mini|Grab auf dem Friedhof Lilienthalstraße (Berlin)

Ernst Georg Siegfried Schmutzler (zum Vornamen s. u.; * 14. März 1915 in Leipzig; † 11. Oktober 2003 in Berlin)Vgl. Wir gedenken verstorbener kirchlicher Mitarbeiter. In: Amtsblatt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Dresden, am 27. Februar 2004, Nrn. 3 und 4, S. A 25 (; abgerufen am 8. Dezember 2015; knapper Nekrolog des jeweils letzten Kalenderjahres, lediglich Namen, Geburts- und Sterbedatum sowie die letzte Tätigkeit umfassend). war ein deutscher evangelisch-lutherischer Pfarrer, Dissident und Widerstandskämpfer gegen die SED-Diktatur.

Namensvarianten Autobiographisch und nach DNB, deshalb hier lemmabildend: Georg-Siegfried Schmutzler; daneben sind in der Literatur verschiedene Formen des Vornamens nachweisbar:

Ernst Georg Siegfried Schmutzler – Der vollständige Vorname lautete den Angaben von Angehörigen zufolge Ernst Georg Siegfried Schmutzler, wobei Siegfried der Rufname war. In: esg-leipzig.de. 16. Februar 2011, Foren-Beitrag, 18:03 Uhr, abgerufen am 17. April 2017..

Georg-Siegfried Schmutzler – Die Autobiografien (1992, 1994) u. a. führen den (für das hiesige Lemma maßgeblichen) Doppelnamen Georg-Siegfried Schmutzler; so auch bei der DNB. und z. B. Gerhard Besier: Der SED-Staat und die Kirche 1969–1990. Die Vision vom »Dritten Weg«Propyläen, Berlin u. a. 1995, ISBN 3-549-05454-8..

Georg Siegfried Schmutzler – Die Doppelnamensform ohne Bindestrich scheint außerhalb der Wikipedia selten nachgewiesen, so z. B. im Text [!] des Leipzig-Lexikons und einer landeskirchlichen Bildunterschrift In: evlks.de, abgerufen am 25. Mai 2017..

Siegfried Schmutzler – Dagegen wurde die Dissertation 1939 noch unter dem Rufnamen Siegfried Schmutzler veröffentlicht; die Namensform erscheint ebenso in der Prozessdokumentation des Spiegels von 1957, in den Veröffentlichungen bis 1975 und ebenso später auch bei Gerhard Besier: „Pfarrer, Christen und Katholiken“„Pfarrer, Christen und Katholiken“. Das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen DDR und die Kirchen (= Historisch-theologische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert / Quellen. Band 1). Hrsg. von Gerhard Besier. 2., vermehrte Auflage. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1992, ISBN 3-7887-1416-6, S. 942., bei Neubert, im Leipzig-Lexikon (in der Überschrift), in Chrismon, im Untertitel des Gemäldes Aufrecht stehen von Reinhard Minkewitz (s. u. unter Ehrungen, Literatur und Weblinks) sowie im Nekrolog des kirchlichen Amtsblatts.

Georg Schmutzler – Diese Namensform verwendete Schmutzler seit den 1970er Jahren zunehmend in seiner Korrespondenz.

Leben Georg-Siegfried Schmutzler wuchs in Leipzig bei seiner Mutter auf. Sein Vater war während des Ersten Weltkriegs in Amerika verschollen. Trotz wirtschaftlich schwieriger Verhältnisse ermöglichte ihm seine Mutter den Besuch an der Oberrealschule-Ost (der späteren Humboldtschule) in Leipzig-Reudnitz.Gerald Wiemers (Hrsg.): Leipziger Lebensbilder. Der Stadt Leipzig zu ihrer Ersterwähnung vor 1000 Jahren. 1015–2015 (= Sächsische Lebensbilder. Band 7; Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte. Band 39). Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Leipzig; Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-515-11145-4, S. 489–494, hier S. 490 f. Ab 1933 studierte er Pädagogik und Philosophie an der Universität Leipzig u. a. bei Theodor LittIn seiner Autobiographie würdigt Schmutzler seinen Lehrer Litt. Dieser gab ihm und seiner Generation „das philosophisch-pädagogische Rüstzeug zum geistigen Widerstand gegenüber den Zumutungen der NS-Ideologie und ihres Wahrheitsanspruches wie auch gegenüber der Ideologie, mit der wir es im östlichen Nachkriegsdeutschland zu tun hatten.“ G.-S. Schmutzler: Gegen den Strom, S. 29; zit. n. Wiemers, 2015, S. 492. und wurde dort 1939 über Schleiermachers Erziehungstheorie zum Dr. phil. promoviert.Die Prinzipien der Unterstützung und der Gegenwirkung in Schleiermachers Erziehungstheorie. Dissertation, Universität Leipzig. Hoffmann, Inh. Fritz Seifert, Leipzig 1939. – In seiner Autobiografie Gegen den Strom (1992) bezeichnete Schmutzler den wegen politischer Differenzen auf eigenen Wunsch bereits 1937 emeritierten Theodor Litt als seinen „heimliche[n] Doktorvater“ (S. 40). – Zum Hintergrund siehe Wiemers, 2015, S. 491 (f.): Erstgutachter ist „der eher farblose Hermann Schneider […]. Zweitgutachter ist Hans-Georg Gadamer.“ (Beide unterzeichneten im November 1933 das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler.) 1939 aufseiten der Bekennenden Kirche stehend, wurde er durch langen Kriegsdienst und eine Tuberkuloseerkrankung am „aktiveren“ Widerstand gehindert.Wiemers, 2015, S. 492.

