mini|hochkant=0.75|Die historische Maria Stuart, ca. 1560 mini|hochkant=0.75|Elizabeth I. und der historische Graf Leicester, um 1575
Maria Stuarda (deutsch: Maria Stuart) ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Tragedia lirica“) in drei Akten (vier Teilen) von Gaetano Donizetti. Das Libretto verfasste Giuseppe Bardari. Als literarische Vorlage diente ihm das Drama Maria Stuart von Friedrich Schiller. Die Oper musste nach diversen Schwierigkeiten durch die Zensur kurzfristig mit einer anderen Handlung und unter dem Titel Buondelmonte aufgeführt werden. Diese Fassung erlebte ihre Uraufführung am 18. Oktober 1834 im Teatro San Carlo in Neapel. In einer leicht überarbeiteten Fassung wurde die Oper am 30. Dezember 1835 am Teatro alla Scala in Mailand erstmals unter dem Originaltitel gespielt.
Handlung Die Oper spielt im Palast zu Westminster sowie im Schloss und dem angrenzenden Park zu Fotheringhay 1587 während der letzten Lebenstage der schottischen Königin Maria Stuart. Sie war 18 Jahre zuvor aus Schottland geflohen und suchte bei ihrer englischen Cousine Elisabeth I. Schutz, die jedoch selbst um ihren Thron fürchtet und Maria seitdem gefangen hält.
Erster Akt Erster Teil: Galerie im Palast von Westminster
Nach einem Turnier zu Ehren des französischen Gesandten, der für seinen König um die Hand der englischen Königin anhalten will, herrscht Feststimmung am englischen Hof. Elisabetta erklärt jedoch, dass sie über diese Heirat noch unentschieden sei – der wahre Grund dafür ist ihre heimliche Liebe zu Graf Leicester.
Talbot und die Höflinge bitten Elisabetta, an diesem Freudentag der gefangenen Maria Stuarda wieder die Freiheit zu schenken. Einzig und allein Cecil, der Baron von Burleigh, ist von unerbittlichem Hass gegen Maria erfüllt und fordert ihren Tod. Elisabetta zeigt sich unentschlossen: zwar würde sie gerne Milde walten lassen, aber innerlich ist sie von Misstrauen, Eifer- und Rachsucht gegen Maria hin- und hergerissen.
In einer Unterredung mit Leicester übergibt Elisabetta diesem einen Ring, den er dem französischen Gesandten als „Liebespfand“ für dessen König überreichen soll. Leicesters höfliche Gleichgültigkeit angesichts einer bevorstehenden Ehe Elisabettas weckt ihren heimlichen Zorn.
Nachdem sich die Königin und alle anderen zurückgezogen haben, überreicht Talbot dem Grafen Leicester ein Miniaturbildnis und ein Schreiben Marias, in dem sie ihn darum bittet, er möge sich doch bei Elisabetta für sie einsetzen. Leicester, dessen Herz schon lange für Maria entbrannt ist, sehnt sich nach einem Wiedersehen und ist zu allem bereit.
Da erscheint überraschend die misstrauische Elisabetta, die Leicester auffordert, ihr Marias Brief zu geben. Nach einem ersten Moment der Überraschung über den bescheidenen Tonfall des Schreibens, fragt sie Leicester direkt nach seinen Gefühlen für Maria. Dieser versucht abzulenken, aber als die Königin wissen will, ob Maria schön sei, lässt er sich zu einer naiven Schwärmerei über deren „engelsgleiches“ Aussehen hinreißen. Elisabetta, innerlich kochend vor Wut und Eifersucht, erhört dennoch Leicesters Bitten und ist bereit, sich mit Maria zu treffen.
Zweiter Akt Zweiter Teil: Park des Schlosses zu Fotheringhay
Maria ist froh, bei einem Spaziergang zusammen mit ihrer Vertrauten Anna die frische Luft genießen zu können. Sie fühlt sich an vergangene glückliche Tage in Frankreich erinnert. Als von ferne Hörner ertönen und sie erfährt, dass Elisabetta mit ihrer Jagdgesellschaft auf dem Weg nach Fotheringhay ist, sinkt ihr Mut. Zu ihrer großen Freude steht plötzlich der von ihr geliebte Graf Leicester vor ihr. Er ist der Jagdgesellschaft vorausgeeilt, um sich unter vier Augen mit ihr unterhalten zu können, und fleht Maria an, sich demütig vor Elisabetta niederzuwerfen. Dies sei der einzige Ausweg, um ihr Leben zu retten. Maria glaubt zwar nicht an Elisabettas Milde, doch um zu verhindern, dass Leicester ihretwegen Dummheiten begeht und leiden müsste, erklärt sie sich widerstrebend dazu bereit.
