Erhard Wetzel, in der Literatur auch fälschlich Ernst Wetzel oder Alfred Wetzel genannt (* 7. Juli 1903 in Stettin; † 24. Dezember 1975), war ein deutscher Jurist, der in der Zeit des Nationalsozialismus im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) für den NS-Chefideologen Alfred Rosenberg als „Judenreferent“ arbeitete. Bekannt geworden ist Wetzel in der Nachkriegszeit aufgrund des von ihm verfassten so genannten Gaskammerbriefes. Der Brief ist das bislang früheste Dokument, das die Verbindung zwischen der „T4-Aktion“ und der systematischen Vernichtung von Juden in Europa bezeugt. Wetzel beteiligte sich darüber hinaus – und nicht zuletzt – durch seine Teilnahme an den Nachfolgekonferenzen der Wannsee-Konferenz an diesen Mord-Aktionen. Ebenso wirkte er bei verschiedenen Aktionen im Rahmen der Umsetzung des Generalplans Ost mit, mit dem die Politik einer Germanisierung der besetzten Ostgebiete verfolgt wurde.
Leben Weimarer Republik Wetzel wurde am 7. Juli 1903 in Stettin als Sohn des Gerichtsvollziehers Erich Wetzel und dessen Ehefrau Clara geb. Golchert geboren. Einen Teil seiner Jugend verbrachte er in Jakobshagen in Pommern, bevor der Vater 1909 nach Potsdam versetzt wurde. Dort besuchte Wetzel zunächst die Städtische Vorschule und anschließend das Viktoria-Gymnasium. Von 1920 bis 1922 gehörte er dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund an.Beamte nationalsozialistischer Reichsministerien. ns-reichsministerien.de 1921 bestand er die Reifeprüfung und immatrikulierte sich folgend für sieben Semester an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, wo er Rechts- und Staatswissenschaften studierte. Wetzel bestand 1925 die Erste juristische Staatsprüfung am Kammergericht in Potsdam und wechselte anschließend nach Göttingen.Erhard Wetzel: Der Ausschluß von Vereinsmitgliedern, insbesondere die Frage seiner gerichtlichen Nachprüfung in Literatur und Rechtsprechung. Weiße Ritter Voggenreiter, Dissertation, Potsdam 1928, S. 63. Er wurde 1928 an der Georg-August-Universität Göttingen mit der staatsrechtlichen Dissertationsschrift Der Ausschluss von Vereinsmitgliedern zum Dr. jur. promoviert. Sein Rechtsreferendariat absolvierte er ab 1925 in Potsdam bei der Staatsanwaltschaft, dem dortigen Amts- und Landgericht sowie bei einem niedergelassenen Rechtsanwalt. Nach bestandener zweiter juristischer Staatsprüfung wurde er zum Gerichtsassessor ernannt und wurde als Anwalts- und Notarvertreter von Februar 1930 bis November 1933 an Amts- und Landgerichten in Berlin und Brandenburg tätig.Czesław Madajczyk (Hrsg.): Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan. Saur, München u. a. 1994, S. XVIII; books.google.deHelmut Heiber: Der Generalplan Ost. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1958, Band 6, Heft 3, S. 281–325, hier S. 286 f.; ifz-muenchen.de (PDF; 2,2 MB).
Nationalsozialismus Karriere in der Reichsleitung und Amtsgerichtsrat Im Mai 1933, kurz nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten in Deutschland, trat Wetzel in die NSDAP ein.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Auflage. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 673. Von 1935 bis 1937 war er als Gaupressewalter des NS-Rechtswahrerbundes, dem er seit Mai 1933 angehörte. Ab Mai 1935 arbeitete er zudem ehrenamtlich für das Rassenpolitische Amt in der NSDAP-Reichsleitung im Amt für Rasse und Recht. Bereits 1934 wurde er für diese Tätigkeit von Staatssekretär Roland Freisler, dem späteren Präsidenten des „Volksgerichtshofs“, berufen.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-596-24364-5, S. 216–218. Im Rassenpolitischen Amt wurde er 1939 zum Hauptstellenleiter ernannt.
Von Dezember 1933 bis Oktober 1939 war Wetzel am Amtsgericht Potsdam tätig, wo er Anfang August 1936 zum Amtsgerichtsrat ernannt wurde.
Rassenbeauftragter in Posen Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Wetzel zu einem Mitarbeiter Heinrich Himmlers im Amt des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums (RKFDV).Gerald Reitlinger: Die Endlösung. Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939–1945. 7. Auflage. Berlin 1992, S. 144. Infolge des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen im September 1939 arbeitete Wetzel ab Oktober 1939 als Beauftragter für alle rassenpolitischen Fragen beim Chef der Zivilverwaltung in Posen (Warthegau), SS-Obergruppenführer Arthur Greiser. Nur wenige Tage später, am 25. November 1939, verfasste er zusammen mit Günther Hecht,In der Literatur teilweise fälschlich „Gerhard Hecht“ genannt. dem Leiter der Abteilung für Volksdeutsche und Minderheiten im Rassenpolitischen Amt der NSDAP, eine geheime Denkschrift mit dem Titel Die Frage der Behandlung der Bevölkerung der ehemaligen polnischen Gebiete nach rassepolitischen Gesichtspunkten.Bundesarchiv, R 49/75. Michael Alberti: Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Reichsgau Wartheland 1939–1945. Harrassowitz, Wiesbaden 2006, ISBN 3-447-05167-1, S. 88; books.google.de Gegenstand dieser Schrift war die „Aussiedlung“ von „Polen“ und „Juden“ in ein „Restgebiet“.Ingo Haar: Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der „Volkstumskampf“ im Osten. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-35942-X, S. 331; books.google.de (Quelle: IfZ, MA 125/9, Bl. 380572-597). Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. Auflage. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007, S. 673 (Quelle: Nbg. Dok. PS 660). Ferner ist in dieser Schrift zu lesen:
Im April 1940 wurde Wetzel Reichshauptstellenleiter beim Rassenpolitischen Amt. Von diesem Zeitpunkt an bis zum Oktober 1941 nahm er wieder seine Arbeit als Amtsgerichtsrat auf. Mit der anderen Hälfte seiner Arbeitszeit war er für das Rassenpolitische Amt tätig und übernahm unter anderem den Vorsitz am Erbgesundheitsgericht in Potsdam.
