mini|Buchcover von Mason & Dixon, 1997 mini|Die Mason-Dixon-Linie zwischen Pennsylvania und Maryland Mason & Dixon ist ein 1997 erschienener historischer Roman des amerikanischen Autors Thomas Pynchon, dessen zentrales Thema die Ziehung der Mason-Dixon-Linie, der Grenzlinie zwischen Pennsylvania und Maryland, durch die britischen Landvermesser Charles Mason und Jeremiah Dixon in den Jahren 1763 bis 1767 ist. Während der größte Teil des Romans die Arbeit der beiden Hauptfiguren in Amerika verfolgt, sind kürzere Episoden auch in Großbritannien, St. Helena, der Kapkolonie und auf dem Atlantischen Ozean angesiedelt. Mason & Dixon war Pynchons fünfter Roman und wird, wie alle seine Werke, in der postmodernen Literatur verortet. Der Roman fand bei seinem Erscheinen ein breites Echo vor allem in der amerikanischen Presse, gewann jedoch, im Gegensatz zu den meisten anderen Werken von Pynchon, keine Literaturpreise. Die deutsche Übersetzung von Nikolaus Stingl erschien 1999 und wurde 2007 mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.

Handlung mini|Ein Venustransit: die Venus schiebt sich zwischen Erde und Sonne Mason & Dixon ist in drei unterschiedlich lange Episoden aufgeteilt, die sich wiederum in insgesamt 78 Kapitel untergliedern.

Der erste Teil, Latitudes and Departures (dt.: Längengrade und Aufbrüche), behandelt hauptsächlich Masons und Dixons Reise in die Kapkolonie in Südafrika zur Beobachtung eines Venustransits – eines Durchgangs der Venus vor der Sonne im Jahr 1761. Diese Reise ist das erste gemeinsame Projekt der beiden. Am Kap der Guten Hoffnung finden sie Unterkunft bei der niederländischen Familie Vroom – und werden erstmals mit der Sklaverei konfrontiert, die im weiteren Verlauf des Buches einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Im Oktober des gleichen Jahres reisen sie weiter nach St. Helena, wo sie Nevil Maskelyne begegnen, einem Mitglied der Royal Society und späteren britischen Hofastronomen. Bei der Rückkehr nach England nehmen Mason und Dixon einen Auftrag von Grundbesitzern aus Maryland und Pennsylvania an, die Grenze zwischen diesen beiden Kolonien exakt zu vermessen.

Der zweite und bei weitem längste Abschnitt des Romans, America, beschreibt ihren Aufenthalt in Amerika und die Vermessung eben dieser Grenze zwischen 1763 und 1768. Mason und Dixon sind dort mit vielen Helfern unterwegs – Landvermesser, Hilfskräfte, Waldarbeiter und kuriose Gestalten, die sich ihnen im Laufe der Reise anschließen. Auch Wicks Cherrycoke, der Erzähler des Romans, ist einer ihrer Begleiter. In Amerika erlangen Mason und Dixon nach und nach eine große Popularität, die zu Begegnungen mit zeitgenössischen Größen wie Benjamin Franklin oder George Washington führt. Das Ziel ist es, eine geometrisch völlig gerade Linie zwischen den beiden Kolonien zu ziehen, die sich über geografische Gegebenheiten hinwegsetzt – in Wälder, die auf ihrem Weg liegen, werden Schneisen geschlagen, in einem Fall wird sogar ein Wohnhaus durch die Linie zerteilt. Masons und Dixons langsames Voranschreiten in Richtung Westen wird in der Erzählung immer wieder durch verschiedene Einschübe unterbrochen. Menschen, denen sie begegnen, erzählen ihre Geschichten, Begleiter aus verschiedenen Kulturkreisen erzählen Legenden, und immer wieder gibt es lange Dialoge zwischen den beiden Hauptfiguren, in denen sie Betrachtung zur gesellschaftlichen Situation des Amerika kurz vor dem Unabhängigkeitskrieg anstellen. Immer wieder wird Mason vom Geist seiner verstorbenen ersten Frau Rebekah besucht, die über seine Taten reflektiert. Zunehmend hinterfragen Mason und Dixon ihre eigene Tätigkeit, während sie Zeugen von Sklaverei, Unterdrückung und Massakern an der indianischen Urbevölkerung werden, die mehr oder weniger direkt mit der Ziehung ihrer Linie zusammenhängen. Sie fragen sich, ob sie von der amerikanischen Politik funktionalisiert werden oder ob ihre Messreihen gar von französischen Spionen zu obskuren Zwecken an die Jesuiten weitergegeben werden.Deutsche Taschenbuchausgabe, rororo, 2001, S. 631 f. Obwohl sie sich selbst über die Gründe ihrer Arbeit schließlich nicht mehr im Klaren sind, bringen sie das Unterfangen dennoch zu Ende.

