mini|Johanneskirche von Südosten
Die Johanneskirche ist die größte evangelische Kirche in Gießen im mittelhessischen Landkreis Gießen. Sie wurde im Jahr 1893 in einem historistischen Mischstil aus Neogotik und Neorenaissance errichtet.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Lang (Bearb.): Universitätsstadt Gießen (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen, Band 13). Henrich, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-528-06246-0, S. 94. Der Kirchturm erreicht eine Höhe von 68,21 Metern. Das Gebäude ist hessisches Kulturdenkmal und prägt das Stadtbild., abgerufen am 15. August 2025.
Geschichte mini|Blick auf den 68 Meter hohen Kirchturm mini|hochkant|Östliches Hauptportal
Weil die Stadtkirche von 1821 den Erfordernissen der rapide wachsenden Stadtbevölkerung nicht mehr genügte, wurden 1882 ein Kirchenbaufonds und 1888 eine Baukommission gegründet, die Pläne für eine zweite evangelische Kirche entwickelte.Naumann: Die Johanneskirche zu Gießen. 1893, S. 12 f. Als Bauplatz diente ein Stück des alten Wassergrabens der ehemaligen Stadtbefestigung (Südanlage). Die Aufhebung des Eisenacher Regulativs ermöglichte ab 1890 fortschrittlichere Bauformen. Nach der 1890 erfolgten Auslobung eines Architektenwettbewerbs, der sich an alle deutschen Architekten richtete, forderten 233 Architekten die Unterlagen an und gingen im folgenden Jahr 39 Entwürfe ein.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 56. Die Berliner Architekten Hans Grisebach und Georg Dinklage, deren gemeinsamer Entwurf ausgeführt wurde, sowie Richard Schultze in Berlin-Friedrichshagen erhielten als Preisgeld jeweils 1600 Mark. Die Johanneskirche wurde von 1891 bis 1893 unter Bauleitung durch Grisebach erbaut, der Änderungswünsche der Gemeinde berücksichtigte. Am 12. Oktober 1891 erfolgte der erste Spatenstich, am 23. Mai 1892 die Grundsteinlegung und am 30. November 1893 die Einweihung in Anwesenheit von Großherzog Ernst Ludwig, dem Oberhaupt („summus episcopus“) der Evangelischen Landeskirche in Hessen.Naumann: Die Johanneskirche zu Gießen. 1893, S. 92, 96. Namenspatron wurde der Evangelist Johannes (nach christlicher Tradition mit dem Apostel Johannes gleichgesetzt), nachdem am 1. November 1892 die bisherige evangelische Stadtgemeinde in vier eigenständige Kirchengemeinden aufgeteilt worden war. Diese vier Gemeinden wurden nach den Evangelisten benannt und erhielten je einen Pfarrer. Der Matthäus- und Markusgemeinde wurde die Stadtkirche zugewiesen, Lukas- und Johannesgemeinde nutzten gemeinsam die Johanneskirche seit ihrer Fertigstellung 1893.
Den Zweiten Weltkrieg überstand die Johanneskirche trotz des verheerenden Luftangriffs in der Nacht vom 6. auf den 7. Dezember 1944 weitgehend unbeschadet. Allerdings wurden die beiden Dächer von Turm und Schiff beschädigt und 1949 ausgebessert. Eine Notverglasung ersetzte die zerstörten Bleiglasfenster von Hermann Schaper. Im Zuge einer umfassenden Innenrenovierung in den Jahren 1962 bis 1965 gestaltete Erhardt Klonk sie neu. Die reiche figurale und ornamentale Bemalung an den Innenwänden und Gewölbeflächen, die Hermann Schaper im Jahr 1903 angebracht hatte, wurde entfernt. Die Kirche erhielt einen neuen Bodenbelag, eine neue Heizung und eine neue Beleuchtungsanlage. Die Langsdorfer Kirche übernahm die alten Kronleuchter. Die Vorhalle unter der Orgelempore wurde durch Glastüren mit Vorhängen abgetrennt, die verschnörkelten Oberteile der Wangen des Gestühls wurden entfernt und die Außentüren mit Kupferblech beschlagen. Der vergrößerte Altarraum erfuhr eine völlige Umgestaltung und Modernisierung. Bei der Renovierung zerbrach das Altarbild aus Gips, das die Abendmahlsszene unter einer Arkatur mit filigranem Maßwerk darstellte.Heinz Jox: , S. 4 (PDF; 2,8 MB), abgerufen am 15. August 2025. Die Sanierungskosten beliefen sich auf 577.515,44 DM (295.277,89 Euro), die auch die Nebenräume und Treppenhäuser einschlossen (nicht aber das Architektenhonorar und die Akustikarbeiten).Heinz Jox: , S. 6 (PDF; 2,8 MB), abgerufen am 15. August 2025.
Durch die nach dem Krieg lange Zeit unverglast gebliebenen Fenster hatte die Orgel Schaden erlitten und wurde 1967 durch ein neues Werk ersetzt. 1969/1970 wurde der Kirchturm instand gesetzt, die Dachdeckung in Schiefer erneuert und verwitterte Sandsteinelemente der Fassade in vereinfachter Form ersetzt.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 57. 1982 folgte eine Sanierung der Außentreppen.
Von 2013 bis 2016 erfolgte eine aufwändige Innenrenovierung, die neben Verputzarbeiten und einem neuen, helleren Anstrich eine Erneuerung der Elektro-Installation, der Beleuchtungs- und der Beschallungsanlage sowie eine neue Heizungsanlage und sanitäre Anlagen beinhaltete. Die drei großen Kirchenportale mit ihren Oberlichtern wurden wieder freigelegt, deren Flügeltüren in den 1960er Jahren Kupferverkleidungen erhalten hatten. Der vormals abgetrennte Eingangsbereich erhielt durch eine Glaswand und eine helle Holzverkleidung einen offenen und hellen Charakter. Für die Neugestaltung des Altarbereichs wurde ein Künstlerwettbewerb ausgeschrieben. Er ragt nach der Vergrößerung mit seinen halbrunden Stufen in den Kirchenraum hinein. Georg Hüter formte aus dem bisherigen Altar eine schiffsähnliche Skulptur. Nicht wiederhergestellt werden konnte die ursprüngliche Ausmalung, die in den 1960er Jahren gründlich abgetragen worden war. Von den 1,5 Millionen Euro Sanierungskosten haben die beiden Kirchengemeinden eine halbe Million aufgebracht, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau übernahm den größten Teil. (PDF; 7,3 MB), abgerufen am 15. August 2025.alb/Schepp: Neuer Glanz. Johanneskirche wird saniert. In: Gießener Allgemeine Zeitung vom 14. März 2015, Nummer 62, S. 25.
Architektur mini|hochkant|Grundriss des Erdgeschosses
Der nicht exakt nach Westen, sondern parallel zur Südanlage ausgerichtete, komplexe Bau verbindet mehrere Baustile: Innen wie außen mischen sich die Baustile der Neogotik und der Neorenaissance.Naumann: Die Johanneskirche zu Gießen. 1893, S. 86.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 56 f.Dehio-Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 315. Für die Außenfassaden wurde dunkler Lungstein verwendet, der mit den hellen Sandstein-Bändern und -Gewänden kontrastiert. Die Hallenkirche erhält durch das große südliche Nebenschiff unter zwei Quergiebeln ihre zweischiffige gotische Gestalt. Das Hauptschiff mit Satteldach hat einen polygonalen Chorabschluss, hinter dem eine Sakristei angebaut ist. Zwischen dem Nebenschiff mit seiner großen Empore und dem südlich vorgelagerten, polygonalen Johannessaal („Konfirmandensaal“) befindet sich das Nebenportal in einem schmalen Gebäudeteil, das auch als Treppenhaus für die Emporen dient und das mit einem schlanken Pyramidendach bekrönt wird. Der Kirchturm, der die Glocken beherbergt, mit einem Südportal versehen ist und den zweiten Emporenaufgang bildet, erhebt sich auf der Südostecke links vom großen Eingangsportal und schließt das Seitenschiff ab.
Der beherrschende Eckturm ist auf quadratischem Grundriss von 8,50 Metern Breite errichtet. Er wird in den drei unteren Geschossen durch helle Sandsteingesimse gegliedert. Das große Mittelgeschoss weist an allen Seiten hohe doppelte Schallarkaden auf, während das kleine Obergeschoss an jeder Seite drei kleine Schallarkaden und eine Sandstein-Galerie mit durchbrochenen Brüstungen hat. Auf der mittleren ist ein Adler darstellt, das Evangelistensymbol des Johannes, links und rechts mythologische Wesen. Jede Galerie ruht auf drei Konsolen aus stilisierten Löwenköpfen. Vier in Sandstein gefasste Dreiecksgiebel umschließen Zifferblätter, deren Durchmesser 2,75 Meter beträgt. Auf den Ecken des Turmschaftes sind vier Wasserspeier in Gestalt geflügelter Löwen angebracht, über denen sich vier Sandstein-Fialen erheben. Der schlanke, achteckige Spitzhelm wird von einem vergoldeten Turmknopf, einem reich verzierten Kreuz und einem vergoldeten Wetterhahn bekrönt.Naumann: Die Johanneskirche zu Gießen. 1893, S. 72.
