mini|Illustration einer Glasharmonika (~1900) mini| Glasharmonika im Poncan Theatre in Oklahoma (2011) Die Glasharmonika ist ein 1761 von Benjamin Franklin entwickeltes Idiophon, bei dem ähnlich einer Glasharfe Töne durch Reiben mit den Fingern erzeugt werden. Das heute weitgehend vergessene Instrument besteht aus unterschiedlich großen, ineinandergeschobenen Glasglocken, die auf einer gemeinsamen waagerechten Welle lagern, die wiederum durch ein Pedal in Rotation versetzt werden kann. Zur Tonerzeugung berührt der Musiker die Glockenränder mit angefeuchteten Fingern. Der Tonumfang der chromatisch gestimmten Glasharmonika beträgt zweieinhalb bis vier Oktaven. Eine Variante ist die Klavierharmonika, die mit einer Tastatur nebst Mechanik zum Streichen der Gläser ausgestattet ist.
Klangerzeugung Es gibt zwei bekannte Möglichkeiten, Trinkgläser oder glockenförmige Gefäße aus anderen spröden Materialien wie Porzellan zum Klingen zu bringen: durch Anschlagen (als Aufschlagidiophon) oder durch Reiben mit den angefeuchteten Fingerspitzen am oberen Rand (als Reibidiophon). Solche Idiophone sind vielfach aus Asien bekannt (vgl. jaltarang in Indien). Der früheste Beleg für angeschlagene Trinkgläser in Europa ist ein Holzschnitt in Franchino Gaffurios Theorica musicae (Mailand, 1492). Darauf werden mit Glocken und Gläsern die von Pythagoras festgestellten Gesetze der Tonbildung demonstriert.Alec Hyatt King: Musical glasses. In: Grove Music Online, 2001
Herkunft mini|Deliciae physico-mathematicae, 1636
Das erste bekannte vollwertige Musikinstrument aus Glas ist 1596 im Inventar der Sammlung von Schloss Ambras in Innsbruck aufgeführt: Alois Primisser beschrieb „ain Instrument von Glaswerch“ in einem schön verzierten kleinen Kästchen mit einem chromatischen Tonumfang von drei Oktaven und einer Terz (F–a″).
Auch Athanasius Kircher beschrieb 1673 in seiner Neuen Hall- und Thonkunst ein „Glasspiel“. Die Form der abgebildeten, wassergestimmten Gläser würde eine Betätigung durch Reiben zulassen; Anordnung und geringe Anzahl der Gläser lässt jedoch eher auf eine Versuchsanordnung schließen als auf ein bestimmtes Musikinstrument.
Den ersten eindeutigen Beleg für die Klangerzeugung mit geriebenen Gläsern findet man 1636 bei Georg Philipp Harsdörffer in dessen Deliciae physico-mathematicae.
Unklar ist die von Carl Ludwig Weißflock († 1747) 1731 angewendete Spieltechnik. Sein „Klavier von auserlesenen Gläsern durch drey Octaven, worauf er, ohne irgend eine Dämpfung, nach Gefallen piano und fort ausdrücken konnte“ hatte den Fürsten von Anhalt-Zerbst immerhin so beeindruckt, dass er Weißflock als Hofmusiker auf Lebenszeit am Zerbster Hofe anstellte.
Johann Gottfried Walther erwähnt 1732 in seinem Musicalischen Lexicon unter dem Stichwort „Verrillon“ ein „Glas-Spiel“ (französisch verre – Glas) und nennt als Virtuosen den Schlesier Christian Gottfried Helmond. Im Jahre 1738 berichtet Johann Philipp Eisel in seinem Musicus autodidactus ebenfalls von einem „Verrillon“. In Böhmen wurden die Gläserspiele als Verrophone bis ins 20. Jahrhundert hinein hergestellt und in Katalogen angeboten.
