Stephan von Garlande (; * um 1070; † vor dem 2. Juni 1147) war Ritter und Kleriker zugleich und in dieser Doppelrolle umstritten wie kein Zweiter. Er stieg in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts im Königreich Frankreich wiederholt in höchste Ehren auf, bekleidete viele Hofämter und beeinflusste die Politik in der Krondomäne entscheidend.

Herkunft Stephan stammt aus dem Landadel des Brie. Die Genealogie der Familie Garlande ist umstritten, besonders ihre Ursprünge liegen weitgehend im Dunklen. Der Vater der politisch so erfolgreichen Garlande-Söhne (Étienne, Anseau und Guillaume), der bisweilen mit Wilhelm I. von Garlande-en-Brie verwechselt wird, wird in unterschiedlichen Publikationen z. T. als Gilbert und Adam pincerna bezeichnet. Beides ist nicht gesichert, allerdings weisen Urkunden aus Saint-Martin-des-Champs einen gewissen Adam als Vater und einen Alberich als weiteren Vorfahren aus. Ungewöhnlich erscheint, dass zwei der Garlande-Brüder gleichzeitig den Namen Gilbert getragen haben sollen. Vielleicht liegt hier eine Namensverwechslung mit dem Vater vor.Éric Bournazel: Le gouvernement capétien au XIIe siècle, 1108-1180. Structures sociales et mutations institutionelles. PUF, Paris 1975, S. 35–40.Jean Dufour: Garlande. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 4, S. 1118–1119.Rolf Große: Saint-Denis zwischen Adel und König. Die Zeit vor Suger (1053–1122). (Beihefte der Francia, 57). Thorbecke, Stuttgart 2002, ISBN 3-7995-7451-4, S. 168 (Online)

Vermutlich liegt das Stammschloss der Politikerfamilie Garlande in Livry-en-l’Aunoye; später gehörte die Burg Gournay-sur-Marne zu ihrem Fundus. Der Herr von Garlande und seine Söhne schufen aus unbedeutenden Anfängen heraus den Aufstieg in die höchsten Hofämter: Der Vater war zunächst königlicher Mundschenk; sein Sohn Gilbert Paganus avancierte um 1100 unter König Philipp I. zum Seneschall des Reichs. Es gelang dem Senior, in seiner Nachfolge auch seine weiteren Söhne am Hof zu etablieren: Nach seinem Tod im Jahr 1101 folgte ihm Anselm von 1101 bis 1118 – mit kurzer Unterbrechung zwischen 1104 und 1107 – ins Amt, danach auch ein zweiter Sohn namens Wilhelm, allerdings nur für kurze Zeit. Bruder Gilbert war anschließend unter König Ludwig VI. von 1108 bis 1127 königlicher Mundschenk.

Lebensleistung Doch all diese Karrieren wurden bei Weitem durch diejenige Stephans von Garlande in den Schatten gestellt. Neben seiner weltlichen Karriere am Hof beschritt er auch eine geistliche Laufbahn, erwarb zahlreiche Pfründen an verschiedenen Kirchen der Krondomäne und brachte dadurch den Spagat fertig, gleichzeitig nicht nur kämpfender Ritter, sondern auch Förderer der Wissenschaften und hochrangiger Kirchenmann zu sein.

In seinem Machthunger, in seiner ambivalenten Stellung als Kleriker und Soldat und in seiner Begünstigung der freien Lehre polarisierte Stephan von Garlande seine Zeitgenossen wie kein anderer. Mitunter zog er sich die unverhohlene Feindschaft reformerischer Kirchenkreise und oppositioneller Adelsgruppierungen, ja sogar des Königshauses und des Heiligen Stuhls, zu.

Vermutlich handelte es sich bei Stephan um den entscheidenden Förderer des Philosophen und Theologen Peter Abaelard im ersten Abschnitt seiner Karriere. In dessen letzten Lebensjahren schien sich Stephan jedoch von Peter Abaelard weitgehend abgewandt zu haben. Davon abgesehen, entdeckt man im Lebenslauf Stephans über weite Abschnitte erstaunliche Kongruenzen und Parallelen zu demjenigen Peter Abaelards. Nur an einer einzigen Stelle im Werk Abaelards, nämlich in der sog. Historia Calamitatum, wird Stephan von Garlande jedoch in diesem Sinn erwähnt, nämlich als er sich für die Entlassung Abaelards aus dem Klosterverband von Saint-Denis bei dessen Abt Suger und beim König einsetzt.Robert-Henri Bautier: Paris au temps d’Abélard. In: Jean Jolivet (Hrsg.): Abélard en son temps. Actes du colloque international… 1979. Editions Belles Lettres, Paris 1981, S. 53–77, ISBN 2-251-34302-4. Die Bezüge zu Abaelard sind in der folgenden Aufstellung kursiv und eingerückt dargestellt.

