Angelika Helene Anna Nußberger (* 1. Juni 1963 in München als Angelika Helene Anna Joas) ist eine deutsche Rechtswissenschaftlerin und Slawistin. Seit 2002 ist sie an der Universität zu Köln Inhaberin des Lehrstuhls für Verfassungsrecht, Völkerrecht und Rechtsvergleichung. Von Januar 2011 bis Dezember 2019 war sie Richterin, von 2017 bis 2019 Vizepräsidentin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Im Jahr 2020 kehrte sie an die Universität zu Köln zurück.

Leben und Wirken Angelika Nußberger studierte an der Universität München von 1982 bis 1987 Slavistik und von 1984 bis 1989 Rechtswissenschaft. 1988 erwarb sie ein Diplom in Rechtsvergleichung (diplôme en droit comparé) an der Universität Straßburg. In München erfolgte 1989 das Erste Staatsexamen und in Heidelberg 1993 das Zweite Juristische Staatsexamen. In Würzburg wurde sie 1993 mit einer Studie über das sowjetische Verfassungsrecht in der Übergangszeit promoviert. Nach einem Forschungsaufenthalt in Harvard (1994/1995) arbeitete Nußberger im Zeitraum von 1993 bis 2001 als Wissenschaftliche Referentin am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Sozialrecht. Anschließend war Nußberger in den Jahren 2001 bis 2002 Rechtsberaterin am Europarat in Straßburg.

Im Jahr 2002 erfolgte in München ihre Habilitation mit einer Arbeit zu Sozialstandards im Völkerrecht. Im selben Jahr wurde sie zur Professorin an die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln berufen, wo sie seit dem 1. Oktober 2002 das Institut für osteuropäisches Recht und Rechtsvergleichung leitet. Seit 2021 ist das Institut für osteuropäisches Recht und Rechtsvergleichung der neugegründeten Akademie für europäischen Menschenrechtsschutz angegliedert, deren Direktorin Angelika Nußberger ist. Sie wurde 2010 Prorektorin der Universität zu Köln mit dem neugeschaffenen Rektorat für akademische Karriere, Diversität und Internationales. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören der deutsche, europäische und internationale Grundrechtsschutz, vergleichendes Verfassungsrecht und der Einfluss des Völkerrechts auf die Rechtsentwicklung in Mittel- und Osteuropa.

Am 22. Juni 2010 wurde Nußberger von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats zur Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gewählt, wo sie am 1. Januar 2011 die Nachfolge von Renate Jaeger als von Deutschland entsandte Richterin antrat. Seit dem 1. November 2015 stand sie der 5. Sektion des EGMR als Sektionspräsidentin vor und am 1. Februar 2017 wurde sie zur Vizepräsidentin des Gerichts gewählt. Im Januar 2020 gab sie ihre Position als Richterin am EGMR an Anja Seibert-Fohr ab.Wolfgang Janisch: Anja Seibert-Fohr. Die Richterin kümmert sich um Menschenrechte. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 301, 31. Dezember 2019/1. Januar 2020, S. 4. Seit dem 1. Januar 2020 ist Nußberger außerdem ordentliches Mitglied der Venedig-Kommission für Deutschland;Der komplizierteste Staat der Welt. In: Legal Tribune Online, 16. März 2020. Abgerufen am 30. März 2020. im Dezember 2021 wurde sie für zwei Jahre zur Vizepräsidentin gewählt. Im Februar 2020 wurde Nußberger durch den Präsidenten des EGMR als Nachfolgerin von Giovanni Grasso zu einem der drei internationalen Richter am Verfassungsgerichtshof von Bosnien und Herzegowina ernannt.Angelika Nussberger named as new Judge of the Constitutional Court of Bosnia-Herzegovina. In: Sarajevo Times, 15. Februar 2020. Abgerufen am 30. März 2020. Im Juli 2020 wurde Nußberger zum Mitglied der „Commission de réflexion sur la Cour de cassation 2020–2030“ ernannt und arbeitete an Reformvorschlägen für das oberste französische Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit, dem Cour de cassation, auf. Abgerufen am 25. August 2020. Am 18. August 2020 wurde sie vom hessischen Innenminister Peter Beuth zur Vorsitzenden der unabhängigen Expertenkommission „Verantwortung der Polizei in einer pluralistischen Gesellschaft – Die gute Arbeit der Polizeibeamten stärken, Fehlverhalten frühzeitig erkennen und ahnden“, die ein neues Leitbild der hessischen Polizei erarbeiten und ergriffene Maßnahmen evaluieren soll, ernannt..

Von 2004 bis 2010 war sie Mitglied des „Committee of Experts on the Application of Conventions and Recommendations“ der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf. Gegenwärtig ist sie Mitglied des Institut de droit international, der Ständigen Deputation des Deutschen JuristentagsStändige Deputation des Deutschen Juristentags., des Präsidiums der Gesellschaft für Rechtspolitik, des Executive Committee der International Association for Constitutional Law, des Kuratoriums des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales StrafrechtKuratorium des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht., der International Academy of Comparative Law, der Vereinigung der Deutschen StaatsrechtslehrerStaatsrechtslehrervereinigung., deren Vorsitzende sie von 2022 bis 2024 war,Vorstand. Abgerufen am 6. Oktober 2022. des Vorstands der Konrad-Adenauer-Stiftung sowie Alumna und Mitglied des Kuratoriums sowie Alumna und Mitglied der Studienstiftung des deutschen Volkes, von der sie von 1982 bis 1987 gefördert wurde.

