mini|Kapelle des Londoner Magdalenenstifts in der Blackfriars Road. Hinter einem Gazeschirm in der Mitte der Galerie saßen die „gefallenen Frauen“ und lauschten der Predigt.Dabhoiwala: Lust und Freiheit. Stuttgart 2014, Tafel 9
Magdalenenheim, Magdalenenhaus, Magdalenium, Rettungshaus oder Heim für gefallene Mädchen bezeichnet Korrektions- oder Besserungsanstalten für Frauen. Zu unterscheiden sind dabei seit dem Mittelalter bestehende Klöster und kirchliche Einrichtungen, die sich unter Berufung auf Maria Magdalena, die bekehrte Sünderin aus dem Neuen Testament (), der Rehabilitation reuiger „Dirnen“ widmeten (Magdalenenklöster, Magdalenenstifte), seit der Mitte des 18. Jahrhunderts im angelsächsischen Ländern entstehende philanthropische Einrichtungen (Magdalen asylums, Magdalen hospitals), ab etwa 1800 vor allem in Irland entstehende kirchliche Einrichtungen, oft als Magdalen Laundries („Magdalenen-Wäschereien“) bezeichnet, da die Insassinnen dort oft in Wäschereibetrieben arbeiten mussten und bis Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland häufig als „Heim für gefallene Mädchen“ bezeichnete geschlossene Einrichtungen der Gefährdetenfürsorge mit meist kirchlichem Träger.
Büßerinnen im Kloster Im Mittelalter widmete sich der 1226/1227 gegründete Orden der Magdalenerinnen, auch „Reuerinnen“ oder „Büßerinnen“ genannt, daher dann „Reuerinnen-“ bzw. „Büßerinnenkloster“, der Rettung der Seelen reuiger Dirnen. Er entsprach damit seiner Patronin, der bekehrten Sünderin Maria Magdalena aus dem Neuen Testament . Es bestanden vor allem in Mitteleuropa sehr zahlreiche Klöster des Ordens, von denen allerdings viele in der Reformation säkularisiert wurden. Als Beispiel genannt sei das seit 1257 bestehende Kloster Maria Maddalena delle Convertite in Florenz, wo 1330 ein Asyl eingerichtet wurde, in dem 100 bis 200 Frauen gleichzeitig Schutz finden konnten und wo sie zu einem mäßigen Leben und zur Umkehr angehalten wurden. Solche Asyle sind zu unterscheiden von den Klöstern: in ein Magdalenenkloster konnte eine ehemalige Prostituierte eintreten und Nonne werden, ein (häufig von einem Orden betriebenes) Asyl dagegen bot Frauen in körperlicher und seelischer Not (und dazu zählten eben auch „gefallene Frauen“) zeitweilig Schutz und Hilfe.
Neben den Magdalenerinnen gab es noch weitere Orden und Einrichtungen der Kirche, die sich dem Ziel widmeten, Dirnen zu bekehren und auf den rechten Weg zurückzuführen, beispielsweise die in Frankreich in den 1490er Jahren von Jean-Simon de Champigny etablierten Augustines de l’Ordre de la Pénitence de la Madeleine, auch bekannt als Filles Rendues de Paris oder Filles Pénitentes. Solche milden Formen der Dirnenarbeit koexistierten überall in Europa mit der Praxis kirchlicher Gemeindegerichte, Dirnen (zum Beispiel durch öffentliche Auspeitschungen) zu züchtigen, zu vertreiben oder sie zu langjähriger öffentlicher Buße zu verurteilen. Insofern solches Vorgehen auch der Rettung von Seelen dienen konnte, galt auch das als barmherziges Tun.
Insbesondere im Zuge der Gegenreformation entstanden in den katholischen Ländern zahlreiche mildtätige Institutionen, die gefährdeten oder gefallenen Frauen Asyl und Hilfe geben sollten. Ein Zentrum für die Ausbildung dieser Art von Einrichtungen, die in ihrer Struktur wegweisend sein sollten für Bewahr-, Besserungs- und Korrektionsanstalten der unterschiedlichsten Art bis in die Moderne hinein, war die Toskana. Die Casa delle Malmaritate („Haus der schlechtverheirateten Frauen“, 1579 gegründet) in Florenz widmete sich zum Beispiel speziell solchen „sittenlosen“ Frauen, die nicht Nonne werden konnten, da sie verheiratet waren, und versuchte sie durch ein System finanzieller Anreize für moralischen Wandel zu motivieren. Ein anderes Beispiel ist Santa Maria Maddalena in Pistoia, 1604 als Schutzgemeinschaft ehemaliger Prostituierter gegründet, die sich schnell zu einem Konvent entwickelte.
