Die Tat war eine sozial-liberale Schweizer Zeitung, die von 1935 bis 1978 von der Migros herausgegeben wurde, zuerst als Wochenzeitung, dann als abends erscheinende Tageszeitung und schliesslich als morgens erscheinende Boulevardzeitung. Sie wurde vom Gründer der Migros, Gottlieb Duttweiler, ins Leben gerufen. Während die Wochenzeitung das Parteiorgan des Landesrings der Unabhängigen war, emanzipierte sich die Abendzeitung rasch von diesem und gewann hohes Ansehen auch ausserhalb der Schweiz, namentlich durch ihre Wochenendbeilage Die literarische Tat unter der Leitung von Max Rychner und Erwin Jaeckle und durch die Mitarbeit zahlreicher namhafter Journalisten. Der Niedergang der politischen Presse in den siebziger Jahren, verbunden mit wegen der Nähe zur Migros mangelnden Inserateeinnahmen, führte Ende März 1977 zur Einstellung der Abendzeitung. Der damalige Präsident der Migros, Pierre Arnold, versuchte den Titel als Boulevardzeitung weiterzuführen. Deren wirtschaftskritischer, scharfer Stil bewog ihn jedoch nach 16 Monaten, den Chefredaktor Roger Schawinski zu entlassen. An dessen Stelle setzte er, ohne Anhörung der Redaktion, Karl Vögeli ein, der einen gemässigteren Kurs des Blattes garantieren sollte. Der darauffolgende Proteststreik der Redaktion führte zur Einstellung der Boulevardzeitung Ende September 1978, nur anderthalb Jahre nach ihrer Einführung. Die Schweizerische Nationalbibliothek hat Die Tat vollständig digitalisiert und 2016 online verfügbar gemacht.Die Tat auf e-newspaperarchives.ch

Wochenzeitung

In den ersten vier Jahren ihres Bestehens war die Tat eine Wochenzeitung. Die erste Nummer erschien am 12. November 1935 mit dem Untertitel «Wochenpost der sieben Unabhängigen». Er bezog sich auf die sieben Mitglieder der «Vereinigung der Unabhängigen», die 1935 ein Nationalratsmandat errungen hatten: Franklin Bircher, Gottlieb Duttweiler, Ulrich Eggenberger, Heinrich Schnyder, Willy Stäubli, Fritz Wüthrich und Balthasar Zimmermann.

Duttweiler schrieb, man wolle «ein einfaches, ernstes wöchentliches ‹Rechenschaftsberichts-Blättlein› der 7 Unabhängigen für ihre Freunde» machen. Inserate nehme man nicht auf, um die Presse nicht zu konkurrenzieren und unabhängig zu bleiben (es gab nur vereinzelte Inserate des im gleichen Jahr gegründeten, zur Migros gehörenden Reisebüros Hotel-Plan; damals noch so geschrieben). Die Tat wolle «sachlich referieren unter Vermeidung von Polemik» und auch «die Gegner kurz zum Wort kommen lassen».Gottlieb Duttweiler: Weshalb die «Wochenpost» der 7 «Unabhängigen»? In: Die Tat. 12. November 1935, S. 1. Als Motiv für die Gründung der Zeitung nannte er auch die Abwehr des Nationalsozialismus in der Schweiz, dem sich die Tat von Anfang an kompromisslos widersetzte.

Verantwortlicher Redaktor war zuerst Hermann Walder, der Rechtsanwalt der Migros, ab 19. November 1937 Eugen Theodor Rimli und ab 28. April 1939 Willy Aerni, der Geschäftsführer des Ende 1936 gegründeten Landesrings der Unabhängigen (LdU). Walder wechselte in die Redaktionskommission der Tat, wo er bis zur Trennung von Duttweiler im Oktober 1943 blieb, und Rimli schrieb nach seinem Rücktritt als verantwortlicher Redaktor weiterhin Artikel für die Zeitung (1940/1941 war er Chefredaktor der kurzlebigen ersten Boulevardzeitung der Schweiz, Actualis,Mit Schimpfen oder Fluchen. In: Klartext. 9. Juli 2007. danach gründete er den später in Stauffacher-Verlag umbenannten Fraumünster-Verlag Zürich und gab die Illustrierte Weltgeschichte und die Illustrierte Welt-Kunstgeschichte heraus). Aerni war nach der Gründung der Abendzeitung bis Ende Mai 1948 Chef der Administration und der Inseratenabteilung.

mini|Logo der Wochenzeitung Tat 1937–1939, der «Schlengge»

Gedruckt wurde die Tat in der alten Druckerei der Züricher Post in Räumen der Alten Universität an der St.-Peter-Strasse im Zentrum Zürichs. Anfang 1937, nach der Gründung des LdU, gab sich die Zeitung ein grösseres Format und einen Umfang von statt 4 nun 6 bis 8, ausnahmsweise auch 12 und 16 Seiten, änderte den Zeitungskopf unter Verzicht auf das «Die» in den intern «Schlengge» genannten sowie den Untertitel in «Wochenpost des Landesrings der Unabhängigen». Sie erschien fortan freitags statt mittwochs (nur gerade die erste Nummer war an einem Dienstag erschienen). Von nun an nahm sie auch Inserate auf.

