Die Sinfonie D-Dur Hoboken-Verzeichnis I:53, später mit dem nicht vom Komponisten stammenden Beinamen „L´Impériale“ versehen, komponierte Joseph Haydn im Zeitraum 1777 bis 1779 während seiner Anstellung als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy. Das Werk, von dem mehrere Schlusssätze vorliegen, erreichte eine hohe Popularität und Verbreitung.
Allgemeines mini|hochkant|Joseph Haydn (Gemälde von Ludwig Guttenbrunn, um 1770)
Die Sinfonie Nr 53 komponierte Haydn um 1778/79Informationsseite der Haydn-Festspiele Eisenstadt, siehe unter Weblinks. während seiner Anstellung als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy. Das Autograph der Sinfonie ist verloren.
Nach dem großen Erfolg der Sinfonie Nr. 56 in Paris 1777 fand Nr. 53 als erste Sinfonie Haydns internationale Verbreitung (in Form von Abschriften und Bearbeitungen). Das Werk wurde in Berlin, Amsterdam, London und Paris gedruckt; Abschriften waren in Österreich, Süddeutschland und Italien verbreitet.Howard Chandler Robbins Landon: Haydn, Symphonie Nr. 53, D-Dur (L´Impériale). Ernst Eulenburg Ltd. No. 537, London / Zürich ohne Jahresangabe (Taschenpartitur, Vorwort von 1955)Anthony van Hoboken: Joseph Haydn. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, Band I. Schott-Verlag, Mainz 1957, 848 S. Bei der im 18. Jahrhundert von Johann Christian Bach und Carl Friedrich Abel in London veranstalteten Konzertreihe hatte das Werk so großen Erfolg, „dass bald die gebildeten Damen im Königreich das Stück im Klavierarrangement spielten.“Hans-Joseph Irmen: Joseph Haydn. Leben und Werk. Böhlau Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-412-20020-6.
Die Entstehungsgeschichte der Sinfonie ist kompliziert. Die insgesamt sieben Versionen unterscheiden sich in ihren Schlusssätzen sowie dem Vorhandensein der langsamen Einleitung zum ersten Satz.A. Peter Brown: The Symphonic Repertoire. Volume II. The First Golden Age of the Viennese Symphony: Haydn, Mozart, Beethoven, and Schubert. Indiana University Press, Bloomington & Indianapolis 2002, ISBN 0-253-33487-X; S. 24, 178.Stephen C. Fischer, Sonja Gerlach: Sinfonien um 1777–1779. In: Joseph Haydn-Institut Köln (Hrsg.): Joseph Haydn Werke. Reihe I, Band 9. G. Henle-Verlag, München 2002, Seite IX. Zwei Schlusssätze werden als authentisch angesehen:Howard Chandler Robbins Landon: The Symphonies of Joseph Haydn. Universal Edition & Rocklife, London 1955, S. 364, 367. das von verschiedenen Verlegern gedruckte Finale, welches außerdem in zahlreichen Manuskripten auftritt. Haydn hatte diesen Satz (Hob. Ia:7) ursprünglich als Ouvertüre zu einer nicht bekannten Oper geschrieben und verwendete ihn ca. 1780 erneut als Kopfsatz zur Sinfonie Nr. 62. das in den Esterhazy-Stimmen und in mehreren zeitgenössischen Manuskripten vorhandene Finale („Capriccio“).
Von den Versionen mit den authentischen Schlusssätzen wird heute meist angenommen, dass Haydn zunächst die Version mit der Ouvertüre und danach die mit dem Capriccio schrieb.Howard Chandler Robbins Landon: Haydn: Chronicle and works. Haydn at Eszterháza 1766 – 1790. Thames and Hudson, London 1978, S. 562–563: „Haydn (…) wrote a new, formally interesting ‚Capriccio‘ as a new Finale for No. 53.“
Teilweise bestehen aber auch unterschiedliche Ansichten: Anthony van Hoboken (1957) lehnt die Auffassung, Haydn selbst habe eine Ouvertüre zum Finalsatz umgewandelt, ab. Walter Lessing (1989)Walter Lessing: Die Sinfonien von Joseph Haydn. Dazu: sämtliche Messen. Eine Sendereihe im Südwestfunk Baden-Baden 1987 – 1989. Baden-Baden 1989. nimmt das Capriccio als erste Fassung an und meint aufgrund der von ihm darin gesehenen kompositorischen Mängel, dass Haydn den Satz vielleicht aus Zeitmangel von einem Schüler oder Kollegen habe anfertigen lassen und später – selbst damit unzufrieden – durch die Ouvertüre ersetzte.
Der Beiname „L´Impériale“ (Die Kaiserliche) kommt in keiner der älteren Quellen (bis mindestens 1840) vor und stammt nicht von Haydn. Anthony van Hoboken (1957) lehnt einen Zusammenhang mit der Kaiserin Maria Theresia ab und vermutet, dass der zweite Satz auf einen französischen Chanson mit ebendiesem Namen zurückgeht.Ebenso Lessing 1989 und Robbins Landon 1955.
