Die Katholische Deutsche Studentenverbindung Borusso-Saxonia (KDStV Borusso-Saxonia) im CV zu Berlin ist eine 1899 gegründete nichtschlagende, katholische Studentenverbindung, die dem Cartellverband (CV) angehört.

Geschichte Von der Gründung bis zum Ersten Weltkrieg Am 24. Februar 1899Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 122. wurde die Katholische Deutsche Studentenverbindung Borusso-Saxonia von sieben Studenten als erste farbentragende katholische Studentenverbindung an der Technischen Hochschule Charlottenburg, der heutigen Technischen Universität Berlin, gegründet. Die Gründer (Gründungssenior Josef Frerich, Rudolf Pabst, erster Fuxmajor und späterer bekannter Kirchenbaumeister Wilhelm Fahlbusch, Bernhard Stürenberg, Hugo Wischnowski, Friedrich de Gehren und Gerhard Lewe) waren zuvor Mitglieder der KAV Suevia Berlin geworden, der bis dato einzigen Verbindung des farbentragenden Cartellverbandes der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) in Berlin. Nachdem die TH Charlottenburg auf Erlass von Kaiser Wilhelm II. vom 19. Oktober 1899 als erste Technische Hochschule Deutschlands den Grad eines Doktors der Ingenieurwissenschaften verleihen durfte, wurde die Borusso-Saxonia zusammen mit der KDStV Franconia Aachen und der AV Alania Stuttgart als erste Technikerverbindungen in den Cartellverband aufgenommen, der damit die akademische Gleichberechtigung der Ingenieurwissenschaften anerkannte.Zum technischen Hochschulwesen um die Jahrhundertwende vgl. Paul Thomas: Geschichte der K.D.St.V. Borusso-Saxonia Berlin 1899–1938. 2014, S. 68 ff.

Kurz nach der Gründung stand die Verbindung im Fokus des Akademischen Kulturkampfs, in dem eine Reihe von schlagenden, nicht konfessionell gebundenen Verbindungen den katholischen Korporationen ihre Existenzberechtigung abzusprechen versuchten. Neben Jena war die TH Charlottenburg ein Zentrum dieser Auseinandersetzung, wobei die Borusso-Saxonia als einzige farbentragende katholische Verbindung der Hochschule besonderen Angriffen ausgesetzt war.Peter Sitz: Der akademische Kulturkampf um die Daseinsberechtigung der katholischen Studentenkorporationen in Deutschland und Österreich von 1903 bis 1908. Gesellschaft für CV-Geschichte, München 1960 (hier speziell S. 23, 29/30, 35, 47/48, 60 67/68, 73, 83).Eine detaillierte Schilderung der Geschehnisse in Charlottenburg vgl. Paul Thomas: Geschichte der K.D.St.V. Borusso-Saxonia Berlin 1899–1938. 2014, S. 115 ff.

Im Ersten Weltkrieg kam das Verbindungsleben weitgehend zum Erliegen, da 37 der 50 Urmitglieder Kriegsteilnehmer wurden; sieben von ihnen fielen.KDStV Borusso-Saxonia Berlin: KDStV Borusso-Saxonia Berlin. In: Michael Doeberl et al. (Hrsg.): Das Akademische Deutschland. Band II, 1931, S. 652.

Zwischen den Weltkriegen 1926 übernahm die Verbindung erstmals als Vorort den Vorsitz im Gesamtverband des CV. Unter dem Vorortspräsidenten Gerhard Seewald tagte die Cartellversammlung eine Woche in Berlin. Am Festkommers nahmen unter anderem der Reichskanzler Wilhelm Marx sowie der Apostolische Nuntius und spätere Papst Pius XII. Eugenio Pacelli teil.Festkommers der katholischen Korporationen, Vossische Zeitung, 17. September 1926, Seite 6.Die der Zentrumspartei nahestehende Tageszeitung Germania berichtete während der Cartellversammlung täglich mit längeren Artikeln: Die Eröffnung der Cartellversammlung  (14. Sept. 1926, Abendausgabe, S. 3); Die Cartellversammlung  (15. Sept., Abendausgabe, S. 3); Eine imposante Kundgebung des C.V.  (16. Sept., Abendausgabe, S. 3); Der Festkommers des C.V.  (17. Sept., Morgenausgabe, S. 2); Die Cartellversammlung  (17. Sept., Abendausgabe, S. 3). Eine kurze Szene des Festumzugs der Cartellversammlung taucht im berühmten Dokumentarfilm Berlin – Die Sinfonie der Großstadt von 1927 auf. (hier bei Minute 28:56).

