miniatur|hochkant=2.0|Die Krönung in Notre-Dame (Gemälde von Jacques-Louis David, 1805–1807, 610 × 930 cm, Öl auf Leinwand)
Die Kaiserkrönung Napoleons I. war eine Krönungszeremonie am 2. Dezember 1804 in der Kathedrale Notre-Dame de Paris, die die Rechtsstellung Napoleons als Kaiser der Franzosen symbolisch und sakral legitimieren sollte.
Vorgeschichte Napoleon Bonaparte hatte sich in der Spätphase der Französischen Revolution als General der Revolutionsarmeen Ruhm und Ansehen erkämpft. Die Wirren des Zweiten Koalitionskrieges nutzte er für den Staatsstreich des 18. Brumaire VIII (9. November 1799), um das Direktorium zu stürzen und eine Konsulatsregierung mit ihm als Erstem Konsul einzuführen. In den Folgejahren wurde Frankreich straffen Reformen unterzogen. Die Verwaltung wurde erneuert und zentralisiert, das Bildungswesen vereinheitlicht, ein Konkordat mit der katholischen Kirche abgeschlossen und die Wirtschaft durch Vergabe von Staatsaufträgen gefördert. 1804 wurde der Code civil eingeführt, wodurch eine gesetzliche Verankerung der Bürgerrechte wie persönliche Freiheit, Rechtsgleichheit, privates Eigentum, Zivilehe und Scheidungsrecht erfolgte.
Legitimation des erblichen Kaisertums Im August 1803 wurde von der Geheimpolizei eine royalistische Verschwörung aufgedeckt, die angeblich die Ermordung Napoleons und die Einsetzung eines Bourbonen oder von General Jean-Victor Moreau zum neuen Herrscher zum Ziel hatte. Letzterer wurde von den Drahtziehern Georges Cadoudal und Jean-Charles Pichegru zu Unrecht beschuldigt. Da die Polizei keine Verbindung der Verschwörer zu den Bourbonen herstellen konnte, aber von Napoleon selbiges gefordert wurde, beschuldigte man schließlich den Herzog von Enghien der Mittäterschaft. Er verweilte gerade im badischen Ettenheim bei seiner Cousine und war der einzige Bourbonenprinz in greifbarer Nähe. Ein französischer General überquerte am 15. März 1804 den Rhein zusammen mit einigen Dragonerschwadronen und nahm den Herzog fest. Dieser gestand vor einem Pariser Militärgericht zwar sein Bestreben, in britischen Diensten gegen Napoleon kämpfen zu wollen und auch früher ein offener Gegner der Revolution gewesen zu sein, stritt jedoch die Beteiligung an besagtem Komplott ab. Das Tribunal verurteilte ihn zum Tode, die Vollstreckung erfolgte in der Nacht zum 21. März. Napoleon hatte das Urteil dahingehend beeinflusst, dass er einen Bourbonen opfern wollte, um die anderen von jeglichen neuen Angriffen abzuschrecken.
Die öffentliche Empörung über die Ermordung des Herzogs war in Frankreich wie in ganz Europa groß, doch konnte sie die Machtposition des Konsuls nicht erschüttern. Die Nachwirkung der aufgedeckten Verschwörung jedoch hatte besonders auf die Mitglieder des Senats und anderer Institutionen beträchtlichen Einfluss. Ein Umsturz der napoleonischen Regierung schien jederzeit möglich. Wäre einer solchen Aktion Erfolg beschieden, wären die Senatoren ihre lukrativen Ämter losgeworden und die innere Ruhe, die in den letzten Jahren eingekehrt war und die so viele beibehalten wollten, wäre von einem Tag auf den anderen Vergangenheit gewesen. Der Senat, der das Recht besaß, die Verfassung zu ändern, erkannte den Vorteil eines erblichen Kaisertums der Bonapartes, das beim Verlust des Herrschers sofort einen neuen an dessen Stelle treten ließe und die Erfolgschancen jeglichen weiteren Umsturzversuches massiv erschweren würde. Joseph Fouché, ehemaliger Polizeiminister und Senator von Aix, der beim Konsul in Ungnade gefallen war, nahm in dieser Lage die Chance wahr, sich bei Napoleon wieder beliebt zu machen, und trug im Auftrag des Senats Napoleon eine Verfassungsänderung mit ihm als Kaiser an.
