mini|Stiftsgebäude
Das Stift Inzigkofen war ein Augustiner-Chorfrauenstift in Inzigkofen im heutigen Landkreis Sigmaringen in Baden-Württemberg. Es ist Zeugnis der Geschichte, Kultur und Frömmigkeit eines Frauenklosters in Oberschwaben von 1354 bis 1856. Mit seiner wirtschaftlichen Bedeutung sowie seiner spirituellen und kulturellen Wirkung hat es seine Umgebung ein halbes Jahrtausend lang geprägt. In den Beständen seiner Bibliothek – soweit erhalten – ist das Kloster Inzigkofen weiterhin, besonders in Hinblick auf die Erforschung der Deutschen Mystik, lebendig. Die Klosteranlage in Inzigkofen ist ein bedeutendes Baudenkmal in Baden-Württemberg und mit dem Volkshochschulheim ein überregional wichtiger Träger der Erwachsenenbildung.Christoph Wartenberg: Kloster Inzigkofen. Sanierer feiern einen ersten Abschluss. In: Schwäbische Zeitung vom 12. Juni 2010
Geschichte Vom besonderen Rang des Inzigkofer Augustinerchorfrauenstifts in der klösterlichen Welt Oberschwabens künden bis heute spätmittelalterliche Handschriften im Geist der Mystik, eine reiche künstlerische Hinterlassenschaft, qualitätsvolle Klosterarbeiten aus der Barockzeit, eine gehaltvolle Quellenüberlieferung zu Alltag und Frömmigkeit des Konvents und nicht zuletzt ein weitgehend unverfälscht erhaltenes bauliches Erbe mit Zeugnissen von der Gotik über das Barock bis zum Frühklassizismus. Berühmt ist das Kloster für sein anspruchsvolles Musikleben, seine qualitätsvollen Klosterarbeiten und für seine Bibliothek. Die Musik war für das Stiftsleben so wichtig, dass bei der Auswahl der Novizinnen auf Musikalität Wert gelegt wurde. Eine Stiftsschule kann nicht nachgewiesen werden, allerdings unterstützte der Konvent die Dorfschule. Neben dem Chorgebet war die Meditation eine Säule der Inzigkofer Spiritualität, wobei mystische Frömmigkeit zeitweise eine große Rolle spielte. Eine reiche Sammlung mystischer Literatur in der ehemaligen Stiftsbibliothek zeugt davon. Beachtenswert ist die kunsthandwerkliche Tätigkeit der Chorfrauen; sie stellten in Gold, Silber und Perlen gefasste Reliquiare her. Eine Besonderheit waren Krippenfiguren aus Wachs und Draht.
Gründung bis Reform Gestiftet wurde die Inzigkofer Frauengemeinschaft der Klosterchronik zufolge 1354 als kleine Klause von zwei Schwestern einer bürgerlichen Sigmaringer Familie, Mechthild und Irmengard Sönnerin, sowie von einer Lùdgart. 1356 wurde die Klause erstmals urkundlich genannt. Die Frauenbeginengemeinschaft, die bereits angewachsen war, nahm bald darauf die Regel des Dritten Ordens der Franziskaner (Terziarinnen) an. 1388 wurde ein Kreuzgang errichtet.
Was die religiöse Entwicklung anbelangt, so schloss sich das Stift 1394 einer augustinischen Reformbewegung an. Nachdem die Schwestern zuerst als Franziskaner-Tertiarinnen gelebt hatten, wollten sie 40 Jahre nach der Gründung – die Gründerinnen waren bereits verstorben – eine strengere monastische Lebensweise und eine richtige Ordensregel annehmen und Augustiner-Chorfrauen werden. Die Zahl der Chorfrauen wurde zunächst auf 13 festgelegt – später waren es bis zu 30 –, dazu kamen noch Laienschwestern. Für die Visitation wurde das Stift Mariazell bei Winterthur bestimmt. 1395 erfolgte die Exemption von der Laizer Pfarrei. 1412 nahmen die 13 Schwestern unter Priorin Anna Schmid († 1420), die Visionen hatte, auf eigenes Betreiben die strenge Klausur an, nachdem sie sich über Störungen ihrer geistlichen Verrichtungen beklagt hatten. Im selben Jahr wurde das Stift rechtlich zu einer eigenen Pfarrei. Die Seelsorge übernahm ein Beichtvater, für den eine Kaplaneipfründe geschaffen wurde.