Walther und Eisel beziehen sich nur auf angeschlagene Gläser, obwohl die Tonerzeugung durch Reibung längst bekannt war und die Gläser allgemein immer bessere Materialqualitäten aufwiesen.
Unabhängig davon verbreitete der Ire Richard Pockrich die Musical Glasses zunächst in Dublin und später in ganz Großbritannien. Pockrichs 1741 erfundene Angelick Organ findet sich später in The Real Story von John Carteret Pilkington wieder. Pockrich war eine sehr vielseitige Persönlichkeit, als er mit über 40 Jahren seine Konzertkarriere begann: Er besaß zeitweilig eine Brauerei, die später Bankrott machte, hatte eine große Gänsezucht, entwickelte – von der damaligen Marine verspottet – unsinkbare eiserne Schiffe, erdachte wings for human flight, war zweimal erfolglos Kandidat für das Parlament und unterrichtete im Spielen auf seinen Gläsern.
Als der berühmteste unter den vielen Nachahmern von Pockrich gilt Christoph Willibald Gluck, der 1745 nach London gekommen war. Neben den vermehrten Nachrichten über das öffentliche Auftreten von Musikgläser-Künstlern kündigte er am 23. April 1746 im General Advertiser ein Konzert mit einer neuen Komposition auf 26 wasserabgestimmten Gläsern in Begleitung eines Kammerorchesters im Londoner Little Haymarket Theatre an. Wie Pockrich nutzte er die beiden möglichen Spieltechniken, die Gläser anzureiben und anzuschlagen, und versprach – in enthusiastischer Übertreibung – alles ausführen zu können, was auf einer Violine oder einem Cembalo möglich sei. Gemessen an der Höhe der Eintrittspreise, spielte er vor einem sehr erlesenen Publikum. Dieses Konzert wiederholte er 1749 und 1750 auf Schloss Charlottenborg bei Kopenhagen und leistete dadurch einen wichtigen Beitrag zur Anerkennung der Musikgläser als Instrument.
Eine der Schülerinnen von Pockrich war Ann Ford, die 1761 die Instructions for playing on the Musical Glasses veröffentlichte, wohl das erste Schulwerk für Glasinstrumente. Am 27. Oktober 1761 spielte sie das erste uns überlieferte Duo für zwei Musical Glasses mit einem Mr. Schumann, einem der vielen Nachahmer von Pockrich.
Entwicklung Erfindung von 1761 1761 konzertierte auch Edward Delaval, von Pockrich inspiriert und Mitglied der Royal Society, auf den Musical glasses. Durch Delaval lernte Benjamin Franklin nach eigener Aussage diese Art der Musik kennen. Dieses Erlebnis regte ihn zu einer Erfindung an, der Glasharmonika. Durch den Mailänder Physiker Giovanni Battista Beccaria erhoffte sich Franklin Unterstützung bei der Verbreitung seiner neuen Erfindung. Da Italien zu dieser Zeit die musikalisch führende Nation Europas war, sollte sich die Erfindung – unter dem von Franklin erdachten neuen italienischen Namen Armonica – leichter verbreiten. Anfang 1762 war sein Instrument in London bereits als Glassy-Chord bekannt geworden. Franklins Wahl von Beccaria als Fürsprecher war nicht die günstigste, da Beccaria mehr Naturwissenschaftler als Musiker war.
