Frances „Fanny“ Imlay (* 14. Mai 1794 in Le Havre; † 9. Oktober 1816 in Swansea), eigentlich Fanny Wollstonecraft, wegen ihrer inoffiziellen Adoption durch William Godwin gelegentlich auch Fanny Godwin genannt, war die außereheliche Tochter der britischen Schriftstellerin Mary Wollstonecraft und des amerikanischen Spekulanten Gilbert Imlay.
Fanny Imlay hat keine literarischen Werke hinterlassen. Sie zählt jedoch zum Umfeld eines Personenkreises, der zum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts maßgeblich die englische Literatur und Philosophie beeinflusste. Aufgrund ihres sozialen Umfelds ist Fanny Imlays kurzes Leben von Interesse für die Literatur- und Sozialgeschichte.
So verfasste ihre Mutter Mary Wollstonecraft 1792 mit Verteidigung der Rechte der Frau eine der grundlegenden Arbeiten der Frauenrechtsbewegung. Ihr Stiefvater William Godwin war ein einflussreicher Sozialphilosoph und zeitweilig der führende Theoretiker der liberalen Whig-Partei. Er gilt als Vordenker des politischen Anarchismus.Pechmann, S. 10. Ihre Halbschwester Mary Godwin ist unter dem Namen Mary Shelley als Autorin von Frankenstein oder Der moderne Prometheus, einem der bekanntesten Werke der phantastischen Literatur,Pechmann, S. 8. in die Literaturgeschichte eingegangen. Der Verleger Joseph Johnson verwaltete für Fanny Imlay zeitweilig einen Teil des mütterlichen Erbes; Percy Bysshe Shelley zählt zu den Dichtern der englischen Romantik und Claire Clairmont war eine der Geliebten Lord Byrons.
Leben Obwohl ihre Eltern Mary Wollstonecraft und Gilbert Imlay für eine kurze Zeitspanne vor und nach der Geburt von Fanny Imlay eine glückliche Beziehung führten, trennte Gilbert Imlay sich 1795 von Mary Wollstonecraft. Sie heiratete im Jahre 1797 William Godwin und starb noch im selben Jahr an den Folgen der Geburt von Mary Godwin (später bekannt als Mary Shelley). Fanny Imlay wuchs bei William Godwin auf, der vier Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau mit Mary Jane Clairmont eine zweite Ehe einging. Diese brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Während Fanny Imlay und Mary Godwin ihrer Stiefmutter kritisch gegenüberstanden, war die Beziehung zu ihrer Stiefschwester Claire Clairmont eng. Die wachsende Verschuldung von William Godwin führte jedoch dazu, dass es innerhalb der Godwin-Familie zunehmend zu Spannungen kam. 1814 verließen die beiden Teenager Mary Godwin und Claire Clairmont heimlich die Familie, bereisten gemeinsam mit dem Dichter Percy Bysshe Shelley Teile des europäischen Kontinents und ließen sich dann mit ihm in England nieder. Die bei der Familie bleibende Fanny Imlay beging 1816 im Alter von 22 Jahren Suizid.
Geburt rechts|miniatur|Mary Wollstonecraft, gemalt von ihrem Freund John Opie. Sie war zu diesem Zeitpunkt mit Fanny Imlays Halbschwester Mary Godwin schwangerTodd, Death and the Maidens, 39. Fanny Imlays Eltern hatten sich unabhängig voneinander während der Französischen Revolution in Frankreich niedergelassen. Gilbert Imlay hielt sich aus geschäftlichen Gründen in Frankreich auf. Mary Wollstonecraft war nach der Publikation ihres einflussreichen und weit gelesenen Buches Verteidigung der Rechte der Frau (erschienen 1792) nach Frankreich gezogen, weil sie hoffte, dort den Aufbruch einer neuen bürgerlichen Gesellschaft zu erleben, die Frauen gleiche Rechte gewähren werde.Melanie Phillips: The Ascent of Woman – A History of the Suffragette Movement and the ideas behind it. Time Warner Book Group, London 2003. ISBN 0-349-11660-1, S. 9. Die Wirren der französischen Revolution behinderten zeitweilig die Beziehung zwischen Mary Wollstonecraft und Gilbert Imlay. Für einige Zeit war es Gilbert Imlay verboten, das Stadtgebiet von Paris zu verlassen, beziehungsweise für Mary Wollstonecraft nicht möglich, nach Paris zu reisen. Mary Wollstonecraft traf ihren Liebhaber deswegen gelegentlich an einer Zollstelle an der Stadtgrenze zwischen Paris und vermutlich Neuilly-sur-Seine. Fanny Imlay wurde dort gezeugt, was später für ihren Stiefvater William Godwin der Anlass war, sie als „Grenzkind“ zu bezeichnen.St Clair, S. 182; Todd, Death and the Maidens, S. 54. Obwohl mit Gilbert Imlay nicht verheiratet, nahm Mary Wollstonecraft seinen Nachnamen an. Sie war damit in der Lage, einer Anordnung des Konvents zu entgehen, die eine Verhaftung aller in Frankreich lebenden Engländer vorsah. Für den Namenswechsel reichte ein einfaches Zertifikat der amerikanischen Gesandtschaft aus.Pechmann, S. 27.
