Der Müggelturm ist ein bekanntes Ausflugsziel im Südosten Berlins im Ortsteil Köpenick. Der Aussichtsturm steht südlich des Müggelsees in den Müggelbergen auf dem Kleinen Müggelberg in einer Höhe von . Wenn vom Müggelturm gesprochen wird, ist meistens der 1961 als Ersatz für den 1958 abgebrannten hölzernen Vorgängerbau errichtete Turm gemeint. Allerdings sprach man schon mindestens seit 1904 von dem „als Aussichtsturm bekannte[n] Müggelturm“.

Erreichbarkeit Das Müggelturm-Areal kann von der nicht mehr existierenden Ausflugsgaststätte Marienlust im Süden an der Dahme über einen Weg mit Sichtachse und anschließender Treppe und vom Teufelssee im Nordosten über eine zweite Treppe erreicht werden. Vom Müggelheimer Damm führt die Straße zum Müggelturm zum Turmfuß hinauf, die für den individuellen Autoverkehr nur bis zu einem Parkplatz ein paar hundert Meter vor dem Plateau zugelassen ist. Eine Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Bus 169 der BVG) ist möglich, bedingt jedoch einen Fußweg durch den Wald von mehr als einem Kilometer zwischen Haltestelle und Turm. Auf dem Plateau darf laut Besitzer auf einem ausgewiesenen Auto-Parkplatz geparkt werden.

Erster Müggelturm mini|links|hochkant|Der historische Turm, um 1900

Carl Spindler, der Eigentümer der Köpenicker Wäscherei und Färberei W. Spindler, nach der Spindlersfeld seinen Namen hat, ließ um 1880 auf dem kleinen Müggelberg einen zehn Meter hohen hölzernen Aussichtsturm errichten, der als Spindlerturm bezeichnet wurde. Wegen der geringen Größe konnten Besucher nicht in die Ferne schauen und es kamen nur wenige Interessenten. 1889 ließ Spindler den Turm von dem deutschen Architekten Max Jacob für 40.000 Mark im chinesischen Pagodenstil erweitern. Der Turm mit einer Höhe von 27 Metern wurde am 6. April 1890 (Ostersonntag) eröffnet. Der quadratische Grundriss mit konischer Form hatte am Boden Abmessungen von 5 Meter × 5 Meter, oberhalb des Restaurants war er 4,20 Meter breit und an der Aussichtsplattform noch 2,80 Meter. Er bestand wie der Spindlerturm ebenfalls aus Holz und war mit Schindeln bedeckt. Der erste Gastwirt war Carl Streichhan. Der vergrößerte Turm mit seinem Restaurant entwickelte sich schnell zu einem beliebten Ausflugsziel. Von der Aussichtsplattform hatten die Besucher einen Panoramablick bis zu 50 Kilometer Entfernung über die Wald- und Seenlandschaft der Region bis hin zur Stadtsilhouette von Alt-Berlin. Bereits im Eröffnungsjahr 1890 wurden ca. 52.000 Besucher gezählt.

Noch ohne Turm bot sich Theodor Fontane um 1880 von der Höhe der Müggelberge folgendes Bild:

Im Jahr 1924 erwarb der Baumeister Walter Wichelhaus den Turm und nahm in den folgenden Jahren bauliche Veränderungen auf dem Kleinen Müggelberg vor. Er ließ einige Gebäude errichten, die ein neues Restaurant, eine Küche und eine Wohnung für seine Familie beinhalteten. Bei den Ausschachtungsarbeiten für die neuen Nebengebäude stießen die Arbeiter auf vorgeschichtliche Funde, die 1926 auf einer neuen Terrassenanlage und im angrenzenden Saal mit dem Titel Geschichte des Müggellandes und der Müggelberge öffentlich präsentiert wurden. Die Sammlung, in Zusammenarbeit mit dem Märkischen Museum geordnet, zeigte den Besuchern allgemein etwas über die Kultur der Menschen der Stein-, Bronze- und Eisenzeit sowie über die Sprewanen, einem wendischen Stamm, der in der Dahme-Spree-Gegend lebte. Ein bekanntes Exponat der Ausstellung war ein Backenzahn eines Mammuts. Ein weiterer Teil der Ausstellung bewies, dass früher auf dem Kleinen Müggelberg eine große Halle stand, die wahrscheinlich den Sprewanen als Kultstätte diente.

Im Jahr 1928 ließ Wichelhaus die beiden Treppen zum Kleinen Müggelberg hinauf anlegen. Die nordöstliche Treppe vom Teufelssee zählt 111 Stufen, die südliche 374 Stufen. Beide Treppen wurden im Jahr 1953 erneuert.

