Der Tagewählkalender existierte im Alten Ägypten als sogenannter Schicksalskalender, der die Monats- oder Jahrestage omenähnlich positiv oder negativ einstufte und teilweise für entsprechende Tage auch Empfehlungen zum Verhalten sowie Prophezeiungen gab. Die spezielle Form der Tagewählerei verschmolz in der Spätzeit mit dem babylonischen Zodiak und legte als astronomisches Instrument höchstwahrscheinlich den Grundstein zur späteren Sieben-Tage-Planetenwoche, die ebenfalls astrologische Aussagen über die Auswirkungen von Unternehmungen an betreffenden Tagen, Stunden, Monaten und Jahren macht.Alexandra von Lieven: Grundriss des Laufes der Sterne – Das sogenannte Nutbuch. The Carsten Niebuhr Institute of Ancient Eastern Studies (u. a.), Kopenhagen 2007, S. 146–147.
Hintergrund In der altägyptischen Geschichte kann der Tagewählkalender dem Mittleren Reich (2010 bis 1793 v. Chr.) und während des Neuen Reiches (1550 bis 1069 v. Chr.) verstärkt der Ramessidenzeit (1188 bis 1076 v. Chr.)Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Kleines Lexikon der Ägyptologie'. Harrassowitz, Wiesbaden 1999, S. 241–243. zugeordnet werden. Der aus der Ramessidenzeit stammende Kalender pTurin CGT 54016 vso mit dem Titel „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ ist der am vollständigsten erhaltene Papyrus, der aus drei Büchern besteht. Im zweiten Buch werden alle Tage des Jahres, einschließlich der Heriu-renpet und des Schaltmonats aufgelistet.
Die zusätzliche Drittelung der Tage ist in der ägyptischen Mythologie begründet, in der die drei Wandlungsphasen des Sonnengottes Re am Taghimmel eine wichtige Rolle spielen und Re im Verlauf des Tages mehrere Erscheinungsformen annehmen ließ; kurz vor Sonnenaufgang als Horus im Horizont, mit den ersten Strahlen der Sonne in der Mesqet als Chepre, mittags als Horus-Falke und abends als untergehende Sonne Atum. Die Nacht, in der Re im Innern der Göttin Nut in der Duat weilte, galt immer als ungünstig.Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Lexikon der Ägyptologie. Band 5, Harrassowitz, Wiesbaden 1985, Spalte 1088. Jedes Tagesdrittel war mit einer Prophezeiung versehen, die jeden Zeitabschnitt mit „gut“ oder „schlecht“ einstufte.
Die Tageseinteilung unterlag einzelnen Götterfesten, die als Grundlage mythologische Erzählungen und Empfehlungen sowie Schicksalsvorhersagen für den jeweiligen Zeitabschnitt hatten, die genauestens regelten, was zu tun und was zu unterlassen war. Zu Beginn eines jeden Jahres wurde der zuständige Tagewählkalender präsentiert. Bekanntes Beispiel ist der Schicksalskalender aus dem neunten Regierungsjahr des Amenophis I., der die Festtage und die zugehörigen Anfänge der Monate des ägyptischen Mondkalenders den entsprechenden Tagen im ägyptischen Verwaltungskalender gegenüberstellt.
Der Tagewählkalender zeigt die Beziehung der Götter zu den Monaten und deren Zuordnungen. Der Name der jeweiligen Gottheit bezeichnete daher nicht den Monat selbst, sondern das Fest, welches den Göttern gewidmet wurde.Friedrich-Karl Ginzel: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Band 1, S. 166. Im weiteren Verlauf der altägyptischen Geschichte haben sich diese Götter zu „Herren und Schutzgötter der Monate“ entwickelt.Vgl. Hans Bonnet: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte (Früher: Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte), Nikol, Hamburg 2005, S. 470. Herodots Berichte bestätigen ergänzend die Inhalte der religiösen Texte:
Traditionell wurde bisher die Entstehung von astrologischen Konzepten mit Mesopotamien und Griechenland verbunden, jedoch Ägypten marginalisiert. Das analysierte ägyptische Textmaterial weist ebenso in eine andere Richtung wie Herodots Aussagen. Die mesopotamischen Schriften gelangten zunächst nach Ägypten und vermischten sich mit religiös-astronomischen Vorlagen aus Alexandria. Die ägyptisch-astrologische Terminologie ist sehr gut in demotischer, griechischer und lateinischer Sprache sowie im Sanskrit bezeugt. Im mesopotamischen Raum sind dagegen diese Formen unbekannt. Formulierungen und Satzbau verweisen zudem auf die typischen Muster in den Pyramidentexten. Der Befund des Nutbuches zeigt weitere Gemeinsamkeiten. Hinzu kommt der Umstand, dass die antiken astrologischen Traktate die Lehren ebenfalls stets auf ägyptische Autoren zurückführen.
Siehe auch Tagewählkalender (Mesopotamien)
Quellen pKahun XVIIVgl. Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Lexikon der Ägyptologie. Band 6, Harrassowitz, Wiesbaden 1986, Spalte 153–154. (Mittleres Reich) oTurin CGT 57304 (Neues Reich) pLeiden I 346 (Neues Reich) Ostrakon aus Deir el-Medineh (Ramessidenzeit) pBM 10184 rto, (pSallier IV rto) (Ramessidenzeit) pBM 10474 vso (Ramessidenzeit) pKairo 86637 (Ramessidenzeit) pTurin CGT 54016 vso (Ramessidenzeit)
Literatur Hans Bonnet: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. (Früher: Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte.) Nikol, Hamburg 2005, ISBN 3-937872-08-6. Friedrich Karl Ginzel: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Band 1 – Zeitrechnung der Babylonier, Ägypter, Mohammedaner, Perser, Inder, Südostasiaten, Chinesen, Japaner und Zentralamerikaner. Deutsche Buch-Ex- und Import, Leipzig 1958 (Nachdruck Leipzig 1906). Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Kleines Lexikon der Ägyptologie. Harrassowitz, Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-04027-0. Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Lexikon der Ägyptologie. Band 6, Harrassowitz, Wiesbaden 1986, ISBN 3-447-02663-4. Alexandra von Lieven: Grundriss des Laufes der Sterne – Das sogenannte Nutbuch. The Carsten Niebuhr Institute of Ancient Eastern Studies (u. a.), Kopenhagen 2007, ISBN 978-87-635-0406-5.
Einzelnachweise
Kategorie:Astronomie im Alten Ägypten Kategorie:Altägyptische Religion Kategorie:Ägyptischer Kalender (Altertum)