mini|Romano-gotischer Querhausgiebel, hochgotisches Langhaus, neugotischer Turm

Die Kathedrale St. Johannes (polnisch: Konkatedra św. Jana Chrzciciela) in Kamień Pomorski (deutsch Cammin i. Pom.), meist als Dom zu Cammin oder als Camminer Dom bezeichnet, ist neben der Jakobskirche in Stettin eine der beiden Kathedralkirchen des Erzbistums Stettin-Cammin.

Der Dom zu Cammin ist eine dreischiffige Basilika mit einem kreuzförmigen Grundriss von 63 m Länge und einer Breite von 42 m Breite (Länge des beidseitigen Querhauses mit südlicher Vorhalle), Der Abstand beider Querhausgiebel beträgt nur 36 Meter, die Breite des Langhauses nur 23 m. Wenn sie irgendwo als die größte Kirche der Provinz Pommern bezeichnet wurde, war das wohl an der Grundrissfläche von Kirche plus Domklausur gemessen, denn das Volumen der Stralsunder Marienkirche mit 90 m Länge und 40 m breitem Schiff (über das die Querhausarme dort nur wenig hinausragen) ist zweifellos größer.

Zum kirchlichen Gebäudekomplex um den Dom gehörten zeitweise außer der Domklausur das Bischhofshaus oder Buddenhaus, die Domschule und das Dekanat oder Kleisthaus.

Geschichte 12. bis Ende 13. Jahrhundert Ein Vorgängerbau der Kathedrale, eine Holzkirche, wurde im Jahr 1176 vom pommerschen Herzog Kasimir I. errichtet. Er wurde notwendig, nachdem die Dänen die Stadt Wollin zerstört hatten und der Bischofssitz des dort 1140 gegründeten pommerschen Bistums in das nahe, stark befestigte Cammin verlegt wurde. Das pommersche Bistum erhielt hier seinen Namen Bistum Cammin. Cammin blieb bis 1810 Bischofssitz. Auch nach der Verlegung des Bischofssitzes nach Kolberg ins Stiftsland des Bistums blieb Cammin Sitz eines Domkapitels. Fünf Mitglieder des pommerschen Herzogshauses und acht Bischöfe sollen hier begraben worden sein.

Am heutigen Kirchengebäude ist allein der aus Granitquadern errichtete untere Teil des Nordquerhauses noch romanisch – Das Südportal wird trotz seines Rundbogens zumeist als jünger eingeschätzt, kann aber auch älter als die ersten Backsteinmauern sein (s. u.). Alle aus Backstein errichteten Teile haben schon gotische Fenster, was auf eine Bauzeit nicht vor dem 2. Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts deutet.Baubeginn des gotischen Magdeburger Doms 1209 Der älteste dieser Teile ist wohl das Chorgeviert. Daran wurde nachträglich die Apsis gebaut, deren Dach etwas vor die Blenden des östlichen Chorgiebels ragt. Die Backsteinteile des Querhauses haben Blenden mit Fischgrätmuster, wie sie andernorts um 1270 geschaffen wurden.Gotische Ostteile der Reformierten Kirche in Bunde, Ostfriesland, 1271/1272 (d) Die Fenster des Querhauses sind in gleicher Weise mit Rundstäben verziert wie die Maßwerkfenster der Apsis. Das legt eine Errichtung beider Gebäudeteile in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nahe. Das Querhaus hat über den dicken Mauern der unteren Wandzone Laufgänge, die, obwohl in der Normandie und Westfrankreich schon früher eingeführt, in Mitteleuropa typisch für die Frühgotik sind. Circa 1250 entstand das südliche Portal mit Tympanon, das die Anbetung des Lammes zeigt.

14. Jahrhundert bis zur Reformation in Polen Im Jahr 1308 zerstörte die brandenburgische Armee das noch nicht fertiggestellte Kirchengebäude. Doch bald wurde der Bau als Basilika im hochgotischen Stil fortgesetzt. Nach 1310 erhielt die Nordseite einen Arkadenvorbau und 1325–1350 der Ostflügel einige Zimmer eingerichtet. In späteren Zeiten beherbergten sie das Archiv mit dem einst reichen Domschatz. mini|hochkant|links|Apsis: glasierter Back­stein am Sockel und als Kolonnetten. Romanische Lisenen enden auf halber Höhe, aber Nischen der hoch­gotischen Maß­werk­fens­ter begin­nen auf dem Sockel. mini|hochkant|Unterschiedliche Rippen von Mittel­schiff, Vierung, Chorquadrum und Apsis Zu Beginn des 14. Jahrhunderts brachten Kirchenmaler Gemälde im Firmament des Presbyteriums und den Apsiden auf. Gleichzeitig wurden der gotische Kirchturm und das Lektorium vor dem Presbyterium errichtet. Im Inneren der Kathedrale entstanden Altäre, das Chorgestühl und ein großes Kruzifix. Eine erste Orgel wurde 1382 in der Kirche erwähnt.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde ein Dachboden über dem Kirchenschiff eingebaut, 1419 entstand neben dem südlichen Kirchenschiff die Kapelle Lepelów. 1480 wurde im Presbyterium der Hauptaltar aufgestellt.

