Die Orgellandschaft Oberschwaben geht in ihrem heute erhaltenen Bestand bis ins 17. Jahrhundert zurück. Insgesamt stehen in Oberschwaben rund 200 Orgeln mit historisch bedingten regionalen (Orgellandschaft) Eigenschaften als Denkmalorgeln unter Schutz.

17. Jahrhundert mini|Chororgel in der Pfarrkirche St. Maria auf Schloss Zeil In Augsburg ist erstmals um 1060 von einer Orgel die Rede, das Kloster Weltenburg an der Donau besaß um 1077 ein solches Instrument. Im 1056 gegründeten Kloster Weingarten finden sich unter Abt Conradus de Wagenbach um 1242–1266 die frühesten Nachweise über Orgeln in Oberschwaben: „Item ad Organa VIII lib..“Hauptstaatsarchiv Stuttgart, B 515 Band 9,10,15,66,75,86 und Bü 15. („Für die Orgel acht Pfund [bezahlt]“) In der romanischen Klosterkirche von Salem erklang ab 1250 eine Orgel, nachdem Papst Innozenz das Singen mit Orgelbegleitung erlaubt hatte.Peter Nicola: Salemer Orgelgeschichte. In: Münsterpfarrei Salem (Hrsg.): Musik in Salem. Owingen 2005, S. 28–43. Die Orgelgeschichte des Ulmer Münsters beginnt 1414, als ein „orglenmaister“ in der Stadt steuerpflichtig war. 1433 vollendete Meister Ludwig aus Breslau in der Liebfrauenkirche (Münster) zwei Orgeln.

Die in Teilen älteste Orgel Oberschwabens ist heute die Chororgel der katholischen Pfarrkirche St. Maria auf Schloss Zeil. Um 1609 erhielt „Meister Daniel wegen der Orgel“ 36 Gulden und 38 Kreuzer. Vermutlich ist das Daniel Hayl aus Irsee, der in der Region mehrmals arbeitete.

18. Jahrhundert Die Glanzzeit des oberschwäbischen Orgelbaus ist das 18. Jahrhundert. Hier entstanden in den Klöstern prächtige Orgeln, von denen sechs Werke überwiegend original erhalten sind.

Es sind die beiden Gabler-Orgeln in Weingarten und Ochsenhausen, drei Orgeln von Johann Nepomuk Holzhey in Obermarchtal, Rot an der Rot und Weißenau (zwei weitere Instrumente von Holzhey sind in Neresheim und Ursberg erhalten). Dazu kommt die erwähnte Chororgel in der Schlosskirche Zeil. Zudem sind zwei Instrumente der Familie Schmahl (Jungingen 1770/1771 von Georg Friedrich Schmahl und Berghülen 1780–1784 von Johann Matthäus Schmahl) in Teilen original erhalten. Das sind acht Orgeln des 18. Jahrhunderts, zu denen drei oder vier Instrumente im ehemals hohenzollerischen Teil des Landkreises Sigmaringen (etwa in den Klöstern Inzigkofen und Wald) kommen.

Im noch nicht näher untersuchten Bodenseekreis ist wahrscheinlich keine Orgel des 18. Jahrhunderts mit Gehäuse und Pfeifenwerk mehr vorhanden.

Insgesamt sind höchstens ein Dutzend Orgeln des 18. Jahrhunderts in ganz Oberschwaben weitgehend komplett erhalten, dazu etwa drei Dutzend Prospekte, hinter denen modernes Pfeifenwerk (mit wenigen alten Resten) steht.

19. Jahrhundert bis Anfang 20. Jahrhundert mini|Orgel in der Pfarrkirche Wuchzenhofen (Gehäuse von Peter Paul Braun, 1845/1846) Die Säkularisation beendete abrupt die Blütezeit des oberschwäbischen Orgelbaus. Mit der Aufhebung der Klöster verloren die Orgelbauer ihre wichtigsten Auftraggeber. So musste sich die Werkstatt von Johann (Nepomuk) Holzhey, 1798 noch mit Aufträgen überlastet, nach 1803 mit Schreinerarbeiten über Wasser halten.

Der Aufhebung der Klöster folgte eine etwa 30 Jahre lang andauernde Zeit der „wilden“ Orgelbauer. „Halbausgelernte Claviermacher oder andere Individuen, welche einige Zeit in den Werkstätten wirklicher Orgelbauer den Hobel geführt“, heißt es in einer Augsburger Publikation von 1848, seien dem Geschäft des Orgelbaus keinesfalls gewachsen und brächten den Gemeinden „den größten pekuniären Schaden“.Donat Müller: Kurze Beschreibung der einzelnen Theile der Kirchenorgel … ein nothwendiges Handbüchlein. Augsburg 1848, S. 40/41. (Digitalisat)

Diese Jahrzehnte sind in Oberschwaben mit Namen von Laien- und „Rucksackorgelbauern“ wie den Brüdern Joseph und Kaspar Speidel verbunden, die zwischen 1800 und 1830 an oberschwäbischen Orgeln arbeiteten. Zu ihnen gehören auch Franz Anton Ruef und sein Sohn Friedrich; letzterer saß lieber im Wirtshaus als dass er seiner Arbeit nachkam.