Elisabetta erscheint, doch von vornherein schüren Leicesters Bitten für Maria ihren Hass und Widerwillen gegen ihre Rivalin. Beim Zusammentreffen der beiden Königinnen sind anfangs alle wie gelähmt (Sextett), doch dann kommt es zu einem fürchterlichen Eklat: Die stolze Engländerin hat für ihre Verwandte nur Verachtung, Hohn und Spott übrig. Sie wirft ihr ihre früheren Amouren und Schandtaten vor und erinnert sie an den „ungerächten Schatten ihres armen Mannes“. Das „Haupt der Stuart“ sei mit „ewiger Schande bedeckt“ („sul capo di Stuarda onta eterna ripombò“). Der geschockte Leicester und Talbot versuchen Maria zu beruhigen, doch diese hält die Schmähungen nicht lange aus und dreht den Spieß um, indem sie Elisabetta die Verachtung über ihre Herkunft ins Gesicht schleudert: Tief geschändet sei Englands Thron durch sie, die nur eine „unwürdige und obszöne Hure“ („meretrice indegna e oscena“) und ein „niederträchtiger Bastard“ („vil bastarda“) sei. Elisabetta tobt und lässt Maria abführen.
Dritter Akt Dritter Teil: Galerie im Palast von Westminster
Cecil drängt Elisabetta, endlich Marias Todesurteil zu unterschreiben. Obwohl Elisabetta Marias Demütigungen noch nicht verkraftet hat, zögert sie mit ihrer Unterschrift – auch aus Angst, dass die Welt sie dafür verurteilen wird. Doch als Leicester eintritt, setzt sie (aus Rachsucht) schnell ihren Namen unter das Dokument. Er fleht sie ein letztes Mal um Gnade für „ihre Schwester“ an, doch sie bleibt hart und befiehlt, dass er bei der Hinrichtung zusehen muss.
Vierter Teil: Gemach im Gefängnis von Maria Stuarda
Maria sinnt über die fatalen Ereignisse nach und fürchtet um Leicesters Leben. Talbot und Cecil kommen und überbringen ihr das Todesurteil. Maria ist zwar empört, aber nicht überrascht. Bevor Cecil geht, bietet er ihr (groteskerweise) den Beistand eines protestantischen Geistlichen an, was sie (die ein lebendes Symbol für den katholischen Glauben ist) klar ablehnt.
Allein mit Talbot, der unter seinem Mantel das Gewand eines katholischen Priesters trägt, legt sie ihre letzte Beichte ab und lässt ihr Leben Revue passieren. Dabei denkt sie vor allem an ihren Ehemann Arrigo (= Henry, Lord Darnley), für dessen Tod sie sich schuldig fühlt. Sie ist so mitgenommen, dass sie kurzfristig zu halluzinieren beginnt. Doch Talbot kann sie mithilfe des Kreuzes wieder in die Realität zurückführen. Schließlich bekennt sie auch, dass sie sich in die Verschwörung von Babington (gegen Elisabetta) hineinziehen ließ, und dass dies ein „fataler Fehler“ gewesen sei. Talbot beschwört die Vergebung Gottes über sie herab und sie bereitet sich beruhigt auf ihr Ende vor.
Saal neben der Hinrichtungsstätte
Die Vertrauten und Anhänger Marias bekunden Trauer und Entsetzen über die bevorstehende Hinrichtung. Maria erscheint in großer Robe, sehr würdig und innerlich gefasst. Sie schenkt ihrer Dienerin Anna zum Andenken ihr Taschentuch und stimmt mit allen Anwesenden ein Gebet um Vergebung an. Ein erster von drei Kanonenschüssen kündigt die Hinrichtung an und Cecil tritt ein: Elisabetta gewähre Maria einen letzten Wunsch. Maria bittet darum, dass Anna sie auf ihrem letzten Weg begleiten darf. Daraufhin verzeiht Maria offiziell Elisabetta und bittet um die Gnade des Himmels für Britannien. Da taucht der völlig aufgelöste Leicester auf und macht den Anwesenden Vorwürfe, doch er wird durch einen zweiten Kanonenschuss und die Ankunft des Scharfrichters unterbrochen. Maria verabschiedet sich mit tröstenden Worten von Leicester und nach dem dritten Kanonenschuss betritt sie gefasst die Hinrichtungsstätte.
Gestaltung Instrumentation Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:Norbert Miller: Maria Stuarda. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 1: Werke. Abbatini – Donizetti. Piper, München / Zürich 1986, ISBN 3-492-02411-4, S. 759.
