mini|Schematisierte Darstellung des vicus iuliacum im 1.–3. Jh. n. Chr. Umzeichnung nach Tholen (1975) mini|Römischer Mahlstein, der zur Markierung einer Vicus-Grenze diente und mit der Inschrift Fines Vici („Grenze des Vicus“) versehen wurde
Ein vicus (Plural vici) war eine Siedlung mit kleinstädtischem Charakter in den nördlichen Provinzen des Römischen Reichs. Der wirtschaftliche Schwerpunkt solcher Siedlungen lag in gewerblicher Produktion, Handwerk, Handel und Dienstleistungen. Die Bezeichnung war unabhängig von der Siedlungsgröße; je nach Funktion reichte ihre Größe von einer kleinen Straßensiedlung bis zur Ausdehnung zeitgenössischer Städte.
Sprachlich lässt sich der Begriff vicus auf den urindogermanischen Ausdruck *weyḱ- zurückführen, der in seiner Grundbedeutung wohl für Dorf steht. Schlägt man vicus im Wörterbuch nach, werden häufig die Übersetzungen Hof, (Land-)Flecken, Stadtteil oder Gasse angegeben.Hermann Fetz, Christine Meyer-Freuler, Jasmin Gerig: Der Vicus Sursee. Eine römische Kleinstadt zwischen Mittelland und Alpen. Verlag Surseer Schriften, Sursee 2003, ISBN 3-9520856-5-0. So muss das Wort eine Bezeichnung für Stadtteile Roms gewesen sein und mit der Ausdehnung des römischen Territoriums wurde es zur Bezeichnung eines außerhalb der Stadt liegenden Stadtteils, also einer kleinen Satellitenstadt.
Die Forschung definiert einen vicus weder sprachlich noch juristisch, sie stützt sich vielmehr auf eine Abgrenzung von anderen, bekannten Siedlungsformen. So wird häufig als vicus bezeichnet, was weder eindeutig municipium oder Colonia noch villa rustica ist.Bernhard A. Greiner: Die Kastellvici am vorderen Limes - Wohnen am Rand des Imperiums. In: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg (Hrsg.): Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1945-1. Diese sehr offene Definition wird ergänzt durch die Zuordnung nach bestimmten Charakteristika wie etwa bauplanerische Struktur, öffentliche Gebäude oder Funktion.
Römische vici besaßen keine eigene Verwaltung, keinen Rechtsstatus und waren der Gebietskörperschaft einer civitas zugeordnet. Manche vici erreichten aber selbst den Status eines civitas-Hauptortes (z. B. Nida-Heddernheim oder Pforzheim). Nicht alle verfügten über öffentliche Bauwerke, wie Thermen oder Tempel. Einige Standorte der vici konnten anhand der tabula peutingeriana und des itinerarium antonini geortet werden.
Isidor von Sevilla bezeichnete vici als Ansiedlungen, „die nicht durch den Rang einer Stadtgemeinde ausgezeichnet sind, sondern von einem gewöhnlichen Zusammenschluss von Menschen bewohnt werden und wegen ihrer Winzigkeit größeren Gemeinwesen zugeordnet sind.“Tilmann Bechert: Germania Inferior. Eine Provinz an der Nordgrenze des Römischen Reiches. Zabern, Mainz 2007, S. 51.
Der Begriff vicus kann auch ein Stadtteil/Viertel in einem größeren Ort bezeichnen.
Vici in Gallien Die Entstehung der vici in den gallischen Provinzen erfolgte auf der Grundlage der dort entwickelten Oppida-Kultur, die in der vorrömischen Spätlatènezeit den gesamten keltischen Siedlungsraum von Böhmen über Süddeutschland bis an die Kanalküste umfasste. Hier konnten die Römer auf eine entwickelte Infrastruktur von Ortschaften zurückgreifen, die zum einen verkehrsgeographisch in ein Netz aus Handels- und Austauschbeziehungen eingebunden waren, zum anderen bereits eine marktorientierte Produktion und gewerbliche Differenzierung der Bewohner aufwiesen.Dieter Hupka: Die römischen Siedlungsfunde, gewerblichen Reste und Straßenbefunde in Mönchengladbach-Mülfort. Dissertation. Universität zu Köln, Köln 2015, S. 1 f. (Digitalisat) Auffallend an der Ausstattung der dann als vici weitergenutzten Orte in Gallien (agglomérations secondaires) sind hinzugekommene szenische Theaterbauten, zu denen des Öfteren Tempelanlagen gehören.Thomas Lobüscher: Tempel- und Theaterbau in den Tres Galliae und den germanischen Provinzen. Ausgewählte Aspekte. Rahden/Westfalen 2002. Beispiele hierfür sind die vici in Alise-Sainte-Reine, Mandeure und Dalheim/Luxemburg. Mit der Etablierung der vici ging zumeist die Aufgabe von Stammeszentren und befestigten Höhensiedlungen oder deren Umwandlung zu religiös-kultischen Plätzen einher.
