Der Begriff Pädophilie (von „Knabe, Kind“ und „Freundschaft“) bezeichnet das ausschließliche oder überwiegende sexuelle Interesse von Menschen an Kindern vor Erreichen der Pubertät. Sind die jeweiligen Bedingungen der verschiedenen diagnostischen Manuale erfüllt, wird Pädophilie als psychische Störung, genauer als Störung der Sexualpräferenz bzw. als paraphile Störung klassifiziert. Werden entsprechende Neigungen in Handlung umgesetzt, sind im Regelfall zugleich strafrechtliche Normen verletzt, die sexuelle Handlungen mit Kindern zum Gegenstand haben.

In der medialen wie wissenschaftlichen Rezeption wird der Begriff Pädophilie nicht selten als Synonym für den sexuellen Missbrauch von Kindern bzw. Jugendlichen verwendet. Das ist insofern falsch, als weder der sexuelle Missbrauch von Kindern noch der sexuelle Missbrauch von Jugendlichen – anders als die Pädophilie – eine spezifisch auf diese Altersgruppen gerichtete Sexualpräferenz voraussetzt. Auch ist der Perversionsbegriff von jenem der Pädosexualität abzugrenzen, der ein abweichendes und in der Regel strafbares Sexualverhalten beschreibt, das jedoch nicht mit einer Pädophilie assoziiert sein muss. Für beide Begriffe gibt es keine Definition, auf die sich die Sexualwissenschaft oder andere wissenschaftliche Disziplinen geeinigt hätten, was ihre undifferenzierte Verwendung begünstigt.

Begriff Geschichte und diagnostische Einordnung Eingeführt wurde der Begriff als „Paedophilia erotica“ 1886 durch den Wiener Psychiater Richard von Krafft-Ebing in dessen Schrift Psychopathia sexualis.Richard von Krafft-Ebing: Psychopathia sexualis. Neuauflage. Matthes & Seitz, Berlin 1997, ISBN 3-88221-351-5. Im Wesentlichen ist es bei seiner Definition geblieben. Für Pädophilie werden folgende Merkmale aufgeführt:

Das sexuelle Interesse gilt Kindern, die sich vor der Pubertät im Sinne der Geschlechtsreifung befinden. Das sexuelle Interesse ist dabei primär, das heißt ausschließlich bzw. überwiegend und ursprünglich, auf Kinder ausgerichtet. Das sexuelle Interesse ist zeitlich überdauernd.

Im Jahr 1985 legten Sharon Araji und David Finkelhor ein Review empirischer Studien zur Pädophilie vor.

Grundlage für die Diagnosestellung einer pathologischen pädophilen Sexualpräferenz sind heute die in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) sowie die im US-amerikanischen Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM) festgelegten Diagnosekriterien. Teilweise widersprechen sich die dort genannten Diagnosekriterien. Zudem gibt es weitere Pädophiliedefinitionen, die seltener verwendet werden und ebenfalls nicht einheitlich sind.

In der ICD-10 ist die Diagnose Pädophilie unter den Code F65.4 im Kapitel der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (F60 bis F69) als Störung der Sexualpräferenz verortet. Definiert wird sie als „Sexuelle Präferenz für Kinder, die sich zumeist in der Vorpubertät oder in einem frühen Stadium der Pubertät befinden“.Horst Dilling, Werner Mombour, Martin H. Schmidt: Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. 9. Auflage. Huber, Bern 2014, ISBN 978-3-456-85386-4. Pädophilie wird damit ausschließlich als „sexuelle Präferenz“ beschrieben. Maßgeblich sind hier die gedanklichen Vorlieben, die sich (in Anlehnung an Krafft-Ebing) vorrangig auf vorpubertäre Kinder richten müssen. Ob diese Fantasien ausgelebt werden oder nicht, bleibt offen und ist für die Diagnosestellung zweitrangig.

Die seit 2022 gültige ICD-11 kategorisiert die Pädophile Störung unter dem Code 6D32 als Paraphile Störung.