Für ihre Arbeit wurden ihr zahlreiche Auszeichnungen verliehen. 2010 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Staatlichen Universität Tiflis und 2019 der Lucian-Blaga-Universität verliehen. Für 2015 wurde ihr der Schader-Preis zugesprochen. Bis 2022 war sie Mitglied im Senat der Schader-Stiftung. Im Jahr 2019 wurde sie in die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste gewählt. Ebenfalls 2019 wurde ihr der Arthur-Burkhardt-Preis zugesprochenPreisträger der Arthur-Burkhardt-Stiftung für Wissenschaftsförderung. und das Ehrenzertifikat des japanischen Außenministeriums verliehen.Lauréats du Certificat d'Honneur du Ministre des Affaires étrangères du Japon (2019). Außerdem wurde sie 2019 Mitglied der französischen Ehrenlegion (Officier de la Légion d’honneur). Im Jahr 2020 wurde sie Honorary Bencher am Lincoln’s Inn. Darüber hinaus wurde ihr für die Jahre 2020 und 2021 durch den Bayerischen Anwaltsverband der Max-Friedlaender-Preis verliehen.Max-Friedlaender-Preis, Bayerischer Anwaltverband e. V. Abgerufen am 16. Dezember 2021. 2022 wurde Nußberger zum Mitglied der Academia Europaea gewählt.Eintrag auf der Internetseite der Academia Europaea Im Jahr 2023 wurde sie zum Mitglied des Institut de Droit international gewählt.Mitgliedseintrag Angelika Nußberger. Institut de Droit international, abgerufen am 20. September 2025. 2024 erhielt sie den Romano-Guardini-Preis.Herrmann gratuliert Prof. Dr. Angelika Nußberger zum Romano-Guardini-Preis Im Jahr 2026 wurde sie in den Orden Pour le Mérite aufgenommen.Angelika Nußberger bei orden-pourlemerite.de

Sie ist verheiratet mit dem Biophysikprofessor Stephan Nußberger und hat zwei erwachsene Kinder.Nußberger vor dem Amtsantritt als EGMR-Vizepräsidentin – Justiz ist nicht gleich Justiz. In: Legal Tribune Online, 30. Januar 2017 (abgerufen am 21. Juni 2018).

Schriften (Auswahl) Monografien Verfassungskontrolle in der Sowjetunion und in Deutschland. Eine rechtsvergleichende Gegenüberstellung des Komitet Konstitucionnogo Nadzora und des Bundesverfassungsgerichts. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1994, ISBN 3-7890-3262-X. Sozialstandards im Völkerrecht. Eine Studie zu Entwicklung und Bedeutung der Normsetzung der Vereinten Nationen, der Internationalen Arbeitsorganisation und des Europarats zu Fragen des Sozialschutzes (= Schriften zum Völkerrecht. Bd. 161). Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-12009-4. zusammen mit Margareta Mommsen: Das System Putin. Gelenkte Demokratie und politische Justiz in Russland. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. Beck, München 2007, ISBN 3-406-54790-7. Das Völkerrecht. Geschichte, Institutionen, Perspektiven. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-56278-5. Die Menschenrechte. Geschichte, Philosophie, Konflikte (= C.H. Beck Wissen. Bd. 2930). Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-77381-5. The European Court of Human Rights. 2. Auflage. Oxford University Press, Oxford 2026, ISBN 978-0-19-894603-8 (Erstauflage 2020).

Herausgeberschaften Einführung in das russische Recht (= Schriftenreihe der Juristischen Schulung. Bd. 156). Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-48391-2. mit Caroline von Gall: Bewusstes Erinnern und bewusstes Vergessen. Der juristische Umgang mit der Vergangenheit in den Ländern Mittel- und Osteuropas (= Jus internationale et Europaeum. Bd. 52). Mohr Siebeck, Tübingen 2011, ISBN 978-3-16-150862-2. mit Martin Aust, Andreas Heinemann-Grüder, Ulrich Schmid: Osteuropa zwischen Mauerfall und Ukrainekrieg. Besichtigung einer Epoche (= edition suhrkamp. Bd. 2777). Suhrkamp, Berlin 2022, ISBN 978-3-518-12777-3. mit Oliver Lepsius, Christian Waldhoff und Christian Walter: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart. Mohr Siebeck, Tübingen. mit David Landau: The Justiciability of Economic, Social and Cultural Rights. Intersentia, Antwerpen/Chicago 2023, ISBN 978-1-83970-395-9. mit Matthias Jestaedt, Anna-Bettina Kaiser, Andreas Voßkuhle: Der Blick von außen – A View from Outside. Internationale Festgabe zum 75. Geburtstag des Bundesverfassungsgerichts. Mohr Siebeck, Tübingen 2026, ISBN 978-3-16-200317-1.

Weblinks

Seite von Nußberger an der Universität zu Köln

Legal Tribune Online: Angelika Nußberger über ihre neue Aufgaben, Interview vom 16. März 2020 Angelika Nußberger im Podcast Recht wissenschaftlich

Anmerkungen

Kategorie:Völkerrechtler (20. Jahrhundert) Kategorie:Völkerrechtler (21. Jahrhundert) Kategorie:Staatsrechtler (20. Jahrhundert) Kategorie:Staatsrechtler (21. Jahrhundert) Kategorie:Absolvent der Julius-Maximilians-Universität Würzburg Kategorie:Vizepräsident (Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) Kategorie:Hochschullehrer (Universität zu Köln) Kategorie:Mitglied der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften Kategorie:Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste Kategorie:Mitglied der Ehrenlegion (Offizier) Kategorie:Mitglied der Academia Europaea Kategorie:Ehrendoktor der Staatlichen Universität Tiflis Kategorie:Ehrendoktor der Lucian-Blaga-Universität Kategorie:Träger des Pour le Mérite (Friedensklasse) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1963 Kategorie:Frau