Im Resultat gab es im 18. Jahrhundert in ganz Kontinentaleuropa eine Vielzahl von Institutionen mit unterschiedlichen Namen, verschiedenen Zielsetzungen und sehr unterschiedlichen Methoden. Und auch was die Insassen anbelangt, gab es ein breites Spektrum, da keineswegs nur Dirnen aufgenommen wurden, sondern auch Vergewaltigungsopfer, misshandelte oder mittellose Frauen, insbesondere Witwen ohne Unterhalt.Sherrill Cohen: The Evolution of Women’s Asylums since 1500. Oxford University Press, New York & Oxford 1992
Magdalenen-Bewegung Demgegenüber gab es in England bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts nichts dergleichen. Die Kirchengerichte hatten ihre Strafgewalt verloren und das Problem der Prostitution hatte man abwechselnd durch Duldung (vor allem in London und den größeren Städten) oder durch harte Sanktionen zu lösen versucht, so oder so ohne Erfolg.
Um 1700 wurden nun in England erstmals alternative, pädagogische Ansätze formuliert. Thomas Bray, Gründer der Society for Promoting Christian Knowledge und der Society for the Propagation of the Gospel, meinte, dass man „Strafhospize“ (Penitential Hospitals) einrichten solle, in denen die ‚sittenlosen‘ Frauen unter der „Obhut einiger kluger und tugendhafter Matronen und einiger älterer und frommer Geistlicher“ sich mit der Zeit „zu gebührender Gottesfurcht und Abscheu vor ihrem schändlichen Tun bekehren“ würden.Thomas Bray: A General Plan of a Penitential Hospital for the Imploying and Reforming Lewd Women. ca. 1699. Karpeles Manuscript Library, Santa Barbara, Kalifornien. Zitiert in: Dabhoiwala: Lust und Freiheit. Stuttgart 2014, S. 287 Auch Schriftsteller und Philanthrop Robert Nelson (1656–1715) beschrieb ein Haus, in dem „durch wahre christliche Zucht“ „junge Frauen […], die von ihrem Irrweg ablassen wollen“ geholfen werden sollte.Robert Nelson: An Address to Persons of Quality and Estate. 1715, S. 212f. Zitiert in: Dabhoiwala: Lust und Freiheit. Stuttgart 2014, S. 287
Die Einrichtungen im katholischen, kontinentalen Europa hatte man zuvor als Zeugnis papistischer Sittenlosigkeit betrachtet. Um 1750 begann man, statt wie bislang Ansätze zu einer praktischen Besserung eines wahrgenommenen Problems als Förderung der Prostitution beziehungsweise Indiz moralischer Gleichgültigkeit zu denunzieren, das Fehlen derartiger Einrichtungen in England als Mangel zu betrachten und einen Rückstand gegenüber dem katholischen Europa wahrzunehmen. So meinte der englische Reisende und Philanthrop Jonas Hanway (1712–1786): „Obwohl wir uns für weit klüger halten als viele andere Nationen, sind wir in dieser Hinsicht viele Jahre hinter ihnen zurück.“Dabhoiwala: Lust und Freiheit. Stuttgart 2014, S. 288
Dies war Ausdruck eines gewandelten Bewusstseins, was bewirkte, dass Vorschläge für Einrichtungen zur moralischen Besserung der Prostituierten nicht mehr Papierprojekte blieben wie zu Anfang des Jahrhunderts, sondern jetzt umgesetzt wurden. Schon zuvor war die Aktienfinanzierung philanthropischer Projekte mit großem Erfolg umgesetzt worden (London Foundling Hospital 1741). So entstanden ab Ende der 1750er Jahre in schneller Folge Einrichtungen zur Besserung gefallener Frauen und zum Schutz armer Mädchen vor Verführung: 1758 eröffnete in London das von Reverend Dr. William Dodd gegründete Magdalen House für reuige ProstituierteJohann Ernst Fabri: Samlung von Stadt-, Land- und Reisebeschreibungen. Halle 1783, und das Lambeth House, für arme Mädchen, die dort eine Ausbildung als Hausangestellte oder in einem anderen Beruf erhielten und so besser davor geschützt sein sollten, aus materieller Not zu Dirnen zu werden.
mini|Speisesaal in Lambeth House. Eine bürgerliche Familie besucht die uniformierten Waisenkinder.
