150px|rechts|Wappen von Öhringen Die Geschichte der Stadt Öhringen beschreibt die Entwicklung von Öhringen im baden-württembergischen Hohenlohekreis. Nach ersten Besiedlungen zur Römerzeit entwickelte sich die am Limes gelegene Stadt ab dem 11. Jahrhundert insbesondere mit der Stiftung eines Chorherrenstifts zur Residenzstadt der Hohenlohe. Urkundlich erstmals erwähnt wurde die Stadt im auf das Jahr 1037 datierten Öhringer Stiftungsbrief. Nach dem Übergang zu Württemberg 1806 wurde die Stadt zur Oberamtsstadt, 1938 zum Sitz des Landkreises Öhringen und blieb bis zur Gründung des Hohenlohekreises 1973 Kreisstadt. Seit 1994 ist Öhringen Große Kreisstadt. In der Stadt leben gegenwärtig rund 23.000 Einwohner.
Stadtgeschichte von Öhringen Vorgeschichte mini|300px|Zeugenberge Lindelberg (links, zu Pfedelbach) und Golberg (zu Öhringen) An mehreren Stellen im Weichbild der Stadt Öhringen konnten Spuren der Bandkeramiker, einer der ältesten jungsteinzeitlichen Gruppen, entdeckt werden. Zu Ende der 1920er Jahre wurden bei der Überbauung des Bürggeländes zahlreiche Wohngruben entdeckt, die teilweise untersucht wurden. Dabei konnten einige markante Scherben und Feuersteingeräte, Steinbeile und verkohlte Getreidereste geborgen werden. Aus dem gesamten Stadtgebiet sind weitere jungsteinzeitliche Einzelfunde bekannt, die als Indizien für eine dichte und intensive Besiedlung des Gebiets während der frühen Jungsteinzeit gelten.
Während des jüngeren Neolithikums wurden Siedlungen auf Bergvorsprüngen und Kuppen angelegt und die Siedlungen im flachen Gelände aufgegeben. Siedlungen wurden vermutlich auf den Zeugenbergen in und um Öhringen errichtet. Vom Lindelberg gibt es nur wenige Funde von Feuersteingeräten, während vom Golberg mehr spätjungsteinzeitliche Funde bekannt sind (Feuersteinspitzen, Bruchstücke von Beilen und Äxten und wenige Scherben). Die Fläche des Golbergplateaus scheint ungefähr in der Mitte durch einen Wall abgeriegelt worden zu sein, die Hangkanten wurden vermutlich künstlich versteilt. Möglicherweise befand sich auf dem Plateau eine befestigte Anlage der Spätjungsteinzeit. Der Golberg gilt als der östlichste Fundort der Michelsberger Kultur.Christoph Unz: Vorgeschichte der Region Öhringen. In: Öhringen. Stadt und Stift. Thorbecke, Sigmaringen 1988, ISBN 3-7995-7631-2.
Für Besiedlungen in der Bronze- und Eisenzeit finden sich in und um Öhringen nur sehr wenige Belege. Siedlungsspuren dieser Zeit wurden unter anderem bei Bauarbeiten im Bürg-Gebiet gefunden. Auch aus der Jüngeren Eisenzeit gibt es nur sehr wenige Fundstellen. Beim Bau der Eisenbahnstrecke Neuenstadt–Ohrnberg wurde in Möglingen ein angeschnittenes Flachgrab entdeckt, das unter anderem einen großen Scheibenhalsring und weitere Schmuckstücke barg.