Nach dem Entscheid der Migros, eine Tageszeitung herauszugeben, erschien am 29. September 1939 die letzte Ausgabe der Wochenzeitung Tat in der bisherigen Form. Bis zum Erscheinen des Brückenbauers (heute Migros-Magazin) am 25. September 1942 gab die Migros noch eine Tat (Wochenpost) mit anderem redaktionellem Auftrag heraus.Der Lebenslauf der «Tat». In: Jubiläumsausgabe 20 Jahre Tageszeitung «Die Tat». 2. Oktober 1959, S. 1.

Abendzeitung

Am 8. September 1939 kündigte die Tat auf den 1. Oktober die Umwandlung der Wochen- in eine Tageszeitung an. Duttweiler wollte sie erst Der Tag nennen, wobei die bisherige Wochenzeitung als Freitagsausgabe erscheinen sollte. Deswegen und wegen der Titeländerung, so der Bundesrat, handle es sich jedoch um eine Neugründung einer Zeitung, was gemäss einem Bundesratsbeschluss vom 8. September 1939 verboten sei. Duttweiler beschloss darauf, den Namen Die Tat beizubehalten und die Freitagsausgabe nicht als Fortsetzung des Wochenblatts erscheinen zu lassen. Darauf gab der Bundesrat grünes Licht für die Tageszeitung.Gottlieb Duttweiler: Die Tageszeitung «Die Tat». In: Die Tat. 29. September 1939, S. 1. Sie erschien erstmals am 2. Oktober 1939 (verfügbar bereits am Vorabend), nun mit dem Untertitel «Schweizerische unabhängige Tageszeitung», sechsmal wöchentlich abends, jeweils mit Datum vom nächsten Tag. Bis am 7. November 1939 war der Dienstag der erscheinungsfreie Tag, danach der Sonntag.

Duttweiler begründete die Notwendigkeit, die Tat zur Tageszeitung zu erweitern, damit, dass dem Landesring die übrige schweizerische Tagespresse verschlossen sei. Den neuen, grösseren Aufgaben, die sich der Bewegung des Landesrings stellten, könne jedoch nur eine Tageszeitung genügen, eine politische Bewegung ohne Tageszeitung sei «in unserem Land auf die Dauer nicht lebensfähig».Gottlieb Duttweiler: Die Tageszeitung kommt. In: Die Tat. 8. September 1939, S. 312. Die Tat setzte auch als Tageszeitung ihren den Nationalsozialismus strikte ablehnenden Kurs fort. Sie wurde denn auch schon zwei Monate nach der Einführung in Deutschland und Ungarn verboten, weitere zwei Monate später auch in Italien.Jaeckle: Erinnerungen an «Die Tat». 1989, S. 93.

Verantwortliche Redaktoren bzw. ab 1943 Chefredaktoren waren 1939–1943 Max Rychner, 1943–1971 Erwin Jaeckle (ab 1962 und noch bis 1977 auch Leiter der Literarischen Tat) und 1971–1977 Walter Biel.

Die erste RedaktionMax Rychner: Turbulente, aber schöne Zeit. In: Jubiläumsausgabe 25 Jahre «Tat». 2. Oktober 1964, S. 2. bestand aus Max Rychner (Feuilleton, de facto jedoch wegen militärdienstbedingter Absenzen gleichzeitig Ausland bis 1943, danach Feuilleton bis 1962), Herbert von Moos (Ausland, zuvor Schweizer Zeitung und Schweizerische Republikanische Blätter, zugleich populärer Redaktor der «Völkerbundschronik» bei Radio Beromünster, ab Mai 1937 «Die Welt von Genf aus gesehen», ab 19. September 1939 «Weltchronik» genannt, auf Druck der deutschen Gesandtschaft und von Bundesrat Marcel Pilet-Golaz wegen seiner betont antinazistischen Haltung, formell jedoch wegen «Nachlässigkeit» bei Radio Beromünster entlassenChristian Schröder: Politik im schweizerischen Rundfunk bis 1947. Dissertation Westfälische Wilhelms-Universität, Münster 1991, S. 98. und bei der Tat im Dezember 1940 «aus Gesundheitsrücksichten» zurückgetretenHerbert von Moos: Zu meinem Rücktritt als Nationalrat und als Redaktor der «Tat». In: Die Tat. 7./8. Dezember 1940, S. 3.), Felix Moeschlin (Präsident des Schweizerischen Schriftstellervereins, Inland, bis 1942, danach Präsident der Redaktionskommission), Karl Gnädinger (Schriftsteller, Lokales, Pseudonym «Nepomuk», bis zu seinem Unfalltod 1943) und Charles La Roche (Wirtschaftswissenschafter, Wirtschaft, bis 1940, danach ersetzt von Hans Munz). Ständige Mitarbeiter waren Jean Rudolf von Salis (Auslandkommentare, bis zur Spaltung des Landesrings im Oktober 1943), Ernest Grosselin (Oberstdivisionär, Militär), Paul Gentizon (zuvor Korrespondent des Temps und der Gazette de Lausanne), Bernhard Diebold (Schriftsteller, Theaterkritik, bis 1945, zuvor Frankfurter Zeitung), Robert Oboussier (Musikkritik, 1939 bis zu seiner Ermordung 1957, zuvor Deutsche Allgemeine Zeitung) und Peter Meyer (Herausgeber der Architektur- und Kunstzeitschrift Das Werk).

