mini|hochkant=1.8|Zeitgenössische Ansicht der Black Maria

Die Black Maria [] ( für Schwarze Maria) war das erste kommerzielle Filmstudio der Welt. Es wurde im Jahr 1892 von dem Filmpionier William K. L. Dickson auf dem Gelände von Thomas Alva Edisons Laboratorien in West Orange, New Jersey, erbaut und diente von 1893 bis 1901 als Produktionsstätte für die Filme der Edison Manufacturing Company.

Die Filme aus dem Black-Maria-Studio zählen zu den ältesten Aufnahmen der Filmgeschichte. Die meist unter einer Minute langen Filme wurden zunächst in Kinetoskopen vermarktet, ab 1896 wurden die Filme auch auf Leinwand projiziert. Auf der kleinen Bühne der Black Maria wurden hauptsächlich Auftritte bekannter Zirkusartisten und Vaudeville-Künstler, einfache Szenen aus der Alltagswelt sowie kurze Ausschnitte aus Bühnenstücken gefilmt.

Die Konkurrenz durch andere Filmproduzenten, das gestiegene Interesse an Filmen, die an Originalschauplätzen gedreht wurden, und der eingeschränkte Platz in der Black Maria führten 1901 zur Verlagerung der Filmproduktion nach New York und zwei Jahre später zum Abbruch des verlassenen Gebäudes. 1954 wurde auf dem Gelände der Edison-Laboratorien ein Nachbau des Studios errichtet.

Geschichte der Black Maria Entwicklung der edisonischen Filmkamera mini|William K. L. Dickson (Standbild aus Dickson Greeting)

Inspiriert durch die Serienfotografien von Eadweard Muybridge und Étienne-Jules Marey formulierte Thomas Alva Edison im Jahr 1887 erstmals die Idee, ein Gerät zu entwickeln, das „bewegte Bilder“ aufzeichnen und wiedergeben konnte. Ihm schwebte ein Instrument ähnlich seinem zehn Jahre zuvor entwickelten Phonographen zur Aufzeichnung von Sprache und Musik vor.Robinson: From Peep Show to Palace, S. 22. Mit den Entwicklungsarbeiten an dem Kinetoskop genannten Gerät wurde im Herbst 1888 der schottische Ingenieur William K. L. Dickson beauftragt, der als Amateurfotograf die nötigen Erfahrungen einbringen konnte.

mini|links|Dicksons Assistent Charles Kayser vor einem frühen Modell des Kinetographen

Zunächst versuchte Dickson, analog zum Phonographen, Einzelbilder auf einer speziell präparierten Walze aufzunehmen. Diese Anordnung erwies sich aber als nicht praktikabel, obwohl im Oktober 1890 erste Versuchsfilme fertiggestellt wurden. Nach Berichten von Marey und William Friese-Greene über die Verwendung von Zelluloidfilmen wandte sich Dickson daraufhin diesem neuen Filmmedium zu und entwickelte schließlich eine elektrisch betriebene Filmkamera, den Kinetographen, mit dem Filmrollen 46-mal in der Sekunde belichtet werden konnten. Als Betrachtungsgerät wurde das Kinetoskop entwickelt, ein Guckkasten, in dem die entwickelten Filmstreifen in einer Endlosschleife mit einer edisonschen Glühlampe beleuchtet und durch ein Vergrößerungsglas betrachtet wurden.

Der erste experimentelle Film, der nur wenige Sekunden dauernde Streifen Dickson Greeting, wurde mit dem Kinetographen im Mai 1891 aufgenommen und am 20. Mai 1891 einer Besuchergruppe in den fotografischen Laboratorien der Edison Manufacturing Company vorgeführt.Charles Musser: Edison Motion Pictures, 1890-1900: An Annotated Filmography. Smithsonian Institution Press, Washington 1997, ISBN 8-886-15507-7, S. 73. In den folgenden Monaten wurden sowohl die Kamera als auch das Betrachtungsgerät weiter verbessert. Kinetograph und Kinetoskop wurden im August 1891 patentiertLaurent Mannoni, Donata Pesenti Campagnoni und David Robinson: Light and Movement: Incunabula of the Motion Picture, 1420–1896. BFI Publishing, London 1996, ISBN 88-86155-05-0, S. 333–339., bis 1893 wurden beide Geräte weiter überarbeitet.

Im Oktober 1892 hatte Dickson die Kamera soweit verbessertPhonogram: The Kinetograph, Oktober 1892, S. 217–218., dass Edison die Präsentation von Dicksons Erfindung auf der World’s Columbian Exposition in Chicago vorbereiten und eine kommerzielle Nutzung des Kinetoskops planen konnte. Dazu war aber die Produktion weiterer Filme notwendig. Da die Größe, das Gewicht und Unbeweglichkeit des Kinetographen die Handhabung in den normalen Laboratorien erschwertenPearson: Early Cinema, S. 15., wurde die Errichtung eines eigenständigen Gebäudes für die Dreharbeiten beschlossen.