1927 bezog Borusso-Saxonia ihr erstes eigenes Verbindungshaus an der Englischen Straße in unmittelbarer Nähe der TH, an der sich zahlreiche weitere Verbindungshäuser befanden. Borusso-Saxonia war in dieser Zeit die personell stärkste Studentenverbindung an der Technischen Hochschule Berlin.vgl. die Angaben zu den Mitgliederbeständen der Berliner Studentenverbindungen in Michael Doeberl: Das Akademische Deutschland. Band II, 1931, S. 617 ff.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 begann auch im universitären Bereich eine Phase der Gleichschaltung aller studentischen Vereinigungen. Durch eine Reihe von Erlassen der Regierung wie Einführung des Führerprinzips, Verpflichtung zum Wehrsport und Aufgabe des Katholizitätsprinzips verloren die konfessionellen Verbindungen viele ihrer eigentlich konstituierenden Wesensmerkmale.Zur Bedeutung dieser Entwicklung für den Cartellverband vgl. Peter Stitz: Der CV 1919–1938. München 1970, S. 108 ff.

Am 31. März 1934 wurde Borusso-Saxonia aus der Deutschen Studentenschaft ausgeschlossen, weil sie nach Ansicht des zuständigen Kreisführers der Deutschen Studentenschaft zu den Studentenverbindungen gehört habe, „die die Gesamtheit der Korporationen durch ihre Widerstände gegen den Primat des Nationalsozialismus bei der Öffentlichkeit in den Ruf gebracht habe, reaktionäre Bünde zu sein.“ Da es sich um eine eigenmächtige Maßnahme des Kreisführers gehandelt hatte, wurde der Ausschluss kurze Zeit später wieder zurückgenommen.Paul Thomas: Geschichte der K.D.St.V. Borusso-Saxonia Berlin 1899–1938. 2014, S. 389 f.

Am 7. Juli 1934 fusionierte Borusso-Saxonia, zunächst befristet für zwei Jahre, mit ihrer Schwesterverbindung AV Hansea zur Borusso-Saxonia-Hansea.Die Fusionsvereinbarung ist abgedruckt in Wolfgang Greimers: 100 Jahre Akademische Verbindung Hansea-Berlin zu Köln im CV, 2000, S. 59. Der Zusammenschluss wurde allerdings nicht verlängert, sondern am 18. Februar 1936 aufgelöst.

Nach der Auflösung des Cartellverbands im Oktober 1935 musste auch die Borusso-Saxonia am 29. Juni 1936 die Auflösung des aktiven Verbindungsbetriebs beschließen, der Altherrenverband bestand bis Juli 1938 weiter. Als letztes Glied der Verbindung wurde im März 1939 der Hausbauverein durch die Geheime Staatspolizei aufgelöst; das Verbindungshaus fiel an das Reichsstudentenwerk.Zu den einzelnen Geschehnissen dieser Entwicklung vgl. Paul Thomas: Geschichte der K.D.St.V. Borusso-Saxonia Berlin 1899–1938. 2014, S. 396 ff.

Das Ehrenmitglied der Borusso-Saxonia, der frühere preußische Minister Heinrich Hirtsiefer, starb 1941 an den Folgen der aufgrund seiner religiösen und politischen Überzeugungen erlittenen KZ-Haft. Er wird von der katholischen Kirche als Märtyrer verehrt.Helmut Moll: Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. 6. Aufl. 2015, Band I, S. 214 ff. Die drei Söhne von Heinrich Hirtsiefer waren Urmitglieder der Borusso-Saxonia.Gesamtverzeichnis des C. V. 1931, S. 94.

Im Zweiten Weltkrieg fanden zwölf Borusso-Saxonen den Tod im Kriegseinsatz.

Nach der Niederlegung des Amtes als Apostolischer Nuntius durch Cesare Orsenigo im Februar 1945 wurde dessen Sekretär, das 1926 aufgenommene Urmitglied der Borusso-Saxonia Pater Eduard Gehrmann SVD (Biername bei Borusso-Saxonia: „(Pater) Noster“), geschäftsführender Apostolischer Nuntius und Geschäftsträger der Apostolischen Nuntiatur in Berlin.

Wiederbegründung und Nachkriegszeit Bald nach dem Krieg fanden sich viele Borusso-Saxonen im Rheinland und Ruhrgebiet sowie in Berlin wieder zusammen. Die Wurzeln des Wiedererstehens der Verbindung nach dem Zweiten Weltkrieg lagen in der Katholischen Studentengemeinde (KSG) der Technischen Universität. Verschiedene KSG-Studenten ließen sich für die Gründung einer aktiven CV-Verbindung in Berlin begeistern. Diese wurde zunächst von den Altherrenverbänden der Borusso-Saxonia und ihrer Mutterverbindung KAV Suevia getragen und führte per Beschluss vom 27. November 1948 den Namen KDStV Saxo-Suevia.Zu den Farben der Saxo-Suevia vgl. Helmut Kersten: Berliner Verbindungswesen - Eine tabellarische Darstellung von 1897 jetzt. 2015, S. 77.