mini|Gottlieb Duttweiler, der Gründer der Zeitung Die Tat (7. Juli 1950)

Ende 1941 bezogen Redaktion, Administration und Druckerei der Tat neue Räumlichkeiten des im gleichen Jahr gegründeten Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB) an der Limmatstrasse. 1943 führte der neue Chefredaktor Erwin Jaeckle verschiedene Änderungen ein. Er schaffte die Berner und Basler Lokalseiten ab und integrierte sie in den allgemeinen Teil, was ihm ermöglichte, den Berner Redaktor als Bundeshaus- und den Basler als Auslandredaktor einzusetzen. Dies wiederum erlaubte es Max Rychner, vom Ausland- in sein angestammtes Feuilletonressort zurückzukehren. Jaeckle führte überdies eine Frauenseite ein, publizierte als erster in einer Schweizer Zeitung regelmässig Ausschnitte aus der Weltpresse und lancierte 1944 die erste Radioseite in der Schweizer Presse.Jaeckle: Erinnerungen an «Die Tat». 1989, S. 35. Eine Spezialität der Tat war von Beginn weg die tägliche aktuelle Bilderseite mit jeweils durchschnittlich acht Bildern als letzte Seite des Hauptblatts. Die Zeitung erschien ab 31. Juli 1943 mit einer neuen Schrift, die Titel in einer Antiqua statt Grotesk und mit schwarzen Negativbalken als Spaltenköpfe im politischen Teil.Jaeckle: Erinnerungen an «Die Tat». 1989, S. 21. Ab 12. März 1944 erschien die Tat auch wieder sonntags und damit fortan siebenmal wöchentlich.Der «Tat»-Lebenslauf. In: Die Tat. 1. November 1945, S. 13. Im Dezember 1952 zogen Redaktion und Administration an den Limmatplatz um, wo sich auch der Hauptsitz der Migros befindet.

Überragende Figur der Abendzeitung Die Tat war Erwin Jaeckle, der auch politisch tätig war (1942–1950 im Gemeinderat von Zürich, 1945 Präsident, 1947–1962 im Nationalrat für den Landesring der Unabhängigen). Duttweiler hatte ihn zu Beginn als Chefredaktor vorgesehen, aber Jaeckle wollte an seiner Habilitation arbeiten und schlug statt seiner Max Rychner vor, dessen Mitarbeiter beim Feuilleton des Bunds er zu dieser Zeit war.Jaeckle: Niemandsland der Dreissigerjahre. 1979, S. 240. Schliesslich wählte er dennoch statt einer akademischen die journalistische Laufbahn und trat am 1. Januar 1943 in die Tat ein, wobei er zwei Bedingungen stellte: Er wollte aus Respekt vor dem 12 Jahre älteren, presseerfahrenen Max Rychner als Inlandredaktor und nicht als Vorgesetzter Rychners eingestellt werden, und er verlangte, dass die Redaktion nicht direkt Duttweiler, sondern einer Betriebskommission unterstellt sei, die als vermittelnde Stelle zwischen der Redaktion und Duttweiler stehen sollte. So geschah es.Jaeckle: Erinnerungen an «Die Tat». 1989, S. 12 f. Die Betriebskommission drängte ihn jedoch kurz darauf, nachdem er verschiedene Verbesserungsvorschläge unterbreitet hatte, nun doch erster nomineller Chefredaktor zu werden, und Jaeckle stimmte nach längerem Abwägen zu. Unter seiner Leitung gewann die Tat als Tageszeitung grosses, über die Grenzen der Schweiz hinausgehendes Ansehen, ganz besonders durch die von Max Rychner und später von Erwin Jaeckle selbst betreute Wochenendbeilage Literarische Tat (bis Ende 1960 «Kunst – Literatur – Forschung»).