Die Griechische Landschildkröte (Testudo hermanni) ist eine von drei im europäischen Teil des Mittelmeerraumes beheimateten Landschildkrötenarten der Gattung Testudo und kommt in zwei Unterarten vor (Testudo hermanni hermanni und Testudo hermanni boettgeri). Griechische Landschildkröten sind überwiegend herbivore, tagaktive Reptilien, die ein dem Menschen vergleichbar hohes Alter erreichen können. Die Zerstörung ihrer angestammten Lebensräume und ihre Beliebtheit als Haustier haben den Wildtierbestand inzwischen stark gefährdet und Schutzmaßnahmen für ihren langfristigen Erhalt unabdingbar werden lassen. mini|300px|Verbreitungsgebiet der Art (T. h. hercegovinensis gilt inzwischen nicht mehr als Unterart) mini|Artmerkmal: Panzerzeichnung (T. h. hermanni) mini|Artmerkmal: Hornnagel am Schwanzende mini|Unterartmerkmal: durchgehende Bänderung (T. h. hermanni) mini|Unterartmerkmal: unterbrochene Plastronzeichnung (T. h. boettgeri) mini|Lokalformmerkmal: Kopfzeichnung mini|Lokalformmerkmal: Vorhandensein oder Fehlen der Inguinalschilde mini|thumbtime=34.7|Ein Männchen trifft im Unterholz der Macchie auf ein anderes männliches Tier und vertreibt den Rivalen aus seinem Revier. (Video, 2m 34s) Beschreibung Die Griechische Landschildkröte ist eine kleine bis mittelgroße Landschildkröte von etwa 20 Zentimeter Länge mit einem starren Bauchpanzer (Plastron), der auch bei Weibchen kein Scharnier vor den Hinterbeinen aufweist. Der Rückenpanzer (Carapax) ist mäßig hoch gewölbt. Er verbreitert sich meist etwas zum Schwanzende hin und wirkt deshalb in der Aufsicht oval bis leicht trapezförmig. Wie bei den meisten Schildkröten wird die aus Knochenplatten bestehende Panzerkapsel von dünnen Hornschilden bedeckt, wobei der so genannte Schwanzschild bei Testudo hermanni meist geteilt ist. Die Grundfärbung des Panzers ist gelb bis oliv mit einer dunklen Fleckung, die individuell und unterartbedingt verschieden stark ausgeprägt ist. Jungtiere schlüpfen mit einer deutlichen und kontrastreichen Zeichnung des Panzers aus dem Ei. Bei älteren Tieren wird die Färbung und Zeichnung zunehmend verwaschen. Kopf und Vorderbeine besitzen kleine bis mittelgroße Schuppen, die Vorderbeine haben meist fünf Krallen, bei manchen Lokalformen auch nur vier. Die Hinterextremitäten haben stets vier Krallen. Die Grundfarbe von Kopf und Extremitäten ist gelblich bis braun, beide sind hell und dunkel geschuppt. Testudo hermanni weist bei beiden Geschlechtern am Schwanzende einen Hornnagel auf, der bei den anderen Vertretern der Gattung meist nicht vorhanden ist. Von der in Zeichnung, Färbung und Größe recht ähnlichen Maurischen Landschildkröte unterscheidet sich die Griechische Landschildkröte außerdem deutlich durch das Fehlen von Hornkegeln zwischen Schwanz und Hinterbeinen.
Verbreitung
Die Griechische Landschildkröte besiedelt große Teile des europäischen Mittelmeerraumes. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Spanien (Katalonien) über Südfrankreich, Italien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Kosovo, Nordmazedonien, Albanien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien bis in den europäischen Teil der Türkei. Außerdem sind zahlreiche Inseln im Mittelmeer besiedelt.