Im DSM-5 ist die Pädophile Störung ebenfalls als Paraphile Störung klassifiziert und setzt ein Mindestalter von 16 Jahren voraus. Ebenso muss der Betroffene mindestens fünf Jahre älter sein als das Kind. Zu bestimmen ist außerdem, ob es sich bei der Störung um einen „ausschließlichen Typ (nur auf Kinder orientiert)“ oder einen „nicht ausschließlichen Typ“ handelt, ob die Person „sexuell orientiert auf Jungen“, „sexuell orientiert auf Mädchen“ oder „sexuell orientiert auf Jungen und Mädchen“ ist, und ob die Pädophile Störung „beschränkt auf Inzest“ ist. Nicht einzuschließen sind Spätadoleszente, die sich in einer dauerhaften sexuellen Beziehung mit einem 12- oder 13-jährigen Partner bzw. einer Partnerin gleichen Alters befinden.Peter Falkai, Hans-Ulrich Wittchen: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5. Hogrefe, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8017-2599-0. Die Diagnosemerkmale nach DSM-5 sind sowohl präferenz- als auch verhaltensorientiert. Das heißt, die Diagnose Pädophile Störung kann sich sowohl auf sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Fantasien beziehen als auch auf konkrete sexuelle Handlungen mit Kindern. Nach der verhaltensorientierten Definition können sämtliche Missbrauchstäter als pädophil eingestuft werden, auch wenn sie – anders als nach Krafft-Ebing – in ihrer Sexualität nicht primär auf Kinder ausgerichtet sind.

Die Sexualwissenschaftler der Berliner Charité bezeichnen Pädophilie als die „ausschließliche oder überwiegende sexuelle Ansprechbarkeit durch vorpubertäre Kinderkörper“. Über das sexuelle Verhalten einer Person sage der Begriff nichts aus, sondern lediglich über die sexuelle Ausrichtung auf das vorpubertäre Alter. Gunter Schmidt bezeichnet Pädophile als „Männer, deren sexuelle Wünsche und deren Wünsche nach Beziehung und Liebe vorrangig oder ausschließlich auf vorpubertäre Kinder gerichtet sind, wobei diese drei Bereiche – Sexualität, Beziehung, Liebe – wie bei anderen Menschen auch unterschiedlich gewichtet sein können“.Gunter Schmidt: Über die Tragik pädophiler Männer. In: Zeitschrift für Sexualforschung. Nr. 2, 1999, S. 133–139. Neben der Beschränkung auf Männer betont Schmidt damit im Unterschied zu den diagnostischen Kriterien von ICD und DSM den emotionalen Aspekt der pädophilen Sexualpräferenz. Davison und Neale legen in ihrem Lehrbuch Klinische Psychologie hingegen eine primär verhaltensorientierte Definition zugrunde, wenn sie Pädophile als Menschen beschreiben, „die durch körperlichen und oft auch sexuellen Kontakt mit präpubertären Kindern, mit denen sie nicht verwandt sind, sexuelle Befriedigung erlangen“.Gerald C. Davison, John M. Neale: Klinische Psychologie. 7. Auflage. Beltz PVU, Weinheim 2007, ISBN 978-3-621-27614-6, S. 505–508.

