Ladino (in hebräischer Schrift ), auch Djudeo-Espanyol () und Djudezmo (), eingedeutscht Judäo-Spanisch (auch Judenspanisch, Jüdischspanisch), ist eine romanische Sprache der sephardischen Juden.Sepharden sind diejenigen Juden, deren Vorfahren bis zu ihrer Vertreibung 1492 (Alhambra-Edikt) in Spanien oder bis 1497 in Portugal lebten, sowie Nachfahren von zum Christentum konvertierten Juden, die nach der Vertreibung der Juden auf der Iberischen Halbinsel verblieben und später auswanderten und zum Judentum (re)konvertierten. Letztere waren an der Ausbildung der judenspanischen Sprache nicht beteiligt, da ihre Zufluchtsorte (Frankreich, England, Holland, Norddeutschland) nicht in den Siedlungsgebieten der Judenspanisch sprechenden Gemeinden (Osmanisches Reich, Marokko) lagen. Gelegentlich, insbesondere im Volksmund, werden weitere Bezeichnungen verwendet, darunter Spanyol, eingedeutscht Spaniolisch, und Djidió. Die heute in Israel offiziell verwendete Sprachbezeichnung ist „Ladino“, die jedoch umstritten ist.Die Knesset, das israelische Parlament, beschloss 1996 die Gründung der Autoridad Nasional del Ladino i su Kultura.Gabinskij 2011:25Das seit 2017 laufende Forschungsprojekt Mother Tongue – The Preservation of Jewish Laguages and Cultures an den Universitäten Haifa und Bar-Ilan (Ramat-Gan) verwendet hingegen die Bezeichnung „Judeo-Spanish (Ladino)“. Haketía ist die Bezeichnung eines Dialekts des Ladino, der in Marokko gesprochen wurde.
Ladino hat sich im Laufe von Jahrhunderten aus verschiedenen Varietäten der iberoromanischen Sprachen, insbesondere dem Kastilischen, unter dem Einfluss mehrerer Kontaktsprachen herausgebildet. Als jüdische Sprache weist Ladino insbesondere im Wortschatz Einflüsse des Hebräischen und Aramäischen auf, aber auch der Sprachen der Siedlungsgebiete der sephardischen Juden, Arabisch, Türkisch, Italienisch, Griechisch und Slawisch. Auch Entlehnungen aus dem Französischen, das in vielen Ländern des Mittelmeerraumes als Bildungssprache und internationales Kommunikationsmittel diente, sind häufig. In der Phonetik des Ladino fällt insbesondere die Aussprache /dʒ/ oder /ʒ/ für die im modernen Spanisch als Kehllaut gesprochenen j und g sowie /s/ oder /z/ für den im Spanischen z (oder mitunter c) geschriebenen Lispellaut auf. Des Weiteren tendiert Ladino weniger als Spanisch dazu, die stimmhaften Laute /b/, /d/, /g/ als Frikativ zu realisieren.
Das Verhältnis zwischen Ladino und den Sepharden war in kulturgeschichtlicher und soziolinguistischer Hinsicht vergleichbar mit dem von Jiddisch und den Aschkenasim. Ebenso wie dieses wurde Ladino vom Europarat im Jahr 1998 als schützenswerte „langue minoritaire déterritorialisée“ (Minderheitensprache ohne Territorium) anerkannt.Ladino auf der Website des INALCO, Paris, abgerufen am 26. Juni 2026.
Die verschiedenen Sprachbezeichnungen Die Bezeichnung der hier zu behandelnden Sprache ist nicht einheitlich. Welche Bezeichnung verwendet wird, ist zum Teil geografisch bedingt. Manche Forscher sehen im Fehlen eines einheitlichen Namens ein Indiz dafür, dass die Sprache kein hohes Ansehen genossen hat und „ihre Sprecher sie gewissermaßen […] als Jargon qualifizieren“.Gabinskij 2011:23 mini|500px|Bedeutende Ladino sprechende Gemeinden rund um das Mittelmeer in der Geschichte; die meisten davon bestehen heute nicht mehr
Ladino Der Begriff Ladino wird häufig, insbesondere in Israel, als Bezeichnung für eine spätestens seit dem 16. Jahrhundert von sephardischen Juden gesprochene romanische Sprache verwendet, bezeichnet jedoch in seinem ursprünglichen Sinn nur die im Mittelalter praktizierte Interlinearübersetzung der hebräischen Bibel, von Haggada und Siddur in ein Romanisch der Iberischen Halbinsel. Demnach war Ladino eine künstlich geschaffene Schriftsprache, die im Prozess des Wort-für-Wort-Übersetzens aus dem Hebräischen entstandBusse 1991:42 und als einzigen Zweck hatte, die Lektüre religiöser Schriften zu erleichtern, nicht jedoch als Volkssprache zu dienen.Overbeck 2005:117 In diesem Sinne ist Ladino nicht mit dem gesprochenen und später auch geschriebenen und gedruckten Romanisch der Sepharden identisch.