Der dritte und letzte Teil, Last Transit, (dt.: Letzter Durchgang) behandelt die Ereignisse zwischen der Rückkehr der beiden Protagonisten nach England im Jahre 1768 und Masons Tod sowie der Emigration seiner Kinder nach Amerika. 1769 beobachten Mason und Dixon noch einmal einen Venustransit, diesmal unabhängig voneinander. Ein wichtiges Ereignis gegen Ende des Romans ist Dixons Besuch im Inneren der hohlen Erde, eine Art Unterweltfahrt. Die Hohlwelttheorie steht stellvertretend für wissenschaftliche Theorien, die mit dem Umsichgreifen des Rationalismus zunehmend keinen Platz mehr im menschlichen Weltbild haben. Die Bewohner des Erdinneren machen Dixon auf die Problematik dieses Phantasieverlustes im Rahmen der Aufklärung aufmerksam. Sie fürchten, sich nach der Vermessung der Erde einen anderen Platz zum Leben suchen und ihre bisherige Lebensweise, die durch die gegenseitige Inklination und die Geborgenheit in einer konkaven Welt gekennzeichnet ist, aufgeben zu müssen.Deutsche Taschenbuchausgabe, 2001, S. 980

Nach Dixons Tod 1779 beginnt Mason, ein besseres Verhältnis zu seiner Familie und vor allem seinen Kindern aufzubauen. Rebekahs Geist erscheint ihm nicht mehr. Der Roman endet mit dem Entschluss von Masons Kindern, nach Amerika zu gehen und dort zu leben – sie kennen die Neue Welt nur aus den Erzählungen ihres Vaters und haben von ihr das Bild eines Gelobten Landes.

Stoffe und Motive Die Grenzlinie Die Mason-Dixon-Linie als Grenzlinie erfüllt wichtige Funktionen in drei verschiedenen Richtungen. Ihre Vermessung in Ost-West-Richtung spiegelt den Vektor der Besiedlung Nordamerikas durch die Europäer und der kartografischen Erschließung unbekannter Gebiete; in Nord-Süd-Richtung führt sie zu einer Teilung des Landes, die schließlich im 19. Jahrhundert im Sezessionskrieg kulminierte; ihre Vermessung mit astronomischen Methoden kann außerdem als eine Verbindung zwischen Himmel und Erde angesehen werden, die sich auch in der Figurenkonstellation mit dem oft hochgestochen redenden Astronomen Charles Mason und dem bodenständigen Landvermesser Jeremiah Dixon spiegelt.David Foreman: Historical Documents Relating to Mason & Dixon, in Horvath/Malin (2000), S. 160 Die perfekte gerade Linie, die sich nicht nach örtlichen Gegebenheiten richtet, wird im Roman regelmäßig mit dem Vormarsch des Rationalismus und der Aufklärung assoziiert und von natürlichen Phänomenen abgegrenzt. Der Aufwand und die extreme mathematische Präzision, mit der diese Linie gezogen wird, stehen dabei in Kontrast zur Irrationalität von Zweck und Begleitumständen der Vermessung und kontrastieren mit der dadurch bedingten Naturvernichtung, da für die Vermessung eine breite Schneise durch die Wälder geschlagen wird. So finden sich danach die Bewohner eines Hauses je nach dem Zimmer, in den sie weilen, in zwei verschiedenen Kolonien mit verschiedenen Gesetzen wieder.