Bemerkenswert ist, dass unter den Gründern von Magdalen und Lambeth House sich kein einziger Geistlicher findet, was zeigt, dass nun die Besserung der Prostituierten nicht mehr Sache einer christlichen Kirche war, sondern das Projekt eines aufgeklärten, wohlhabenden und philanthropisch gesinnten Bürgertums.Dabhoiwala: Lust und Freiheit. Stuttgart 2014, S. 288 Ansprechend fand man vor allem den Gedanken, dass hier aus schlechten Frauen gute gemacht werden sollten, gewissermaßen eine Form sozialer Alchemie betrieben werden sollte. So sieht der blinde John Fielding mit visionärem Blick „elende Prostituierte etc., die in bescheidene, anständige, glückliche Frauen und nützliche Hausbedienstete verwandelt werden“, und sein Magistratskollege Saunders Welch wünscht sich eine Einrichtung „durch die diese bedauernswerten Mitgeschöpfe aus Krankheit und Not errettet werden können, sodass sie, statt ein Ärgernis für die Öffentlichkeit zu sein, ihr nützlich werden“. Die utilitaristische Denkweise wird in solchen Äußerungen explizit.
Beide Männer erarbeiteten und veröffentlichten Ende der 1750er Jahre detaillierte Pläne für Magdalenenheime und begannen Geld für ihre Projekte zu sammeln. Wichtiger war die Beteiligung von Männern wie Jonas Hanway und Robert Dingley, die über zahlreiche Kontakte verfügten, die Wohltätigkeit der Wohlhabenden zu mobilisieren vermochten und außerdem bereits Erfahrung mit der Gründung und Leitung aktienfinanzierter Wohltätigkeitseinrichtungen hatten. Es gelang Hanley und Dingley offenbar, die Öffentlichkeit für das Projekt zu begeistern, einem elenden Schicksal ausgelieferte Prostituierte in glückliche Frauen und Mütter zu verwandeln, „ein Werk, das zugleich Schöpfung und Erlösung sei“. Das Projekt der Magdalenenheime war von der Beteiligung her erfolgreicher als sonst eine karitative Einrichtung des 18. Jahrhunderts. Nachdem die Anteilscheine gezeichnet werden konnten, wurden binnen weniger Wochen mehr als 3000 Pfund eingesammelt, eine Summe, die andere Einrichtungen in Jahren nicht erreichten. So konnte das Magdalen House in Prescot Street, Whitechapel, als erste derartige Einrichtung im Königreich am 10. August 1758 seiner Bestimmung übergeben werden. Anfangs auf 50 Bewohnerinnen ausgelegt, stieg deren Zahl bereits 1760 auf über 130. Als man 1769 nach den Plänen von Dingley mit dem Bau eines neuen Wohngebäudes in Blackfriars Road im Stadtteil Southwark begann (Eröffnung 1772), hatten bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 1500 Frauen im Magdalen House Zuflucht gefunden.Dabhoiwala: Lust und Freiheit. Stuttgart 2014, S. 294f. 1767 öffnete das Magdalen Asylum in Dublin.
Die Insassinnen kamen freiwillig, sie wurden nicht eingewiesen, wie es später meistens der Fall war, sie kamen und gingen, teilweise mehrfach. De Cunzo schrieb über die Frauen im Asyl der Magdalen Society of Philadelphia: „Sie sahen sich nicht entsprechend dem Bild der Gesellschaft als schuldig und elend, sie suchten im Asyl weder Erlösung, noch Reinigung, noch Umkehr. Sie suchten eine Erholung und Zuflucht von Krankheit, von Gefängnis und Armenhaus, unglücklichen familiären Umständen, gewalttätigen Männern oder einer prekären wirtschaftlichen Situation.“Lu Ann De Cunzo: Reform, Respite, Ritual: An Archaeology of Institutions; The Magdalene Society of Philadelphia, 1800–1850. In: Historical Archeology Bd. 29, Nr. 3 (1995), S. 132:
Magdalen Laundries Geschichte mini|Magdalen laundry in Irland, Anfang 20. Jahrhundert
Die Magdalenen-Bewegung in Irland wurde nach der Katholikenemanzipation ab 1829 auch von der katholischen Kirche unterstützt. In Irland waren solche Häuser als Magdalen laundries bekannt, da die Heime häufig Wäschereien betrieben. Geschätzt wurde, dass bis zu 30.000 Frauen während ihrer 150-jährigen Geschichte Insassen dieser Institutionen waren.