Rassenbeauftragter im Ostministerium mini|Wetzel als Teilnehmer der zweiten Folgekonferenz zur Wannseekonferenz am 6. März 1942 im Eichmannreferat Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 und der offiziellen Einsetzung des NS-Chefideologen sowie Reichsleiters Alfred Rosenberg im Juli 1941 in das Amt des „Ostministers“ wurde Wetzel als Vertreter des Rassenpolitischen Amtes in das neu entstandene Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO) abgeordnet, wo er ab Oktober 1941 als „Judensachbearbeiter“ in der Politischen Abteilung des RMfdbO arbeitete. Diese Abteilung wurde seit Juni 1941 von dem Diplomaten und Juristen Otto Bräutigam geleitet, einem wichtigen Verbindungsmann des RMfdbO zum Auswärtigen Amt.Hans-Dieter Heilmann: Aus dem Kriegstagebuch des Diplomaten Otto Bräutigam. In: Götz Aly und andere (Hrsg.): Biedermann und Schreibtischtäter. Materialien zur deutschen Täter-Biographie. Berlin 1987, S. 175 f. (= Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Band 4). Am 25. Oktober 1941 schickte Wetzel einen Brief an Reichskommissar Hinrich Lohse ins Reichskommissariat Ostland nach Riga. Dieser sogenannte GaskammerbriefDokument VEJ 7/206 in: Bert Hoppe, Hiltrud Glass (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I – Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. München 2011, ISBN 978-3-486-58911-5, S. 564–565. ist das früheste schriftliche Zeugnis, das die Verbindung zwischen der T4-Aktion und dem Genozid an der jüdischen Bevölkerung in Europa dokumentiert. Der Brief belegt zugleich, dass Wetzel, Bräutigam und das RMfdbO nicht nur an der Judenvernichtung beteiligt waren, sondern auch um die „Euthanasie“-Morde wussten. Anlässe des Briefes waren, wie Wetzel schrieb, „sehr zahlreiche Erschießungen von Juden“ in Wilna. Ziel müsse es deshalb sein, eine geordnete Lösung jenseits der Öffentlichkeit durchzuführen, und Viktor Brack habe bereits erklärt, „bei der Herstellung der erforderlichen Unterkünfte [= Gaskammern] sowie der Vergasungsapparate mitzuwirken“.Gerald Reitlinger: Die Endlösung. Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939–1945. 7. Auflage. Berlin 1992, S. 144 f., auch S. 226 f. Helmut Heiber: Der Generalplan Ost. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1958, Band 6, Heft 3, S. 281–325, hier S. 305 (angegebene Quellen: Nbg. Dok. NO-365, NO-996/97); ifz-muenchen.de (PDF; 2,2 MB). Ein vollständiger Abdruck des Dokuments findet sich auch in: Anatomie des SS-Staates: Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte. Band 2. dtv, München 1967, S. 337.
Am 20. Januar 1942 nahmen Ministerialrat Georg Leibbrandt und Staatssekretär Alfred Meyer, beide ebenfalls zentrale Mitarbeiter Alfred Rosenbergs im RMfdbO, an der Wannseekonferenz teil, wobei der Massenmord an den Juden, bezeichnet als „Endlösung der europäischen Judenfrage“, koordiniert wurde.Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker (Hrsg.): Stufen zum Galgen. Lebenswege vor den Nürnberger Urteilen. Leipzig 1999, S. 40 ff.; und Joe Heydecker, Johannes Leeb: Der Nürnberger Prozess. Köln 2003, S. 401. Erhard Wetzel nahm am 29. Januar 1942 in den Räumen des RMfdbO in der Berliner Rauchstraße 17/18 an einer Besprechung teil, auf der das „Ergebnis der Staatssekretärbesprechung vom 20. Januar 1942“ besprochen wurde.Robert M. W. Kempner: Eichmann und Komplizen. Zürich 1961, S. 165; sowie Hans-Dieter Heilmann: Aus dem Kriegstagebuch des Diplomaten Otto Bräutigam. In: Götz Aly u. a. (Hrsg.): Biedermann und Schreibtischtäter. Materialien zur deutschen Täter-Biographie. Berlin 1987, S. 180 f. (Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, Band 4). Teilnehmer dieser Konferenz waren nachgeordnete Vertreter verschiedener Ministerien, der Parteikanzlei sowie des Oberkommandos der Wehrmacht. Über den Genozid an der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten war Wetzel genauestens informiert. Nicht zuletzt nahm er auch an der zweiten Nachfolgekonferenz zur „Endlösung der Judenfrage“ im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) am 6. März 1942 teil.Czesław Madajczyk (Hrsg.): Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan. Saur, München u. a. 1994, S. 60 (angegebene Quelle: NG-2586). Noch im September 1942 wurde Wetzel zum „Hauptgruppenleiter für Siedlungsfragen“ des RMfdbO und in den Rang eines Regierungsrats befördert. In dieser Position nahm er dann auch an der Endlösungskonferenz am 27. Oktober 1942 im Eichmannreferat des RSHA teil.