300px|mini|Camp Meeting, 2. Great Awakening, USA, 1839 The Great Awakening (englisch für „Das Große Erwachen“) ist die Sammelbezeichnung für eine Reihe großer protestantischer Erweckungsbewegungen, die sich seit den 1730er Jahren in den britischen Kolonien in Nordamerika bzw. den Vereinigten Staaten ereigneten. Die Geschichtsforschung benennt für die USA insbesondere drei Erweckungsbewegungen: Das First Great Awakening (auch einfach The Great Awakening; 1740–1760), das Second Great Awakening (1800–1840) und das Third Great Awakening (1880–1910). Umstritten ist der Ausdruck „Fourth Great Awakening“, den der Historiker Robert Fogel geprägt hat, um damit eine Reihe religionsgeschichtlicher Entwicklungen der 1960er und 1970er Jahre zu beschreiben.
Grundmuster Bei jedem Great Awakening strömten Konvertiten in großer Zahl in ein weites Spektrum von protestantischen Gemeinschaften – sowohl bestehenden als auch gänzlich neu begründeten Glaubensgemeinschaften. Das Interesse dieser Erweckten wandte sich dabei entweder ganz neuen Glaubenssystemen zu oder solchen, die innerhalb bestehender Lehren die Überwindung von deren (vermeintlich starrer) Orthodoxie versprachen.
Die amerikanischen Erweckungsbewegungen wandten sich gegen Aufklärung und Moderne, insofern dort die Irrtumslosigkeit der Bibel angezweifelt und die Möglichkeit eines gelingenden moralischen Lebens auch ohne Transzendenzbezug in Aussicht gestellt wurde. Gleichzeitig bedienten sie sich aber, namentlich bei der Kommunikation ihrer Botschaft, genuin moderner Mittel. Insofern sind sie nach dem deutschen Theologen Jörg Lauster nicht als antimodernistisch, sondern als Krisenphänomene der Moderne zu verstehen. Die Erweckungsbewegungen sind die historischen Wurzeln des Fundamentalismus.Jörg Lauster: Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums. C.H. Beck, München 2014, S. 504–509.
Besonderheiten der amerikanischen Erweckungsbewegungen Obwohl Erweckungsbewegungen nichts für das amerikanische Religionsleben Spezifisches und überall auf der Welt beschrieben worden sind, zeichnet sich der Zyklus der amerikanischen Great Awakenings durch einige Besonderheiten aus, die ihn von anderen Erweckungsbewegungen grundsätzlich unterscheiden. Zu verstehen ist dies vor dem Hintergrund des in den USA außerordentlich breiten Spektrums protestantischer Glaubensgemeinschaften. Diese Vielfalt ist Ausdruck der besonderen Freiheit des Glaubenslebens im amerikanischen Protestantismus. Durch die Staatsferne dieses Protestantismus (besonders im Vergleich zum Luthertum Nord- und Mitteleuropas und zum Anglikanismus Englands) und den fehlenden Zentralismus der römisch-katholischen Kirche konnten neue religiöse Ideen sich dort ausbreiten, ohne die bestehenden Institutionen langsam von innen heraus reformieren zu müssen. Die bestehenden Glaubensgemeinschaften andererseits genießen solches Ansehen und besitzen ein solches Beharrungsvermögen, dass das Bedürfnis nach neuen religiösen Ideen sich an ihrem Widerstand so aufreibt, dass hieraus ein regelmäßiger Zyklus unblutiger religiöser Revolutionen entsteht.
Geschichte Das First Great Awakening Das erste Great Awakening ereignete sich in den 1730er und 1740er Jahren gleichzeitig in Großbritannien und den britischen Kolonien in Nordamerika. Während die Erweckungsbewegung in Neuengland vor allem die Kongregationalisten beeinflusste, nahm sie in den Mittel- und Südkolonien, besonders in deren Hinterland, Einfluss auf die Presbyterianer. Im Gegensatz zu späteren Erweckungsbewegungen war das First Great Awakening in erster Linie eine innerkirchliche Bewegung, die das Glaubensleben der Kirchenangehörigen intensivierte.