Römisches Öhringen mini|links|Die erforschten Reste des Ostkastells mini|Abguss einer der beiden 1861 gefundenen Minerva-Statuen, die südlich der Flur „Obere Bürg“ beim Eisenbahnbau ans Licht kamen und zum Kultbezirk des Vicus gehörten. Erhalten sind Reste der Weiheinschrift: [In] h(onorem) d(omus) d(ivinae) …(Zu Ehren des göttlichen Kaiserhauses …). mini|Rekonstruierter Sockel des Limeswachturms WP 9/33 nördlich von Öhringen () Erste geschichtliche Bedeutung erlangte Öhringen mit der römischen Vorverlegung des Neckar-Odenwald-Limes in Richtung Osten an den obergermanischen „Vorderen Limes“ und damit auch auf Öhringer Gebiet. Diese militärische und logistische Meisterleistung, die in sehr kurzer Zeit mit den gesamten Grenztruppen am bisherigen Limes durchgeführt wurde, führte zur größten Ausdehnung des Dekumatlandes und lässt sich heute recht genau auf die Zeit um 159/160 n. Chr. verorten.Hans Schönberger: Das Römerkastell Öhringen-West (Bürgkastell). In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. 53, 1972/1973, S. 233–296; hier: S. 291.Claus-Michael Hüssen: Die römische Besiedlung im Umland von Heilbronn. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1493-X, S. 145.Bernhard Albert Greiner: Der Beitrag der Dendrodaten von Rainau-Buch zur Limesdatierung. In: Limes XX. Estudios sobre la frontera Romana. Ediciones Polifemo, Madrid 2009, ISBN 978-84-96813-25-0, S. 1289.Bernd Becker: Fällungsdaten römischer Bauhölzer anhand einer 2350jährigen süddeutschen Eichen-Jahrringchronologie. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 6, Theiss, Stuttgart 1981, ISBN 3-8062-1252-X, S. 386.Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage. Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 82 u. Abb. 84. Damals entstanden auch nahe beieinander zwei Grenzschutzgarnisonen in Öhringen, die von maximal tausend Soldaten als Stammtruppe belegt waren. Zahlreiche Ziegelstempel der Cohors I Helvetiorum sowohl an ihrem älteren Standort in Heilbronn-Böckingen am Neckarlimes, als auch in Öhringen dokumentiert. Gleichzeitig oder etwas später folgten noch zwei kleinerer Einheiten (Numeri) unbekannter Größe hinzu, die wohl nach relativ kurzer Zeit unter einem neuen Namen als Numerus Brittones Aurelianenses zusammengefasst wurden. Benannt war dieser Numerus nach dem zivilen Ort, der fast zeitgleich mit den beiden Kastellen auf dem Gebiet des heutigen Öhringen entstand und seinen inschriftlich überlieferten Namen, Vicus Aurelianus, höchstwahrscheinlich zu Ehren des römischen Kaisers Mark Aurel erhielt.Marcus Reuter: Studien zu den „numeri“ des römischen Heeres in der mittleren Kaiserzeit. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission. 80, 1999, von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2631-9, S. 357–569; hier S. 443, (Zugleich: Freiburg (Breisgau), Univ., Diss., 1996). Ohne dass dies großen Einfluss auf die zunächst rein militärisch beurteilte Entstehung des Garnisonsortes gemacht hätte, waren das relativ milde Klima sowie die sehr fruchtbare Landschaft ideal für eine positive Entwicklung der Zivilsiedlung.Horst Geiger: Rekonstruktionsversuch der inschriftlich belegten römischen Wasserleitung von Öhringen. In: Gilbert Wiplinger (Hrsg.): Cura Aquarum in Ephesus Kongressbericht, Ephesus 2006. Babesch Supplementa 12, S. 287–293; hier: S. 287. Diese dehnte sich auf einer Fläche von rund 20 bis 30 Hektar aus und gewann eine überregionale wirtschaftliche Bedeutung, was eine wohlhabende Einwohnerschaft zum Ausdruck brachte.
Neben der 1. Helvetierkohorte ist ab der Zeit zwischen 222 und 231 n. Chr. die Cohors I Septimia Belgarum in Öhringen belegt. Ob die neu hinzugekommene Truppe die Helvetierkohorte ablöste oder als militärische Verstärkung für den Öhringer Raum geplant war, ist unbekannt.Dietwulf Baatz: Der römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. Mann, Berlin 1993, ISBN 3-7861-1701-2, S. 236.
Die beiden Kastelle sind durch rasche Überbauungen des 20. Jahrhunderts zerstört worden. Ihrer innere Strukturierung und architektonische Anlage ist daher nur im Ansatz archäologisch bekannt. Das mit seiner Innenfläche 2,18 Hektar große Westkastell, das nach dem Flurnamen auch Bürgkastell genannt wird,Dieter Planck: Neue Ausgrabungen am Limes (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands 12), 1975, S. 10. befand sich auf einer Terrasse zwischen einer Flussbiegung über der Ohrn und dem Maßholderbach. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dort das heutige Krankenhaus errichtet. Durch einen Erweiterungsbau dieses Krankenhauses wird bis voraussichtlich 2023Hohenloher Krankenhaus gGmbH – Neubau Krankenhaus Öhringen – Vergabe von Planungs- und Bauleistungen im Partnering-Modell Referenznummer der Bekanntmachung: 2020/381; ausschreibungen-deutschland.de; abgerufen am 30. April 2020. eine der letzten freien Flächen des Bodendenkmals zerstört werden.Peter Hohl: Vom römischen Erbe retten, was noch zu retten ist. stimme.de, 18. Januar 2019. Das ungefähr gleich große, weitgehend unbekannt gebliebene Ost- oder Rendelkastell lag im Osten der Stadt und wurde insbesondere nach 1957 unter Hochdruck durch eine Siedlung mit privater Einzelhausbebauung vernichtet. Der Provinzialrömische Archäologe Hans Schönberger (1916–2005) hatte nicht einmal einen Monat ZeitHans Schönberger: Kurzbericht über eine Grabung im Rendelkastell zu Öhringen. In: Germania. 36, 3/4, 1958, S. 464–469; hier: S. 464. das 2,20 HektarC. Sebastian Sommer: Öhringen. Kastelle und Vicus Aurelianus. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 236 ff.; hier: S. 236. (2,16 Hektar InnenflächeHans Schönberger: Das Römerkastell Öhringen West (Bürgkastell). In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 53, 1972 (1973), S. 233–296.) große Areal in seinem Inneren auch nur im Ansatz sinnvoll zu untersuchen. Er konzentrierte sich daher auf ein Kastelltor und einen Eckturm.
