mini|James Petras (2013) James Frank Petras (* 17. Januar 1937 in Boston, Massachusetts; † 17. Januar 2026 in Seattle, Washington) war ein US-amerikanischer Soziologe und Politikwissenschaftler, der von 1972 bis zu seiner Emeritierung um 2000 Politikwissenschaft an der Binghamton University in New York lehrte.
Er ist vor allem bekannt für seine marxistisch geprägte Analyse des US-amerikanischen Imperialismus in Lateinamerika und seine Kritik der neoliberalen Globalisierung. Als Autor oder Herausgeber von über 60 Büchern, die in 29 Sprachen übersetzt wurden, und mehr als 600 wissenschaftlichen Artikeln gehört er zu den produktivsten Vertretern einer klassenkritischen Politökonomie im englischsprachigen Raum. In der marxistischen Soziologie gilt sein gemeinsam mit Henry Veltmeyer verfasstes Werk Globalization Unmasked (2001) als wegweisender Beitrag zur Debatte über Imperialismus und Globalisierung. In späteren Jahren wandte er sich außerdem zunehmend der Kritik Israels im Nahostkonflikt und der Israel-Lobby in den USA zu.
Leben
James Petras wurde 1937 als Sohn griechischer Einwanderer in Boston geboren. Sein Vater war Fischer. Während seiner Kindheit arbeitete Petras im Geschäft der Familie. In den 1960er-Jahren studierte er Soziologie an der Boston University und der University of California in Berkeley und engagierte sich während seiner Studienzeit in der Bürgerrechtsbewegung.
Für seine Promotion an der University of California zog Petras 1965 nach Chile. Nach Abschluss seiner Promotion lehrte er zunächst für drei Jahre als Assistant Professor Politikwissenschaft an der Pennsylvania State University. 1972 trat er als Professor für Politikwissenschaft in das Soziologie-Department der Binghamton University ein. An dieser Universität blieb Petras bis zu seiner Emeritierung. Daneben lehrte er im Laufe seines akademischen Lebens an diversen anderen Hochschulen, unter anderem noch nach seiner Emeritierung als Adjunct Professor für Entwicklungsforschung an der Saint Mary’s University im kanadischen Halifax (Nova Scotia).
Nach dem Putsch in Chile 1973 wurde er eine wichtige Stimme, die die Rolle des US-Interventionismus in Lateinamerika verurteilte. 1973 bis 1976 war er Mitglied des Russell-Tribunal on Repression in Latin America, 1980 bis 1981 Mitglied des Permanenten Völkertribunals bei der Verhandlung über Verbrechen in El Salvador.Vergleiche
Nach dem Wahlsieg der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung in Griechenland leitete er von 1981 bis 1984 die Athener Außenstelle des Center for Mediterranean Studies und beriet den Ministerpräsidenten Andreas Papandreou (währenddessen lehrte er weiterhin in Binghamton).Siehe zum Beispiel Petras hatte darauf gehofft, dass sich unter Papandreou Gewerkschaften und Bauernbewegungen umsetzen lassen würden. Nachdem dieser nach Petras Urteil keine linke Politik betrieb, sondern stattdessen Kompromisse mit NATO, EU und USA einging und gegen Gewerkschaftsführer vorging, kündigte er diesen Job.
Petras war verheiratet mit der Ärztin Robin Eastman-Abaya, mit der zusammen er auch einige Texte verfasste.Zum Beispiel Er starb am 17. Januar 2026 in Seattle.
Werk
Petras ist Autor oder Herausgeber von über 60 Büchern, die in 29 Sprachen übersetzt wurden, und verfasste mehr als 600 Fachartikel und 2000 Presseartikel. Murray Noonan rechnet ihn gemeinsam mit Autoren wie Leo Panitch und Sam Gindin oder Michael Hardt und Antonio Negri zu einer Denkschule der „Marxisten der Globalisierungs-Ära“. Seine Texte befassen sich mit US-amerikanischem Imperialismus in Lateinamerika, Entwicklungspolitik und -ökonomie und dem Klassenkampf in verschiedenen Kontexten. Laut seinem häufigen Ko-Autor Henry Veltmeyer blieb er dabei ungewöhnlich konsequent ein Vertreter der marxistischen Theorie mit einer klassenanalytischen Forschungsperspektive.
Neben seiner Autoren- und Herausgebertätigkeit saß er in den Editorial Boards von Indian Journal of Politics and International Relations Journal of Contemporary Asia Social Justice South Asian Journal of Diplomacy The Journal of Peasant Studies Zudem war er Honorary Editor der Latin American Perspectives.
Schriften über Lateinamerika
Bereits Petras Promotion war eine marxistische Klassenanalyse über ein lateinamerikanisches Land, wie er sie in den folgenden Jahren noch häufiger verfassen würde. Bei seinen Vorstudien befasste er sich zunächst mit dem Klassenbewusstsein der chilenischen Arbeiterklasse, erweiterte seinen Forschungsgegenstand aber vor Ort auf das gesamte politische System Chiles. Nach der Analyse der Karrieren von 87 sozialistischen Parlamentariern entwickelte er die These, das Paradoxon der ungewöhnlichen politischen Stabilität des Landes trotz derselben ökonomischen Probleme wie in anderen lateinamerikanischen Staaten und trotz einer starken, klassenbewussten Arbeiterbewegung und mächtiger marxistischer Parteien sei damit zu erklären, dass der Staat als „Broker“ zwischen alten und neuen Eliten sozialen Druck durch scheinreformistische Zugeständnisse absorbierte und die Linke so innerhalb des Systems domestizierte: Parlamentarische Mandate wurden zu Karriereinstrumenten innerhalb des Systems statt zu Werkzeugen ihrer Überwindung. Die Western Political Science Association zeichnete seine 1967 vollendete und 1969 unter dem Titel Politics and Social Forces in Chilean Development veröffentlichte Arbeit als beste Dissertation des Jahres aus.
In den folgenden Jahren befasste sich Petras wissenschaftlich mit politischen Entwicklungen auch in anderen Ländern Lateinamerikas, wo zu dieser Zeit neue soziale Bewegungen entstanden, bei denen Petras zwischen einer „zweiten“ und einer „dritten Welle“ unterschied. Mit ersterer meinte er Bewegungen von Bauern und Landarbeitern, die sich Petras zufolge gegen Imperialismus und Neoliberalismus stemmten – namentlich die brasilianische Bewegung der Landarbeiter ohne Boden, die er als die wichtigste erachtete und auch über Jahre hinweg beriet, außerdem die mexikanischen Zapatistas, die bolivarischen Cocaleros, die paraguayanische Federación Nacional Campesina, die kolumbianischen Revolutionären Streitkräfte und das Bündnis der indigenen Nationalitäten Ecuadors. Unter letztere fasste er Arbeitslosen-Bewegungen im Umfeld von Städten zusammen: Die argentinischen Piqueteros und ähnliche Bewegungen in den Barrios Venezuelas und der Dominikanischen Republik.Vergleiche
Petras verstand diese Bewegungen als Akteure des Klassenkampfs im klassisch-marxistischen Sinn und erforschte sie und ihre systemischen Bedingungen mit dieser marxistischen Perspektive.Vergleiche zum Beispiel Früchte dieser Arbeit waren bereits früh zwei von ihm herausgegebene Sammelbände, die einen Überblick über diese lateinamerikanischen Entwicklungen gaben. Zum ersten hob der Rezensent Peter Roman hervor, dass er mehrere lateinamerikanische Autoren einer US-amerikanischen Leserschaft erstmals zugänglich machte. Beide Bände wurden in der Academia stark rezipiert.
Es folgten jeweils mehrere Bücher über einzelne lateinamerikanische Länder,Zum Beispiel besagte neue soziale BewegungenZum Beispiel und ihren „Klassenkampf“.Zum Beispiel
Padres – Hijos (1995) / El informe Petras (1996)
In Spanien ist Petras vor allem für seinen Text Padres – Hijos („Väter – Söhne“) bekannt. Petras war ursprünglich vom spanischen Consejo Superior de Investigaciones Científicas (CSIC), der größten öffentlichen Forschungseinrichtung Spaniens, beauftragt worden, 1995 als Gastwissenschaftler die Auswirkungen der liberalisierenden Reformen der González-Regierung auf die spanische Jugend zu untersuchen. Petras selbst berichtete, dass sich ihm bei Interviews in Kneipen und Arbeitervierteln ein gänzlich anderes Bild dargeboten habe als bei seinen ersten Interviews in Ministerien und Forschungseinrichtungen. Diese habe er daher aufgegeben und sich vollständig auf Langinterviews von 20 Arbeitern und eine Analyse dessen verlegt, wie sich für arbeitende Jugendliche selbst ihre Arbeits- und Lebenssituation darstellte und wie sie sich im Gegensatz dazu für die vorangehende Generation dargestellt habe.
Die Ergebnisse des Berichts, den er auf dieser Basis schlussendlich anfertigte, entsprachen weitgehend den Analysen des Soziologen Andrés Bilbao (1993: Obreros y ciudadanos, „Arbeiter und Bürger“): Nach Petras Analyse war die Generation der „Väter“ zur Zeit des Franquismus unter Bedingungen unbefristeter Arbeitsverträge, relativer Sicherheit und damit biographischer Planbarkeit in den Arbeitsmarkt eingetreten. Nach 1982 sei die neue Regierung jedoch nicht etwa die hohe Jugendarbeitslosigkeit angegangen, sondern stattdessen eine Modernisierungspolitik gefahren, die auf Lohnsenkungen und ausländische Industrieübernahmen ausgerichtet war. Die „Söhne“ der Väter arbeiteten danach in den 80er- und 90er-Jahren nach diesem politisch durchgesetzten Wandel oft unter Bedingungen der Flexibilisierung und Prekarisierung: feste Anstellungen waren zunehmend durch Zeitverträge ersetzt worden (in Katalonien beispielsweise waren 1990 bereits 75 Prozent aller neuen Arbeitsverträge von 16- bis 25-Jährigen befristet), in deren Rahmen Jugendliche unter dem Lohnniveau ihrer Väter angestellt wurden. Die Befristung dieser Arbeitsverträge habe außerdem zur Folge, dass Bindungsfähigkeit und speziell auch das Klassenbewusstsein als Faktor für gesellschaftlichen Zusammenhalt bei Jugendlichen abnehme. Diese suchten sich daher nun Ersatzgemeinschaften mit Freunden in konsumistischen Ersatzwelten, was gleichzeitig die Basis des klassenkämpferischen Aktivismus unterhöhle. Systemisch gesehen habe also die per Dekretgesetz durchgesetzte Modernisierungsstrategie nicht nur die Arbeitsbedingungen verschlechtert, sondern letztlich auch die Handlungsfähigkeit der organisierten Zivilgesellschaft – von Gewerkschaften, Nachbarschaftsvereinen, kommunitären Strukturen – erodiert.
Das CSIC entschied sich gegen eine Publikation, woraufhin 1996 die Zeitschift Ajoblanco ihn in einer Sondernummer unter dem Titel El informe Petras completo veröffentlichte. 2018 kritisierten der Soziologe Pablo Gastaldi und der Politologe Enrique Maestu-Fonseca, dass Petras für seine Analyse überwiegend männliche Industriearbeiter und nur wenige Frauen und Beschäftigte im Dienstleistungssektor interviewt habe. Dennoch habe sich Petras Text als prophetisch erwiesen: 20 Jahre später ließen sich dieselben Entwicklungen, die er beschrieben habe, auch in der Generation der „Enkel“ nachweisen.
Schriften über Imperialismus und Globalisierung
Eine zweite Gruppe von Petras Texten befasst sich grundsätzlicher mit US-amerikanischem Imperialismus, der Globalisierung und dem Kapitalismus – besonders die Bücher Globalization Unmasked (2001), System in Crisis (2003), Empire with Imperialism (2005) und Multinationals on Trial (2006), die alle nach Petras Emeritierung um 2000 verfasst wurden und von Harsh Thakor zu den einflussreicheren seiner Bücher gezählt werden. Einige seiner dort entwickelten Thesen nahm er bereits vorweg in seinem Frühwerk über den Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende.
How Allende Fell (1974) und The United States and Chile (1975)