Otto Bräutigam (* 14. Mai 1895 in Wesel; † 30. April 1992 in Coesfeld) war ein deutscher Diplomat und Jurist, der während der Zeit des Nationalsozialismus sowohl im Auswärtigen Amt als auch im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) von Alfred Rosenberg in leitenden Positionen gearbeitet hat. Bräutigam wusste nicht nur vom Holocaust, sondern war in diesen involviert. In der Nachkriegszeit erhielt er erneut eine Anstellung im Auswärtigen Amt und wurde 1954 Leiter von dessen Ostabteilung.

Juristische Laufbahn Früher Eintritt in das Auswärtige Amt Otto Bräutigam wurde als Sohn eines Landgerichtsdirektors in Wesel geboren. Nach dem Besuch des Realgymnasiums in Duisburg studierte er zwischen 1913 und 1914 in Grenoble, Oxford und Straßburg Jura. Während des Ersten Weltkriegs nahm er bei der Feldartillerie an Kämpfen an der Westfront teil, zuletzt als Oberleutnant. Einer seiner Regimentskameraden war der spätere „Reichspressechef“ Jacob Otto Dietrich (1897–1952). In den Anfangsjahren der Weimarer Republik, zwischen 1918 und 1919, schloss er sein Studium in Münster mit dem Staatsexamen ab. Seit dem Studium war er Mitglied der katholischen Studentenverbindungen KStV Markomannia Münster und KStV Frankonia-Straßburg Frankfurt am Main im KV.Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine: KV Jahrbuch – Die Mitglieder und die Angehörigen des KV und des ÖKV 1991. Würzburg 1991, S. 410. Nach dem Studium absolvierte ein Referendariat am Amtsgericht Coesfeld. Bereits im Jahre 1920 bekam er eine Anstellung im Auswärtigen Amt (AA),Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, ISBN 3-89667-148-0, S. 535 f. wo er zunächst in der handelspolitischen Abteilung tätig war. Zuletzt arbeitete er dort als „Ruhreinbruchsreferent“ (vgl. Ruhrbesetzung). 1922 promovierte er an der Universität Gießen zum Dr. iur. Das Thema seiner Dissertation war Der Wahrheitsbeweis bei Beleidigungen und sein Verhältnis zur Schuldfrage. Danach folgten Tätigkeiten in verschiedenen Generalkonsulaten, so beispielsweise 1923 in Tiflis, 1924 in Baku, 1925 in Charkow und 1927 in Odessa.

Bekanntschaft mit Alfred Rosenberg Schon 1925 während seiner Zeit in Charkow machte Bräutigam Bekanntschaft mit dem späteren NS-Chefideologen Alfred Rosenberg sowie dessen späterem hauptberuflichen Mitarbeiter des Außenpolitischen Amts der NSDAP (APA) und Leiter der „Ostabteilung“ im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO), Georg Leibbrandt. Der Schwarzmeerdeutsche Leibbrandt stammte aus der Nähe von Odessa. Leibbrandt, Rosenberg und Bräutigam lagen völlig auf einer politischen Linie. Im Jahre 1928 wurde Bräutigam in die Deutsche Botschaft Moskau versetzt. 1930 wurde er Leiter der Abteilung „Wirtschaft – Russland“ im AA.

Zeit des Nationalsozialismus Verhältnis zur NSDAP Bräutigam sympathisierte wie viele Konservative mit den antidemokratischen und außenpolitischen Vorstellungen des Nationalsozialismus. Auch war er antisemitisch eingestellt und hielt die ab 1933 einsetzende Diskriminierung und Verfolgung von Juden in Deutschland für gerechtfertigt. Noch 1968 sprach er davon, dass diese Diskriminierungen 1933 nur deswegen politisch unklug gewesen seien, weil sie Gegenreaktionen des einflussreichen „Weltjudentums“ provoziert hätten.Otto Bräutigam, So hat es sich zugetragen … Ein Leben als Soldat und Diplomat. Holzner Verlag, Würzburg 1968, S. 224. 1935 folgte eine längere Russlandreise im Auftrag des AA. 1936 wurde Bräutigam in die Deutsche Botschaft Paris versetzt. Von Botschafter Johannes Graf von Welczeck bekam er unter anderem die Aufgabe, die Kontakte zur Landesgruppe Frankreich der NSDAP unter deren Leiter, dem Hamburger Kaufmann und ab Juni 1941 als Generalkonsul an der Botschaft tätigen Rudolf Schleier, zu halten. Bräutigam trat zum 1. Oktober 1936 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.752.095).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/4080209Otto Bräutigam, So hat es sich zugetragen … Ein Leben als Soldat und Diplomat. Holzner Verlag, Würzburg 1968, S. 244. In Paris machte er erstmals Bekanntschaft mit dem NSDAP-Gauleiter Alfred Meyer, der ebenfalls später im RMfdbO arbeitete und zudem Teilnehmer der Wannseekonferenz war. 1939 kehrte Bräutigam in das Auswärtige Amt zurück und arbeitete im Grundsatzreferat der handelspolitischen Abteilung. Im Jahr 1941 wurde Bräutigam als Mitglied der Ortsgruppe „Braunes Haus“ der NSDAP geführt.