Frühe Kindheit Gilbert Imlay wurde seiner Partnerin und des Familienlebens schnell überdrüssig. Er ließ Mary Wollstonecraft und Fanny Imlay zunächst für immer längere Zeit allein zurück und verließ schließlich die beiden, um mit einer Schauspielerin zusammenzuleben.Melanie Phillips: The Ascent of Woman – A History of the Suffragette Movement and the ideas behind it. Time Warner Book Group, London 2003. ISBN 0-349-11660-1, S. 13. Im April 1795 kehrte Mary Wollstonecraft mit ihrer Tochter nach London zurück. Gilbert Imlay, den sie in London aufsuchte, lehnte es ab, erneut mit seiner ehemaligen Geliebten zusammenzuleben. Um ihn für sich zurückzugewinnen, reiste Mary Wollstonecraft gemeinsam mit der mittlerweile einjährigen Fanny Imlay und einem Dienstmädchen von Juni bis September 1795 nach Skandinavien, um dort für ihren ehemaligen Geliebten Geschäfte zu tätigen. Die Reise zeugt nicht nur von Mut, weil sie während der Koalitionskriege stattfand. Skandinavien galt als unzivilisiertes und raues Land und Frauen reisten zur damaligen Zeit selten ohne männliche Begleitung. Basierend auf den während der Reise verfassten Tagebüchern und Briefen, schrieb Mary Wollstonecraft den Reisebericht Briefe aus Schweden, Norwegen und Dänemark (1796), in dem sie unter anderem auch die Mutterschaft anpries.Tomalin, 225–31; Todd, Mary Wollstonecraft, 311ff; Todd, Death and the Maidens, 22–23. In diesem letzten vollendeten Werk spielt ihre liebevolle Beziehung zu Fanny Imlay eine große Rolle. An einer Stelle ist ihre Tochter Anlass für eine Reflexion über den Stellenwert, den die Gesellschaft einer Frau zuwies: miniatur|180px|Vor einem ihrer Suizidversuche schrieb Mary Wollstonecraft auf die erste Seite ihres Werkes Lessons (Lehren): Das erste Buch einer Reihe, die ich eigentlich für meine unglückliche Tochter schreiben wollteWilliam Godwin, der nach dem Tod seiner Frau als ihr Verleger agierte, ging davon aus, dass Mary Wollstonecraft diese Notiz im Oktober 1795 verfasste. […] als Frau hänge ich ganz besonders an ihr [Fanny Imlay] – ich fühle mehr als nur die Zärtlichkeit und die Besorgnis einer Mutter, wenn ich über den abhängigen und unterdrückten Stand ihres Geschlechtes nachdenke. Ich fürchte, dass sie einstmals gezwungen wird, ihr Herz ihren Prinzipien zu opfern oder ihre Prinzipien ihrem Herzen. Zitternd werde ich hier Empfindsamkeit heranziehen und mich ihres Feingefühls erfreuen, denn, während ich damit den Rosenthe english rose ist eine Redewendung, die häufig symbolisch für englische Frauen verwendet wird. eine neue Farbe verleihe, werde ich so auch die Dornen schärfen, die eines Tages die Brust verletzen, über die ich mit so viel Freude wache – Ich fürchte, ihren Verstand zu schärfen, weil es sie möglicherweise ungeeignet für die Welt machen wird, in der sie leben wird – Arme Frau! Was für ein Schicksal erwartet Dich!Zitiert in Todd, Mary Wollstonecraft, S. 326–27. Im Original lautet das Zitat: You know that as a female I am particularly attached to her – I feel more than a mother’s fondness and anxiety, when I reflect on the dependent and oppressed state of her sex. I dread lest she should be forced to sacrifice her heart to her principles, or principles to her heart. With trembling hand I shall cultivate sensibility, and cherish delicacy of sentiment, lest, whilst I lend fresh blushes to the rose, I sharpen the thorns that will wound the breast I would fain guard – I dread to unfold her mind, lest it should render her unfit for the world she is to inhabit – Hapless woman! what a fate is thine!
