Als Gaskammerbrief wird ein vom juristischen Sachbearbeiter Erhard Wetzel verfasster Briefentwurf bezeichnet, der mit Datum vom 25. Oktober 1941 an den Reichskommissar Ostland Hinrich Lohse nach Riga adressiert ist. Der Brief ist das erste bekannte Dokument, in dem von der beabsichtigten Vernichtung arbeitsunfähiger Juden mittels Gas berichtet wird. Zugleich bezeugt dieses Dokument eine Verbindung zwischen der „Euthanasie-Aktion“, die von der Kanzlei des Führers gesteuert wurde, und dem Massenmord an den Juden (Holocaust).

Inhalt Im Betreff des BriefentwurfsNbg. Dok. NO-365, NO-996/97 – Vollständiger Abdruck des Dokuments in: Anatomie des SS-Staates: Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte, Bd. 2, dtv, München 1967, S. 337–338, sowie neuerlich als VEJ 7/206 in: Bert Hoppe, Hiltrud Glass (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I – Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. München 2011, ISBN 978-3-486-58911-5, S. 564–565. bezieht sich Wetzel auf einen Bericht Lohses vom 4. Oktober 1941, der nicht aufgefunden wurde.VEJ 7/206, S. 564 mit Anm. 4. Dabei ging es offenbar um Beschwerden über öffentliche Erschießungen von Juden in Wilna, die erhebliches Aufsehen erregt hatten.

Wetzel teilt mit, dass sich Viktor Brack von der Kanzlei des Führers bereit erklärt habe, bei „der Herstellung der erforderlichen Unterkünfte sowie der Vergasungsapparate mitzuwirken.“ Derartige Apparate seien nach Bracks Angaben in erforderlicher Anzahl nicht vorhanden, ihre Herstellung im Reiche sei schwieriger, als sie dort an Ort und Stelle herzustellen. Brack hielte es für zweckmäßig, seinen Chemiker Helmut Kallmeyer mit Hilfskräften nach Riga zu entsenden. Das „in Betracht kommende Verfahren“ sei nicht ungefährlich, so dass besondere Schutzmaßnahmen erforderlich seien.

Wetzel empfahl, sich über den Höheren SS- und Polizeiführer (seinerzeit Hans Prützmann) an Brack zu wenden und um die Entsendung Kallmeyers und weiterer Hilfskräfte zu bitten. Wetzel weist darauf hin, dass Adolf Eichmann einverstanden sei; ihm zufolge sollten in Riga und in Minsk Lager für Juden geschaffen werden, in die eventuell auch Juden aus dem Altreich deportiert werden würden. Im Schreiben heißt es weiter: „Nach Sachlage bestehen keine Bedenken, wenn diejenigen Juden, die nicht arbeitsfähig sind, mit den Brackschen Hilfmitteln beseitigt werden.“VEJ 7/206, S. 565. Auf diese Weise würden dann die kaum zu billigenden Vorgänge, wie sie sich bei den stattgefundenen öffentlichen Erschießungen der Juden in Wilna (Vilnius) zugetragen hätten, nicht mehr möglich sein. Die Arbeitsfähigen würden zum Arbeitseinsatz nach Osten geschafft.

Historischer Hintergrund Das Deutsche Reich hatte Polen nach dem Überfall auf Polen (1939) völkerrechtswidrig annektiert. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion (22. Juni 1941) begann der Deutsch-Sowjetische Krieg. Bis zur Schlacht um Moskau Ende 1941 kamen die Truppen der Wehrmacht zügig voran.