Leben Um 1070 wurde Stephan von Garlande geboren, als einer der fünf Söhne Gilberts I. von Garlande, der bereits von 1099 bis 1101 Seneschall des Königs ist.

Über seine frühe Ehe ist nichts bekannt, Ivo von Chartes nennt Stephan später einen „öffentlich überführten Ehebrecher“, der deswegen exkommuniziert worden sei.

Aufstieg unter König Philipp I. (1100–1104) Noch vor 1100 wurde Stephan Kanoniker von Notre Dame de Paris und Hofkaplan König Philipp I. Bereits zu dieser Zeit machte er Bekanntschaft mit dem Kanoniker Fulbert, dem Onkel Heloisas. Er rivalisierte mit dem Kanoniker und Lehrer Wilhelm von Champeaux um Einfluss am königlichen Hof. Abaelard trifft in Paris ein und findet vermutlich bald die Unterstützung Stephans in seiner Auseinandersetzung mit Wilhelm von Champeaux.

Im Jahr 1101 wurde Stephan von Garlande auf Wunsch des Königs Bischof von Beauvais, gegen den Willen des dortigen Domkapitels, welches Galon, den Propst des Kanoniker-Stifts Saint-Quentin in Beauvais, favorisierte. Nach dem Tod Bischof Wilhelms von Montfort im Heiligen Land 1102 folgten zwei Jahre der Sedisvakanz in Paris. Als Fulko, als ehemaliger Dekan eine Interimslösung auf dem Bischofsstuhl von Paris, nach zwei Jahren im Amt starb, entscheidet sich das Domkapitel gegen den Widerstand Stephans für Galon. Abaelard muss Paris verlassen, er geht an den königlichen Hof nach Melun, vermutlich durch die Vermittlung Stephans von Garlande, der in Paris keinen großen Einfluss mehr hat.

Im Jahr 1103 erklomm Nachfolger Wulgrins Wilhelm von Champeaux, Freund Ivos von Chartres und späterer Freund Bernhards von Clairvaux, das Archidiakonat von Paris. Er wurde zum großen Rivalen und Gegenspieler Stephans.

Abstieg unter König Philipp I. (1104–1108) Der König wechselte im Jahr 1104 unter offensichtlichem Druck seine Politik. Seneschall wurde nun Guido der Rote, Herr von Rochefort. Guido veranlasste den König, den Thronfolger Ludwig mit seiner Tochter Lucienne zu verloben, obwohl diese noch nicht im heiratsfähigen Alter war. Stephan von Garlande musste den Bischofsstuhl von Beauvais wieder abgeben, da er sich gegen Bischof Ivo von Chartres, der die Reformpartei des französischen Episkopats gegen den König vertrat, nicht durchsetzen konnte. Dieser diffamierte Stephan unter anderem in einem Brief an Papst Paschalis II., wo er ihn „einen ungebildeten Menschen, Spieler und Weiberhelden, der früher einmal wegen öffentlichen Ehebruchs vom Erzbischof von Lyon exkommuniziert worden sei...“ nennt.Ivo von Chartres: Brief an Papst Paschalis II., in: PL 162, S. 167–168, auch in: RHF 15, S. 110–111. Stephan wurde stattdessen Archidiakon von Paris; trotzdem musste er durch den Ämterwechsel einen erheblichen Prestigeverlust hinnehmen. Der dritte Archidiakon in Paris, Rainald, spielte politisch keine Rolle. Ohne die Unterstützung Stephans kann sich Abaelard in Melun nicht mehr halten und wechselt nach Corbeil. Er gibt an, näher bei Paris sein zu wollen, aber in Wirklichkeit ist ihm Paris verschlossen, und Graf Odo von Corbeil opponiert gegen den Sturz der Familie Garlande.

Um 1105 hatte Stephan von Garlande hat seinen politischen Einfluss am Hof weitgehend verloren. Abaelard wechselt in die Bretagne, aus gesundheitlichen Gründen, wie er angibt, tatsächlich aber, weil er dem Archidiakon Wilhelm von Champeaux schutzlos ausgeliefert wäre. Drei bis vier Jahre hält er sich fern vom Machtzentrum des Königs auf, genau in den drei Jahren der Machtlosigkeit Stephans.