Errichtung des Studios mini|hochkant=1.35|Das Black Maria Filmstudio (Illustration von E. J. Meeker, 1894)

Dickson entwarf ein Gebäude, das eine kleine Bühne und Platz für die Filmtechnik bot. Das hölzerne Gebäude war rund 15 m lang und 4 m breit.Carles Musser: Before the Nickelodeon, University of California Press, ISBN 0520069862, S. 32. (englisch, , abgefragt am 31. Januar 2018) Wegen der geringen Lichtempfindlichkeit des verwendeten Filmmaterials war das Dach des Gebäudes aufklappbar, so dass das Sonnenlicht zur Belichtung ausgenutzt werden konnte. Um eine optimale Beleuchtung zu garantieren, wurde das Bauwerk auf einer drehbaren Plattform errichtet. Zusätzlich wurden vier lichtstarke Magnesiumlampen installiert.Antonia und W. K. L. Dickson: Edison’s Invention of the Kineto-Phonograph. In: Century Magazine, Vol. 48, No. 2, Juni 1894, S. 210. Um störenden Lichteinfall zu verhindern und auf der Bühne einen möglichst großen Kontrast zwischen dem gefilmten Geschehen und dem Hintergrund zu erreichen, war das Studio vollständig mit schwarzer Teerpappe ausgekleidet. Dickson beschrieb stolz, dass sein Gebäude keinen architektonischen Gesetzen entsprach und weder in den verwendeten Materialien noch in der Farbgebung den Konventionen folgte.W. K. L. Dickson: Edison’s Kinematograph Experiments. In: Kinematograph and Lantern Weekly, No. 7, 1907, S. 103.

Die schwarze Farbe und die Enge innerhalb des Gebäudes führten dazu, dass das Kinetographic Theater, so die offizielle Bezeichnung des Studios, den Spitznamen „Black Maria“ in Anspielung auf die schwarz lackierten GefangenentransporterDer Ausdruck „black maria“ ist somit vergleichbar mit der Bezeichnung „Grüne Minna“. erhielt.

Die Bauarbeiten auf dem Gelände der Edison Manufacturing Company begannen im Dezember 1892, fertiggestellt wurde das Kinetographic Theater am 1. Februar 1893.Chase's Calendar of Events 2007, McGraw Hill Professional, 2006, ISBN 0-07-146819-6, S. 109. (englisch, , abgefragt am 31. Januar 2012) Die Baukosten betrugen 637,67 US-Dollar. Der Beginn der Dreharbeiten im neuen Gebäude verzögerte sich aber wegen weiterer Umbauten an der Filmkamera und Dicksons angeschlagener Gesundheit.Robinson: From Peep Show to Palace, S. 40.

Die Arbeit in der Black Maria wurde schließlich Ende April 1893 aufgenommen. Der älteste bekannte Film aus diesem Studio ist die Blacksmith Scene, eine nostalgische Szene, in der drei Angestellte Edisons als Schmiede auftraten. Dickson griff mit diesem Film ein bereits von Eadweard Muybridge fotografiertes Sujet auf. Der nur rund 30 Sekunden lange Film wurde am 9. Mai 1893 bei einer Präsentation Edisons vor der Physikalischen Fakultät des Brooklyn Institute for Arts and Sciences vorgeführt.Scientific American: First Public Exhibition of Edison’s Kinetograph, 20. Mai 1893, S. 310.

Die ebenfalls für den Mai geplante Vorführung des Kinetoskops auf der Chicagoer Weltausstellung fand dagegen trotz Vorankündigungen nicht statt. Hintergrund war die verzögerte Anfertigung der Betrachtungsgeräte, nachdem ein neuer Prototyp erst kurz vor der Präsentation in Brooklyn fertiggestellt worden war. Die Serienfertigung von 25 weiteren Geräten verzögerte sich schließlich bis zum März 1894. Aufgrund dieser Produktionsprobleme, die mit einer Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten einhergingen, wurden im Jahr 1893 nur wenige Filme zu Demonstrationszwecken hergestellt.