Vici in Niedergermanien
mini|Streifenhaus aus der Lagervorstadt des Legionslagers Aquincum (2.–3. Jahrhundert)
Ähnlich wie in den Nachbarprovinzen liegen viele vici Niedergermaniens an verkehrsgünstigen Stellen wie Flussübergängen, Straßengabelungen oder -kreuzungen. Forschungsgeschichtlich wurde der Großteil der bekannten Siedlungen zunächst im Zuge der Untersuchung der römischen Militärlager und den Kolonien entdeckt.
Nördlich der Mittelgebirgsschwelle vorgelagerten Lösszone dominieren in Niedergermanien karge eiszeitlich geprägte Sandböden. Im Unterschied zu den Bewohnern der fruchtbaren Lösszone lag der Schwerpunkt der hiesigen Ökonomie auf Vieh- und Weidewirtschaft. In der römischen Kaiserzeit existierten hier einheimisch-teilromanisierte Siedlungen mit Wohnstallhäusern in Holzbauweise und mit einem deutlich eisenzeitlichen Charakter, wie z. B. in Weeze-Vorselaer, Alpen oder Mehrum. Diese weidewirtschaftlich orientierten Siedlungsstrukturen waren in der Regel an das Wegenetz ausgerichtet. Sie sind vergleichbar mit kaiserzeitlichen Siedlungen in den Niederlanden. Streifenhausähnliche Hausgrundrisse von Fachwerkgebäuden deuten auf eine Übernahme römischer Provinzarchitektur hin. In der Fachliteratur wird der Begriff vicus für diese ländlich geprägten Siedlungen meist vermieden und ansatzweise durch den Ausdruck rural centres ersetzt.Hupka 2015, S. 2 f.
Vici in Obergermanien und Raetien mini|Kastell und vicus von Rainau-Buch mini|Das „Bäderviertel“ am Kastell Osterburken
In den Provinzen Raetien und Obergermanien, dort insbesondere auf dem Gebiet der Agri decumates, bildeten sich vici überwiegend in unmittelbarer Nähe von Kastellen.C. S. Sommer: Kastellvicus und Kastell. In: Fundberichte Baden-Württemberg. 13, 1988, S. 457–707. Das Aussehen dieser vici unterschied sich trotz grundsätzlich ähnlicher Gründungskonzeptionen von Ort zu Ort. Wie die Bebauungspläne der vici am Kastell Buch oder am Kastell Weißenburg zeigen, wurden zunächst ungefähr gleich große längliche Grundstücke, die mit ihrer Schmalseite an die Straßenzüge stießen, abgesteckt. Anschließend wurden in der Regel Streifenhäuser aus Fachwerk auf diesen Grundstücken errichtet. Sie bildeten den Kern der Siedlungen. Zumeist waren die Giebelseiten der länglich-rechteckigen Bauten zur Straße hin orientiert. Vor den Bauten erstreckten sich längs zur Straße hin vielfach überdachte Kolonnaden.Bernhard Albert Greiner: Der Kastellvicus von Rainau-Buch: Siedlungsgeschichte und Korrektur der dendrochronologischen Daten. In: Ludwig Wamser, Bernd Steidl: Neue Forschungen zur römischen Besiedlung zwischen Oberrhein und Enns. Greiner, Remshalden-Grunbach 2002, ISBN 3-935383-09-6, S. 84. In späteren Ausbaustufen konnten vici auch sehr regionale und individuelle Formen annehmen. So wurde am Kastell Jagsthausen schon früh die Streifenhausbebauung zugunsten städtisch geprägter Steinbauten aufgegeben. Teilweise, wie in Weißenburg, wurde auch die ältere Parzellierung zugunsten größerer Wohnraumeinheiten verändert. Neuere Forschungen am Kastell Theilenhofen weisen auf einen städtisch geprägten Ausbau dieses vicus hin. So könnten hier ein Forum, eine Basilika und ein szenisches Theater gestanden haben.Carsten Mischka, Jürgen Obmann, Peter Henrich: Forum, Basilika und ein szenisches Theater am raetischen Limes? In: Der Limes. Nachrichtenblatt der Deutschen Limeskommission. 4, 2010/Heft 1, S. 10–13; Carsten Mischka, Peter Henrich: Forum oder Campus? Theater und Platzanlage in Theilenhofen. In: Der Limes. Nachrichtenblatt der Deutschen Limeskommission. 2, 2012/Heft 2, S. 4–7 (). Eine Mansio wie in Buch, am Kastell Eining oder am Kastell PfünzCarsten Mischka: Die neu entdeckte Mansio in der Außensiedlung des Kastells Pfünz. In: Der Limes. Heft 1. 