Aufstieg unter König Ludwig VI. (1108–1127) Nach Jahren der Auseinandersetzung mit der französischen Krone reiste Papst Paschalis II. im Jahr 1108 nach Frankreich und empfing in der Basilika Saint-Denis Kniefall und Huldigung des Königs und des Thronfolgers. Dieser überraschende Bund von Papst und französischem König hatte sofort innenpolitische Konsequenzen. Der Thronfolger löste seine Verlobung mit Lucienne von Rochefort, König Philipp favorisierte nun wieder Stephan von Garlande: Dieser wurde Kanzler im königlichen Rat, sein Bruder Anselm wieder Seneschall. Das entmachtete Haus Rochefort erhob sich gegen den König, die Garlandes schlugen den Aufstand nieder. Abt Adam von Saint-Denis wurde wegen seiner Verbindung mit dem Haus Senlis angeklagt, Wilhelm von Champeaux verlor das Archidiakonat. Sein Nachfolger als Archidiakon und Leiter des Dialektiklehrstuhls wurde für kurze Zeit der bisherige Kanzler des Domkapitels, Gilbert. Auch unter dem neuen König Ludwig VI. blieb Stephan von Garlande zunächst Leiter der Hofkanzlei. Abaelard kehrt nach Paris zurück, geht jedoch bald auch nach Melun, wo zeitweise der König residiert, und lehrt dort.

Während der König in Melun residierte, nahm im Jahr 1111 Graf Galeran II. von Meulan, bereits Herr der Montagne Sainte-Geneviève und des Hafens Grève, die Seine-Insel von Paris ein. Die Bürger jedoch vertrieben den Grafen und befreiten so den König aus der peinlichen Lage, nicht zwischen seinen Residenzen Paris und Melun wechseln zu können. Galeran II. verlor seine Macht über Sainte-Geneviève, und Stephan von Garlande erhielt zu seinen Ämtern auch noch das Amt des Dekans des Säkularkanonikerstifts Sainte-Geneviève am linken Seine-Ufer. In dieser Funktion hatte er die Aufgabe, die Klosterdisziplin zu fördern. Stephan erwarb am 12. März 1111 vom König das Privileg, dass das Kloster als einzigen Gerichtsstand das Kapitel des eigenen Klosters hatte, dem der König oder sein dazu befugter Vertreter vorsaß: der Kanzler des Königs, also Stephan, oder der Seneschall, sein Bruder Anselm, oder der Mundschenk, der im Jahre darauf Gilbert von Garlande hieß. Stephan von Garlande unterlag somit nicht mehr der Gerichtsbarkeit des gegnerischen Bischofs von Paris. Abaelard kehrt daraufhin von Melun nach Paris zurück. Da an der Domschule keine Vorlesungen möglich sind, beginnt er – vermutlich mit Hilfe Stephans von Garlandes – erneut Vorlesungen auf dem Genovevaberg.

Im Jahr 1113 war Stephan nicht nur Archidiakon von Notre-Dame und Dekan von Sainte-Geneviève; durch Beförderung wurde er jetzt auch noch Dekan von Sainte-Croix, Saint-Avit, Saint-Samson und Saint-Aignan in Orléans und Kanoniker in Étampes. Wilhelm von Champeaux verlor seinen politischen Einfluss und zog sich als Regularkanoniker nach Saint-Victor zurück, hatte jedoch durch seine Verbindungen zu Bischof Galon Einfluss auf die Besetzung seines Dialektiklehrstuhls. Der vormalige Dekan Hugo wurde Bischof von Laon, starb jedoch schon nach kurzer Zeit. In Laon befindet sich eine der gefeiertsten Theologieschulen von Europa. Abaelard begibt sich dorthin und studiert bei Anselm, einem berühmten Frühscholastiker, kurze Zeit Theologie. Möglicherweise hat der Tod Bischof Hugos seinen und Stephans Plan durchkreuzt, die dortige Domschule zu übernehmen.

In den beiden folgenden Jahren gewannen Stephan von Garlande und sein Clan weiter an Einfluss. Abaelard nimmt jetzt Wilhelm von Champeaux endgültig seine wissenschaftliche Bedeutung. Wilhelm gibt sein Lehramt auf, ersteigt aber eine Sprosse in der Kirchenkarriere, wenn auch weit entfernt: Er wird Bischof von Châlons-sur-Marne.

Als im Jahr 1116 Bischof Galon starb, weitete die Familie Garlande ihre Macht aus. Gilbert wurde Nachfolger Galons, jener Gilbert, der als Kanzler des Kapitels Abaelard zum Leiter der logischen Studien gemacht hatte. Archidiakon wurde Theobald der Notar, ein enger Vertrauter Stephans von Garlande. Abaelard ist auf dem Gipfel seines Ruhmes. Er ist zwei Jahre lang Leiter des von ihm lange avisierten Dialektiklehrstuhls und liest auch Theologie. Er lernt Heloïsa kennen. Es folgt das heimliche Verhältnis, die Entdeckung durch Fulbert, die Flucht, die heimliche Heirat und schließlich die Entmannung Abaelards.

Im Jahr 1118 fiel Anselm von Garlande in einer Schlacht; als Seneschall folgte sein Bruder Wilhelm. Abaelard tritt nach seiner Genesung in Saint-Denis als Mönch ein und lehrt alsbald wieder.