Nachdem sich die württembergische Verwaltung in Oberschwaben etabliert hatte, bestellte die königliche Administration auf Grund der vielen Beschwerden Orgelrevidenten. Das waren ausgewiesene Fachleute, darunter als einer der ersten im „Donaukreis“ der Ulmer Münsterorganist Friedrich Dieffenbacher. Er und seine Kollegen nahmen in ihren Gutachten kein Blatt vor den Mund und sorgten nach und nach für Ordnung. Keine Neuanschaffung oder Reparatur durfte ohne ihre Genehmigung in Auftrag gegeben werden.

Als 1854 die durchgehende Bahnverbindung Stuttgart–Ulm–Friedrichshafen fertig wurde, konnten sich innerhalb weniger Jahre die ausgebildeten Orgelbauer Carl Gottlieb Weigle (1810–1882), Eberhard Friedrich Walcker (1794–1872) und die Gebrüder Paul (1821–1891) und Johann (1821–1871) Link in Oberschwaben etablieren. Von Weigle sind etwa die 1856 (op. 31) erbaute Orgel in Altheim/Alb (Alb-Donau-Kreis), das 1861 errichtete Instrument in Lonsee (Alb-Donau-Kreis) und die 1863 in Baltringen (Landkreis Biberach) errichtete Orgel erhalten. Mehrere Orgeln von Weigle in oberschwäbischen Stadtkirchen – etwa in Biberach, Ehingen, Saulgau und Ravensburg – wurden im Zuge von Modernisierungen der 1960 bis 1970er Jahre abgebrochen.

In Bolstern (Stadt Bad Saulgau, Landkreis Sigmaringen) erbaute Walcker 1881/1882 eine Orgel, die fast völlig original erhalten ist. Das gilt auch für sein 1883 in Boms (Landkreis Ravensburg) erbautes Werk; kaum verändert ist seine Orgel von 1887 in Urlau (Kreis Ravensburg).

Von den im 19. Jahrhundert in Oberschwaben gebauten Orgeln haben sich eine ganze Reihe Werke verschiedener Meister erhalten. 1839 stellte der Ennetacher Orgelbauer Vitus Klingler in der (alten) Pfarrkirche St. Mauritius in Langenenslingen (Landkreis Biberach) eine Orgel auf, 1845 folgte ein Werk in Magenbuch (Landkreis Sigmaringen); beide Instrument sind im Kern erhalten.

Eine Orgel mit zehn Registern erstellte 1841/1842 der Ulmer Orgelbauer Franz Sales Hechinger für die Pfarrkirche St. Blasius in Attenweiler (Landkreis Biberach); sie ist weitgehend im originalen Zustand. Gut erhalten ist auch die achtregistrige, inzwischen restaurierte Orgel von Friedrich Schaefer, die er 1859 in der Dorfkirche von Michelwinnaden (Landkreis Ravensburg) aufstellte. Im gleichen Jahr lieferte der Rottweiler Orgelbauer Ferdinand Benz eine Orgel mit 10 Registern in die kath. Pfarrkirche St. Michael in Zwiefaltendorf, 1993 restaurierte die Werkstatt Späth das Instrument. „Als vortrefflich“ beurteilte der Reutlinger Musikdirektor Jacob Adam Seitz den 1864 vollendeten Neubau von Wilhelm Blessing in der kath. Pfarrkirche St. Martin Unteressendorf (Landkreis Biberach); die Orgel ist in spielbarem Zustand erhalten; derzeit sammelt man in der Gemeinde für eine denkmalgerechte Restaurierung.

Im oberschwäbischen Teil des Landkreises Alb-Donau sei auf zwei gut erhaltene Link-Orgeln hingewiesen. 2003 wurde die Restaurierung der 1887 erbauten Orgel in der Pfarr- und Wallfahrtskirche Unser Lieben Frau in Ehingen abgeschlossen, im nahen Nasgenstadt steht eine Link-Orgel von 1877. In Schmalegg (Landkreis Ravensburg) befindet sich eine 1864 erbaute Orgel von Link, das Werk wurde 1991 von der Erbauerfirma restauriert.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begann die große Zeit der Orgelbaudynastie Späth. Franz Xaver, der Sohn des Firmengründers Alois Späth, stellte 1880–1890 eine Orgel in der Liebfrauenkapelle zu Bad Saulgau auf, sie wurde 1988 generalüberholt.