Während Mary Wollstonecraft sich in ihrem Reisebericht direkt über ihre Tochter äußerte, war Fanny Imlay der Anlass für zwei weitere, unvollendet gebliebene Werke ihrer Mutter. Mary Wollstonecraft begann an Letters on the Management of Infants (Briefe über die Erziehung von Kleinkindern) und Lessons (Lehren) zu arbeiten, die auf ihren Erfahrungen in der Erziehung ihrer Tochter basierten. Lessons ist dabei ein Buch, mit dem Kinder den ersten Leseunterricht erhalten sollten.Tomalin, 249; Todd, Mary Wollstonecraft, 259–60; Seymour, 26.
1796 erneuerte Mary Wollstonecraft ihre Bekanntschaft mit dem einflussreichen Sozialphilosophen und Vordenker des Anarchismus, William Godwin. Sie war ihm 1791 das erste Mal während eines Abendessens begegnet, das ihr Verleger und enger Freund Joseph Johnson für Thomas Paine gab. Beide gehörten gleichermaßen dem Kreis radikaler Vordenker an, legten viel Wert auf Unabhängigkeit und standen der Institution der Ehe kritisch gegenüber. Sie führten deswegen zunächst getrennte Haushalte. Erst am 29. März 1797, kurze Zeit nachdem Mary Wollstonecraft entdeckt hatte, dass sie erneut schwanger war, heirateten die beiden, um einer gesellschaftlichen Ächtung zu entgehen. William Godwin hatte bereits vor der Ehe begonnen, ein enges Verhältnis zu der knapp dreijährigen Fanny Imlay zu entwickeln.Todd, Mary Wollstonecraft, 439–42; Todd, Death and the Maidens, 30; Locke, 130; Seymour, 18. Mary Wollstonecraft starb im September 1797 an den Folgen der Geburt von Mary Godwin. Nach ihrem Tod nahmen William Godwin und Joseph Johnson Kontakt zu Gilbert Imlay auf. Dies geschah vermutlich eher aus einem Pflichtgefühl gegenüber dem leiblichen Vater als wegen des Wunschs, sich der Erziehung von Fanny Imlay zu entziehen. Beide zogen beispielsweise Erkundigungen über den Charakter der Frau ein, mit der Gilbert Imlay zu diesem Zeitpunkt zusammenlebte. Gilbert Imlay zeigte jedoch kein Interesse daran, seine Tochter, die er seit 1796 nicht mehr gesehen hatte, großzuziehen.St Clair, S. 296; Tomalin, S. 287; Todd, Death and the Maidens, S. 31–32. Eliza Bishop und Everina Wollstonecraft, die beiden Schwestern von Mary Wollstonecraft, hätten dagegen ihre Nichte gerne bei sich aufgenommen und boten dies mehrfach William Godwin an. William Godwin, der beide Frauen nicht schätzte, lehnte ihre Angebote allerdings stets ab.Todd, Death and the Maidens, 35–36 und 52ff; Seymour, 38, 40–41; sowie Locke 218. Letztlich wurde Fanny Imlay inoffiziell von ihrem Stiefvater adoptiert und trug fortan den Nachnamen Godwin.Tomalin, 271 ff.; Todd, Mary Wollstonecraft, 448 ff.; Todd, Death and the Maidens, 30. Joseph Johnson übernahm für Fanny Imlay inoffiziell die Rolle eines Vermögensverwalters. Er vermachte ihr in seinem Testament sogar 200 Pfund Sterling. Als Joseph Johnson jedoch im Jahre 1809 starb, war William Godwin so hoch bei ihm verschuldet, dass Johnsons Erben von William Godwin verlangten, dieses Geld zu verwenden, um wenigstens einen Teil seiner Schulden zu begleichen.St Clair, S. 305; Todd, Death and the Maidens, S. 67.