5. Jahrgang 2011. Nachrichtenblatt der Deutschen Limeskommission, München 2011, S. 13. gehörten offenbar ebenso zu einem vicus, wie das Militärbad, das wahrscheinlich auch von der zivilen Bevölkerung besucht werden konnten. In Osterburken fand sich gar ein größeres „Bäderviertel“.Dieter Planck: Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 246. Daneben gab es Amphitheater wie am Kastell DambachGünter Ulbert, Thomas Fischer: Der Limes in Bayern. Theiss, Stuttgart 1983, ISBN 3-8062-0351-2, S. 65. oder am Kastell KünzingKarl Schmotz: Das hölzerne Amphitheater von Künzing, Landkreis Deggendorf. Kenntnisstand und erste Rekonstruktionsansätze nach Abschluss der Geländearbeiten im Jahr 2004. In: Vorträge des 24. Niederbayerischen Archäologentages. Leidorf, Rhaden 2006, ISBN 3-89646-235-0, S. 95–118. und religiöse Bereiche wie das wohl hauptsächlich vom Militär besuchte Jupiter-Dolichenus-Heiligtum in PfünzMonika Hörig, Elmar Schwertheim: Corpus cultus Iovis Dolicheni (CCID). Brill, Leiden 1987, ISBN 90-04-07665-4, S. 305. oder das von der Bevölkerung gegen allerlei körperliche Beschwerden und Leiden aufgesuchte Quellheiligtum in Dambach.Wolfgang Czysz: Ein römisches Quellheiligtum beim Kastell Dambach. In: Der Limes. 3. Jahrgang, Heft 1, Deutsche Limeskommission, Bad Homburg 2009, S. 6. In einigen vici gab es Standorte für Spezialverbände der Römischen Armee, die Benefiziarier. Am Kastell Obernburg wurde eine repräsentative, stadthausähnliche Station mit angeschlossenem Weihebezirk ergraben,Bernd Steidl: Die statio der beneficiarii consularis in Obernburg a. Main – Abschließende Ausgrabungen an der Gebäudefront. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2007. Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2156-5, S. 84–86; Bernd Steidl: Welterbe Limes: Roms Grenze am Main. Logo, Obernburg am Main 2008, ISBN 978-3-939462-06-4, S. 109–112, 138. und am Kastell Osterburken kam ein Weihebezirk mit einem hölzernen Tempel und Nymphäum zu Tage. An vielen vici sind Handwerkerviertel belegt.
Mit dem Abzug der Truppe lässt sich an bestimmten Garnisonsorten auch ein starker Rückgang der Besiedlung feststellen. Insbesondere wenn ein vicus keine Zeit hatte, sich richtig zu entwickeln oder wenn – wie am Obergermanisch-Raetischen Limes – Grenzzonen geräumt wurden. Es bestehen jedoch Hinweise darauf, dass zumindest bei einigen vici mehr oder minder große Teilbereiche auch nach dem gewaltsamen Limesfall von 259/260 n. Chr. erneut genutzt wurden. So fanden sich im vicus des Kastells Buch über einer nachlimeszeitlichen Planierschicht deutliche Spuren für Metallverarbeitung, einfache Holzbebauung, Brunnenanlagen, spätrömische Münzen sowie ein spätrömisches Glasfragment.Bernhard Albert Greiner: Der Kastellvicus von Rainau-Buch: Siedlungsgeschichte und Korrektur der dendrochronologischen Daten. In: Ludwig Wamser, Bernd Steidl: Neue Forschungen zur römischen Besiedlung zwischen Oberrhein und Enns. Greiner, Remshalden-Grunbach 2002, ISBN 3-935383-09-6, S. 85, 88.
Vici in Noricum Bei den Kastellen entlang des norischen Limes, der der Donau folgte, befanden sich folgende Vici: Boiodurum (Passau) Boiotro (Passau) Stanacum (Oberranna) Ioviacum (Schlögen) Lentia (Linz) Lauriacum (Lorch) Albing ad Iuvense (Wallsee) Locus Felicis (Mauer) Arelape (Pöchlarn) Favianis (Mautern) Augustianis (Traismauer) Asturis (Zwentendorf) Comagena (Tulln) Cannabiaca (Zeiselmauer) Weitere Vici waren Flavia Solva (Leibnitz), Gleisdorf, Kalsdorf, Frauenberg, Lassenberg, Gleichenberg, am Saazkogel (Paldau), in Södingberg, am Kugelstein, in Poedicum (Bruck), Rattenberg, am Michlhallberg und in St. Michael am Zollfeld.
Vici in den Niederlanden und in Belgien