Doch verlangten sie schon bald darauf nach noch strengeren Statuten. Nachdem sie in dieser Sache bei dem für ihre Betreuung zuständigen Augustiner-Chorherrenstift Beuron, das 1419 die Visitation übernommen hatte, offenbar keine Unterstützung fanden, wandten sie sich an den Propst des Augustiner-Chorherrenstifts Langenzenn bei Fürth. In den Jahren der Langenzenner Visitation ab 1430 geriet das Stift in den Bannkreis der „Raudnitzer Reform“ des Augustiner-Chorherrenstifts Raudnitz. Mit Rat aus Langenzenn übernahm Inzigkofen 1431 die Statuten des jüngst reformierten Augustiner-Chorfrauenstifts Pillenreuth bei Schwabach. Daneben bestanden im 15. Jahrhundert enge Beziehungen zum Reformmittelpunkt Indersdorf. 1458 wurde eine zweite Pfründe gestiftet. Obwohl Laiz für den Ort Inzigkofen Pfarrei blieb, durften die Dorfbewohner die Gottesdienste im Stift besuchen. 1466 ging die Visitation an Indersdorf bei Dachau, 1550 an das Ulmer Wengenstift, 1578 an Kreuzlingen.
Die Reformation unter Martin Luther fasste in Inzigkofen nicht Fuß; nach der Chronik des Klosters Inzigkofen hat Luther „falsche Lehren“ und „Ketzereien“ in die Welt gesetzt. Pfarrer, die heiraten, Abschaffung der heiligen Messe und der Heiligenverehrung, der Verzicht auf Gebete für die Toten oder das Weihen von Weihwasser haben die Inzigkofener Nonnen offenbar bis ins Mark erschüttert.Hermann-Peter Steinmüller (hps): Kommentierte Ausgabe der Chronik des Klosters Inzigkofen erschienen – Zwei Bände mit 1065 Seiten. Nonnenfriedhof erinnert an die Chorfrauen. In: Südkurier vom 31. Dezember 2009. Zu dieser Zeit war auch ein Abflachen des geistlichen Lebens zu beobachten: bereits 1502 wurden abgemilderte Statuten eingeführt, das Stiftsleben lockerte sich. Erst unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Kriegs und des Konstanzer Exils 1632 bis 1645 fand eine geistige Erneuerung statt: 1643 traten neue Statuten in Kraft, die die strenge Klausur erneuerten. Diese Statuten blieben im Prinzip bis zur Aufhebung des Stifts gültig.
Aufstieg des Stifts mini|Stift Inzigkofen um 1700 Die Frauengemeinschaft erlebte im Spätmittelalter einen ungewöhnlichen Aufstieg von einer armen Beginenklause zu einem vornehmen und geistlich angesehenen Frauenkloster. Möglich wurde dies zum einen durch die Protektion und Förderung adliger, stadtpatrizischer und geistlicher Stifter und Wohltäter; unter diesen sind das auf der Dietfurt ansässige Niederadelsgeschlecht von Reischach und der von diesem abstammende Kanoniker Michael von Reischach von besonderer Bedeutung. Zum anderen gewann die Frauengemeinschaft durch den Anschluss an die Reformbewegung innerhalb ihres Ordens sowie die Pflege einer mystisch bestimmten Frömmigkeit im 15. und 16. Jahrhundert ein hohes spirituelles Prestige und eine starke Anziehungskraft zunehmend auch für Frauen aus dem hohen und niederen Adel sowie dem wohlhabenden städtischen Bürgertum.
Die Vogtei lag stets bei den Ortsherren von Inzigkofen: zunächst bei den Herren von Reischach, ab 1421 bei den Werdenbergern, ab 1534 bei den Fürstenbergern und ab 1540 bei den Hohenzollern. Letztere integrierten das Stift völlig in ihre entstehende Landesherrschaft. Die geistliche Aufsicht lag beim Konstanzer Bischof und den jeweiligen Visitatoren, doch ist auch der Einfluss der Beichtväter nicht zu unterschätzen.
Wirtschaftliche Grundlage des Stifts waren Schenkungen und die Mitgift der Chorfrauen. Die finanzielle Situation verbesserte sich beträchtlich, als vor allem ab dem 15. Jahrhundert mehr und mehr Angehörige des Adels und des Patriziats größerer Städte eintraten und im 16. Jahrhundert die Fürstenberger und Hohenzollern das Stift förderten.
1595/1597 wurde das nahe gelegene Dominikanerinnenkloster Hedingen integriert, was den Grundbesitz stark vergrößerte, jedoch im Konvent zu Spannungen zwischen alten und neuen Schwestern führte.
Bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts konnte das Kloster auf eine ausgedehnte Grundherrschaft mit schließlich 44 Lehenshöfen im Jahr 1626 aufbauen, deren Abgaben zusammen mit weiteren Feudaleinkünften, einer ertragreichen klösterlichen Eigenwirtschaft, den Mitgiften neu eintretender Novizinnen, den Zinsen einer zeitweise umfangreichen Geldwirtschaft sowie dem Erlös aus dem Verkauf von Klosterarbeiten die materielle Grundlage für ein zunehmend strenges Klosterleben in Kontemplation und Klausur boten.
Charakteristisch für das klösterliche Leben in Inzigkofen war, zumal seit der Annahme neuer Statuten 1643, eine rigoros gehandhabte Klausur mit einer strengen Abgrenzung zur äußeren Welt. Zur Strenge der Alltagsführung gehörten gleichermaßen die konsequente tägliche Praktizierung der acht kanonischen Gebetszeiten einschließlich der die Nachtruhe zweiteilenden mitternächtlichen Mette, wöchentliche und saisonale Fastenzeiten, verschiedene Bußpraktiken sowie zusätzliche freiwillige Gebetsverpflichtungen und ausgedehnte Anbetungszeiten vor dem ausgesetzten Altarsakrament bei Tag und bei Nacht.
Die klösterliche Gemeinschaft im 18. Jahrhundert, zumeist um die 40 Nonnen, teilte sich in eine Zwei-Drittel-Mehrheit der eigentlichen Chorfrauen und eine kleinere Gruppe der Vor- oder Laienschwestern. In der deutlich ausgeprägten Zwei-Klassen-Gesellschaft widmeten sich die Chorfrauen zur Gänze dem geistlichen Leben und hatten in unterschiedlichen Ämtern Anteil an der klösterlichen Selbstverwaltung, während die Laienschwestern vor allem mit hauswirtschaftlichen Aufgaben betraut waren. An der Spitze des Klosters stand die in freier Wahl der Chorfrauen auf Lebenszeit bestimmte Pröbstin als geistliche und weltliche Vorsteherin der Gemeinschaft.
In dieser Frauenwelt mit ihrer weitreichenden Autonomie besaßen gleichwohl vier Männer einen erheblichen Einfluss: Der Beichtiger mit seiner Schlüsselrolle in der innerklösterlichen Gruppendynamik und Frömmigkeitspraxis, der vom Vorsteher eines Augustinerchorherrenstifts gestellte Visitator als Aufseher und Ratgeber, der Bischof von Konstanz als kirchliche Gerichtsinstanz und Schutzherr des Stifts und schließlich der weltliche Ortsherr und Schutzvogt des Klosters.
Aufhebung und fürstliche Zeit mini|Schloss Inzigkofen um 1830 Im Vorgriff auf den 1803 verkündeten Reichsdeputationshauptschluss kündigte Fürst Anton Aloys von Hohenzollern-Sigmaringen im Oktober 1802 die Inbesitznahme des Klosters an. Die Chorfrauen erfuhren aus der Wochenzeitung, dass der Fürst die Klosterkirche als Teilentschädigung für seine Gebietsverluste im Elsass erhalten sollte. Am 5. November 1802 verfügte er die Enteignung des Klosters, am 16. Dezember 1802 wurde der klösterliche Besitz im Wert von 4328 Gulden versteigert.
Erst durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 ratifiziert, ging durch die Säkularisation der reiche Besitz des Stifts noch 1803 offiziell an Hohenzollern-Sigmaringen. Den Schwestern wurde ein Bleiberecht mit Pensionszahlungen bis zum Tod der letzten Nonne eingeräumt, letzterer geschah 1856. Die Kirche stand den Inzigkofern weiterhin zur Verfügung. Der Großteil der Stiftsausstattung, darunter aus heutiger Sicht kulturgeschichtlich wichtige Bücher, Dokumente und Kunstwerke, wurde verkauft, Teile den Schwestern überlassen.
Mit der Aufhebung des Stifts 1802 wurde eine lebendige Gemeinschaft getroffen, die noch keine Anzeichen von Verfall zeigte. Zugleich begann damit die 200-jährige „fürstliche Zeit“ Inzigkofens: 1810 wurde das frühere Kloster-Amtshaus zu einem Landschlösschen umgestaltet. Der Sigmaringer Fürstin Amalie Zephyrine und ihrem Enkel Erbprinz Karl Anton diente es in Jahren zwischen 1811 und 1848 als Sommerresidenz. Der angrenzende Hangbereich zu beiden Seiten der Donau wurde zu einem romantischen Landschaftsgarten umgeformt, der als Fürstlicher Park Inzigkofen bis heute erhalten wurde und auch den benachbarten Amalienfelsen umfasst.