Der Grund zur Anfertigung von Wort-für-Wort-Übersetzungen aus dem Hebräischen in eine andere Sprache ist das im 5. Buch Mose (Deuteronomium) formulierte Gebot, den Wortlaut der als göttlich offenbart geltenden biblischen Texte nicht zu verändern.Overbeck 2005:115 Auch die Übersetzung, so nahm man an, sollte demzufolge dem hebräischen Original möglichst nahe stehen und dessen Besonderheiten verdeutlichen. Daher setzte sich die Übersetzung ins Ladino oft über Regeln der spanischen Grammatik, etwa im Satzbau, zugunsten der hebräischen hinweg. Es wird davon ausgegangen, dass Ladino im 13. Jahrhundert geschaffen wurde, um Übersetzungen für Juden anzufertigen, die das Hebräische nur unzureichend beherrschten.Gabinskij 2011:17fOverbeck 2005:144 Ein berühmtes Werk dieses Genres ist die von Gracia Nasi in Auftrag gegebene, 1553 von Abraham Usque gedruckte Bibel von Ferrara.Overbeck 2005:134 In der Linguistik wird für Sprachen wie Ladino die Bezeichnung Calque-Sprache („durchgepauste Sprache“) verwendet.Gabinskij 2011:18Auch Bibelübersetzungen ins Deutsche wurden insbesondere im Zuge der jüdischen Aufklärung (Haskala) nach diesem Verfahren angefertigt. Im Laufe der Jahrhunderte beeinflusste das kontinuierliche Studium der Ladino-Texte in einem gewissen Maße auch das gesprochene Romanisch der Sepharden, verschmolz aber nie damit.Gabinskij 2011:18f Daher wird für dieses in der Wissenschaft wie im Volksmund oft eine gesonderte Bezeichnung, etwa djudeo-espanyol, gewählt (siehe weiter unten).
Ladino ist des Weiteren nicht mit dem Ladinischen der Alpenregion zu verwechseln, das ebenfalls eine romanische Sprache und damit lateinischen Ursprungs ist. Das Wort Ladino geht in der Bezeichnung beider Sprachen auf das lateinische Wort latinus („latinisch“, „lateinisch“) zurück. Die Bezeichnung ladino in Bezug auf die oben beschriebene Interlinear-Übersetzung hebt deren Sprachform terminologisch vor allem vom Hebräischen ab – den Bibeltext auf Hebräisch von dem in seiner „latinisierten“, d. h. der romanischen Volkssprache angenäherten Übersetzung. Erst später wird der Begriff Ladino gebraucht, um das ursprünglich iberische Romanisch, das Juden in andere Länder mitnahmen (zur sephardischen Diaspora siehe unten), von anderen Volkssprachen wie Spanisch, Portugiesisch etc. als eigenständige Sprache zu unterscheiden.
Djudeo-Espanyol (Judäo-Spanisch, Judenspanisch, Jüdischspanisch) Für viele Sprachhistoriker ist Judäo-Spanisch, Judenspanisch, Jüdischspanisch oder fremdsprachlich Jud(a)eo-Spanish, Judéo-Espagnol etc. sowie auf Ladino Djudeo-Espanyol der angemessene Begriff zur Bezeichnung der romanischen Sprache der Sepharden, da er sowohl auf die historische Grundlage dieser Sprache als auch auf ihre Sprecher verweist.Bitzer 1998:120 In wissenschaftlichen Darstellungen ist es die am häufigsten verwendete Bezeichnung. Auch in Israel wird sie öfter verwendet.
Djudezmo und Djidió Djudezmo ist vom spanischen Wort judaísmo abgeleitet, das eine von den nichtjüdischen Nachbarn der Sepharden gebrauchte Bezeichnung für die Gesamtheit der jüdischen Gebräuche einschließlich deren Sprechweise war. Inzwischen taucht Djudezmo auch in sprachwissenschaftlichen Schriften vor allem US-amerikanischer und jüdischer Forscher auf. Verbreitet war diese Bezeichnung traditionell in Bulgarien, Mazedonien und Teilen Griechenlands und Rumäniens.Gabinskij 2011:20 In der Türkei war eine ähnliche Bezeichnung, djidió, üblich, die vom spanischen Wort judío („Jude“, „jüdisch“) abgeleitet ist.
Espanyol und Spanyol (Spaniolisch) Vor allem in der Türkei war diese Bezeichnung dort verbreitet, wo djidió kaum oder nicht gebräuchlich war. In der Form spanyol war sie die meistgebrauchte Bezeichnung für Ladino in den jüdischen Gemeinden Palästinas. Die dortigen Juden sprachen vorwiegend Ladino und Arabisch,Gabinskij 2011:21 bevor die Einwanderung aus Mittel- und Osteuropa Jiddisch (vorübergehend) und Hebräisch (dauerhaft) zu den vorherrschenden Alltagsidiomen der Juden Palästinas machte. Die auf -it endenden Formen espanyolit, spanyolit sind die von espanyol bzw. spanyol abgeleiteten hebräischen Bezeichnungen.
Sefaradí und Sefardí (Sephardisch) Dieser auf das hebräische Wort für Iberien oder Spanien (Sepharad) zurückgehende Terminus ist keine Bezeichnung der Sprache seitens der Sprecher selbst und wird in der Regel verwendet, um Sepharden und ihr Brauchtum (mitunter auch ihre Sprache) von dem anderer ethnischer Untergruppen des jüdischen Volkes zu unterscheiden, etwa von den Aschkenasen.Gabinskij 2011:24 Verallgemeinernd umfasst er manchmal auch die Misrachim, orientalische Juden, die nicht spanischen Ursprungs sind und nicht Ladino sprechen, deren Siedlungsräume sich jedoch mit denen der Sepharden überschnitten.
Haketía und Hakitiya (Westliches Judenspanisch)
Als Bezeichnung der Sprache der sephardischen Juden wurde der aus dem Arabischen abgeleitete Terminus ausschließlich in Nordmarokko und nur für das hier verbreitete sephardische Romanisch verwendet. Haketía ist ein eigener Dialekt des Ladino, der wesentliche Unterschiede zum Ladino des östlichen Mittelmeerraums aufweist. Daher ist Haketía kein Synonym der oben angeführten Bezeichnungen.Alexander 2007:97 Der Begriff ist vom arabischen ḥekāiat (Sprechen, Erzählung) abgeleitet.Alexander 2007:99 Die Sprachwissenschaft verwendet statt „Haketía“ auch die Bezeichnung „westliches Judenspanisch“.
Geschichte und Verbreitung Die Juden und ihre Sprachen auf der Iberischen Halbinsel bis 1492 mini|hochkant=1.2|Die sprachliche Situation auf der Iberischen Halbinsel vom 13. bis zum 21. Jahrhundert
Kastilisch („Spanisch“) wird heute über die gelb gezeichneten Gebiete hinaus auch in den anderen Regionen Spaniens neben den dortigen Regionalsprachen als Erst- oder Zweitsprache verwendet, auch in Galicien, nicht jedoch im südlichen Teil des galicisch-portugiesischen Sprachraums, also in Portugal. Auf der Karte nicht ausgewiesen ist die mozarabische Sprache, die sich im muslimischen Herrschaftsgebiet aus dem Vulgärlatein bildete und erst im Zuge der Reconquista mit dem nördlichen Ibero-Romanisch verschmolz; ihr Sprachgebiet deckte sich weitgehend mit dem des Arabischen. Ladino basiert hauptsächlich auf dem Kastilischen des 15. Jahrhunderts und entwickelte sich von da an außerhalb der Länder der Iberischen Halbinsel zu einer eigenen Sprache, die, im Alltag verwendet, in Erzählungen und Liedern Ausdruck eines lebendigen Volkstums wurde und sich insbesondere im 19. Jahrhundert zu einer wichtigen Sprache im jüdischen Zeitungs- und Buchwesen der Balkanländer, Kleinasiens und der Levante entwickelte
Historiker gehen davon aus, dass sich Juden bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. auf der Iberischen Halbinsel ansiedelten, vor allem in den Hafenstädten der Mittelmeerküste. Das älteste dokumentarische Zeugnis ist indes ein ins 2. Jahrhundert n. Chr. datierter jüdischer Grabstein. Aus schriftlichen Quellen ist bekannt, dass im 4. Jahrhundert n. Chr. der Anteil der jüdischen Bevölkerung auf der Halbinsel beträchtlich gewesen sein soll.Bitzer 1998:15–18 Wie die heidnische und christliche Bevölkerung wurde sie unter dem Einfluss der römischen Herrschaft romanisiert und begann die aus dem Latein entstehenden romanischen Volkssprachen zu sprechen. Dieser Prozess setzte sich nach der Ausdehnung des Westgotenreiches auf die Iberische Halbinsel (nach 418) fort.