Der Brief wurde geschrieben, nachdem bereits das Sonderkommando Lange bis zum Sommer 1941 Anstaltspatienten im Reichsgau Wartheland mit Hilfe von Gaswagen ermordet hatte. Erste Gaswagen benutzten reines Kohlenstoffmonoxid aus GasflaschenMathias Beer: Die Entwicklung der Gaswagen beim Mord an den Juden. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 35 (1987), S. 405 f. Online verfügbar: Archiv (PDF; 7,6 MB) und kopierten damit die Methode der NS-Tötungsanstalten – im „Gaskammerbrief“ als „Bracksche-Hilfsmittel“ bezeichnet. Andere Gaswagen, die zum Beispiel im Dezember 1941 in Chelmno eingesetzt wurden,Peter Longerich: Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur »Endlösung«. München 2001, S. 76, ISBN 3-492-04295-3. erstickten ihre Opfer durch Motorabgase. Der Vorschlag von Wetzel, anstelle von Gaswagen nunmehr stationäre Gaskammern (im Schreiben als „Unterkünfte“ bezeichnet) zu installieren,Diese Deutung bei Peter Longerich: Politik der Vernichtung. München 1998, S. 443, ISBN 3-492-03755-0 - Gerlach hingegen deutet Vergasungsapparate als Gaswagen = Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944, Studienausgabe Hamburg 2000, ISBN 3-930908-63-8, S. 765 / Auch im Regest zu VEJ 7/206 wird Gaswagen angenommen – Bert Hoppe, Hiltrud Glass (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (Quellensammlung) Band 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I – Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. München 2011, ISBN 978-3-486-58911-5, S. 564 / s. a. Petra Rentrup: Tatorte der „Endlösung“ - Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte von Maly Trostinez. Berlin 2011, ISBN 978-3-86331-038-7, S. 97 mit Anm. 194. wurde jedoch nicht in Riga,In Riga wurden Gaswagen eingesetzt. Götz Aly (Hrsg.): Aktion T4 1939–1945. Die »Euthanasie«-Zentrale in der Tiergartenstraße 4. 2., erw. Aufl., Berlin 1989, S. 201, ISBN 3-926175-66-4. sondern kurze Zeit später in den Vernichtungslagern der Aktion Reinhardt umgesetzt. In Belzec wurde anfänglich Kohlenstoffmonoxid aus Gasflaschen eingesetzt,Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden; die Jahre der Verfolgung 1933–1939; die Jahre der Vernichtung 1939–1945. München 2007, ISBN 978-3-406-56681-3, S. 739. später wurden auf Anweisung von Christian Wirth Motorabgase benutzt,Eugen Kogon et al. (Hrsg.): Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas. Frankfurt a. M. 1983, S. 154, ISBN 3-10-040402-5. um nicht auf Lieferungen von reinem Kohlenstoffmonoxidgas aus dem BASF-Werk in Ludwigshafen am Rhein angewiesen zu sein.Henry Friedlander: Der Weg zum Genozid – Von der Euthanasie zur Endlösung. Berlin 1997, S. 473, ISBN 3-8270-0265-6.

Die Quelle Im Faksimile des als „Geheim“ bezeichneten Dokuments aus Rosenbergs Ostministerium ist ein handschriftlicher Vermerk „Entwurf“ zu erkennen; am Ende des Briefes sind mit Bleistift die Buchstaben „N.d.H.M.“ eingetragen. beim Nuremberg Trial Project Im Oktober 1946 wurde diese Abkürzung im Rahmen des Nürnberger Ärzteprozesses als „Nachschrift dem Herrn Minister“ gedeutet (Abruf am 5. Februar 2022) – dies wird aber auch als „Nur durch Herrn Minister“ [zu unterschreiben] oder „Name des Herrn Ministers“ verstanden.Helmut Krausnick: Judenverfolgung. In: Anatomie des SS-Staates. dtv, München 1967, S. 338. Im Briefkopf werden als Absender „Der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“ und darunter der „Sachbearbeiter AGR. Dr. Wetzel“ aufgeführt. Adressat ist der „Reichskommissar für das Ostland“, und es wird auf dessen „Bericht vom 4. 10. 1941 bezüglich Lösung der Judenfrage“ Bezug genommen.