Die Ausstellungsstücke des Museums wurden 1942 wegen der Kriegsereignisse in die Gaststätte Schmetterlingshorst ausgelagert. Dort waren sie zusammen mit der weltberühmten Faltersammlung des Gaststättenbesitzers Bittner zu betrachten. Beide Sammlungen gingen in den folgenden Kriegsjahren bei einem alliierten Bombenangriff verloren.

Im Jahr 1945, als sich die Rote Armee Berlin näherte, erklärten die Nationalsozialisten den Turm zum militärischen Objekt und nutzten ihn als Funkturm zum Zwecke der Nachrichtenübermittlung sowie für die Artillerie als Beobachtungsposten. Wie auch die benachbarte Bismarckwarte auf dem großen Müggelberg sollte der Müggelturm im April 1945 von deutschen Truppen vor der Ankunft der anrückenden Sowjetarmee gesprengt werden. Der Turm-Gastwirt Walter Wichelhaus verhinderte die Sprengung, indem er die Leitungsdrähte der Sprengladung zerschnitt.

Nach dem Krieg lag der Turm in der SBZ, es wurde wieder eine Gaststätte für Besucher eingerichtet und 1953 übernahm die HO Köpenick den Betrieb des Müggelturmareals, der Eigentümer hatte sich in den Westen abgesetzt. Im Januar 1957 musste der hölzerne Müggelturm wegen Baufälligkeit gesperrt werden, im Februar 1957 beschloss der Ost-Berliner Magistrat, dem Turm durch ein neues Fundament und den Einbau einer Stahlfachwerkkonstruktion neue Stabilität zu verleihen. Im Rahmen der Arbeiten sollte auch das Restaurant erweitert werden. Am Nachmittag des 19. Mai 1958 brannte der Turm durch ein Feuer vollständig ab, das vermutlich durch Schweißarbeiten während der Renovierung ausgelöst worden war. Somit musste ein völlig neuer Turm an dieser Stelle geplant werden.

Turmneubau 1960/1961 mini|hochkant|Ansicht von Südosten

Noch im gleichen Jahr initiierte die Berliner Zeitung einen Architekturwettbewerb für einen Neubau, bei dem 32 Entwürfe eingingen. Die Entwürfe wurden im August 1958 im Köpenicker Rathaus und einen Monat später im Berliner-Zeitung-Pavillon am Bahnhof Friedrichstraße für die Berliner Bevölkerung ausgestellt. Die Meinungen der Besucher zu den Entwürfen, die sie in ein ausliegendes Buch schreiben konnten, bestätigten die Auswahl des Wettbewerbskomitees. Der Entwurf eines Studentenkollektivs der Kunsthochschule Berlin-Weißensee unter Regie von Jörg Streitparth, Siegfried Wagner und Klaus Weißhaupt ging als Sieger aus dem Wettbewerb hervor und wurde in einer überarbeiteten Fassung gebaut. Ursprünglich sollte der Turm einen ovalen Grundriss haben, was aber aus ökonomischen sowie aus bautechnischen Gründen auf die heutige rechteckige Form geändert werden musste.Norbert Koch-Klaucke: „Für mich ist das richtiger Kitsch.“ In: Berliner Zeitung, 30. Januar 2019, S. 11.

Am 6. Oktober 1959 erfolgte die Grundsteinlegung, am 20. August 1960 das Richtfest. Die Eröffnung fand am 31. Dezember 1961 in der Silvesternacht statt. Die Realisierung des neuen Müggelturms wurde durch das Engagement und die Spendenbereitschaft der Bevölkerung erheblich unterstützt. Im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes spendete die Bevölkerung 130.000 Mark und leistete 3700 freiwillige Arbeitsstunden.

Der 29,61 Meter hohe, in Stahlbetonskelettbauweise errichtete Turm hat neun Geschosse mit Panoramafenstern und einer Plattform, die über eine Treppe mit 126 Stufen erreichbar ist. Zum ebenerdigen daneben errichteten Gastronomiebereich gehörten ein Restaurant, eine Weinstube und Sonnenterrassen. Das Restaurant Müggelturm wurde von der HO bewirtschaftet.

Auch der neue Turm entwickelte sich schnell zum Anziehungspunkt für die Berliner und ihre Gäste. Jährlich kamen durchschnittlich 240.000 Besucher. Besonders zu Feiertagen wie Pfingsten herrschte dichtes Gedränge im Turm und im Gastronomiebereich.

Der Architektenentwurf des Turmes mit seinen Nebengebäuden orientiert sich an der Formensprache der Moderne und negiert damit bewusst die eklektizistische Haltung seines Vorgängerbaus. Der zweite Müggelturm mit seinen angrenzenden Gebäuden stellt ein sehr frühes Beispiel moderner Architektur in der bis dahin stark vom Stil des sozialistischen Klassizismus geprägten Nachkriegsarchitektur in der DDR dar.