Bald nach dem Überfall Deutschlands auf Polen wurde er zur militärischen Grundausbildung in Döbeln eingezogenG.-S. Schmutzler: Gegen den Strom. S. 54. und arbeitete danach als Volksschullehrer, u. a. erteilte er Religionsunterricht. Als Wehrmachtsangehöriger war er ab 1941 in Jugoslawien eingesetzt und in Auseinandersetzungen mit Partisanen verwickelt.G.-S. Schmutzler: Gegen den Strom. S. 56. Im gleichen Jahr heiratete er die Volksschullehrerin Marianne Dachsel. Bis zum Februar 1946 blieb er Kriegsgefangener.

Unter geänderten politischen Rahmenbedingungen in der Sowjetischen Besatzungszone konnte er nicht wieder in den Schuldienst zurückkehren. Bereits in den ersten Kriegsjahren entstand der Wunsch, Theologie zu studieren, und so begann er 1946 ein Studium der evangelischen Theologie in Leipzig. Er hörte wieder bei Litt, ferner bei Ernst Sommerlath, dem er assistierte, Albrecht Alt, Albrecht Oepke, Franz Lau und Martin Doerne. Die Evangelische Studentengemeinde wird ihm zur „Mitte“ seines Lebenszusammenhangs.G.-S. Schmutzler: Gegen den Strom, S. 68; zit. n. Wiemers, 2015, S. 493. 1951 schloss er das Studium mit dem Fakultätsexamen ab, woran sich die Ausbildung als Lehrvikar im Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenamt Sachsen in Dresden anschloss.Vgl. das Biogramm bei Cornelia Schnapka-Bartmuß: Die evangelischen Studentengemeinden Leipzig und Halle/Saale in den Jahren 1945 bis 1971. Dissertation, Universität Leipzig. Leipzig 2008, S. 398 f.

Bereits 1946/47 war er Stadtverordneter in Markranstädt bei Leipzig, 1946–1950 Mitglied der CDU.

1952 ordiniert, wirkte er zunächst als Hilfsgeistlicher in Panitzsch (Kirchenbezirk Leipzig-Land), danach arbeitete er als Pfarrer an der Kreuzkirche in Dresden mit Dienstleistung als Studieninspektor im Predigerseminar Lückendorf. Von 1954 bis 1957 wirkte er als Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens an der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde St. Petri in Leipzig und zugleich als Studentenpfarrer der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig (ESG Leipzig), wo er sich kritisch mit der herrschenden Ideologie und der entsprechenden staatlichen Praxis der DDR auseinandersetzte.