Im Nürnberger Ärzteprozess wurde der „Gaskammerbrief“ als Beweisdokument vorgelegt. Der dort genannte Viktor Brack bestritt im Kreuzverhör, diesen und weitere ihn belastende Briefe erhalten zu haben, und gab an, sich nicht an Eichmann oder Wetzel zu erinnern. Adolf Eichmann nahm in den ersten Verhören keine Stellung zum Briefentwurf, äußerte aber die Vermutung: „Vielleicht dass es so war, dass man sich in den Kreisen des Ostministeriums gesagt hat: Das muss eleganter vor sich gehen; das Schießen passte ihnen nicht mehr.“Jochen von Lang: Das Eichmann-Protokoll - Tonbandaufzeichnungen der israelischen Verhöre. Berlin 1982, S. 178, ISBN 3-88680-036-9. Aus den Aufzeichnungen Eichmanns während des Prozesses geht hervor, dass sein Verteidiger dem Gericht den Brief in vier Ausführungen vorlegte: einen handschriftlichen Entwurf, einen maschinenschriftlichen Klartext, einen weiteren mit Maschine geschriebenen Entwurf und ein maschinegeschriebenes Schreiben an eine Dienststelle des Ostministeriums (RMfdbO). (Abruf am 8. Oktober 2008) sowie schoah: Eichmanns Aufzeichnungen „Götzen“, S. 215f. Alle Versionen sollen nach Eichmann weder eine Unterschrift noch ein Signum tragen. Allerdings ist der von Wetzel angefertigte Entwurf tatsächlich handschriftlich mit dem Signum „Wet“ gezeichnet. Rosenberg, der es zeitlebens vermieden hat, öffentlich mit Gewalttaten in Verbindung gebracht zu werden, hat dieses Dokument indes nicht unterzeichnet. Im Eichmann-Prozess wurden neben dem Gaskammerbrief zwei der Briefentwürfe Wetzels behandelt, um ihre Beweiskraft würdigen zu können.Dokumente NO-996 und NO-997. Online verfügbar: im Zum Inhalt siehe Christopher Browning: The Final Solution and the German Foreign Office, Washington 2000, Fußnote 83. Online verfügbar: (Abruf am 21. Oktober 2008) Erhard Wetzel, als möglicher Zeuge angefragt, verweigerte Informationen darüber, da in Deutschland Ermittlungen gegen ihn selbst anhängig seien. Richter Sussmann stellte daraufhin fest, die entscheidende Frage sei nicht, welche Brieffassung die endgültige sei und ob der Brief seinen Empfänger erreicht habe, sondern ob die dort berichtete Unterredung stattgefunden habe. “The question is not whether the letters were sent, or which letter was sent, but rather the question is whether the conversation referred to in the letters actually took place.”

Wetzel bezeugte dies in einem – später eingestellten – Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Hannover im Jahre 1961 und gab an, er habe Viktor Brack vor Abfassung des Briefes aufgesucht, um mit dessen Auskünften den Bericht Lohses vom 4. Oktober beantworten zu können. Wetzel bestätigte bei seiner Vernehmung nicht nur die wesentlichen Angaben des Dokuments, sondern fügte hinzu: „Brack hatte mir übrigens bei seiner Erklärung gesagt, es handele sich um einen Führerbefehl oder einen Auftrag des Führers.“Zitiert nach Helmut Krausnick: Diskussion. In: Eberhard Jäckel / Jürgen Rohwer: Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Frankfurt a. M. 1987, S. 85, ISBN 3-596-24380-7. Nach der Unterredung mit Brack habe er, Wetzel, ein kurzes Gespräch mit Eichmann geführt und anschließend Otto Bräutigam Bericht erstattet. Dieser habe ihn beauftragt, den Brief an Lohse zu schreiben. Der Historiker Christopher Browning stellt dar, dass Lohse alsbald in Berlin eintraf und „wahrscheinlich persönlich“ von Bräutigam über Bracks Vorschlag informiert wurde. Browning vertritt die Ansicht, der Gaskammerbrief sei deshalb gar nicht abgeschickt worden.Christopher Browning: Die Entfesselung der 'Endlösung'. München 2003, S. 528, ISBN 3-549-07187-6.

Zusammenhang und Deutungen Obwohl der Gaskammerbrief nur in Form eines Entwurfs vorliegt, werden die darin enthaltenen Angaben von keinem namhaften Historiker in Zweifel gezogen: Unübersehbar sind die engen „Zusammenhänge personeller und sachlicher Natur […], die zwischen der sogenannten Euthanasie-Aktion und der späteren Massenvernichtung von Juden bestehen.“Diskussion. In: Eberhard Jäckel, Jürgen Rohwer: Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Frankfurt a. M. 1987, S. 84.