Systematik und Unterarten
Die Griechische Landschildkröte ist eine der wenigen Arten in der Gattung Testudo, die Carl von Linné 1758 für Schildkröten aufgestellt hatte. Sie wurde lange auch als Testudo graeca bezeichnet. 1925 revalidierte Flower den ältesten Namen Testudo hermanni Gmelin 1789. Die 2006 von Lapparent de Broin et al. geforderte eigenständige Gattung EurotestudoF. de Lapparent de Broin, R. Bour, J. F. Parham, J. Perälä: Eurotestudo, a new genus for the species Testudo hermanni Gmelin, 1789 (Chelonii, Testudinidae). In: Comptes Rendus Palevol. 5, Nr. 6, 2006 (doi:10.1016/j.crpv.2006.03.002), S. 803–811. wurde von anderen Wissenschaftlern und CITES nicht übernommen, zumal mittlerweile feststeht, dass in diesem Fall die ältere Gattungsbezeichnung Chersine zur Verfügung stehen würde.U. Fritz, M. Auer, A. Bertolero, A. Heylan, T. Fattizzo, A. K. Hundsdorfer, M. M. Sampayo, J. L. Pretus, P. Siroky, M. Wink: A rangewide phylogeography of Hermann's tortoise, Testudo hermanni (Reptilia: Testudines: Testudinidae): implications for taxonomy. (PDF-Datei; 1,77 MB) In: Zoologica scripta. 35, Nr. 5, 2006 (doi:10.1111/j.1463-6409.2006.00242.x), S. 531–543. in der CITES-Artendatenbank (englisch)
Auch um Namen und Anzahl der Unterarten gab es einige Verwirrung, da Gmelin bei der Erstbeschreibung im Jahre 1789 ein Fehler unterlaufen war. So wurden als Testudo hermanni hermanni zunächst Tiere der östlichen Verbreitungsgebiete bezeichnet, solche der westlichen Verbreitungsgebiete dagegen als Testudo hermanni robertmertensi. Auch die Ausgliederung einer Lokalform aus Dalmatien als dritte Unterart beziehungsweise eigenständige Art hat sich in genetischen Untersuchungen nicht bestätigt. Heute werden allgemein zwei Unterarten anerkannt:
Testudo hermanni hermanni, Gmelin 1789
Der Rückenpanzer dieser Unterart ist etwas höher gewölbt und hat eine intensivere Gelbfärbung. In starkem Kontrast dazu stehen die gut abgegrenzten und symmetrischen, schwarzen Färbungselemente, die oft über die Hälfte der Fläche einnehmen. Auf dem Rückenpanzer oberhalb des Schwanzes (fünfter Wirbelschild (Vertebrale)) befindet sich eine charakteristische, schwarz eingefasste Schlüssellochzeichnung. Der Bauchpanzer hat zwei zusammenhängende, schwarze Bänder entlang der Mittelnaht. Die Vorderfüße besitzen in der Regel an ihrer Unterseite keine schwarze Pigmentierung. Die Basis der Krallen ist oft hell gefärbt.
Verbreitung: Ostspanien, Südfrankreich, Balearen, Korsika, Sardinien, Mittelitalien. Die auf den Mittelmeerinseln lebenden Populationen beruhen auf Ausbringung durch den Menschen. Terra typica: Collobrières, Var, Frankreich Holotypus: Museum der Zoologie, Universität Straßburg, MZUS 121 Namensherkunft: Die Unterart wurde nach Johann (bzw. Jean) Hermann (1738–1800) benannt, einem Zoologen, Botaniker, Mediziner, Chemiker und Philosophen aus Straßburg, in dessen zoologischer Sammlung sich das Typusexemplar dieser Art befand.
Testudo hermanni boettgeri, Mojsisovics 1889
Der Rückenpanzer von T. h. boettgeri ist etwas weniger hochgewölbt als bei der westlichen Unterart. Die Färbung des Panzers ist stroh- bis olivgelb mit schwarzen Flecken, insgesamt jedoch nicht ganz so kontrastreich wie bei der Nominatform. Der Bauchpanzer ist fast immer hornfarben und weist zu beiden Seiten der Mittelnaht nur einzelne schwarze Flecken auf, zumeist keine Bänder. Der Kopf hat eine bräunliche bis schwarze Färbung und die Basis der Krallen weist eine dunkle Färbung auf.
Die 1899 von Werner als Testudo graeca var.hercegovinensis beschriebene Form wurde 2002 von Perälä als Testudo (hermanni) hercegovinensis re-validiert und von T. h. boettgeri abgespalten,J. Perälä: Biodiversity in relatively neglected taxa of Testudo L., 1758 s. l. In: B. Fertard, B. Culorier (Hrsg.): Actes du Congrès International sur le genre Testudo – 7 au 10 mars 2001. SOPTOM, Gonfaron 2002 (Chelonii. Band 3), S. 40–53. was jedoch 2006 bereits wieder von Uwe Fritz angezweifelt wurde. Auch die CITES-Artendatenbank listet keine entsprechende Art auf. in der CITES-Artendatenbank (englisch) Diese im Deutschen als Dalmatinische Landschildkröte bezeichnete Lokalform unterscheidet sich von anderen T. h. boettgeri unter anderem durch ihre kleinere Körpergröße und häufig fehlende Inguinalschilde (Hüftschilde). Perälä gibt als Verbreitungsgebiet der Variante einen Teil des ehemaligen Dalmatiens an, das heißt die kroatische Küstenregion, Bosnien-Herzegowina und Montenegro.