Auf Öhringer Markung ist die Lage eines römischen Wachturms an der Alten Straße bekannt. Sein Sockel wurde 1982 vom damaligen Landesdenkmalamt ausgegraben, 1983 wurde er rekonstruiert. Der Turm mit einer Grundfläche von 5 m × 5 m hatte Sichtverbindung zu den Wachtürmen in Pfahlbach und Gleichen. Zusammen mit dem sechseckigen Turm in Gleichen dienten die Türme in Öhringen und Pfahlbach vermutlich als Hauptvermessungspunkte bei der Anlage des Limes, da sie in den Erdwall eingebettet waren, der erst nach dem Bau der Türme aufgeschüttet worden ist. Auf Öhringer Markung ist der Limes nicht mehr sichtbar, sein Verlauf kann jedoch anhand von Straßen und Feldwegen sowie Gemarkungsgrenzen verfolgt werden. So verläuft der Limes zwischen Haller Straße und Ohrn auf der Markungsgrenze zwischen Öhringen und Cappel.
Der Alamannensturm der Jahre 259 und 260 n. Chr. führten zum endgültigen Fall des Limes.Helmut Stoll: Das römische Öhringen. In: Öhringen. Stadt und Stift. Thorbecke, Sigmaringen 1988, ISBN 3-7995-7631-2. Weder im West- noch im Ostkastell konnten jedoch Hinweise auf ein gewaltsames Ende gefunden werden. Die Münzreihe endete 2004 in den Jahren 244/249.Claudia Theune: Germanen und Romanen in der Alamannia. de Gruyter, Berlin 2004, ISBN 3-11-017866-4, S. 404.Jochen Haas: Die Umweltkrise des 3. Jahrhunderts n. Chr. im Nordwesten des Imperium Romanum. Interdisziplinäre Studien zu einem Aspekt der allgemeinen Reichskrise im Bereich der beiden Germaniae sowie der Belgica und der Raetia. (= Geographica Historica 22), Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 3-515-08880-6, S. 178. Eine Schuttgrube aus dem Vicus Aurelianus könnte mit dem ersten großen Alamanneneinfall von 233/235 zusammenhängen.Volker Michael Strocka: Weihedenkmäler aus Öhringen. In: Fundberichte aus Schwaben. N.F. 18, 1, 1967, S. 112–131; hier: S. 130. Die jüngsten Inschriften von dort wurde erst am 13. Dezember 232 n. Chr. aufgestellt.Philipp Filtzinger: Limesmuseum Aalen. Gesellschaft zur Förderung des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart, Stuttgart 1991, S. 186. Am 4. Dezember 241 wurde im Kastell noch eine lange Zeit unterbrochene Wasserleitung eingeweiht.Horst Geiger: Rekonstruktionsversuch der inschriftlich belegten römischen Wasserleitung von Öhringen. In: Gilbert Wiplinger (Hrsg.): Cura Aquarum in Ephesus Kongressbericht, Ephesus 2006. Babesch Supplementa 12, S. 287–293; hier: S. 291. Möglicherweise war die im Jahre 187 n. Chr. erbaute LeitungHorst Geiger: Rekonstruktionsversuch der inschriftlich belegten römischen Wasserleitung von Öhringen. In: Gilbert Wiplinger (Hrsg.): Cura Aquarum in Ephesus Kongressbericht, Ephesus 2006. Babesch Supplementa 12, S. 287–293; hier: S. 290. während der Einfälle von 233/235 zerstört worden.
Am Vorderen Limes sind vor allem aus dem Kastell Jagsthausen und aus Öhringen nachlimeszeitliche Münzen bekannt. Vielleicht deuten sie auf ein Weiterleben der provinzialrömischen Bevölkerung hin, deren Leben nun aber in einem lediglich bescheidenerem Umfang und ohne militärischen Schutz stattfand.Claus-Michael Hüssen: Römerzeit. In: Heilbronn und das mittlere Neckarland zwischen Marbach und Gundelsheim. (= Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland 22), Theiss, Stuttgart 1991, ISBN 3-8062-0870-0, S. 52 ff.; hier: S. 63.
Frühmittelalter