Bereits ein Dreivierteljahr später gingen beide Verbindungen wieder getrennte Wege, und am 4. August 1949 fand die Republikation der Borusso-Saxonia als aktive Verbindung in Berlin statt.Zu den Einzelheiten der Wiedergründung vgl. Siegfried Schieweck-Mauk: Lexikon der CV- und ÖCV-Verbindungen, 1997, S. 182

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Berlin nicht das Potential, alle sechs während der Weimarer Republik dort ansässigen CV-Verbindungen zu rekonstituieren. Neben Suevia und Borusso-Saxonia gelang dies nur der KDStV Bavaria Berlin, die KDStV Makaria Berlin gründete eine neue Aktivitas in Aachen, die AV Hansea tat dasselbe in Köln. Die 1895 an der Landwirtschaftlichen Hochschule gegründete KDStV Germania Berlin (mit den Farben blau-gelb-rot) beschloss, keine neue Aktivitas zu begründen, sondern trat geschlossen der Altherrenschaft der Borusso-Saxonia bei. Das letzte Mitglied der Germania verstarb 2010, womit die KDStV Germania endgültig erlosch.

In den 50er Jahren gab es langwierige Auseinandersetzungen zwischen Borusso-Saxonia und anderen farbentragenden Studentenverbindungen auf der einen und der Freien Universität Berlin auf der anderen Seite um die Zulassung an der FU Berlin. Borusso-Saxonia wurde erst 1955 „trotz schwerwiegender Bedenken“ (wegen des Farbentragens) an der FU Berlin zugelassen.Siegward Lönnendonker, Tilman Fichter: Freie Universität Berlin 1948-1973 – Hochschule im Umbruch. Teil II: Konsolidierung um jeden Preis (1949–1957). S. 30.

mini|Verbindungshaus der KDStV Borusso-Saxonia Berlin.Da das alte Verbindungshaus in der Englischen Straße durch einen Bombentreffer zerstört worden war und das Grundstück inzwischen durch die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin genutzt wurde, siedelte die Borusso-Saxonia in den 1950er Jahren in die Nähe der neu gegründeten Freien Universität Berlin (FU) um, wo man zunächst ein gemeinsames Haus mit Suevia in Dahlem bezog, bevor 1969 das neu gebaute eigene Verbindungshaus in der Lotzestraße im Ortsteil Lichterfelde bezogen werden konnte. Der Hausbauverein Borruso-Saxonia e. V. betreibt dort seither auch ein Studentenwohnheim.

Zuvor hatte Borusso-Saxonia 1966 unter dem Vorortspräsidenten Hans Ludwig Schmahl zum zweiten Mal den Vorsitz des Cartellverbands stellen können.

Von der 68er Zäsur bis heute Wenig später stand die Korporation im Zuge der Studentenbewegung der 68er durch zahlreiche Austritte und sinkende Neuaufnahmen vor existentiellen Problemen. In den frühen 1970er Jahren übernahmen oftmals Alte Herren die Ämter der Aktivitas und erhielten den Verbindungsbetrieb mit Notprogrammen mühsam aufrecht.

Erst gegen Ende der 1970er Jahre stiegen die Zahlen der Neuaufnahmen und die Verbindung konnte wieder einen regulären Aktivenbetrieb aufnehmen. Großen Anteil am Wiederaufleben der Verbindung hatte der Philistersenior Günter Schneider (1936–2008), der von 1977 bis 1998 dem Altherrenverband der Verbindung vorstand.

Unter dem Thema „Der Österreichische Ständestaat - Engelbert Dollfuß zwischen Sozialismus und Nationalsozialismus“ richtete die Verbindung vorn 7. bis 11. Juni 1984 ein zeitgeschichtliches Seminar mit fast 80 Teilnehmern aus Österreich und der Bundesrepublik Deutschland aus.Tagungsband: KDStV Borusso-Saxonia (Red. Peter Muschol), Der österreichische Ständestaat – Engelbert Dollfuß zwischen Sozialismus und Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Zeitgeschichte, Berlin 1984 Der von den Nationalsozialisten ermordete österreichische Bundeskanzler hatte in den 1920er Jahren zeitweise in Berlin studiert und trat als Mitglied der KÖHV Franco-Bavaria Wien zusätzlich der KDStV Germania Berlin bei, deren Mitglieder nach dem Zweiten Weltkrieg der Borusso-Saxonia beitraten. Referenten waren unter anderem der ehemalige österreichische Handelsminister und Vizekanzler Fritz Bock, der Politikwissenschaftler Gottfried-Karl Kindermann und der Theologe und Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann.