Österreichisch-sowjetische Beziehungen begannen nach der Niederlage und dem militärischen Zusammenbruch Österreich-Ungarns am Ende des Ersten Weltkrieges im Oktober 1918 und der Gründung Sowjetrusslands kurz vorher.

Erste Kontakte bis 1924 Der erste Kontakt zwischen der Regierung Sowjetrusslands und Deutschösterreich ergab sich aus der Frage des Kriegsgefangenenaustauschs, wobei mit dem Bürgerkrieg in Russland und dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns diese Frage jedoch vertagt wurde. Im Jahr 1919 wurden die österreichischen Vertreter in Russland interniert, und im Gegenzug wurde die Kriegsgefangenenfürsorge aus Wien ausgewiesen, da sie „kommunistischen Umsturzversuchen“ Hilfe leiste. Somit war ein Kontakt für einige Jahre nicht möglich.

Für die späteren Beziehungen spielt die Anerkennungsfrage beider Regierungen eine wichtige Rolle. Die Sowjets betrachteten Deutschösterreich als Nachfolger von Österreich-Ungarn, was die österreichische Regierung aber dementierte. Die Sowjets behaupteten auch, dass seit Brest-Litowsk beide Regierungen sich anerkannten. Aber die Frage, ob Österreich Rechtsnachfolger der Monarchie sei oder nicht, spielte eine wichtige Rolle bei den späteren Wirtschaftsbeziehungen.

Russland versuchte, die Kriegsgefangenen als politisches Druckmittel gegen die Republik zu verwenden. Dies aber hatte keinen Einfluss auf Österreich, da es nicht Herr seiner Außenpolitik war. Die Westmächte kontrollierten und blockierten Beziehungen zur RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjet Republik). Österreich war es von Seiten der Westmächte (Großbritannien, USA, Frankreich) nicht gestattet, jedwede Kontakte mit dem kommunistischen Sowjetrussland zu haben. Im Jahr 1919 geriet Österreich zwischen die Ost-West-Front, da sie gute Beziehungen zur Räterepublik Ungarn unterhielt. Dies wurde von den Westmächten missbilligt. Als am 1. August 1919 die Ungarische Räterepublik zu Ende ging, flohen Bela Kun und andere Kommunisten nach Österreich. Sie wurden in der Burg Karlstein und später in Steinhof festgehalten. Bela Kun blieb trotzdem politisch aktiv. Frankreich wollte eine strenge Kontrolle der ungarischen Kommunisten von Seiten Österreichs. Die RSFSR mischte sich ein und gab bekannt, dass die Sicherheit der österreichischen Gefangenen vom Wohlergehen Bela Kun abhänge.

Am 16. Jänner 1920 wurde die Blockade gegen die RSFSR aufgehoben und eine Möglichkeit zur Handelsbeziehung mit Sowjetrussland war für alle europäischen Länder offen gestellt. In Kopenhagen begann Außenkommissar Litwinow mit Österreich über den Gefangenenaustausch zu verhandeln. Dafür reiste ein sowjetischer Kurier nach Wien, um mit den ungarischen Kommunisten Kontakt aufzunehmen. Im Jahr 1920 wurde in Wien das sowjetische Informationsbüro eingerichtet und im Gegenzug reiste Otto Pohl als Vertreter der Presseabteilung des österreichischen Außenamtes nach Moskau. Am 2. Februar konnte nach dem estnisch-russischen Frieden die Rückkehr der Kriegsgefangenen über Estland eingeleitet werden. Am 3. September 1920 teilte Čičerin Renner mit, dass die RSFSR bereit sei, die ungarischen Kommunisten aufzunehmen und Österreich solle ihnen freien Abzug gewähren. Čičerin hatte aufgrund der Abhängigkeit Österreichs von den Westmächten in London angefragt. Die Briten wollten sich nicht einmischen. Im Mai 1920 stimmten die Westmächte zu, vorausgesetzt, dass ihre Gefangenen freigelassen würden. Als Österreich eine Stellungnahme der USA verlangte, antworteten diese nicht. Daraufhin begann Österreich direkt mit den Sowjets zu verhandeln. Doch mit dem polnisch-russischen Krieg verschlechterten sich die Beziehungen. Im April 1920 begann Polen seine Offensive und eroberte Anfang Mai Kiew. Ende Mai legte die russisch-ukrainische Sowjetrepublik Protest gegen Österreich ein. Österreich sollte angeblich Rüstungsgüter an Polen geliefert haben. Renner forderte zur Neutralitätspolitik Österreichs im polnisch-russischen Krieg auf. Er schickte Paul Richter, den Vizepräsidenten der Staatskommission für Kriegsgefangenenfragen, nach Kopenhagen. Dieser sollte mit Außenkommissar Litwinow ein Abkommen schließen. Da es in Österreich zur Ablösung der Regierung kommen würde, beschloss die Sowjetmacht, innerhalb von drei Tagen einem Abkommen zustande zu bringen. Es wurde Kopenhagener Abkommen genannt.