mini|Nordseite Helle, die Strebepfeiler einbeziehende Sandsteinbänder gliedern die Außenmauern des Gebäudes horizontal in drei Zonen. Vor allem die Fassaden der beiden Schauseiten sind mit reichem figuralen und ornamentalen Schmuck repräsentativ ausgestattet. Besonders aufwändig sind die drei Stufenportale mit Gewänden aus hellem Sandstein gestaltet. Die Türen selbst bestehen im Kern aus Fichtenholz, auf das Eiche aufgeleimt wurde. Die in den 1960er Jahren grob abgeschlagenen Verzierungen wurden 2015/2016 wieder originalgetreu rekonstruiert. Das Gewände des Hauptportals im Osten hat an beiden Seiten eine abgestufte Reihe mit drei Freisäulen, die in Kapitellen mit Voluten enden. Sie tragen einen reich profilierten Rundbogen. Im linken Bogenzwickel tritt ein Engel mit einer Friedenspalme, im rechten ein Engel mit einem Kreuz hervor. Darüber sind zwei Schriftfelder mit Bibelworten aus und unter einem umlaufenden, weit vorkragenden Gesims angebracht. Die Felder werden an den Außenseiten durch lange gekantete Pilaster und über dem Bogenscheitel des Portals durch einen kurzen Pilaster begrenzt, die auf verzierten Konsolen ruhen und in bekrönende Türmchen übergehen. Oberhalb des Gesimses vermitteln Akanthus-Ranken mit dem zentralen Christusmonogramm XP zu dem großen Rundfenster in Art einer Fensterrose. Darüber steht im Giebeldreieck die 2,10 Meter hohe Statue des Evangelisten bzw. Apostels Johannes. Sie ist aus Sandstein unter einem Baldachin gefertigt und wird von einer Konsole mit einem Engel gestützt.Naumann: Die Johanneskirche zu Gießen. 1893, S. 73. Bekrönt wird der Giebel von einem steinernen Kreuz, dessen Spitze 28,30 Meter über den Boden reicht. Das Südportal an der südlichen Turmseite und das Seitenportal zum Johannessaal sind architektonisch ähnlich ausgeführt, aber weniger aufwändig ausgeschmückt. Oberhalb des Rundbogens des Nebenportals zum Johannessaal wird die Seligpreisung Jesu dargestellt: Jesus belehrt und segnet ein Kind in einem Medaillon, das von Delfinen und Engelsköpfen umgeben ist. Darunter halten zwei Engel das Spruchband mit dem entsprechenden Bibelwort aus .Gottfried Cramer: (PDF; 533 kB)
Der Innenraum wird an den Langseiten durch je zwei und an der westlichen Chorwand durch ein großes Rundbogenfenster belichtet, die im unteren Teil in vier kleine rundbogige und im oberen in ein großes Rundfenster aufgeteilt sind. Zudem sind an der Südseite zwei kleine Rundbogenfenster, an der Ostseite der Nordwand bei der Orgelempore ein hohes, schmales, gekuppeltes Rundbogenfenster und über dem Ostportal ein großes, gotisierendes Rundfenster angebracht. Alle Fenster sind mit hellen Sandsteingewänden und bunten Bleiglasfenstern versehen.
Haupt-, Seitenschiff und Chor werden innen von einem Kreuzrippengewölbe abgeschlossen, das in verzierten Schlusssteinen endet und auf Wandkonsolen ruht. Die steinerne Empore über zwei großen Korbbögen nimmt Elemente der Renaissance auf.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 56 f. Sie wird von einem mächtigen Rundpfeiler eingebunden, der in ein mit Voluten und Akanthus-Ranken verziertes Kapitell übergeht, das die aus der Deckenmitte kommenden Gewölberippen aufnimmt. Die Orgelempore im Westen hat ebenfalls einen großen Korbbogen. Außen an den Langseiten wird die Schubkraft der Gewölbe durch mehrfach abgetreppte Strebepfeiler aufgenommen.
Ausstattung mini|hochkant|Altar von 2016 mit Bronzekreuz mini|links|Blick auf den Altarbereich
Der Innenraum ist schlicht gestaltet. Die Ausstattungsgegenstände gehen zum großen Teil auf die Renovierung von 2015/2016 zurück, als insbesondere der Altarbereich tiefgreifend umgestaltet wurde. Die cremefarbenen Innenwände orientieren sich an dem Grundton der ursprünglichen Fassung und verleihen dem Raum eine warme Note.