Wie die größten Grundbesitzer der beiden Kolonien grenzen sich auch christlichen Denominationen des von der Aufklärung berührten, jedoch noch kaum säkularisierten Landes in ihrem Lebensstil und ihren Lehren scharf voneinander ab. Die Mason-Dixon-Line trennt das teilweise katholische Maryland von Pennsylvania. Dieses gilt als Ort, wo das puritanische Sektierertum mit seiner religiösen Überspanntheit nicht nur geduldet, sondern die Zurschaustellung der Differenzen öffentlich gefördert wird.Deutsche Taschenbuchausgabe, rororo, 2001, S. 502 Aber auch Deisten, Mystiker und deutsche Pietisten finden hier Zuflucht. Kirchtürme in jeder Kleinstadt und Wanderprediger prägen das Bild, jeder sucht einen individuellen Zugang zur im Lichte der Aufklärung verschwindenden Gottheit. Zugleich entbrennt ein quasi metaphysischer Konflikt zwischen den Mächten, die voller Einhegungswut und mit aggressiver Genauigkeit die Einzeichnung gerader Linie in die Erde fordern, um diese besser ausbeuten zu können – dafür stehen symbolisch auch französische und spanische Jesuiten, die von ihren Stützpunkten in Québec aus Häretiker verfolgen und (im Roman) versklaven –, und naturnahen Kräften, die durch dem Feng-Shui-Meister Zhan repräsentiert werden, der sich dem Einschlag der Schneise wie auch dem Prinzip der Gerade widersetztDeutsche Taschenbuchausgabe 2001, S. 718 ff. und nebenbei die Beliebigkeit und Geschmacklosigkeit der Kolonialarchitektur kritisiert.

Zwar treten an wenigen Stellen innerhalb des Romans gerade Linien als nicht menschengemachte Phänomene auf (etwa im Zusammenhang mit einem Blitzeinschlag); sie werden dann jedoch von ihren Beobachtern als naturwidrige bedrohliche Anomalien empfunden und in religiöse und metaphysische Zusammenhänge gestellt.Sigvardson (2002), S. 91 Erst Feng Shui-Meister Zhang weist die Landmesser darauf hin, dass es überall auf der Erde Grenzen der Natur wie Küstenlinien, Bergkämme und Flussufer sind, die die Grenzen bestimmen und damit den Drachen ehren, der seine Form der Natur verleiht. „Auf der Erde eine gerade Linie zu ziehen heißt, dem Fleisch des Drachens einen Schwertstreich, eine lange, vollkommene Narbe beizubringen [...] einen abscheulichen Angriff [...] Wie kann er unvergolten bleiben?“Deutsche Taschenbuchausgabe 2001, S. 714

In ihrer Eigenschaft als Trennlinie zwischen den späteren Nord- und Südstaaten spiegelt die Mason-Dixon-Linie auch politische Machtstrukturen. Nördlich und südlich der Linie gelten unterschiedliche Gesetze, deren Geltungsbereiche erst durch die Arbeit der Protagonisten eindeutig festgelegt werden. Das zentrale Beispiel hierfür ist die Sklaverei. Mason und Dixon sind sich dieser Dimension der Linie anfangs nicht bewusst. Als sie die Problematik im Laufe der Zeit erkennen, gelingt es ihnen dennoch nicht, die zu Grunde liegenden Machtstrukturen zu durchschauen. Im Gefühl, instrumentalisiert zu werden, hinterfragen sie zunehmend ihre Tätigkeit und suchen für sich selbst nach Begründungen und Rechtfertigungen für ihre Arbeit. Alle denkbaren Gründe werden dabei mit der Zeit ausgeschlossen, selbst die finanzielle Motivation.Deutsche Taschenbuchausgabe 2001, S. 849 Am Ende dieses Entwicklungsprozesses der Figuren steht keine andere Erkenntnis als die, dass sie als Landvermesser deswegen Linien ziehen, weil sie eben Landvermesser sind.Deutsche Taschenbuchausgabe 2001, S. 881 Der wissenschaftliche Rationalismus, verkörpert durch ihre Handlungslogik, hat sich verselbstständigt und forciert im Unterschied zum magisch-ganzheitlichen das binäre Denken, die Abgrenzung einer indikativisch-zahlendominierten von einer subjunktivisch-räumlichen WeltDeutsche Taschenbuchausgabe 2001, S. 896 sowie die Unterscheidung von diesseits und jenseits der Grenze, von innen und außen. Dies ist ein Grund, warum sich auch die Systemtheorie mit dem Werk beschäftigt. Die Schneise, die sie ziehen, symbolisiert aber auch den kolonialistischen Drang nach dem Westen,Deutsche Taschenbuchausgabe 2001, S. 889 der zu den Genoziden an den Indigenen führten.

Kolonialismus und Sklaverei Kolonialismus und Sklaverei sind Themen, die auf verschiedene Weise im Roman behandelt werden. Teils werden Mason und Dixon direkt mit diesen Phänomenen konfrontiert, wie etwa bei ihrem Aufenthalt in der Kapkolonie; teils tauchen ihre Produkte, oftmals Konsumgüter, nebenbei im Handlungsgefüge auf und werden von den Figuren nicht weiter reflektiert.

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