Die Teuerungsrevolte, auch Teuerungs- oder Septemberunruhen genannt, waren Ausschreitungen nach einer Arbeiterdemonstration und deren gewaltsame Niederschlagung in Wien am 17. September 1911. Zum ersten Mal nach dem Oktoberaufstand 1848 wurde in Wien wieder das Feuer auf Demonstranten eröffnet. miniatur|Teuerungsrevolte 1911: Polizei bezieht vor einem Lebensmittelgeschäft Stellung

Vorgeschichte Durch Trockenheit bedingte Missernten in Österreich-Ungarn und hohe Weltmarktpreise für Lebensmittel hatten 1909/10 zu Preissteigerungen für Brot und andere Nahrungsmittel geführt. Der Mehlpreis hatte sich fast verdoppelt und Fleisch war für Arbeiter fast unerschwinglich geworden. Auch die desolate Wohnungssituation war durch steigende Mieten noch verschärft worden.Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-593-36334-8, S. 19f. Digitalisat Der traditionelle Arbeiterbezirk Ottakring, das Zentrum der Proteste während der Teuerungsrevolte, wies einen besonders hohen Anteil an teilweise überbelegten Substandardwohnungen auf.

Demonstration und Unruhen miniatur|Titelblatt der Neuen Zeitung vom 19. September 1911 Am Sonntag, den 17. September 1911 kam es auf dem Wiener Rathausplatz zu einer Demonstration gegen die Teuerung. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei hatte dazu aufgerufen, wegen der für Arbeiter existenzbedrohenden Preisanstiege.Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 112.

Neben der Polizei waren eine Division Dragoner, Ulanen und Husaren sowie mehrere Bataillone ungarische und bosniakische Infanterie in der Innenstadt zusammengezogen worden.Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-593-36334-8, S. 23f.

Laut Polizeibericht folgten 36.000, laut Veranstaltern 100.000 Teilnehmer den Reden der Politiker Franz Schuhmeier und Albert Sever sowie von Delegierten aus Italien und Böhmen. Als sich die friedliche Demonstration auflöste, fiel angeblich vom Palais Epstein her, damals Sitz des Verwaltungsgerichtshofes, ein Schuss. Wer der Schütze war, konnte nie geklärt werden. Auch ein aus der Menge abgegebener Schuss gilt heute als möglicher Auslöser. Als aus der Menge Steinwürfe gegen das Palais und das Rathaus fielen, gingen unzählige Fenster zu Bruch. Polizei und Militär, darunter auch die Deutschmeister, rückten daraufhin gegen die Demonstranten vor und drängten sie Richtung Neubau und Mariahilf. Der harte Kern der Demonstranten zog sich in den Arbeiterbezirk Ottakring zurück. Dort errichteten die Demonstranten Barrikaden und demolierten Amtsgebäude. Es kam zu Plünderungen.Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-593-36334-8, S. 26.

Albert Sever schilderte das weitere Geschehen am 13. September 1931 in der Arbeiter-Zeitung:

Otto Bauer kommentierte die Ereignisse kurz darauf so: Über Ottakring wurde der Ausnahmezustand verhängt. Die Demonstrationen und Straßenkämpfe dauerten bis 22:00 Uhr an, als Polizei und Militär den Bezirk schließlich besetzten und abriegelten.

Prozesse Außer den vier toten Arbeitern Otto Brötzenberger, Franz Joachimsthaler, Leopold Lechner und Franz Wögerbauer gab es 149 Verletzte, mehr als 488 Personen wurden verhaftet und 283 zu schwerem Kerker verurteilt.Werner Bundschuh: Die Wiener Septemberunruhen – der „blutige Sonntag“ von 1911 im Spiegel der Vorarlberger Presse. In: Montfort. Vierteljahresschrift für Geschichte und Gegenwart Vorarlbergs. (44) 1992, Nr. 4, S. 349–361, hier S. 349 online. Wolfgang Maderthaner, Siegfried Mattl: „...den Straßenexcessen ein Ende machen“. Septemberunruhen und Arbeitermassenprozeß 1911. In: Karl R. Stadler (Hrsg.): Sozialistenprozesse. Politische Justiz in Österreich. 1870–1936. Europa-Verlag, Wien 1986, ISBN 3-203-50948-2, S. 117–150, hier: S. 117ff. Die Verhandlungen begannen schon zwei Tage nach der Revolte und wurden binnen kurzer Zeit mit der Verurteilung aller Angeklagten abgeschlossen. Justizminister Viktor von Hochenburger hatte dafür die Schwurgerichte, die eigentlich für „politische Verbrechen“ zuständig waren, ausgeschaltet und die Staatsanwälte angewiesen, hohe Strafanträge zu stellen.Wolfgang Maderthaner, Siegfried Mattl: „...den Straßenexcessen ein Ende machen“. Septemberunruhen und Arbeitermassenprozeß 1911. In: Karl R. Stadler (Hrsg.): Sozialistenprozesse. Politische Justiz in Österreich. 1870–1936. Europa-Verlag, Wien 1986, ISBN 3-203-50948-2, S. 117–150, hier: S. 127ff.

Nachwirkung miniatur|Denkmal für die Opfer der Teuerungsrevolte am Ottakringer Friedhof In der Hungerrevolte in Ottakring ging es nicht nur um Nahrungsmangel, sondern es artikulierte sich ein „erstes breites Aufbegehren marginalisierter vorstädtischer Massen“.Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-593-36334-8, S. 14f.

Am 5. Oktober 1911 gab es ein parlamentarisches Nachspiel im Wiener Reichsrat. Gerade als Victor Adler unter dem Tagesordnungspunkt „Teuerungsrevolte“ Hochenburger für die Eskalation der Ereignisse verantwortlich machte, fielen aus der Besuchergalerie Schüsse Richtung Regierungsbank, die Hochenburger und den späteren Ministerpräsident Karl Stürgkh verfehlten. Der Schütze, der 20-jährige arbeitslose Tischlergeselle Nikola Njegos, wurde überwältigt und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Er starb während der Haft. Ministerpräsident Paul Gautsch trat wegen der Unruhen zurück und wurde von Stürgkh abgelöst.

Am Ottakringer Friedhof erinnert ein von den Sozialdemokraten gestiftetes Denkmal an die Opfer der Teuerungsrevolte. 1928 wurde der Platz vor dem Wilhelminenspital nach dem Schlossergehilfen Franz Joachimsthaler Joachimsthalerplatz benannt.

Weblinks

Der „Notschrei“ der Arbeiterklasse. Mit Kavallerie gegen Demonstranten. ORF-online vom 16. September 2011. Wohnungselend und Hungerrevolte: Als in Ottakring die Steine flogen Der Standard vom 15. September 2011 Pressespiegel auf Austrian Newspapers Online

Einzelnachweise

Kategorie:Geschichte Wiens (20. Jahrhundert) Kategorie:Sozialdemokratische Arbeiterpartei (Österreich) Kategorie:Konflikt 1911 Kategorie:Ereignis in Österreich-Ungarn