Kopenhagener Abkommen § 1: Beide Regierungen verpflichteten sich zur Rückführung der Kriegs- und Zivilgefangenen. § 2: Zum Zwecke der Interessensvertretung der Gefangenen sollten am Sitz der Zentralregierungen Vertretungen der vertragsschließenden Regierungen errichtet werden, mit dem Status der Exterritorialität und dem Recht auf verschlüsselten Funkverkehr. § 3: Österreich verpflichtet sich zur Neutralität im polnisch-russischen Krieg, zum absoluten Verbot aller Waffen- und Kriegsmateriallieferungen durch sein Gebiet. § 4: Die Volkskommissare der ehemaligen ungarischen Räterepublik sollten Freizügigkeit genießen. § 5: Zur Wiederherstellung der wirtschaftlichen Beziehungen sollten den obengenannten Vertretungen besondere Bevollmächtigte beigeordert werden.

Das Abkommen diente zur Bereinigung der Kriegsgefangenenpolitik, und ab diesem Zeitpunkt begannen die inoffiziellen diplomatischen Beziehungen, die erst vier Jahre später offiziell anerkannt wurden.

Die Westmächte reagierten anfangs erfreut auf das Abkommen und unterhielten Handelsbeziehungen zu Russland, solange Polen erfolgreich war. Als die Russen zur Gegenoffensive ausholten und Erfolge verzeichneten, griffen die Westmächte auf polnischer Seite ein. Das Abkommen stand nun den Westmächten im Weg, um Österreich in den polnisch-russischen Krieg hineinzuziehen. Die Westmächte bezichtigten Österreich der Parteinahme für Russland. Der Neutralitätsparagraph 3 und die geplante Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen mit der Sowjetmacht störten die Westmächte. Die Reparationskommission unter der Leitung von Sir William Goode veranlasste die Aussetzung von Krediten, um Österreich eine neue Vertragsregelung zu zwingen, aber auch, um weitere Abkommen mit Russland zu verhindern.

Wirtschafts- und diplomatische Beziehungen Österreich stand wieder zwischen den Fronten und am 15. Juli 1920 wurden die ungarischen Kommunisten gemeinsam mit russischen Kriegsgefangen geheim über deutsches Gebiet nach Russland abgeschoben. Dies war nicht mit Berlin abgesprochen, aber die deutschen Behörden griffen dennoch nicht ein. Bela Kun kam am 11. August in Petrograd (Sankt Petersburg) an.

Am 29. Juli kam es zur Aussetzung der Kredite und Österreich erklärte sich bereit, alle Punkte des Kopenhagener Abkommens, die dem Vertrag von Saint-Germain widersprachen, zu annullieren, bis auf Paragraph 3, den Neutralitätspunkt. Am 23. August 1920 teilte die Reparationskommission mit, dass die Sperre wieder aufgehoben und man mit der Abänderung zufrieden sei. Den Sowjets versicherte man, die Neutralität aufrechtzuerhalten. Alle Parteien waren sich einig, dass Österreich der Neutralitätspolitik Folge leisten müsse.

Da sich die Lage der Sozialdemokratischen Partei nach dem Ende der ungarischen Räterepublik verschlechterte, versuchte Renner in Mitteleuropa einen neutralen Block zwischen den Sowjets und den Westmächten zu bilden. Jedoch verhinderte Frankreich eine Hegemonialpolitik mit den östlichen Nachbarn. Renner wollte verhindern, dass die mitteleuropäischen Staaten ins kommunistische Lager fallen. Die Voraussetzung war nicht schlecht, da sich Deutschland (20. Juli 1920) und die Tschechoslowakei (7. August 1920) im polnisch-russischen Krieg für neutral erklärten. Österreich hatte als Verlierer kein Gewicht und bat deshalb Italien, sich um die Neutralitätsallianz zu bemühen. Italien sah keine Möglichkeit des Entstehens einer solchen Allianz und ließ Renners Plan fallen.

