miniatur|hochkant=1.5|Kernkraftwerke und Forschungsreaktoren in der Tschechoslowakei (Stand 1989) Das Nuklearprogramm der Tschechoslowakei war ein ziviles Programm zur Förderung der Nutzung der Kernenergie, das ab der Mitte der 1950er Jahre betrieben wurde und nach der Auflösung der Tschechoslowakei 1992 von den Nachfolgestaaten übernommen wurde. Es umfasste die Bemühungen, die Energieversorgung des Landes mit Elektrizität und Wärme aus Kernkraftwerken zu ergänzen. Das Programm war von Anfang an eng an das Nuklearprogramm der Sowjetunion angeknüpft und ab den 1970er Jahren voll in den wirtschaftlichen Raum der RGW-Staaten integriert.
Anfänge Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entschied die damalige Tschechische Akademie der Wissenschaften und Künste in einem Memorandum am 14. Juli 1946 über den Aufbau eines Instituts für Kernphysik. Das neu entstandene Labor für nukleare Physik (Laboratoř pro nukleární fysiku ČAVU) wurde von Václav Petržílka geleitet. Weil zu diesem Zeitpunkt Forschungsergebnisse im Bereich der Kernforschung strenger Geheimhaltung unterlagen und nicht zur Verfügung standen, wurde die Konstruktion eines Forschungsreaktors mit eigenen Kräften angestrebt. Dem Labor gelang die Uranaufarbeitung, es wurde ein theoretisches Rechnungsmodell eines Reaktors ausgearbeitetLadislav Trlifaj, Ivan Úlehla: Výpočet pomalého reaktoru pracujícího s přirozeným uranem. Rozpravy ČSAV 97, Heft 11, 1957 und die Firma Chemoprojekt entwickelte ein Verfahren zur Herstellung des schweren Wassers und des Graphits.
1953 präsentierte Dwight D. Eisenhower im Rahmen seine Rede Atoms for Peace vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen seine Vorstellungen von der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Es folgte die Atomenergie-Konferenz in Genf vom 8. bis 20. August 1955. Bereits vor der geplanten Konferenz bot die Sowjetunion Mitte der 1950er Jahre ihren Verbündeten die Zusammenarbeit im Bereich der friedlichen Nutzung der Kernenergie an.
Mit einem Regierungsbeschluss vom 10. Juni 1955 wurde das Regierungskomitee für Forschung und friedliche Nutzung der Kernenergie (Vládní výbor pro výzkum a mírové využití jaderné energie) eingerichtet. Das Komitee gründete im gleichen Jahr das Institut für Kernphysik (Ústav jaderné fyziky), welches in Řež bei Prag angesiedelt wurde.SÚPB: Historie a předchůdci SÚJB Im Juni 1955 wurde ein Abkommen zwischen der Tschechoslowakei und der Sowjetunion unterzeichnet, aufgrund dessen in einer kurzen Zeit von zwei Jahren in Řež der erste Forschungsreaktor und ein Zyklotron erbaut wurden. Bei dem Reaktor handelte es sich um einen mit Wasser moderierten und gekühlten Forschungsreaktor vom Typ VVR-S, der mit auf 10 % angereichertem Uran betrieben wurde und eine Nennleistung von 2 MW hatte. Am 24. September 1957 kurz vor Mitternacht erreichte der Reaktor erstmals Kritikalität.Miloslav Vobecký: První československý výzkumný jaderný reaktor. Akademický bulletin 2007/09
An der Karls-Universität Prag wurde im selben Jahr die Fakultät für Technische Physik und Kernphysik (Fakulta technické a jaderné fyziky) eingerichtet. Diese war in den folgenden Jahren zusammen mit der bereits 1952 gegründeten Mathematisch-physikalischen Fakultät die prägende Bildungseinrichtung im Bereich Kernenergie in der Tschechoslowakei. Im August 1959 wurde die Fakultät an die Tschechische Technische Universität übergeführt. Für die Ausbildung der mittleren Fachkräfte wurde die Mittelschule für Kerntechnik (Střední průmyslová škola jaderné techniky) in Prag eingerichtet.