In einem Blumenfenster des Gastraums befand sich der historisch für die preußische und Berliner Geodäsie wichtige Trigonometrische Punkt 1. Ordnung Müggelberg, markiert auf einem Stein. Er war der Fundamentalpunkt des Soldner-Koordinatensystems 18 des Preußischen Liegenschaftskatasters, seit 1879 Basis der großmaßstäbigen Berliner Landeskartenwerke. Der Punkt ist definiert in seinem Ursprung mit einem fiktiven Rechtswert von 40.000,00 Metern und einem Hochwert von 10.000,00 Metern, damit im Gebrauchsgebiet keine negativen Koordinatenwerte auftreten. Der Stein erinnerte auch an den in Müggelheim geborenen Johann Jacob Baeyer (1794–1885). Baeyer gilt als Begründer der einheitlichen europäischen Gradmessung. Er nutzte den Höhenzug der Müggelberge neben Vermessungen der Stadt Berlin auch für Höhenmessungen der näheren Umgebung: Unter anderem bestimmte er die Höhe der Köpenicker St.-Laurentius-Stadtkirche und der Gosener Berge. Da der Stein sowie seine spezielle Lage als amtlicher Vermessungspunkt geschützt ist, darf er bei Umbauarbeiten nicht ohne Zustimmung der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt bewegt werden.

mini|Verfallender Gastro­nomie­bereich mit der ehe­maligen Sonnen­terrasse, 2005

Entwicklung seit 1990 und Nutzungskonzepte Überblick Nach Mauerfall und Wiedervereinigung gehörten Turm und HO zusammen mit einem großen Teil der DDR-Wirtschaft zum Portfolio der Treuhandanstalt.https://www.mdr.de/geschichte/ddr/alltag/konsum/ho-handelsorganisation-ddr-106.html So führte die mangelnde Wartung in den 1990er Jahren zu dringendem Sanierungsbedarf. 1996 wurde zwar der Turm mit EU-Fördermitteln (Programm Gemeinschaftsausgaben) für eine Million Mark grundlegend instand gesetzt, aber der Gastronomiebereich blieb durch Feuchtigkeitseinbruch dringend sanierungsbedürftig. Der Zustand des Turms verschlechterte sich seit der Sanierung jedoch wieder, so bildeten sich auf den Stufen zur Aussichtsplattform kleinere Pfützen durch eingedrungene Baufeuchte. Auch die einst installierten Münzfernrohre sind auf der Aussichtsetage nicht mehr vorhanden.

Der Turm war Stand 2021 oder früher zwischen 10 und 17 Uhr im Winter bzw. zwischen 10 und 18 Uhr im Sommer geöffnet. Er ist nicht barrierefrei, der Zugang ist kostenpflichtig.Testzentrum.; abgerufen am 25. April 2021

Erster Privatisierungsversuch fehlgeschlagen Im Jahr 1991 verkaufte die Treuhandanstalt das Gelände an die bcb GmbH, die verschiedene Nutzungsideen entwickelte. Trotz des Verkaufs blieben die Eigentums­verhältnisse unklar. Das führte dazu, dass ein 1994 von der eigens gegründeten Müggelturm-Tourismus & Service GmbH vorgelegtes Konzept keinen Anklang bei Investoren fand. Nichts wurde in Angriff genommen.

Das Land Berlin erwarb 1995 die komplette Immobilie.Areal am Müggelturm verfällt weiter. In: Berliner Zeitung, 27. Mai 2010. Die Verwaltung der Bauten und des Geländes befand sich bis 2001 in der Hand des Bezirks Köpenick, seitdem kümmert sich der landeseigene Liegenschaftsfonds Berlin um die Immobilie. Seit Mai 1995 steht der 1959 entstandene Gebäudekomplex aus Müggelturm und Gastronomiebereich unter Denkmalschutz. Das Berliner Landesdenkmalamt schrieb dazu: „Der Müggelturm ist eine populäre und weithin sichtbare Landmarke in den Müggelbergen. Er ist ein bekannter Akzent in einem unverwechselbaren Berliner Landschaftsbild.“

Zweiter Privatisierungsversuch zur Umnutzung als Hotel Ein 1996 vom langjährigen Müggelturmpächter Wolfgang Gerber und dem Köpenicker Architekten Ulrich Peickert vorgelegter Entwurf für den Bau eines Hotels fand keine Akzeptanz, da er dem Flächennutzungsplan widersprach. Obwohl daraufhin im Jahr 2000 der Flächennutzungsplan geändert wurde, kam es nicht zu einer Einigung mit den Investoren. Den 2002 eingereichten Vorschlag eines Berliner Finanzkaufmanns, für 25 Millionen Euro eine Burganlage mit Hotel mit dem Turm im Mittelpunkt zu errichten, lehnte der Berliner Senat ab, da er zu „massiv“ sei.