Howard Chandler Robbins Landon (1955) bewertet die Sinfonie Nr. 53 mit Ausnahme von je einer Passage im Vivace (ab Takt 172) und im Menuetto (ab Takt 25) bezogen auf den musikalischen Gehalt als (im Verhältnis zu den vorangegangenen Sinfonien) eher oberflächlich. Der „gefällige“ Tonfall förderte jedoch nach Michael Walter (2007) wahrscheinlich ihre weite Verbreitung und Popularität:
Zur Musik Besetzung: Querflöte, zwei Oboen, Fagott, zwei Hörner, Pauken, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Über die Beteiligung eines Cembalo-Continuos in Haydns Sinfonien bestehen unterschiedliche Auffassungen.Beispiele: a) James Webster: On the Absence of Keyboard Continuo in Haydn's Symphonies. In: Early Music Band 18 Nr. 4, 1990, S. 599–608); b) Hartmut Haenchen: Haydn, Joseph: Haydns Orchester und die Cembalo-Frage in den frühen Sinfonien. Booklet-Text für die Einspielungen der frühen Haydn-Sinfonien., online (Abruf am 26. Juni 2019), zu: H. Haenchen: Frühe Haydn-Sinfonien, Berlin Classics, 1988–1990, Kassette mit 18 Sinfonien; c) Jamie James: He'd Rather Fight Than Use Keyboard In His Haydn Series. In: New York Times, 2. Oktober 1994 (Abruf am 25. Juni 2019; mit Darstellung unterschiedlicher Positionen von Roy Goodman, Christopher Hogwood, H. C. Robbins Landon und James Webster). Die meisten Orchester mit modernen Instrumenten verwenden derzeit (Stand 2019) kein Cembalocontinuo. Aufnahmen mit Cembalo-Continuo existieren u. a. von: Trevor Pinnock (Sturm und Drang-Sinfonien, Archiv, 1989/90); Nikolaus Harnoncourt (Nr. 6–8, Das Alte Werk, 1990); Sigiswald Kuijken (u. a. Pariser und Londoner Sinfonien; Virgin, 1988 – 1995); Roy Goodman (z. B. Nr. 1–25, 70–78; Hyperion, 2002). Der erste Satz enthält als einziger Paukenstimmen. Dem ursprünglichen Ouvertüren-Schlusssatz fehlten neben den Pauken auch die Flöte, und er weist zweistimmig geführte Fagotte auf, die Haydn, als er später die übrigen Sätze komponierte, mit seiner Kapelle nicht mehr realisieren konnte. Erst in der endgültigen Fassung sind alle Sätze gleichmäßig mit Flöte und einem Fagott besetzt. Die Pauken im ersten Satz scheint Haydn allerdings beibehalten zu haben. Nur in wenigen Quellen sind Pauken auch für die übrigen schnellen Sätze ergänzt, in mehreren Quellen wurden die Pauken im ersten Satz weggelassen. Ein Stimmensatz aus Haydns Besitz weist eine wahrscheinlich nicht von ihm stammende Paukenstimme auf, sie könnte aber auf seine Anweisung hin ergänzt worden sein.
Aufführungszeit: 20–25 Minuten (je nach Einhalten der vorgeschriebenen Wiederholungen).
Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Schema in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort) und von daher nur mit Einschränkungen auf die Sinfonie Nr. 53 übertragen werden kann. – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.
Erster Satz: Largo maestoso – Vivace Largo maestoso: D-Dur, 3/4-Takt, Takt 1–16
Die gravitätische, pompöse Einleitung ist zunächst durch ihren Motivkontrast zwischen dem absteigenden D-Dur – Dreiklang im Forte-Unisono mit Triller und der Legato-Streicherfigur im Piano gekennzeichnet. Ab Takt 12 stabilisiert sich die Dominante A-Dur, wobei der Triller wieder auftritt. Die Einleitung klingt mit einer Fermate auf A inklusive Paukenwirbel aus.
Der unvermittelte Piano-Beginn des folgenden Vivace wäre aufgrund der Neigung höfischer und relativ kleiner Gruppen zum zerstreuten Hören vermutlich riskant gewesen. Wahrscheinlich hat Haydn die Einleitung als „Vorhangöffner“Robbins Landon (1955, S. 356): „Curtianraiser“. nachkomponiert, um diesen Piano-Anfang mit einem prunkvollen Beginn abzufangen und um dadurch bei den Hörern Aufmerksamkeit zu bekommen (ähnlich bei den Sinfonien Nr. 50 und Nr. 54).