Holzbläser: zwei Flöten (2. auch Piccolo), zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, vier Trompeten, drei Posaunen, Tuba Pauken, Große Trommel Harfe Streicher Bühnenmusik: zwei Trompeten, zwei Hörner, drei Posaunen, Kanonenschuss
Musikalische Struktur In manchen Aufführungen werden Akt I und II zu einem einzigen Akt zusammengezogen. Akt I Preludio (stattdessen in der Malibran-Version 1835: Ouverture) Nr. 1 Coro di festa („Festchor“): Qui si attenda (Chor) Nr. 2 Scena e cavatina: Sì, vuol di Francia il rege ... Ah, quando all'ara scorgemi ... In tal giorno di contento (Elisabetta, Talbot, Cecil, Chor) Nr. 3 Scena: Fra noi perché non veggio Leicester (Elisabetta, Talbot, Cecil, Leicester) Nr. 4 Cavatina: Questa imago, questo foglio ... Ah, rimiro il bel sembiante (Leicester, Talbot) Nr. 5 Scena e Duetto: Sei tu confuso? ... Quali sensi! ... Era d'amor l'immagine (Elisabetta, Leicester)
Akt II Nr. 6 Scena e Cavatina: Allenta il piè, Regina! ... Oh, nube, che lieve ... Nella pace nel mesto riposo (Maria, Anna, Chor) Nr. 7 Scena e Duetto: Ah! non m’inganna la gioia ... Da tutti abbandonata (Maria, Leicester) Nr. 8 Scena: Qual loco è questo? (Elisabetta, Leicester, Cecil, Talbot, Maria) Nr. 9 Sestetto: È sempre la stessa (Elisabetta, Maria, Talbot, Anna, Leicester, Cecil) Nr. 10 Dialogo delle due regine (Konfrontationsszene der Königinnen): Deh! l’accogli ... Morta al mondo, e morta al trono ... Figlia impura di Bolena, parli tu di disonore? (Elisabetta, Maria, Leicester, Cecil, Talbot, Anna, Chor) Nr. 11 Stretta finale: Va, preparati, furente (Elisabetta, Maria, Leicester, Cecil, Talbot, Anna, Chor)
Akt III Nr. 12 Duettino: E pensi? E tardi? ... Quella vita a me funesta (Cecil, Elisabetta) Nr. 13 Terzetto: Regina! A lei s’affretta il supplizio ... Deh! per pietà sospendi ... D’una sorella, o barbara (Leicester, Elisabetta, Cecil) Nr. 14 Scena: La perfida insultarmi volea (Maria, Cecil) Nr. 15 Gran scena e Duetto della confessione („Beicht-Duett“): Oh mio buon Talbot! ... Delle mie colpe ... Quando di luce rosea ... Un’altra colpa a piangere ... Lascia contenta il carcere (Maria, Talbot) Nr. 16 Inno della morte („Todes-Hymnus“): Vedeste? – Vedemmo. Oh truce apparato! (Chor) Nr. 17 Gran Scena e Preghiera dei Scozzesi („Gebet der Schotten“): Anna! – Qui più sommessi favellate ... Deh! tu di un'umile preghiera (Chor, Anna, Maria) Nr. 18 Aria del supplizio („Hinrichtungsarie“): Oh colpo! ... D’un cor che muore ...Giunge il conte ... Ah, se un giorno da queste ritorte (Maria, Anna, Leicester, Cecil, Talbot, Chor)
Musik Maria Stuarda ist eines der bühnenwirksamsten und gelungensten Werke Donizettis aus seiner mittleren Schaffensphase.Rishoi nennt die Oper „ein solch wirkungsvolles Musiktheaterstück“ (S. 23) und meint: „dass Donizettis Maria Stuarda zweifellos und ihne Vorbehalte ein Platz in der ruhmreichen Galerie der großartigsten Opernschöpfungen gebührt“. Niel Rishoi: Donizettis Entwicklung zum musikalischen Meister, Booklet-Text zur CD: Maria Stuarda mit Edita Gruberova u. a. Nightingale Classics, Zürich 2000, S. 23–26, hier: 23 und 26 Der Donizetti-Spezialist William Ashbrook nannte sie „ein hoch signifikantes Werk in dem Donizetti Kanon“ („a highly significant work in the Donizetti canon“) und „eine faszinierende Partitur“ („a fascinating score“).William Ashbrook: Donizetti and his Operas, Cambridge University Press, 1983 (2. edition), S. 358 Die Musik ist grundsätzlich von hoher Qualität und erhält ihren besonderen Charakter durch den Konflikt der beiden Königinnen. Zwar ist die Partie der Maria die eigentliche Hauptrolle bzw. prima donna der Oper – was sich unter anderem in der größeren Quantität der für sie bestimmten Musik einschließlich einer großen Aria finale zeigt –, doch ist die Elisabetta für eine seconda donna-Rolle ausgesprochen gewichtig und erfordert eine ebenso große Künstlerin.