Franklin geht in seiner fragmentarischen Autobiographie über seine frühen Jahre in Europa nicht auf den genauen Hergang seiner musikalischen Erfindung ein. Die Spieltechnik war durch die Musical glasses schon eingeführt, und auch die Anbringung einzelner etwa halbkugelförmiger Glasschalen mit einem Halsansatz beziehungsweise Loch im Zentrum ihrer Wölbung mittels Korkstopfen auf einer horizontalen Welle war schon 1741 von Glockenspielen und später auch von Uhrenglockenspielen bekannt. Franklin wird allgemein die Idee zuerkannt, die auf einer gemeinsamen Welle befindlichen Glasschalen mit einem Fußantrieb in Drehung zu versetzen. Durch die geringen Abstände der einzelnen ineinander montierten Schalen, deren Durchmesser zu den hohen Tönen hin abnimmt, ergeben sich mit Tasteninstrumenten vergleichbare spieltechnische Möglichkeiten. Aus den technischen Einzelheiten bezüglich des Schleifens und Stimmens der Glasschalen, die wir Franklins Brief entnehmen können, geht hervor, dass er intensiv an der Herstellung der ersten Instrumente, die zunächst von g bis g″ reichten, beteiligt war. Seine ersten Instrumente baute er in London zusammen mit Charles James, der schon Musical glasses hergestellt hatte. Zurück in Amerika arbeitete Franklin weiter an seiner Erfindung, wobei unklar ist, ob er gestimmte Glasschalen aus London mitbrachte oder in Amerika bei einem Glasmacher in Auftrag gab.
18. Jahrhundert Anfänge der Verbreitung Das erste Konzert auf der neuen Harmonika (wie die franklinsche Armonica seit ihrer Verbreitung im deutschsprachigen Raum genannt wurde) gab Marianne Davies, eine Verwandte von Franklin, schon Anfang 1762 im Great Room in Spring Gardens. Durch den Erfolg ermutigt ging sie anschließend auf Tournee und trat in Bristol, London und Dublin auf. In Amerika spielte Stephen Forrage im Dezember 1764 in den Assembly Rooms in Lodge Alley/Philadelphia als erster die Harmonika in einem öffentlichen Konzert. Marianne Davies unternahm 1768 zusammen mit ihrer Schwester, der Sängerin Cecilia Davies, erneut eine Konzertreise durch Europa und insbesondere durch Italien. Franklin hatte Marianne Davies eigens ein Instrument dafür überlassen. Cecilia wurde als „l'Inglesina“ in Italien und Europa bald berühmt, während Marianne Davies zu ihren Schülern sogar die Tochter der Kaiserin Maria Theresia, die spätere französische Königin Marie-Antoinette, zählte. Beide Schwestern sollen sich mit Glucks Hilfe am Wiener Hof etabliert haben. Dort wohnten sie bei Johann Adolph Hasse, der 1769 für Marianne und Cecilia die Cantata pour soprano, harmonica e orchestre komponierte. Vorlage dafür war eine Ode Pietro Metastasios, die dieser anlässlich der Vermählung der Erzherzogin Maria Amalia mit dem spanischen Infanten Ferdinand von Bourbon, Herzog von Parma verfasst hatte.
Zahlreiche Nachbauten Weitere Harmoniken wurden alsbald in großer Anzahl besonders in den damals deutschsprachigen Gebieten von zahlreichen Herstellern angefertigt. In diesen Regionen waren die zur Glasherstellung notwendigen Rohstoffe reichlich vorhanden und die Techniken der Glasverarbeitung weit entwickelt.
Joseph Aloys Schmittbaur, Kapellmeister der Badischen Hofkapelle erweiterte in Karlsruhe als erster den Tonumfang seiner Harmonika von c bis f″ (später c bis c″′) und unterrichtete neben seinen Töchtern Therese und Lisette auch die weitgehend erblindete Marianne Kirchgeßner. Als Mäzen übernahm der Reichsfreiherr Joseph Anton Siegmund von Beroldingen für Kirchgeßner alle anfallenden Unterrichtskosten. Der Domherr von Speyer und Hildesheim protegierte junge Talente und wollte auch mit Wilhelm Heinse zusammenarbeiten. Eine weitere Schülerin Schmittbaurs war Ernestine von Geusau.
Zitat aus dem Buch Ausbrüche musikalischer Dichterwut, Empfindsamkeit in der Musik, Gilde 2004, von Andreas Hoffmann-Kröper: