Die Goethe ist ein über Schaufelräder angetriebenes Fahrgastschiff der KD Europe S.à r.l., das in der Zeitcharter von der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt betrieben wird. Sie wird in der Hauptsaison von Ende April bis Anfang Oktober mit einem festen Fahrplankurs zwischen Koblenz und Rüdesheim eingesetzt. Bei Sonderfahrten und bei Niedrigwasser im Bereich des Mittelrheins verkehrt das Schiff auch auf anderen Fahrtrouten.
Am 4. August 1913 wurde die Goethe als letzter Glattdeckdampfer für den kombinierten Personen- und Gütertransport von der Preußisch-Rheinischen-Dampfschiffahrts-Gesellschaft in Dienst gestellt. Mitte der 1920er Jahre wurde er zu einem Doppeldeck-Salondampfer umgebaut. Am 3. März 1945 zerstörten zwei von amerikanischen Tieffliegern abgeworfene Sprengbomben das Achterschiff des als Unterkunft für sowjetische Zwangsarbeiter dienenden Raddampfers. Bei diesem folgenschwersten Angriff auf ein Schiff der Köln-Düsseldorfer im Zweiten Weltkrieg kamen 20 Zwangsarbeiter und ein Maschinist der Goethe ums Leben.
Nach dem Wiederaufbau in den Jahren 1952/53 verkehrte der Seitenraddampfer bis zur Außerdienststellung im Oktober 1989 im Schnellfahrdienst zwischen Köln und Mainz. Die Reederei beauftragte 1995 eine vollständige Sanierung der Goethe, um sie als Nostalgiedampfschiff im von Touristen stark frequentierten Oberen Mittelrheintal einzusetzen. Bis zu einem Defekt an der Dampfmaschine im Jahr 2008 war die Goethe der letzte auf dem deutschen Rhein fahrende Schaufelraddampfer. Trotz öffentlicher Proteste ließ die Reederei das Schiff aus wirtschaftlichen Gründen auf einen dieselhydraulischen Antrieb umrüsten. Die Köln-Düsseldorfer stellte die ausgebaute denkmalgeschützte Dampfmaschine dem Kölner Stadtmuseum als Dauerleihgabe zur Verfügung. Nach dem Umbau wurde die Goethe auf die luxemburgische Unternehmenstochter KD Europe S.à r.l. übertragen und nach Malta ausgeflaggt.
Geschichte Bau- und Inbetriebnahme mini|links|Der Glattdeckdampfer Goethe kurz nach der Ablieferung im Sommer 1913
Als Ersatz für den 1912 ausgemusterten Dampfer E.M. Arndt bestellte die Preußisch-Rheinische Dampfschiffahrts-Gesellschaft (PRDG) bei der Werft Gebrüder Sachsenberg in Köln-Deutz einen Glattdeckdampfer, der im kombinierten Güter- und Personenverkehr eingesetzt werden sollte. Der Stapellauf des unter der Baunummer 709 gefertigten Schiffs fand am 22. Juli 1913 statt, die Abnahmefahrt am 2. August. Mit zahlreichen Ehrengästen und Mitgliedern des PRDG-Verwaltungsrats führte die festliche Jungfernfahrt am Folgetag von Köln nach Koblenz. Es war das zweite Schiff, das die PRDG nach dem Dichter Johann Wolfgang von Goethe benannte. Ab dem 4. August 1913 setzte die „Betriebsgemeinschaft Köln-Düsseldorfer“ die Goethe im Plandienst zwischen Koblenz und Mainz ein. Goethe war das letzte Schiff, das die beiden Reedereien der Betriebsgemeinschaft für den kombinierten Güter- und Personentransport in Auftrag gaben. Der Glattdeckdampfer verfügte im Vor- und im Hinterschiff des Unterdecks jeweils über zwei Güterräume, die über Luken von zwei fest an Bord montierten kleinen Dampfkränen bestückt wurden. Der vordere Bereich des Hauptdecks, der in den Wintermonaten ebenfalls zum Gütertransport genutzt wurde, konnte mit einem Sonnenschutzsegel abgedeckt werden. Die Ladevorrichtungen wurden in den Sommermonaten demontiert, sodass das gesamte Hauptdeck den Fahrgästen zur Verfügung stand. Für sie gab es im Hinterschiff des Unterdecks einen Salon und darüber im Hauptdeck einen großen Speisesaal. Die Mannschafts- und Versorgungsräume lagen in den Radkästen und im Unterdeck. Auf dem oberhalb der Radkästen beginnenden kleineren Oberdeck befanden sich der offene Ruderstuhl und ein von den Passagieren benutzbares freies Achterdeck. Bei der Indienststellung war das Schiff 77,80 m lang und 15,65 m breit. Das mit Kohle befeuerte Dampfschiff durfte bis zu 1660 Fahrgäste befördern.Georg Fischbach: Die Schiffe der Köln-Düsseldorfer 1826–2004. Eigenverlag, Köln 2004
Vom Ersten bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs mini|Der Seitenraddampfer Goethe auf dem Rhein bei Sankt Goarshausen, Juli 1924 mini|Der Doppeldeck-Salondampfer Goethe auf dem Mittelrhein (1936)
Während des Ersten Weltkriegs setzte die KD den Dampfer im regulären Plandienst ein. Nach Kriegsende musste das Schiff während der Rheinlandbesetzung auf Weisung der französischen Besatzungsführung an den Chef des Feldeisenbahnwesens vermietet werden. Die Goethe wurde der Schiffahrtsgruppe West zugeteilt. Diese setzte sie vom 21. Januar bis zum 18. November 1919 als Truppentransporter oder zur Güterbeförderung ein. Aufgrund eines Eisenbahnerstreiks übernahm die Köln-Düsseldorfer vom 11. März bis 17. Dezember 1923 die Postbeförderung zwischen Ludwigshafen und Xanten. Auf dem Schiff wurde ein Briefpostamt eingerichtet, der vordere Bereich des Hauptdecks diente als Lagerfläche für Pakete. Da durch den Konjunkturaufschwung in den „Goldenen Zwanzigern“ der Bedarf an luxuriös ausgestatteten Fahrgastschiffen stieg und gleichzeitig das Frachtvolumen durch die konkurrierende, immer schneller werdende Eisenbahn sank, baute die Reederei die Goethe im Winter 1924/25 zu einem Doppeldeck-Salondampfer um. Dabei wurden die Aufbauten des Haupt- und des Oberdecks bis zum Vorschiff verlängert und der Ruderstuhl in der Schiffsmitte über dem Oberdeck installiert. Nach Abschluss der Umbaumaßnahme im April 1925 durfte die Goethe bis zu 2400 Fahrgäste aufnehmen und wurde vornehmlich im Schnellfahrdienst zwischen Köln und Mainz eingesetzt. Von 1934 bis September 1939 setzte die nationalsozialistische Organisation Kraft durch Freude das Schiff zeitweise für Ausflugsfahrten ein. Bei einem weiteren Umbau im Jahre 1938 erhielt der Dampfer einen festen wettergeschützten Ruderstuhl.
Zweiter Weltkrieg mini|Das aufgelegte Schiffswrack im Düsseldorfer Hafen mini|Die Goethe an der Loreley (1960) mini|Mit komplett weißer Lackierung (1973)
Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs setzte die Reederei das Schiff wieder im kombinierten Personen- und Frachtverkehr ein. Der Gütertransport war notwendig geworden, um den Status der Kriegswichtigkeit für die KD aufrechtzuerhalten. Auf diese Weise war sichergestellt, dass die Reederei die notwendigen Betriebsmaterialien wie Kohle, Schmierstoffe und metallene Ersatzteile zugeteilt bekam und das wehrpflichtige Personal auf den Schiffen bleiben konnte. Zum besseren Schutz vor Luftangriffen erhielt die Goethe im März 1941 einen blaugrauen Tarnanstrich.
Kurz bevor die talwärts fahrende Goethe am 29. Juli 1942 die Koblenzer Schiffsbrücke passieren wollte, explodierten zwei Sprengbomben in unmittelbarer Nähe. Durch die Druckwelle wurden 21 der 600 Fahrgäste verletzt. Der hintere steuerbordseitige Schiffsboden wurde eingedrückt und schlug leck, das Ruder war beschädigt. Nach der Reparatur auf der Kölner Werft von Ewald Berninghaus konnte der Dampfer erst ab 11. Juni 1943 wieder eingesetzt werden. Im Frühjahr 1944 sicherte die Köln-Düsseldorfer den größten Teil des Inventars der Goethe in einem Lastkahn, der im Hafen von Sankt Goarshausen verankert wurde. Bis zu einem Maschinenschaden am 7. August 1944 setzte die Reederei das Schiff weiter im Liniendienst ein.
Ab September 1944 mietete die Union Rheinische Braunkohlen Kraftstoff AG in Wesseling das Schiff als Unterkunft für die in ihrem Werk verpflichteten Zwangsarbeiter. Nachdem der Betrieb des Hydrierwerks nach mehreren schweren Bombenangriffen nicht mehr aufrechterhalten werden konnte, übernahm die NSDAP-Kreisleitung in Ahrweiler die Goethe als Wohnschiff mit Liegeplatz in Oberwinter. An Bord wurden mehrere Hundert sowjetische Zwangsarbeiter einquartiert, die am Westwall zur Aushebung von Schützengräben eingesetzt waren. Obwohl der Dampfer zum Schutz vor den meist aus westlicher Richtung anfliegenden Bombern unterhalb einer hohen Stützmauer am linksrheinischen Hindenburgufer verankert war, wurde er am Nachmittag des 3. März 1945 Ziel von zwei amerikanischen Tieffliegern. Zwei Bomben trafen das Hinterschiff und zerstörten es völlig. Etwa 20 Zwangsarbeiter und der an Bord befindliche Erste Maschinist des Schiffs wurden bei dem Angriff getötet, weitere Menschen wurden teilweise schwer verletzt. Die getöteten Zwangsarbeiter wurden am nächsten Tag auf dem Friedhof in Oberwinter beigesetzt. Seit 2003 erinnert eine Gedenktafel auf dem Rastplatz „Siebengebirgsblick“ an der Bundesstraße 9 an den inzwischen überbauten Unglücksort.
Vom Wiederaufbau bis zu den 1960er Jahren Das Vorder- und Mittelschiff sowie die Kessel- und Maschinenanlage konnten im April 1949 gehoben werden. Anschließend überführte die Reederei die Teile nach Düsseldorf. Das zerstörte Hinterschiff verblieb in Oberwinter und wurde erst 1952 gehoben und vor Ort verschrottet. Im Herbst 1951 verhandelte die PRDG mit der Schiffswerft Christof Ruthof über einen Wiederaufbau. Man plante, die vorhandenen Rumpfteile mit dem verkürzten Hinterschiff des ebenfalls zerstörten Dampfers Ostmark zu ergänzen. Am 1. Dezember 1951 einigten sich die beiden Parteien. Die vereinbarten Kosten für den unter der Bau-Nr. N1368 wieder aufzubauenden Seitenraddampfer lagen bei 1.128.500 DM. Nach der Lieferung der provisorisch zusammengenieteten Rumpfteile stellte sich heraus, dass die Montage des Hinterschiffs der Ostmark nicht möglich war, sodass nach der Genehmigung des Aufsichtsrats der Neubau dieses Schiffsteils beauftragt wurde. Die Kosten stiegen damit auf 2.378.500 DM.
Beim Neubau wurden alle Decks freitragend konstruiert und die Aufbauten unter Verwendung von Aluminium in Leichtbauweise ausgeführt. Das Vorschiff der Goethe wurde verlängert und mit einem neuen modernen Bug mit leicht ausgestelltem Steven versehen. Die Aufbauten des mit einem festen Dach versehenen Oberdecks waren etwas kürzer als die des Hauptdecks, sodass im vorderen Bereich ein Sonnendeck eingerichtet werden konnte. Für die Wandverkleidung verwendeten die Raumausstatter verschiedene Edelhölzer, die teilweise mit aufwendigen Schnitzereien zur Geschichte der Köln-Düsseldorfer und zum Leben von Johann Wolfgang von Goethe versehen wurden. Um Auswirkungen von unkontrolliertem Wassereinbruch zu vermeiden, wurde der Schiffsrumpf mit sechs wasserdicht verschließbaren Schotten unterteilt. Zur Steuerung installierte die Werft ein Hitzler-Ruder und drei um 360° schwenkbare, freihängende Balanceruder. Mit der Abnahmefahrt am 11. April 1953 übergab die Ruthof-Werft das fertiggestellte Schiff der PRDG. Die Länge über alles war bei der Ablieferung 83,25 m, die Wasserverdrängung wurde mit 500 m³ angegeben. Die erlaubte Fahrgastkapazität wurde wie vor der Zerstörung auf 2400 festgelegt.
Die festliche Jungfernfahrt der neu aufgebauten Goethe führte am 4. Mai 1953 von Bingen am Rhein über Braubach nach Mainz. Als Festgäste waren alle Bürgermeister und Repräsentanten des Fremdenverkehrs der Orte am Mittelrhein an Bord. Nur fünf Tage später war die Goethe gemeinsam mit dem Fahrgastschiff Köln als Jubiläumsschiff zum hundertjährigen Bestehen der von der „Preußisch-Rheinische Dampfschiffahrts-Gesellschaft Köln“ und der „Dampfschiffahrts-Gesellschaft für den Nieder- und Mittelrhein“ (DGNM) gemeinsam geführten Betriebsgemeinschaft „Köln-Düsseldorfer Rheinschiffahrt“ im Einsatz. Die Festfahrt führte talwärts von Mainz nach Köln. Diesmal nahmen Vertreter der Bundesregierung, Diplomaten und viele andere Ehrengäste an der Fahrt teil. Von Köln-Weiß bis zum Ziel an der Kölner Frankenwerft eskortierten acht weitere KD-Dampfer die beiden Festschiffe. Ab dem 12. Mai 1953 setzte die Köln-Düsseldorfer das Schiff wieder im regelmäßigen Fahrplan der Schnellfahrt Köln–Mainz–Köln ein.