mini|Solidarischer Schweigemarsch in Freiburg im Breisgau (Dezember 1957) Nach einer Evangelisationswoche in Böhlen vom 23. Februar bis zum 1. März 1957 unter Beteiligung von Studierenden der ESG Leipzig wurde Schmutzler am 5. April 1957 in seiner Wohnung in der Alfred-Kästner-Straße 11 in Leipzig von der Staatssicherheit der DDR verhaftet. Nach einem von gegensätzlichem propagandistischen Medieninteresse im In- und AuslandVgl. Der Spiegel unter Weblinks. begleiteten „Schauprozess“Der Begriff wird auch von Wiemers, 2015, S. 489, verwendet. wurde Schmutzler am 28. November 1957 wegen sog. „Boykotthetze“ zu fünf Jahren Haft verurteilt.Vgl. zu Verhaftung, Verhören und Prozess: Schnapka-Bartmuß: Die evangelischen Studentengemeinden. S. 219–227; und ihre Einschätzung S. 225 Anm. 990: „Der Prozess gegen Schmutzler war ein klassischer Schauprozess.“ Vgl. Falco Werketin: Art. Schauprozesse. In: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur. Hrsg. von Hans-Joachim Veen u. a. München 2000, S. 317 f., zit. nach Schnapka-Bartmuß, S. 225 Anm. 990. – Die Gedenktafel am Georg-Siegfried-Schmutzler-Haus, Sitz der ESG Leipzig (s. u. Ehrungen), nimmt diesen Begriff 2011 auf. – Zum Schmutzler-Prozess gibt es eine vorausgehende Parallele in der DDR-Justizgeschichte: Bereits 1952 wurde Johannes Hamel, der Studentenpfarrer von Halle (Saale), wegen „Boykotthetze“ verurteilt, nach internationalen Protesten und dem Volksaufstand 1953 freigelassen. Vgl. Schnapka-Bartmuß, S. 318–324. Er war bis zu seiner (vorzeitigen) Entlassung am 18. Februar 1961 in Torgau inhaftiert. Ein seitens der DDR geplanter, durch den Jura-Professor Friedrich Karl Kaul sondierter Gefangenenaustausch gegen Robert Esterle, ein am 27./28. Mai 1960 in der Bundesrepublik Deutschland verurteiltes Mitglied der 1956 verbotenen KPD, fand nicht statt.Vgl. Schnapka-Bartmuß: Die evangelischen Studentengemeinden. S. 233 f. Nach seiner Entlassung hat nach Schmutzlers Angaben der sächsische Landesbischof Gottfried Noth bei ihm – unausgesprochen wohl für die opportunistische, wenigstens zurückhaltend-taktierende Haltung der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens – um Vergebung gebeten.Vgl. G.-S. Schmutzler: Gegen den Strom. S. 231, über die erste Begegnung Schmutzlers und seiner Frau seit dem Prozess mit dem Landesbischof Noth im Dresdener Landeskirchenamt: „Jetzt hielt der Bischof meine Hand, blickte mich an und fragte: »Bruder Schmutzler, können Sie uns vergeben?« Ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich stammelte ein unbeholfenes Ja.“

Schmutzler wurde dann Pfarrer an der Jakobikirche in Dresden mit Dienstleistung im Landeskirchenamt und damit für 20 Jahre bis zu seinem Ruhestand Theologisch-pädagogischer Fachberater der sächsischen Landeskirche und beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK).Vgl. G.-S. Schmutzler: Gegen den Strom. S. 231, und Schnapka-Bartmuß: Die evangelischen Studentengemeinden. S. 399. Vom Sommersemester 1968 bis zum Sommersemester 1981 lehrte er als Lehrbeauftragter für Philosophie und im gleichen Zeitraum als Lehrbeauftragter für Pädagogik am Theologischen Seminar LeipzigDer Nekrolog vermerkt: „zuletzt tätig als Landeskirchlich[er] Beauftragter für theologisch-pädagogische Arbeit“. Wir gedenken verstorbener kirchlicher Mitarbeiter. In: Amtsblatt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Dresden, am 27. Februar 2004, Nrn. 3 und 4, S. A 25 (; abgerufen am 8. Dezember 2015; knapper Nekrolog des jeweils letzten Kalenderjahres, lediglich Namen, Geburts- und Sterbedatum sowie die letzte Tätigkeit umfassend). und war seit 1970 Mitglied der Kommission „Kirchliche Arbeit mit Kindern und Konfirmanden“ des BEK.

1981 trat er in den Ruhestand und zog dann nach West-Berlin, wo er mit seiner zweiten Ehefrau lebteVgl. Dagmar Paffenholz: Art. Verurteilt, rehabilitiert und ausgezeichnet. S. 5.. In der Paul-Schneider-Kirchengemeinde Berlin-Lankwitz war er von 1982 bis 2000 Leiter der Arbeitsgruppe „Frieden“.

Schmutzler wurde am 9. Juli 1991 politisch rehabilitiert.Vor dem Oberlandesgericht Stuttgart. Wiemers, 2015, S. 489 Anm. 1. 1996 fanden im Saal 115 des Leipziger Landgerichtes – am Ort seiner Verurteilung – Revisionsprozesse gegen die damaligen DDR-Richter Kurt Bachert und Erich Wirth statt, wobei Schmutzler als Zeuge auftrat.Armin Görtz: Pfarrer Schmutzler durchlebte nochmals DDR-Schauprozess. Zeuge sagte im Verfahren gegen Bachert aus. In: Leipziger Volkszeitung. Nr. 106, 7. Mai 1996; zit. n. Wiemers, 2015, S. 493.

Die Arbeit der nach dem Tode seines Lehrers 1997 gegründeten Theodor-Litt-Gesellschaft begleitete Schmutzler „mit wachem, manchmal auch kritischem Interesse“Wiemers, 2015, S. 494..

Im September 2006 übergab Schmutzlers Witwe Regina den schriftlichen Nachlass ihres Mannes an das Leipziger Universitätsarchiv.

Folgen des Prozesses gegen Schmutzler