Als „Hoforgelbauer“ erstellten die Späths eine Reihe von Werken. Erhalten sind etwa die 1907 im ehemaligen Kloster Habsthal (Landkreis Sigmaringen, generalüberholt) erbaute Orgel, weiterhin ein überholungsbedürftiges Werk im ehemaligen Kloster Hedingen in Sigmaringen von 1912, oder die Orgel in dem kleinen Dorf Wuchzenhofen (Stadt Leutkirch, Kreis Ravensburg), 1915 in ein Gehäuse von Peter Paul Braun (1845/1846) eingebaut.

Als „historisch“ gilt schließlich auch die 1928 in der Ulmer Martin-Luther-Kirche von Walcker erbaute Orgel; das Werk wurde 2008–2009 restauriert.

Orgelbauer in Oberschwaben 1500–1900 Vorbemerkung: In diesem Zeitraum arbeiteten einige hundert Orgelbauer in Oberschwaben, viele werden nur einmal genannt. Die bedeutenden Meister waren nicht nur begrenzt regional tätig, sondern arbeiteten auch in Vorarlberg und der Schweiz. Die folgende Aufzählung ist unvollständig. mini|Die Aichgasserorgel auf der Nonnenempore im Kloster Wald Johann Georg Aichgasser (1701–1767) gehört zu den bedeutenden Meistern im Raum Bodensee-Allgäu-Oberschwaben-Schweiz. Einige seiner Orgeln – etwa im Kloster Wald oder im schweizerischen Kloster Fischingen – sind stark verändert erhalten. In den Archiven sind zahlreiche Nachweise über Reparaturen – etwa 1735 in Wangen/Allgäu – zu finden.

Chrysostomus Baur (1662–1729) kann als bedeutender Meister in der Wende zum 18. Jahrhundert gelten. Er arbeitete zwischen 1690 und 1729 im Ulmer Land und Schwaben. Seine größte Arbeit war 1699 der Umbau der Ulmer Münsterorgel. Der Prospekt seiner Orgel in Altheim/Alb ist erhalten. Georg Friedrich Schmahl führte die Werkstatt weiter.

Ferdinand Benz (1821–1878) stammt aus Rottweil und ließ sich 1859 in Obermarchtal nieder. Er baute Orgeln in Riedlingen, Buchau und Zwiefaltendorf; letztere ist restauriert erhalten.

Johann Michael Bihler (1697–1765) stammt aus Konstanz. Zusammen mit seinem Sohn Johann Basilius (auch Baptist, 1732–nach 1775) arbeiteten Vater und Sohn in einem recht großen Radius in Süddeutschland und der Schweiz. In Oberschwaben waren die Bihler in Ertingen (Landkreis Biberach), sowie in Altshausen und Isny (Landkreis Ravensburg) tätig.

Wilhelm Blessing (1832–1870), Orgelbauer aus Esslingen, arbeitete mehrfach in Oberschwaben, etwa 1870 in Baindt (Landkreis Ravensburg). Seine 1864 in Unteressendorf (Landkreis Biberach) gebaute Orgel ist (von Link) verändert erhalten.

Joseph Bossart (1665–1748) ist der Stammvater einer bedeutenden Schweizer Orgelbauer-Dynastie. Er errichtete 1722 bis 1724 zusammen mit seinem Sohn Victor Ferdinand Bossart (1699–1772) eine neue Chororgel im Kloster Weingarten.

Heinrich Conrad Branmann (1840–1882) erhielt seine Ausbildung zum Orgelbauer bei Blessing und führte nach dessen Tod die Werkstatt für kurze Zeit weiter. Er gründete eine Werkstatt in Ulm und war von dort aus mehrfach in Oberschwaben – etwa in Gögglingen/Stadt Ulm, Rißtissen und Oberstadion (Alb-Donau-Kreis) – tätig. Seine Orgel in Erolzheim (Landkreis Biberach) ist erhalten.

Peter Paul Braun (1807–1888) war Schreiner und „kam irgendwann auf den unglücklichen Gedanken“, sich als Orgelbauer zu betätigen. Ab 1841 arbeitete er an vielen Orgeln im Raum Leutkirch-Wangen-Isny. Das Gehäuse und ein Pedalregister seiner 1845/1846 erbauten Orgel in Wuchzenhofen ist mit einem Werk von Späth (1915) erhalten. Peter Paul Braun hat nichts mit der Orgelbauersippe Braun aus Spaichingen zu tun; letztere war auch in Oberschwaben – zum Beispiel in Haslach (Landkreis Biberach) – tätig.

Hans Buchner, Bürger in Ravensburg, Organist und Orgelbauer in Personalunion, war dort 1493 auf Lebenszeit angestellt. Er hatte „ouch das werck truwlich [zu] versorgen vor Beschädigung“.Der Vertrag mit Buchner wird zitiert in: Ingeborg Rücker: Die deutsche Orgel am Oberrhein um 1500. Freiburg 1940, S. 164. Sein gleichnamiger Sohn Hans Buchner, ab 1506 in Konstanz, war ein bekannter Komponist.