Vivace: D-Dur, 2/2-Takt (alla breve), Takt 17–246 mini|400px|Beginn des Vivace mit der Dreiklangsfigur im Bass
Der Satz ist überwiegend durch Dreiklangsmelodik gekennzeichnet. Die erste Hälfte des ersten Themas besteht lediglich aus einem dreifach wiederholten gebrochenen D-Dur – Dreiklang (im Folgenden: „Hauptmotiv“). Das Hauptmotiv wird piano zunächst mit Stimmführung vom 1. Horn und Bass (D-Dur), dann von der 1. Violine (A-Dur mit Septime) vorgetragen. Die zweite Hälfte ist durch Synkopen und schreitende Bassbewegung gekennzeichnet. Der ab Takt 29 anschließende Forte-Block enthält fünf zweitaktige (Dreiklangs-)Motive, die jeweils wiederholt werden. Das erste dieser Motive entspricht dem Hauptmotiv. In Takt 51 setzt das Hauptmotiv im Staccato im Bass ein, überlagert von einer Achtelbewegung der Violinen. Dabei sequenziert Haydn von A-Dur über h-Moll nach E-Dur.
Das zweite Thema (Takt 69–82, Dominante A-Dur) im Streicherpiano ist achttaktig und kontrastiert durch seine gesangliche Melodie zum vorigen Geschehen. Es wird mit Oboenbeteiligung wiederholt und geht dann in eine Passage mit Forte-Piano – Kontrast über (Piano-Passage dabei mit Chromatik). Die Schlussgruppe ab Takt 92 enthält neben der Dreiklangsmelodik auch Tremolo und Triolen.
In der Durchführung (Takt 101–187) wird v. a. das Hauptmotiv durch verschiedene Tonarten geführt und in unterschiedliche Klangfarben gesetzt: Haydn erreicht A-Dur, fis-Moll, e-Moll, Cis-Dur und E-Dur im Wechsel von Forte und Piano und mit ausgehaltenen Akkorden der Bläser. Ab Takt 149 folgt das zweite Thema in h-Moll mit einer sich aufschraubenden Fortspinnung, wobei die Synkopen an die zweite Hälfte vom ersten Thema erinnern. Anschließend setzt das Hauptmotiv im Forte-Unisono in fis-Moll an und führt über dann piano „in einer langen Folge leiser, geheimnisvoller Vorhaltsakkorde durch mehrere Molltonarten“ zur Reprise in Takt 188.
Die Reprise ist ähnlich der Exposition strukturiert. Kleine Abweichungen betreffen bspw. die Wiederholung des zweiten Themas, in der die Oboe durch die Flöte ersetzt wird. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden wiederholt.Die Wiederholungen der Satzteile werden in einigen Einspielungen nicht eingehalten.
Zweiter Satz: Andante A-Dur, 2/4-Takt, 128 Takte mini|400px|Beginn des Andante
Haydn hat den Satz als Doppelvariation aufgebaut, d. h. das Thema erscheint in zweifacher Variierung, jeweils zwischen Dur und Moll wechselnd (je nach Standpunkt auch als zwei verschiedene Themen interpretierbar): Vorstellung des (volks-)liedhaften Hauptthemas mit charakteristisch punktiertem, auftaktartigem Rhythmus; das Thema ist in zwei jeweils wiederholte Unterabschnitte geteilt (so auch in den Variationen); Takt 1–16. 1. Variationsteil; a-Moll; nur Streicher; Stimmführung in der 1. Violine, Begleitung mit durchlaufenden, „schwebenden“ Sechzehnteln; Takt 17–32. 2. Variationsteil; A-Dur; nur Streicher; zunächst wie am Anfang, ab Takt 40 Variation; Stimmführung mit Verzierung des Themas in der 1. Violine; Takt 33–64 (die Wiederholungen sind hier ausgeschrieben). 3. Variationsteil; a-Moll; ganzes Orchester; Anfang ähnlich dem 1. Variationsteil, ab Takt 73 Stimmführung im Bass inklusive Fagott; Takt 65–96. 4. Variationsteil; A-Dur; Streicher, Flöte, Fagott; Melodieführung in Flöte und Fagott; Violinen begleitend mit durchlaufenden Sextolen; bestehend aus zwei wiederholten Abschnitten; Takt 97–112. 5. Variationsteil; A-Dur; ganzes Orchester; Stimmführung in den Bläsern (außer Horn) und der 1. Violine; Abschnitt relativ eng an das Original angelehnt; Takt 113–128.
Der Satz war zu Haydns Zeit offenbar sehr beliebt: 28 Bearbeitungen sind bekannt, darunter zehn für Gesang und Klavier und eine für dreistimmigen Chor. Die Melodie findet sich auch unter den Themen, die auf dem 1793 in Haydns Geburtsort Rohrau errichteten Monument eingemeißelt wurden.
Dritter Satz: Menuetto D-Dur, 3/4-Takt, mit Trio 66 Takte