirchliche Sphäre unterzuordnen, führte auch zu erneuten Erschütterungen. Neben der Ermordung des Adeodato, des Bischofs von Torcello, im Jahr 864 erwies sich dies vor allem 874, als Petrus (Pietro I. Marturio), der neugewählte Patriarch von Grado, das Amt zunächst ablehnte und ins Königreich Italien floh. Als der Doge wahrnahm, dass der Patriarch seinen Kandidaten für die Wahl zum Bischof von Torcello, Dominicus, den Abt von Santo Stefano di Altino, ablehnte, und ihn mit der Exkommunikation bedrohte, zwang er ihn nach Istrien zu fliehen. Nach einem Jahr Aufenthalt in Rialto floh er sogar nach Rom. Trotz mehrfacher Interventionen durch Papst Johannes VIII. zwang Ursus den Patriarchen Petrus mitsamt seinen von ihm eingesetzten Bischöfen nachzugeben. Nur den Bischof von Torcello akzeptierte er, und dieser wurde auch vom Nachfolger des Petrus anerkannt. Petrus kehrte nach Grado zurück und weihte nunmehr die in seiner Abwesenheit eingesetzten Bischöfe, die er bis dahin nicht anerkannt hatte. Damit gelang dem Dogen eine fundamentale Wende im Verhältnis zum Patriarchat.

Im Januar 880 kam es auch mit dem Patriarchen von Aquileia zu einem Vertrag. Darin wurden die venezianischen Händler im Hafen von Pilo von Abgaben ausgenommen. Auch sagte der Patriarch ein Ende der Feindseligkeiten von Seiten Grados zu, dazu den Verzicht auf alle Ansprüche auf die abhängigen Kirchen und ihre Besitztümer. Eine wichtige längerfristige Folge war, dass der Doge bis ins 11. Jahrhundert die Kandidaten für Bischofs-, Abt- und Äbtissinnenämter vorschlug und an der Wahl teilnahm, sowie die weltliche Gerichtsbarkeit über den hohen Klerus ausübte.Kurt Heller: Venedig. Recht, Kultur und Leben in der Republik 697–1797, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 1999, S. 663.

Gemeinsam mit seinem Sohn und Mitherrscher Johannes untersagte Ursus den Handel mit Sklaven, ein Verbot, das später Pietro IV. Candiano im Jahr 960 erneuerte. Entgegen kurzfristigen ökonomischen Interessen bevorzugten die Dogen die Reputation, die Venedig damit gewann. Doch hatten sie damit offenbar ebenso wenig Erfolg wie der Papst mit einem entsprechenden Verbot.