Mit einem Regierungsbeschluss vom 29. April 1959 wurde die Kommission für Atomenergie (Komise pro atomovou energii) am Staatlichen Komitee für Entwicklung der Technik errichtet. Dieses Komitee wurde 1962 abgeschafft und durch die Staatliche Kommission für Entwicklung und Koordinierung von Forschung und Technik (SKVT) ersetzt.Drucksache: Gesetzesentwurf über die Errichtung der Staatlichen Kommission für Entwicklung und Koordinierung von Wissenschaft und Technik. Volksversammlung der Tschechoslowakischen sozialistischen Republik, 1962. Die Kommission für Atomenergie wurde in die Tschechoslowakische Kommission für Atomenergie (ČSKAE) umbenannt und erhielt den Status eines ständigen Komitees des SKVT für den Bereich der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Aufgabe der ČSKAE war die Koordinierung des tschechoslowakischen Nuklearprogramms und die Vertretung der Tschechoslowakei in der Ständigen Kommission für Friedliche Nutzung der Atomenergie des RGW und bei der Internationalen Atomenergieorganisation. 1968 wurde die ČSKAE zur föderalen Verwaltungsbehörde und übernahm auch die Funktion der Atomaufsichtsbehörde.
Kernkraftwerk A-1 Im Mai 1956 wurde ein weiterer zwischenstaatlicher Vertrag mit der Sowjetunion über die Zusammenarbeit bei dem Bau des ersten tschechoslowakischen Kernkraftwerkes A-1 unterzeichnet. Als Reaktor für das Kraftwerk wurde der mit Kohlenstoffdioxid gekühlte Schwerwasserreaktor KS-150 ausgewählt, welcher mit natürlichem Uran betrieben wurde. Das Kraftwerk gehörte ähnlich wie das ostdeutsche Kernkraftwerk Rheinsberg zur ersten Generation von Forschungs- und Versuchskraftwerken für die Energieerzeugung und sollte auf experimentelle Weise die wirtschaftliche Verwendbarkeit eines mit natürlichem Uran betriebenen Reaktors überprüfen. In der Tschechoslowakei wurde so eine der mehreren zur Verfügung stehenden Reaktorkonzeptionen experimentell erprobt.
Am 1. Mai 1957 gründete das Ministerium für Energiewirtschaft den staatseigenen Betrieb Kernkraftwerk Bohunice, der die Rolle des Auftraggebers übernahm. Als Hauptauftragnehmer für den baulichen Bereich wurde Hydrostav Bratislava ausgewählt und für den technologischen Bereich die Škoda-Werke in Pilsen. Die Aufgabe des Generalprojektanten übernahm Energoprojekt Praha.Ján Tomčík: Historické aspekty JE A1 – Historic Aspects of A1 NPP. In: Dobroslav Dobák et al.: 50 rokov jadrových elektrární na Slovensku. Jadrová a vyraďovacia spoločnosť und Enel Slovenské elektrárne, 2007. S. 32–55 () Der Reaktortyp wurde von dem sowjetischen Alichanow-Institut für Theoretische und Experimentelle Physik entwickelt, welches auch die wissenschaftliche Betreuung des Vorhabens übernahm. Die Erstellung der detaillierten Planungsvorlagen erarbeitete Škoda mit technischer Unterstützung von LOTEP, der Leningrader Abteilung des sowjetischen Planungsbüros Teploelektroprojekt.AtomStroyExport.com: Complete projects: Bohunice NPP