Schaffung des Kaisertums Napoleon, seit 1802 Konsul auf Lebenszeit, hatte dieses Entgegenkommen des Senats erhofft und durch seine Politik auch bewusst beeinflusst. Sein Bestreben auf eine dauerhafte Sicherung der Machtposition seiner Familie und die Erhöhung seines Titels war auch ausländischen Diplomaten nicht verborgen geblieben. Gesandte Österreichs und Preußens sahen in ihren Briefen die Möglichkeit eines „Kaiserreiches der Gallier“ in naher Zukunft. Die erste Vorlage der Verfassungsänderung umfasste folgende Punkte:
Napoleon Bonaparte wird mit der Regierung der französischen Republik betraut. Die Kaiserwürde wird seiner Familie für erblich erklärt.
Am 30. März 1804 wurde im Senat der Antrag mit fünf Gegenstimmen angenommen, das Corps législatif stimmte der Vorlage ebenfalls zu. Die endgültige Version der neuen Verfassung wurde vom Staatsrat ausgearbeitet und in einer feierlichen Sitzung am 18. Mai dem Senat erneut vorgelegt. Fünf Gegenstimmen und eine Enthaltung gegen 74 Ja-Stimmen brachten Frankreich das Kaisertum. Man hatte sich auf Betreiben Napoleons auf den Titel eines Kaisers (auf Französisch Empereur) geeinigt, da ein monarchischer Titel nötig war, jedoch der des Königs unliebsame Erinnerungen geweckt hätte. Im antiken Rom hatte sich Octavian zum Caesaren, also zum Kaiser, gemacht, weil auch er einen Königstitel nicht ohne die Missgunst des Volkes hätte annehmen können. Napoleon berief sich auf diese Tatsache, hatte doch seine Karriere so verblüffende Ähnlichkeit mit der des Augustus. Außerdem war auch Karl der Große im Jahr 800 zum Kaiser gekrönt worden. Große rechtliche Neuerungen brachte die neue Verfassung nicht, da Napoleon faktisch seit seinem Staatsstreich diktatorisch regiert hatte. Der neue Kaiser wollte jedoch trotz aller staatsrechtlichen Legitimationen seines neuen Titels eine Bestätigung durch das französische Volk. Über viereinhalb Millionen stimmten für ihn, nur wenige Tausend gegen seine Monarchie.
Eine neue Dynastie Napoleon besaß zwar schon seit Jahren Herrschaft und Macht, die den Fürsten der großen europäischen Monarchien in nichts nachstand. Jedoch wurde er auf dem diplomatischen Parkett immer noch als der behandelt, der er in Realität war: ein Soldat aus bürgerlichem Hause, ein ehemaliger Revolutionär, der quasi den Thron usurpiert hatte. Dies wollte Napoleon mit der Schaffung einer Dynastie und allen sonst noch als notwendig erachteten Maßnahmen zur Steigerung seiner internationalen Anerkennung ändern. Man suchte sich hierbei Vorbilder aus dem Alten Rom und Fränkischen Reich. Doch auch das viel näherliegende Vorbild der Bourbonen blieb nicht unangetastet. Für die Detailgestaltung der pompösen Zeremonie und der Etikette des neuen Kaiserreiches wurden erfahrene Hofveteranen aus der Bourbonenzeit wie Louis-Philippe de Ségur und Madame Campan, Kammerfrau von Marie-Antoinette, zu Rate gezogen. Das höfische Ambiente aus der Zeit Ludwigs XIV. wurde emsig studiert und für die Krönung eingeübt.
Um sowohl nach innen als auch nach außen hin den Prunk des neuen Kaiserreiches zu repräsentieren, brauchte man auch eine Fülle an Titeln und Würden, die vor allem den Männern übertragen wurden, die sich in der Revolution an der Seite Napoleons verdient gemacht hatten. Napoleons Mutter ernannte der Kaiser zur Madame Mère. Seine Brüder Joseph und Louis wurden zu kaiserlichen Prinzen und für die Zeit der Kinderlosigkeit des Kaisers zu seinen Thronfolgern erklärt. Seine beiden anderen Brüder Lucien und Jérôme waren wegen unstandesgemäßer Ehen von Titeln und Thronfolge vorerst ausgeschlossen worden. Charles-François Lebrun wurde zum Erzkämmerer, Jean-Jacques Cambacérès zum Erzkanzler, Armand de Caulaincourt zum Großstallmeister, Géraud-Christophe-Michel Duroc zum Großmarschall des Palastes, Louis Alexandre Berthier zum Großmeister der Jagd und Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord zum Großkämmerer ernannt. Sechzehn Generäle der Revolutionsarmee erhielten den Titel eines Marschalls von Frankreich, die höchste militärische Ehrung, die bereits im königlichen Frankreich existiert hatte. Joachim Murat, der auch Napoleons Schwager war, bekam neben dem Marschallsrang auch den eines Großadmirals.