Verbreitung: Kroatien, Nordmazedonien, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Griechenland, europäischer Teil der Türkei. Terra typica: Orșova, Tal des Cerna, Banat Namensherkunft: Der Unterartname boettgeri geht auf den Frankfurter Herpetologen Oskar Böttger (1844–1910) zurück.
Lebensweise in der Natur
Griechische Landschildkröten sind tagaktive Reptilien, die für die Verdauung ihrer überwiegend vegetarischen Nahrung auf die Zufuhr von Sonnenenergie angewiesen sind. Sie können als poikilotherme (wechselwarme) Tiere die nötige Körperwärme nicht selbst erzeugen, sondern müssen sie, ihren jeweiligen Bedürfnissen entsprechend, durch Ortswechsel von schattigen zu sonnigen Plätzen beeinflussen. Für die einwandfreie Verdauung ihrer faserreichen Nahrung benötigen sie für einige Stunden am Tag Körpertemperaturen um 25 bis 30 °C (Präferenztemperatur, Huot-Daubremont, 1996), die sie, zum Beispiel durch ein morgendliches Sonnenbad, auch dann erreichen, wenn die Lufttemperatur noch deutlich niedriger liegt. Oberhalb von 40 °C geraten sie in Lebensgefahr und vergraben sich deshalb in der kühleren Erde. Unterhalb von 8 °C kommt der Stoffwechsel zum Erliegen. Auch Atmung und Herzfrequenz sind stark herabgesetzt.
Lebensraum und Reviergrößen
Die Griechische Landschildkröte besiedelt fast alle Vegetationsformen im Mittelmeerraum bis in eine Höhe von etwa 1500 Metern. Sie bewohnt lichte Kiefern-, Eichen- und Korkeichenwälder, Hecken-, Strauch- und Heidelandschaften (Macchia, Garrigue), sowie Kulturflächen wie Wiesen, Oliven- und Zitrushaine, Ackerland und Gärten. Teilweise wird zwischen einzelnen Vegetationsformen gewechselt, zum Beispiel zur Eiablage. mini|180px|Lebensraum auf Sardinien mini|180px|Perfekte Tarnung mini|180px|Beim Bad in seichtem Wasser Auf ihren Wanderungen zur Futtersuche legen die Tiere im Durchschnitt 80 Meter täglich zurück, teilweise aber auch über 400 Meter. Im Jahr kommen so Wege von rund 12 Kilometer Länge zustande. Die Tiere nutzen dabei sehr große Reviere, je nach Biotop 1,8 Hektar und mehr (Hailey 1989).
Tages- und Jahreszyklus
Nach Ende der Winterstarre im März/April nutzen die Tiere ihre aktive Zeit hauptsächlich zum Sonnenbad in den warmen Vormittagsstunden (Thermoregulation). Die Hauptaktivitätsphase liegt im Mai beziehungsweise Juni. Jetzt kommt es zu gesteigerter Nahrungsaufnahme, Revierveränderungen und Sexualverhalten wie Kopulation und Eiablagen. Die sommerliche Hitze in den Monaten Juli und August zwingt die Tiere zu einem geteilten Tagesrhythmus, mit einem Rückzug in kühle Verstecke während der heißen Tageszeit. Im Herbst (September/Oktober) geht die Aktivität deutlich zurück. Die Aufwärmphasen nehmen jetzt wieder einen Großteil der aktiven Zeit in Anspruch (Cheylan, 2001). Daneben kommt es aber auch zu erneuter Paarungsaktivität. Die kalte Jahreszeit (drei bis fünf, in Ausnahmefällen sechs Monate) wird überwiegend inaktiv in frostfreien Höhlen verbracht. Häufig graben sich die Tiere für den Winterschlaf auch an einer geschützten Stelle in die Erde.
Jungtiere verbringen die ersten Lebensjahre verborgen im Bereich von Hecken und Büschen. Wegen ihrer geringen Körpergröße stellt Überhitzung und Austrocknung für sie eine wesentlich größere Gefahr dar als für erwachsene Schildkröten. Sie sind daher eher an bedeckten Tagen und in den kühleren Tages- und Jahreszeiten aktiv.
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