Das Kopenhagener Abkommen spielte eine wichtige Rolle in den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Sowjetrussland (RSFSR) und Österreich. Nach der Lockerung der Blockade wurden sofort Handelsbeziehungen aufgenommen. Das größte Problem war, dass man nicht wusste, in welcher Lage sich die RSFSR befand. Es kam von jeder Stelle eine andere Meldung. Österreich bekam von Otto Pohl direkt aus Moskau Informationen. Die Regierung ermutigte Firmen zu Wirtschaftskontakten, aber wollte selbst nicht eingreifen, da Österreich nicht in Konflikt mit den Westmächten kommen wollte. Trotzdem mussten die Geschäfte über die Regierung abgeschlossen werden. Russland wollte, dass man die Handelsvertretung als Studienkommission bezeichnet, damit man Ruhe von den Westmächten hätte. Österreich wollte ohne der Reparationskommission nicht zustimmen. Um die abgerissenen Wirtschaftsbeziehungen bemühte sich die TREUGA (AG für Veredelungsverkehr und treuhändige Güterverwertung), die jedoch daran scheiterte. Mit dem Mai 1921 wurden neue Verhandlungen durch beide Regierungen aufgenommen. Grund hierfür war die Einführung der NEP (Neue Ökonomische Politik / Novaja ėkonomičeskaja politika) in der RSFSR. Am 7. Dezember 1921 schloss man ein Zusatzabkommen, das besonders die Kriegsgefangenentransporte regelte und ein vorübergehendes Wirtschaftsabkommen aufwies. Artikel 14 des Abkommens verpflichtete die Vertretungen, auf jegliche Agitation und Propaganda gegen die Regierungen oder die staatlichen Einrichtungen des Landes, in dem sie sich befanden, zu verzichten.

Im Jänner 1923 wurden die Beziehungen ausgebaut, und die Frage der „De-jure-Anerkennung“ wurde wichtig. Litwinow und Pohl vereinbarten einen Wirtschaftsvertrag für die später entstehenden österreichisch-russischen Firmen. Die UdSSR (seit Ende 1922) war einer der wichtigsten Handelspartner zwischen 1924 und 1929. Čičerin hielt im März vor dem Zentralenexekutivausschuss in Tiflis ein Referat über die österreichische Lage. Darin heißt es, die Donauföderation sei ein Plan Englands zur wirtschaftlichen Vereinigung der ehemaligen Habsburger-Gebiete, die Frankreich unter der Führung der Tschechoslowakei wissen wollte. Im August 1924 konnten die ersten echten Beziehungen ohne Hinderung durch das Ausland stattfinden. Die kulturellen, wirtschaftlichen, humanitärer Beziehungen konnten sich nun entfalten.

Normalisierte Beziehungen

Österreich und die UdSSR nahmen diplomatische Beziehungen im Jahre 1924 auf. Im März 1924 verhandelten in Wien sowjetische und rumänische Delegierte über das Bessarabienproblem. Ein Artikel in der österreichischen Reichspost legte Rumänien nahe, auf einen Teil Bessarabiens zu verzichten. Dies löste rumänische Proteste aus, man warf Österreich eine russophile Haltung vor. In den Balkanstaaten entstand der Verdacht, die österreichische Außenpolitik, die der USSR zugetan war, beruhe auf einem geheimen Einverständnis mit Moskau, Südosteuropa von Wien aus zu revolutionieren. Wien geriet daher ins Kreuzfeuer der Kritik, der kommunistischen Agitation am Balkan Vorschub zu leisten und eine Zweigstelle Moskau zu sein. Die Staaten der kleinen Entente forderten als Bedingungen für Verhandlungen zur wirtschaftlichen Kooperation Österreichs, die Beseitigung aller bolschewistischen Zentralen in Österreich. Außenminister Heinrich Mataja reagierte im Jahr 1925 mit einer scharfen Rede gegen den Kommunismus, was zu Protesten der sowjetischen Regierung führte. Der Konflikt konnte im Juli beigelegt werden, nachdem Mataja seine Aussage, die sowjetische Vertretung in Wien betreibe bolschewistische Propaganda, widerrief. Die österreichische Regierung war wohl im Interesse des Exports in die Sowjetunion bestrebt, den Konflikt mit jener Regierung zu bereinigen. Jedenfalls befürchteten Vertreter der Wirtschaft und Opposition Rückwirkungen der Rede Matajas auf den Handel.