Verbindung zum OKW und OKH Mit Kriegsbeginn wurde Bräutigam Verbindungsmann des Auswärtigen Amtes zu General Georg Thomas, dem Leiter des Wirtschafts- und Rüstungsamtes im Oberkommando der Wehrmacht (OKW). Im November 1939 wurde er zudem zur Haupttreuhandstelle Ost (HTO) abgeordnet. Berufen wurde er von dem Leiter der Treuhandstelle, Max Winkler (1875–1961). Ab 15. Juli 1940 fungierte er als Generalkonsul des AA in Batum. Am 21. März 1941 wurde Bräutigam wegen der Planung des Krieges gegen die Sowjetunion aus dem Generalkonsulat Batum nach Berlin zurückbeordert. Gegenüber den Sowjetbehörden wurde ein Urlaub vorgetäuscht. In Berlin wurde er Mitglied des „Russlandkomitees“ des AA.

Anfang Mai 1941 wurde der Russlandexperte Bräutigam auf Veranlassung Hitlers vom AA dauerhaft zur Dienststelle Rosenberg abkommandiert. Dort wurde er unter Leibbrandt mit der Planung der Besatzungsverwaltung der Gebiete befasst, die Deutschland erobern wollte. Gebiete, die nicht direkt an der Front liegen würden, sollten einer zivilen Verwaltung unterstehen. Diese Verwaltung sollte das Rosenberg unterstehende, neu zu schaffende RMfdbO sein. Diesem sollten die Reichskommissariate Ostland, Ukraine, Russland, Kaukasien und Turkestan unterstehen. Am 22. Juni 1941 begann der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Mit Beginn des „Russlandfeldzuges“ wurde Bräutigam Verbindungsoffizier der Dienststelle Rosenberg zum Befehlshaber der Militärverwaltung im Oberkommando des Heeres (OKH). Sein erster Dienstort wurde ein Hauptquartier des OKH, Codename Maybach I etwa 30 km südlich von Berlin bei Wünsdorf. Bräutigam betrachtete den Kriegsausbruch nicht nur als ein unvermeidbares politisches Schicksal,Aus ideologiekritischer Perspektive stellt Bräutigams Haltung eine „Verschicksalung“ von politischen Taten dar. Vgl. zum Beispiel Hedda J. Herwig: „Sanft und verschleiert ist die Gewalt…“. Ausbeutungsstrategien in unserer Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg 1992, S. 289 ff. sondern er brachte regelrecht seine Freude zum Ausdruck. In sein Tagebuch schrieb er:

Mit dem Vorrücken der deutschen Truppen wurde das Hauptquartier des „OKH“ nach Mauerwald in Ostpreußen verlegt und das Führerhauptquartier Wolfsschanze in die Nähe. Bräutigam war in Mauerwald stationiert. Am 15. Juli empfing er dort Rosenberg am Flugplatz und brachte ihn zur Wolfsschanze, wo sie sich mit Hitler, Keitel, Otto Dietrich, Jodl, Bormann, General Bodenschatz von der Luftwaffe, SS-Oberstgruppenführer Wolff als Vertreter Himmlers, dem Gesandten Hewel aus dem AA und anderen zum Essen trafen. In einer späteren Besprechung am 15. und 16. Juli zwischen Hitler, Keitel, Bormann, Göring und Rosenberg wurden die Einzelheiten des neuen Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete festgelegt. Am 16. Juli 1941 wurde Rosenberg im Führerhauptquartier in Gegenwart Bräutigams zum „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“ ernannt. Rosenberg ließ sich auch seine Kommissare von Hitler bestätigen.Zitiert in: H. D. Heilmann: Aus dem Kriegstagebuch des Diplomaten Otto Bräutigam. In: Götz Aly u. a. (Hrsg.): Biedermann und Schreibtischtäter. Materialien zur deutschen Täter-Biographie. (= Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik. Band 4). Berlin 1987, S. 136 ff. Am 26. Juli 1941 stellte sich Hinrich Lohse im Führerhauptquartier Hitler vor. Erich Koch, der Gauleiter von Ostpreußen, wurde Rosenberg von Göring aufgedrängt. Bräutigam fuhr nach Königsberg, um Erich Koch zu besuchen und ihn in die Pläne Rosenbergs einzuweihen. Aber Koch war zum Reichsmarschall Göring verreist. Erich Koch, der in zahlreiche Kriegsverbrechen verstrickt war, wurde nur wenige Tage später – am 1. August 1941 – zum Zivilkommissar und später zum Chef der Zivilverwaltung im Bezirk Bialystok und außerdem zum Reichskommissar des Reichskommissariat Ukraine ernannt.