Die Anwesenheit des Papstes Zur Einbindung einer sakralen Komponente hatte Napoleon verfügt, dass er in Anwesenheit des Papstes gekrönt werden solle. Nicht nur Karl der Große war als König der Franken vom Papst zum Kaiser gekrönt worden; auch die römisch-deutschen Kaiser des Mittelalters hatten eine Romfahrt unternommen, um dort die Bestätigung ihrer Position durch eine päpstliche Krönung zu erfahren. Pius VII. wurde mit Nachdruck an den kaiserlichen Hof in Paris geladen, wo der Papst schließlich durch Rückgewinnung einiger Territorien des Kirchenstaates, die französische Truppen einige Jahre zuvor besetzt hatten, in seine Teilnahme an der Zeremonie einwilligte.
Der Papst, der in bescheidener Hoffnung auf Restaurierung einiger der vielen Millionen während der Revolution von der Kirche abgefallenen französischen Gläubigen nach Paris gekommen war, wurde vom Andrang auf sein Audienzzimmer völlig überrumpelt. Jeden Tag musste er tausende Pilger in den Tuileriengärten segnen und empfing Generäle, ehemalige Jakobiner und Würdenträger gleichermaßen. Am Vorabend der Krönung bat die künftige Kaiserin Joséphine um eine Unterredung und gestand dem Papst unter Tränen, dass ihre Ehe mit Napoleon nur standesamtlich geschlossen worden war. Pius gab ihr zur Antwort, dass er entsprechend den Bestimmungen des kanonischen Rechts Joséphine nur als kirchlich getraute Ehefrau krönen könne, nicht aber als sündige Konkubine. Napoleon wurde von der Absicht des Papstes unterrichtet und gab Anweisung zur schnellstmöglichen Vorbereitung einer kirchlichen Trauung, die dann um Mitternacht vor der Krönungszeremonie in seinem Arbeitszimmer von dem Halbbruder seiner Mutter Laetitia, Kardinal Joseph Fesch, vollzogen wurde.
Die Krönung Der Tag der Krönung Bis zum Krönungstag, dem 2. Dezember 1804, liefen die Vorbereitungen für die Krönung auf Hochtouren. Über viele Monate hatten Louis-Philippe de Ségur, der Großmeister der Zeremonien, und A. L. de Rémusat, der Erste Kammerherr, die Feierlichkeiten organisiert. Die Architekten Charles Percier und Pierre-François-Léonard Fontaine hatten die Dekorationen entworfen und der Maler Jean Baptiste Isabey die Kostüme. Noch in der Nacht wurden das Innere der Notre-Dame geschmückt sowie die Straßen der Hauptstadt gesäubert und in Stand gesetzt. Am Vorabend war ganz Paris in festlicher Stimmung. Die Artillerie schoss Salut, überall läuteten Glocken und brannten bengalische Feuer, es gab freien Eintritt in allen Theatern und an jeder Ecke wurde Musik gespielt.
Die Fassade der Kathedrale erhielt noch ihren letzten Schliff, sie trug einen großen Triumphbogen mit einem Adler, zwei Säulen des Portals trugen Bilder Chlodwigs I. und Karls des Großen. Diese symbolisierten die Abstammung vom Fränkischen Reich, mit der Napoleon seinen Herrschaftsanspruch über Frankreich und die Hegemonie über Europa begründen wollte. Der Tag der Krönung war ein Sonntag. Nachts hatte es geschneit. Seit 7:00 Uhr morgens drängten die Pariser in die Kirche hinein. Trotz der vielen für den Adel und das wohlhabende Bürgertum reservierten Plätze war noch genug Raum in den Sitzrängen für jeden, der bereit und in der Lage war, neun Franc zu bezahlen.
In den Tuilerien hatten viele Hofdamen die Nacht über im Sitzen schlafen müssen, um ihre aufwendigen Frisuren nicht zu ruinieren. Das Kaiserpaar hatte sich in edelste Kostüme gekleidet, Joséphine trug ein weißes Seidenkleid und Napoleon eine reich bestickte purpurne Uniform und Edelsteinschmuck. Am Barett trug er den Regent-Diamanten, den die französischen Könige in ihren Kronen getragen hatten. Zwischen 6:00 und 9:00 Uhr trafen vor der Notre-Dame die Abordnungen der geladenen Institutionen des Reiches ein. Würdenträger der Städte, Armee, Justiz, Verwaltung, Ehrenlegion und die Mitglieder der gesetzgebenden Kammern fuhren in Kutschen vor.