Nach der Reformation in Pommern kam die Kirche 1535 zur Pommerschen Evangelischen Kirche. Anfangs „Dom- und Kathedral- oder St. Johanniskirche“ genannt, blieb sie bis 1945 lutherisch.

Während des Dreißigjährigen Krieges kam es zur Zerstörung des Inneren und Einsturz des Turmes. Mit Spenden des brandenburgischen Statthalters in Hinterpommern, Ernst Bogislaw von Croÿ, konnten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts neue, barocke Einrichtungsgegenstände erworben werden. Als im Jahre 1755 die St. Marienkirche erbaut war, wurde diese in die Kirchengemeinde eingepfarrt, deren Geistliche nun in der Dom- und St.-Marien-Kirchengemeinde tätig waren. mini|Mittelschiff und Südseitenschiff westwärts

Der Camminer Dom hatte im 19. Jahrhundert ein massives statisches Problem, insbesondere mit seinem breiten Kirchturm. Im Zeitraum 1847/48 erfolgte ein großer Umbau des Turmes unter der Leitung des preußischen Konservators Ferdinand von Quast. Dazu wurden alle Glocken aus der Glockenstube entfernt, die Johannesglocke wies zu dieser Zeit einen Riss auf und musste umgegossen werden.Glocken der Kamminer Konkathedrale, abgerufen am 28. März 2026. Die anderen beiden Glocken brachte man 1855, als die Arbeiten vollendet waren, wieder an ihren Platz.Hugo Lemcke: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Pommern, Teil: II. Regierungsbezirk Stettin. Band: Bd. 2, Heft 12/1914: Der Kreis Cammin. Verlag: Leon Saunier, Stettin., Seiten 34–36; Kommentar: Bestandsaufnahme.

1888 wurden die barocken Orgeln renoviert. 1934 wurde die Kathedrale erneut restauriert und das Aussehen des Turms verändert.

1945 bis 1990er Jahre Der früher im Archiv aufbewahrte Domschatz ging 1945 gänzlich verloren, als der Transport, mit dem er in Sicherheit gebracht werden sollte, in ein Panzergefecht geriet. Dabei wurde auch der berühmte Cordulaschrein (Schrein der hl. Cordula), vermutlich eine Wikingerarbeit, die um das Jahr 1000 in Südschweden angefertigt worden war, zerstört. Der Cordulaschrein bestand aus 22 Elfenbeinplatten mit sorgfältig eingeritzten Tiermotiven und Bandmustern. Im Archiv, auch als Schatzkammer bezeichnet, werden heute Silberkelche, Münzen und Messgewänder ausgestellt.

In den 1960er Jahren wurde die ehemalige evangelische Kirche renoviert und zu einer römisch-katholischen Kathedrale umgestaltet. Ab 1972 war sie der Sitz des Bistums Stettin-Cammin, 1992 überführt in die Erzdiözese Stettin-Cammin.

Seit 1991 2005 wurde die Kathedrale samt den angrenzenden Gebäuden zum Pomnik historii („Geschichtsdenkmal“) erklärt.

Während bestimmter Öffnungszeiten ist der Kirchturm für das Publikum zugänglich und kann bestiegen werden. Von oben ist ein Rundblick über die Stadt Cammin möglich.

Baubeschreibung mini|hochkant|links|Nördlicher Querhausgiebel: unten Granit mit roma­ni­schem Portal, Fenster frühgotisch, oben Blendmaßwerk Überblick mini|hochkant|Südlicher Querhausgiebel: begin­nende Gotik, gemusterte Blenden­hintergründe

Die Kathedrale ist eine romanisch-begonnene, aber überwiegend frühgotische, aus Backsteinen errichtete dreischiffige Basilika mit Terrasse auf der Nordseite. Das Hauptschiff wird von schlanken, 16 Meter hohen Säulen gestützt. Die Wände des Nordquerhauses sind in den unteren vier Metern noch nicht aus Backstein, sondern aus Granitquadern errichtet (wahrscheinlich Feldsteinmauerwerk mit Quader-Verblendung). Die nördliche Stirnwand enthält ein dreifach gestuftes romanischen Rundbogenportal, das noch von 1167 stammen könnte.Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler (Band 2): Nordostdeutschland — Berlin, 190: S.201 ff, Kammin, Pommern … – Dom (Heidelberger historische Bestände – digital)