Verlauf Obwohl die Idee einer „Großen Erweckung“ in der Literatur umstritten ist, war diese Zeit – insbesondere in Neuengland – eine Zeit starker religiöser Aktivität und beschleunigter religiöser Entwicklungen. Diese begannen mit der Missionstätigkeit von Jonathan Edwards, einem gebildeten Theologen und kongregationalistischem Prediger aus Northampton, Massachusetts, der puritanische und calvinistische Wurzeln hatte, aber immer wieder die Wichtigkeit und Macht der unmittelbaren persönlichen religiösen Erfahrung unterstrich. Edwards’ Predigten waren machtvoll und zogen von etwa 1731 an ein großes Publikum an.
Der aus England eingereiste methodistische Prediger George Whitefield setzte die Erweckungsbewegung fort, bereiste die britischen Kolonien und predigte in einem dramatischen und emotionalen Stil, der in dieser Zeit neu war. Neu war auch, dass Whitefield im Publikum jedermann – auch Afroamerikaner und Sklaven – akzeptierte.
Die erste vom Great Awakening geprägte neue kongregationalistische Kirchengemeinde entstand 1731 in Uxbridge, Massachusetts.Joseph Sylvester Clark: A Historical Sketch of the Congregational Churches in Massachusetts from 1620 to 1858; Boston: Congregational Board of Publication, 1858;
Bevor das Great Awakening das geistliche Leben in Neuengland von Grund auf veränderte, war das Interesse der britischen Kolonisten an der Religion gering. Sie versuchten hier vor allem, zu Reichtum zu gelangen. Um das Interesse zu fördern, schuf die Kirche Regeln, die es Konvertiten erlaubte, in andere Glaubensgemeinschaften einzutreten, ohne dies als Konversion zu empfinden. Darüber hinaus behandelte sie wohlhabende Familien bevorzugt, indem diesen erlaubt wurde, im Kirchengestühl Stammplätze nah am Altar einzunehmen.John Mack Faragher u. a. (Hrsg.): Out Of Many: A History of the American People, Upper Saddle River: Pearson Education, 2006
Im Tal des Connecticut River trieben die reichen Großgrundbesitzer die Landpreise hoch, was dazu führte, dass viele junge Leute keine Farm begründen konnten und darum gezwungen waren, auch mit dem Heiraten zu warten. Sie verarmten dadurch nicht nur, sondern waren auch in den Gottesdiensten der Kirchen unwillkommen. Anders war dies beim Pfarrer Jonathan Edwards, der sich dieser Zielgruppe besonders zuwandte und Predigten hielt, die die Gefühle in diesem Personenkreis besonders ansprachen. In seinem Versammlungshaus herrschte ein Geist des leidenschaftlichen puritanischen Glaubens, der auch auf die übrige Bevölkerung ausstrahlte und immer mehr Gemeindemitglieder anzog. Während Religion bis dahin als Angelegenheit der Erwachsenen betrachtet worden war, nahm nun insbesondere der Kirchenbesuch junger Menschen zu.
Die Gläubigen begannen, leidenschaftliche Predigten zu bevorzugen, und verloren an Geistlichen, die im „kühlen“ Stil predigten, das Interesse. Obwohl es schließlich zu einem offenen Konflikt mit den etablierten Kirchen kam, trugen deutsche Pietisten und schottisch-irische Presbyterianer die Erweckungsbewegung weiter. In Pennsylvania förderten William Tennent, ein presbyterianischer Prediger, und sein Sohn Gilbert die Ausbildung einer neuen Generation von Predigern. In einer Blockhütte in Warminster richteten sie 1726 das so genannte „Log College“ ein, aus dem 1746 das College of New Jersey, heute Princeton University, entstand.
George Whitefield entwickelte seine Lehre fort. Ebenso wie Edwards erklärte er, dass Menschen „halb Engel und halb Teufel“ seien und darum auf die Erlösung hoffen dürfen. Viele religiöse Führer fügten dem etablierten Protestantismus die Forderung nach Frömmigkeit und Reinheit hinzu. Die Gläubigen empfanden Religion nun als Erleichterung der Bürden, die ihnen in ihrem persönlichen Leben auferlegt waren.
Wirkungen Die Menschen, die sich der Bewegung anschlossen, erfuhren neue Formen der Religiosität. Während die Gläubigen bis dahin ohne enge persönliche Betroffenheit dem intellektuellen religiösen Diskurs gefolgt waren, wurde ihr religiöses Erleben im Great Awakening leidenschaftlich und emotional. Geistliche, die den neuen Predigtstil pflegten, wurden manchmal als „Neue Lichter“ (engl. New Lights) bezeichnet, während Prediger, deren Stil kühl blieb, „Alte Lichter“ (engl. Old Lights) genannt wurden.Robert Middlekauff: The Glorious Cause: The American Revolution, 1763–1789, London, Großbritannien: Oxford University Press, 2007, ISBN 978-0-19-531588-2, S. 41. Die Gläubigen hörten die Texte der Bibel nicht nur im Gottesdienst, sondern begannen, sie auch zu Hause zu studieren. Diese Dezentralisierung der religiösen Belehrung der Gläubigen entsprach der generellen Individualisierung, die die Reformation gefördert hatte.
Im Mittelpunkt der Lehren, die während des First Great Awakening gepredigt wurden, standen die persönliche Schuld jedes Einzelnen und die Notwendigkeit, erlöst zu werden, wobei diese Erlösung einen endgültigen Entschluss und öffentliche Reue einschloss. Das Great Awakening führte dazu, dass die Gläubigen „Gott auf ihre eigene Art erlebten“, und lehrte sie, dass sie für ihre Handlungen verantwortlich seien. In dem Maße, in dem die Bedeutung von Ritus und Zeremonie zurückgedrängt wurde, wurde Religion für den durchschnittlichen Gläubigen zu einer stark persönlichen Erfahrung, die von tiefem Bewusstsein von geistlicher Schuld und Buße, Introspektion und dem entschiedenen Willen geprägt war, einem neuen Standard der persönlichen Moral zu folgen. Der amerikanische Historiker Sydney E. Ahlstrom beschreibt das Great Awakening als Teil derjenigen „großen internationalen protestantischen Umwälzung“, die auch den Pietismus in Deutschland und den Evangelikalismus und den Methodismus in England hervorgebracht hat.Sydney E. Ahlstrom: A Religious History of the American People; New Haven: Yale University Press, 1972; ISBN 978-0-300-01762-5; S. 263
Das First Great Awakening nahm erheblichen Einfluss auf die kongregationalistischen, presbyterianischen, niederländisch-reformierten und deutsch-reformierten Kirchen und stärkte die kleinen baptistischen und methodistischen Gemeinden. Nur geringen Einfluss nahm es dagegen auf die Anglikaner und die Quäker. Anders als das Second Great Awakening, bei dem auch Personen erreicht werden sollten, die noch keiner Kirche angehörten, konzentrierte sich das First Great Awakening weitgehend auf solche Gläubige, die bereits Kirchenmitglieder waren.
Durch das Great Revival gelangten erstmals auch viele Sklaven zum christlichen Glauben. In den südlichen Kolonien erlaubten die Baptisten seit den 1770er Jahren sowohl Sklaven als auch Sklavenhaltern das Predigen. Nachdem Frauen in den Kirchen bis dahin überrepräsentiert gewesen waren, stieg auch die Anzahl der männlichen Kirchenmitglieder.
Einige Historiker haben das Great Awakening als die amerikanische Ausgestaltung der zweiten Phase der Reformation beschrieben. Es wird geschätzt, dass die Zahl der Kirchen sich hier im Zeitraum 1740–1780 verdoppelt hat.
Das Second Great Awakening Zu einer zweiten großen Erweckungsbewegung kam es in den Vereinigten Staaten in dem Zeitraum von 1790 bis 1840. Bedeutende religiöse Führer der Zeit, in deren Versammlungen ungezählte Gläubige eine Erfahrung der persönlichen Erlösung machten, waren Charles Grandison Finney, Lyman Beecher, Barton Stone, Peter Cartwright, Asahel Nettleton und James B. Finley. Die Bewegung förderte auch eine engagierte evangelikale Grundeinstellung, die deutlich in Erscheinung trat, als in den USA später Fragen wie die Reform des Strafvollzugs, die Abstinenzbewegung, das Frauenwahlrecht und die Abschaffung der Sklaverei diskutiert wurden.
Entstehung neuer Glaubensgemeinschaften