Beginn der kommerziellen Filmproduktion mini|Standbild aus Fred Ott’s Sneeze

Anfang des Jahres 1894 wurden die Anstrengungen zur Vermarktung des Kinetoskops verstärkt. In der ersten Januarwoche filmte Dickson seinen Assistenten Fred Ott dabei, wie er eine Prise Schnupftabak nahm und daraufhin herzhaft nieste. Dieser Film mit dem Titel Edison Kinetoscopic Record of a Sneeze (besser bekannt als Fred Ott’s Sneeze) wurde am 9. Januar 1894 von Dickson als erster Film der Geschichte zum US-amerikanischen Copyright angemeldet. Der Film entstand nach einer Anfrage der Zeitschrift Harper’s Weekly, die Einzelbilder dieses Films im März 1894 abdruckte.Gordon Hendricks: A New Look at an ‚Old Sneeze‘. In: Film Culture, No. 22–23, 1961, S. 90–95.

In den folgenden Monaten arbeiteten Dickson und sein Assistent William Heise an weiteren Filmen, die für die erste kommerzielle Präsentation im Frühjahr vorbereitet wurden. Großes Publikumsinteresse löste am 6. März ein Besuch des berühmten Kraftsportlers Eugen Sandow in Edisons Laboratorien aus. Nach einem Treffen mit Thomas Alva Edison ließ er sich in der Black Maria bei der Durchführung seiner Aufwärmübungen filmen.Orange Chronicle: Sandow at the Edison Laboratory, 10. März 1894, S. 5. Auf Sandows Besuch folgten weitere Vaudeville-Künstler. Ebenfalls im März wurden mit der Tänzerin Carmencita und der Kontorsionistin Ena Bertoldi erstmals Frauen gefilmt. Mit weiteren Filmen wie Cock Fight, der einen Hahnenkampf in Nahaufnahme zeigte, und einer Barraumszene, die ähnlich wie Blacksmith Scene arrangiert war, schufen Dickson und Heise Filme, die besonders ein männliches Publikum ansprechen sollten.Robinson: From Peep Show to Palace, S. 43.

mini|Kinetoskop-Salon in San Francisco (um 1895)

Am 1. April 1894 wurde die Vermarktung des Kinetoskops endgültig von den Edison-Laboratorien zu der Edison Manufacturing Company übertragen. Bis zu diesem Zeitpunkt betrugen die Entwicklungskosten für Kinetograph und Kinetoskop inklusive des Baus und Betriebs der Black Maria mehr als 24.000 Dollar.Musser: The Emergence of Cinema, S. 75. Nachdem endlich mit einem Jahr Verzögerung die ersten zehn Kinetoskope fertiggestellt waren, konnte am New Yorker Broadway ein von den Holland Brothers betriebenes Geschäft ausgestattet werden. Der Kinetoskop-Salon wurde am 14. April 1894 eröffnet und sorgte bereits am ersten Tag für großes Aufsehen. Gezeigt wurden zehn verschiedene Filme (in jedem Kinetoskop ein anderer Film), darunter auch der erste in der Black Maria fertiggestellte Streifen Blacksmith Scene. Je fünf Geräte konnten für den Eintrittspreis von 25 Cent nacheinander benutzt werden.

Mitte Mai 1894 wurde ein weiterer Salon in Chicago mit zehn Kinetoskopen ausgestattet, die letzten fünf Geräte der ersten Produktionsserie wurden am 1. Juni in San Francisco der Öffentlichkeit präsentiert. Die Edison Manufacturing Company hatte inzwischen die Produktion der Kinetoskope übernommen und erfüllte Anfragen nach Geräten aus den gesamten Vereinigten Staaten. Im Oktober 1894 wurden in Paris und London die ersten überseeischen Kinetoskop-Salons eröffnet, bis zum Ende des Jahres folgten Salons unter anderem in Deutschland, den Niederlanden und Australien.

Kommerzielle Erfolge mini|Annabelle Whitford bei ihrem Schmetterlingstanz (koloriertes Standbild)

Da das Kinetoskop von der Presse als eine „neue Sehenswürdigkeit“ gefeiert wurde,New York World, 7. Juni 1894, S. 21. besuchten zahlreiche Künstler während ihrer Gastspiele in New York das Filmstudio im nahe gelegenen West Orange, um mit ihren Filmauftritten selbst am Ruhm teilzuhaben. Neben Zirkuskünstlern von Barnum and Bailey waren Artisten der Vaudeville-Bühnen gern gesehene Gäste. Sowohl Professor Harry Weltons Katzenzirkus als auch die dressierten Hunde von Professor Ivan Tschernoff traten vor die Kamera. Im Juli 1894 wurde erstmals der Kinetograph außerhalb der Black Maria eingesetzt, um den Hochseilartisten Juan Caicedo zu filmen. Die Tänzerin Annabelle Whitford führte zwischen 1894 und 1898 gleich mehrmals ihre Kunst in der Black Maria vor, einige dieser Filme wurden später handkoloriert.