Die Apsis hat zwar einen für romanische Apsiden typischen halbrunden Grundriss, aber deren äußere Lisenengliederunmg bricht etwa einen halben Meter über den Sohlbänken der Fenster ab, und diese haben schon hochgotisches Maßwerk. Das Apsisgewölbe ist eine spitze Schirm-Halbkuppel mit aufgesetzten Rippen. Chorquadrum und Querhaus haben leicht gespitzte frühgotische Fenster und gotische spitzbogige Kreuzrippengewölbe. An den Querhausgiebeln finden sich Blenden mit schmalen hohen Kleeblattbögen und Fischgrätmustern aus Backstein, wie man sie auch an frühgotischen Kirchen aus dem 3. Viertel des 13. Jahrhunderts in Ostfriesland, z. B. Bunde, 1271/72 (d), und der Provinz Groningen findet.

Das Mittelschiff hat über den Arkaden keine Triforien, ebenso wie im hochgotischen Langhaus des Magdeburger Doms. Die Fenster des Langhauses haben ein schlichtes hochgotisches Maßwerk, wie es auch in den holsteinischen und mecklenburgischen Ostseestädten häufig zu finden ist, nur aus senkrechten Bahnen, ohne Couronnement.

Zum Süden hin weist die Kirche eine reich verzierte Fassade auf. Ihre Ziergiebel mit Rundblenden voll feingliedrigem Maßwerk aus glasierten Formsteinen gehören eher der Spätgotik an, beispielsweise Bauten von Heinrich Brunsberg, der lange in Stettin wirkte.Rudolf Spuhrmann: Der Camminer Dom. (Nachdruck der Ausgabe von 1911), Verlag: Pommerscher Greif e.V. hochkant|mini|Frontansicht des Kirchturms

Glockenturm Der massive querrechteckige Kirchturm mit Walmdach ist neogotisch. Hier befindet sich eine Glockenstube mit einem vierstimmigen Geläut. Der Glockenturm wurde 1934–1939 rekonstruiert, um ihm ein wehrhafteres, romanisch-gotisches Aussehen zu verleihen, das besser zum ursprünglichen Charakter des Kirchenbauwerks passt.Amtliches Denkmalverzeichnis der Woiwodschaft Westpommern (Narodowy Instytut Dziedzictwa – Zabytek.pl), Eintrag: Zespół katedralny w Kamieniu Pomorskim.

Die Glocken

Ursprünglich befanden sich im Turm vier Bronzeglocken, von denen die größte (Johannes, Gewicht ca. 3.200 kg) zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Riss aufwies. Diese Glocke war im Jahr 1682 von Georges Meyer aus Stettin gegossen worden. So wurde sie abgenommen und der Glockengießerei Carl Voss, ebenfalls aus Stettin, zum Umgießen überstellt; die alten lateinischen Inschriften wurden durch eine einfache deutsche Inschrift ersetzt. Sie durfte als historisch wertvolle Glocke (Gruppe C nach der NS-Kategorisierung) im Turm verbleiben, auch um als Signalgeber, z. B. bei Feueralarm, zu dienen.

+ Geläut anfangs des 20. Jahrhunderts Name Funktion Gussjahr Gießer Bemerkungen Johannes Große Glocke 1848 Carl Voss wog ca. 3200 kg, hatte den Schlagton dis und verwies mit ihren Inschriften auf das Domkapitel und die schwedische Herrschaftszeit in Pommern. Die lateinische Inschrift lautete: „VOS EX MEA ANTIQUA RUINA AD DEI GLORIAM ET AD EVANGELII PRAECONIUM RENOVAVIT.“ ((Übersetzung: Aus meiner alten Ruine hat er euch zur Ehre Gottes und zur Verkündigung des Evangeliums erneuert.)) Das Wappen des Camminer Domkapitels (gekreuzte Schlüssel) und ein Bildnis des Heiligen Johannes des Täufers zierte den Glockenkörper. Mittlere Glocke 1721 Michael Begun (Friedland, Mecklenburg)Glockengießer Michael Begun, mvdok.de, abgerufen am 28. März 2026. Als Metallspende des deutschen Volkes im Jahr 1942 auf den „Glockenfriedhof“ in Hamburg verbrachtGlockenarchiv Hamburg (Ausschuss für die Rückführung der Glocken).Otto Lueger (Hrsg.): Lexikon der gesamten Technik, Editionsjahr: 1926–1929 (2. vollständig neu bearbeitete Auflage, 8 Bände plus Ergänzungsbände). Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/Berlin. Eintrag: Glockenablieferung im II. Weltkrieg. Die spezifischen Ablieferungslisten von 1940/42 finden sich in den ergänzenden Verordnungsblättern des Reichskultusministeriums. Kleine Glocke 1721 Michael Begun (Friedland) Metallspende (s. o.) Vesperglocke Beicht- oder Andachtsglocke 14./15. Jhd. unbekannt