Bereits in der Anfangsphase erwies sich, dass das sowjetische Reaktorkonzept nicht für die Praxis ausgereift war. Nach einigen Treffen tschechoslowakischer und sowjetischer Fachkräfte und nach Anfertigung der Expertise des technischen Projekts A1 wurde klar, dass sich die tschechoslowakische Beteiligung nicht nur auf die technologische Umsetzung der fertigen technischen Unterlagen beschränken wird, sondern dass umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten notwendig sind. Nach diesem Resultat verloren die zentralen staatlichen Organe zuerst ihren Enthusiasmus an der Kernenergie. Das Projekt wurde erst 1958 durch Lobbyismus seitens der Škoda-Werke wieder fortgesetzt. Die Herstellung des Reaktors wurde ab 1964 in die staatlichen Wirtschaftspläne eingegliedert und die Vollendung des Kraftwerkes unrealistisch auf das Jahr 1968 festgesetzt. In Wirklichkeit kam es zur Netzsynchronisation erst 1972. Für die Entwicklungsarbeiten mitsamt der damit verbundenen Investitionen wurden aus der Staatskasse ca. 700 Mio. Kronen ausgegeben, was etwa 40 % der Gesamtkosten des Kraftwerkes waren.Karel Wagner: Historie účasti společnosti ŠKODA na jaderné energetice
Um die experimentellen Arbeiten und Messungen zu gewährleisten, wurde Ende der 1960er Jahre bei Škoda der wassermoderierte Forschungsreaktor ŠR-0A entwickelt und gebaut. Es handelte sich um den ersten in der Tschechoslowakei konstruierten und hergestellten Reaktor. Der Reaktor hatte eine Leistung von maximal 100 W und wurde mit auf 10 % angereichertem sowjetischen Uran-Kernbrennstoff EK-10 betrieben. Er wurde in Vochov aufgebaut und von der Abteilung Reaktorphysik des Betriebs für Kernkraftwerksbau der Škoda-Werke betrieben. Der Reaktor erreichte am 27. April 1970 erstmals Kritikalität und wurde 1975 im Rahmen der Neuausrichtung der Forschungsarbeiten zum Forschungsreaktor ŠR-0 umgebaut.Igor Janovský: Výzkumné reaktory a radiační technologie v českých zemích. Národní technické muzeum, Praha 2008. ISBN 978-80-7037-174-9
Neuorientierung auf Druckwasserreaktoren vom Typ WWER Ende der 1960er Jahre wurde das Konzept des gasgekühlten Schwerwasserreaktors verlassen und das tschechoslowakische Nuklearprogramm wurde neu auf Druckwasserreaktoren vom Typ WWER-440 ausgerichtet. Zeitgleich mit dem Bau des ersten Kernkraftwerks mit WWER-Technologie ereignete sich am 22. Februar 1977 ein Unfall im Kernkraftwerk A1. Beim Brennstoffwechsel wurden an einem neu zugefügten Brennstab Reste des Trocknungsmittels Kieselgel vergessen.SME.sk: Černobyľ mohol byť u nás (Interview mit Milan Antolík, Mitglied der diensthabenden Bedienungsmannschaft während des Unfalls) Es kam dadurch zu einer örtlichen Verstopfung des Kühlmittelkreislaufes und aufgrund dessen zu einer lokalen Kernschmelze einiger Brennelemente. Bereits im ersten Halbjahr 1978 war klar, dass der Betrieb aus wirtschaftlichen sowie technischen Gründen nicht wieder aufgenommen werden kann.
Rolle der Tschechoslowakei im Rahmen des RGW Um die Länder des Ostblocks an Forschungsarbeiten im Bereich der Kerntechnik zu beteiligen, wurde 1956 als zwischenstaatliche Organisation das Vereinigte Institut für Kernforschung in Dubna nahe Moskau gegründet. 1960 wurde im Rahmen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe die Ständige Kommission für Friedliche Nutzung der Atomenergie mit Sitz in Moskau gegründet. In enger Verbindung mit den RGW-Organen arbeiteten die internationalen Wirtschaftsorganisationen Interatomenergo (1973, mit Sitz in Moskau) für den Atomkraftwerk-Anlagenbau, bzw. Interatominstrument (1972, mit Sitz in Warschau) für den kerntechnischen Gerätebau.Willi Albers (Hrsg.): Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Zugl. Neuaufl. Vandenhoeck & Ruprecht, 1977. ISBN 3-525-10255-0, S. 83–84