Pädophilie liegt nicht vor, wenn zwar eine sexuelle Erregbarkeit durch Kinder besteht, diese aber nicht primär ist. In mehreren phallometrischen Studien konnte nachgewiesen werden, dass nicht wenige Männer durch präpubertäre Stimuli (erotische Bilder oder Audiogeschichten) sexuell erregt werden können: In jenen Studien, bei denen zur Ergebnisermittlung die durchschnittliche sexuelle Erregung durch die präpubertären Stimuli mit der durchschnittlichen sexuellen Erregung durch die adulten Stimuli verglichen wurde, zeigten 6 bis 32 Prozent der erwachsenen Männer unter den präpubertären Stimuli eine mindestens genauso starke sexuelle Erregung wie unter den adulten Stimuli; in jenen Studien, bei denen die jeweiligen maximalen sexuellen Erregungen miteinander verglichen wurden, waren es 25 bis 28 Prozent.Kurt Freund, Robin J. Watson: Assessment of the sensitivity and specificity of a phallometric test: An update of phallometric diagnosis of pedophilia. In: Psychological Assessment. A Journal of Consulting and Clinical Psychology. Band 3, 1991, Nr. 2, S. 254–260.Orestes Fedora u. a.: Sadism and other paraphilias in normal controls and aggressive and nonaggressive sex offenders. In: Archives of Sexual Behavior. Band 21, 1992, Nr. 1, S. 1–15.Gordon C. Nagayama Hall, Richard Hirschman, Lori L. Oliver: Sexual Arousal and Arousability to Pedophilic Stimuli in a Community Sample of Normal Men. In: Behavior Therapy. Band 26, 1995, S. 681–694.Michael C. Seto, Martin L. Lalumière, Ray Blanchard: The Discriminative Validity of a Phallometric Test for Pedophilic Interests Among Adolescent Sex Offenders Against Children. In: Psychological Assessment. Band 12, 2000, Nr. 3, S. 319–327.Philip Firestone, John M. Bradford, David M. Greenberg, Kevin L. Nunes: Differentiation of homicidal child molesters, nonhomicidal child molesters, and nonoffenders by phallometry. In: American Journal of Psychology. Band 157, 2000, Nr. 11, S. 1847–1850. Der Prozentsatz der erwachsenen Männer, die überhaupt durch präpubertäre Stimuli sexuell erregbar sind, dürfte noch wesentlich höher sein. Daraus kann jedoch nicht ohne Weiteres gefolgert werden, dass auch das tatsächliche primäre sexuelle Interesse an Kindern (= Pädophilie) bei männlichen Erwachsenen in einem vergleichbar hohen Prozentsatz besteht, unter anderem auch deswegen, weil der Vergleich von präpubertären mit adulten Stimuli nicht berücksichtigt, dass es Männer gibt, die maximal durch pubertäre Kinder bzw. durch Jugendliche sexuell stimulierbar sind. So ermittelte eine weitere Studie bei jedem Probanden die durchschnittliche sexuelle Erregung durch Stimuli von 3–11-jährigen Mädchen, jene durch Stimuli von 12–14-jährigen Mädchen und jene durch Stimuli von 16–24-jährigen Frauen und verglich sie miteinander. Es ergab sich, dass nur einer der 22 Probanden durch die präpubertären Stimuli stärker erregt wurde als durch die adulten, wohingegen 3 der 22 Probanden durch die pubertären Stimuli stärker erregt wurden als durch die adulten.William L. Marshall, Howard E. Barbaree, D. Christophe: Sexual offenders against female children: Sexual preferences for age of victims and type of behaviour. In: Canadian Journal of Behavioural Science/Revue canadienne des sciences du comportement. Band 18, 1986, Nr. 4, S. 424–439.

Ebenso sind Pädophile teils auch durch Erwachsene sexuell stimulierbar, interessieren sich aber in erster Linie für Kinder. Im Fall der sekundär durch Kinder sexuell stimulierbaren Erwachsenen spricht man bisweilen auch von Pseudopädophilie. Originäre Pädophile werden zur besseren Abgrenzung auch als strukturiert pädophil bezeichnet, da ihre sexuelle Orientierung fest in der Persönlichkeitsstruktur verankert ist. Teilweise spricht man auch von Kernpädophilen oder Primärpädophilen.

Abgrenzen lässt sich die Pädophilie von der Hebephilie, die eine Präferenz für Pubertierende im Alter von etwa 11 bis 14 Jahren beschreibt.James M. Cantor, Ian V. McPhail: Sensitivity and Specificity of the Phallometric Test for Hebephilia. In: The Journal of Sexual Medicine. September 2015, S. 1940–1950, doi:10.1111/jsm.12970.Bruce Rind, Richard Yuill: Hebephilia as Mental Disorder? A Historical, Cross-Cultural, Sociological, Cross-Species, Non-Clinical Empirical, and Evolutionary Review. In: Archives of Sexual Behavior. Band 41, 2012, S. 797–829, doi:10.1007/s10508-012-9982-y. Für das sexuelle Interesse an Jugendlichen nach oder in einem späten Stadium der Pubertät werden die Bezeichnungen Ephebophilie (männliche Jugendliche) und Parthenophilie (weibliche Jugendliche) verwendet.Klaus M. Beier, Till Amelung u. a.: In: Fortschritte der Neurologie-Psychiatrie. Band 81, Nr. 3, März 2013, S. 128–137, doi:10.1055/s-0032-1330539. Beide Begriffe wurden erstmals 1906 von Magnus Hirschfeld eingeführt.Magnus Hirschfeld: Vom Wesen der Liebe. Zugleich ein Beitrag zur Lösung der Frage der Bisexualität. Verlag Max Spohr, Leipzig 1906. Eine sexualwissenschaftliche wie kriminologische Abgrenzung nahm der niederländische Psychoanalytiker Gerard van den Aardweg im Jahr 2010 vor.Gerard van den Aardweg: Homosexuelle Pädophilie, Ephebophilie, Androphilie und Päderastie: Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Überschneidungen. In: Bulletin DIJG. 2010, Nr. 19: Kinsey, Money und mehr. Ein Beitrag zur Debatte über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen. S. 34–41.