Am 11. Dezember 1941 erklärten Deutschland und Italien den Vereinigten Staaten den Krieg. An der Sitzung des Deutschen Reichstags, die der Kriegserklärung an diesem Tag vorausging, hatte Bräutigam teilgenommen.

Am 21. Dezember 1941 hielt sich Bräutigam erneut im Führerhauptquartier auf. Dort hielt er eine Unterredung mit H. von Tippelkirch und Major Andreas Meyer-Mader. Letzterer stellte zu diesem Zeitpunkt unter General Ernst-August Köstring aus kaukasischen Kriegsgefangenen und solchen der Turkvölker ein „Turkbataillon 450“ auf, das er nach deutschem Vorbild wie ein Freikorps führte und das im Kampf gegen so genannte „Partisanen“ (zumeist ein verschleierndes Wort für „Juden“) raubend und mordend durch die Gegend zog.H. D. Heilmann: Aus dem Kriegstagebuch des Diplomaten Otto Bräutigam. In: Götz Aly u. a. (Hrsg.): Biedermann und Schreibtischtäter. Materialien zur deutschen Täter-Biographie. (= Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik. Band 4). Berlin 1987, S. 153, 180.

Bräutigam wurde am 14. Mai 1942, an seinem 47. Geburtstag, das Kriegsverdienstkreuz verliehen. Im November 1942 wurde er, der bereits vor Monaten von Rosenberg im Hinblick auf Kaukasusfragen Vollmachten erhalten hatte, Verbindungsoffizier des Ostministeriums zur Heeresgruppe A. Diese Heeresgruppe war mit der Eroberung des Kaukasus beauftragt worden. Nach der Niederlage der Wehrmacht in der Schlacht von Stalingrad floh Bräutigam in Richtung Ukraine, um anschließend erneut ins RMfdbO zurückzukehren.

Nach dem Attentat-Versuch auf Hitler wurde Bräutigam im August 1944 zu den Volksgerichtshofprozessen gegen die Leute des 20. Juli delegiert.

Tätigkeit im Ostministerium Am 11. April 1941, wenige Wochen vor dem militärischen Angriff auf die Sowjetunion, fertigte Rosenberg in seinem Landhaus in Mondsee eine Zeichnung an, in der er die Stellenbesetzungen für die Zentralbehörde des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) skizzierte. Für Bräutigam sah Rosenberg die Leitung einer Abteilung vor, die er dort mit „politische Abteilung“ bezeichnet hatte.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 514. Im Mai 1941 wurde Bräutigam zur Dienststelle Rosenberg abkommandiert. Gleichzeitig wurde er auf Vorschlag von Georg Leibbrandt Verbindungsmann des AA zum RMfdbO von Rosenberg. Das RMfdbO, welches das ehemalige Gebäude der jugoslawischen Gesandtschaft in der Rauchstraße 17/18 in Berlin bezog, war zu diesem frühen Zeitpunkt noch in seinem Entstehungsprozess. Otto Bräutigam hatte sich an den Planungen für den Aufbau des RMfdbO beteiligt. Generell ging es Bräutigam dabei um die „Neugestaltung des europäischen Ostens“ und um die Ausrottung des Kommunismus. (Hierbei muss beachtet werden, dass die „Ausrottung des Kommunismus“ im Verständnis von Alfred Rosenberg die „Ausrottung des Judentums“ bedeutete. Rosenberg, der der unmittelbare Vorgesetzte von Bräutigam in dieser Zeit gewesen ist und dessen Rassenideologie und Taten Bräutigam strikt folgte, hatte diese feste Assoziationskette bereits in seinen Jugendschriften festgelegt und bis zu seinem Tod beibehalten.Vgl. dazu Alfred Rosenberg, Schriften aus den Jahren 1917–1919. In: ders.: Schriften und Reden. Bd. 1, mit einer Einleitung von Alfred Bäumler, München 1943, S. I–CVII und 1–124.)