mini|Eine dem Sonnenrad im ehemaligen Obergruppen­führersaal der Wewelsburg nachgebildete Darstellung der „Schwarzen Sonne“

Die Schwarze Sonne ist ein Symbol, das aus zwölf in Ringform gefassten gespiegelten Siegrunen oder drei übereinander gelegten Hakenkreuzen besteht. Vorlage für das Symbol ist ein ähnliches Bodenornament in Gestalt eines Sonnenrades, das in der Zeit des Nationalsozialismus von der SS im Nordturm der Wewelsburg eingelassen wurde. Das Ornament wurde erst 1991 mit dem älteren esoterisch-neonazistischen Konzept der Schwarzen Sonne identifiziert. Die Schwarze Sonne ist seit den 1990er-Jahren ein Ersatz- und Erkennungssymbol in der rechtsesoterischen bis rechtsextremen Szene.Sünner: Schwarze Sonne, S. 144.Friedrich Paul Heller, Anton Maegerle: Thule. Von den völkischen Mythologien zur Symbolsprache heutiger Rechtsextremisten. Schmetterling Verlag, 3. überarb. Aufl. 2007, S. 81.Strube, 2012.

Das Ornament in der Wewelsburg Die von 1603 bis 1609 errichtete Wewelsburg wurde ab 1934 auf Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler unter der Leitung des Architekten Hermann Bartels umgebaut. Sie sollte zu einem ideologischen Zentrum und Versammlungsort der SS werden; ab 1935 wurde das Projekt SS-Schule Haus Wewelsburg genannt. Ursprünglich waren dort ideologische Schulungen für SS-Führer geplant, eine sogenannte „Reichsführerschule SS“; tatsächlich wurde die Burg für sogenannte germanische Zweckforschung genutzt. Schwerpunkte der Aktivitäten waren archäologische Ausgrabungen in der umgebenden Region und Studien über germanische Vor- und Frühgeschichte, mittelalterliche Geschichte sowie Volkskunde und Sippenforschung.Informationen zur Geschichte der Burg während der NS-Zeit. mini|Der ehemalige Obergruppen­führersaal der Wewelsburg; in der Mitte des Saales befindet sich das Ornament, eingesetzt von Zwangs­arbeitern des benachbarten Konzentrations­lagers Niederhagen

Zum Umbau wurde zunächst der Freiwillige Arbeitsdienst (FAD), später der Reichsarbeitsdienst (RAD) eingesetzt. Nach Abzug des Reichsarbeitsdienstes zum Bau des Westwalls wurden zunächst Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen zu den Umbaumaßnahmen herangezogen. Ab 1941 wurde ein selbständiges Lager (KZ Niederhagen/Wewelsburg) geführt.22. September 1934 – Übernahme der Wewelsburg durch Heinrich Himmler

Einen wichtigen Einfluss auf die Gestaltung der Innenausstattung der Burg mit ihren meist pseudogermanisch anmutenden Zeichen, Ornamenten und Verzierungen soll der Okkultist und „private Magus“ Himmlers Karl Maria Wiligut gehabt haben.Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Marix Verlag, 2004, S. 160ff.

Der Nordturm der Burg wurde von 1938 bis 1943 gesichert und ausgebaut. In dieser Zeit entstanden im Erdgeschoss der sogenannte „Obergruppenführersaal“ (die Obergruppenführer waren vor der Einführung des Dienstgrades „Oberst-Gruppenführer“ ursprünglich die höchsten SS-Generäle) und darunter die sogenannte „Gruft“.Dokumentation „Wewelsburg 1933 – 1945. Kult- und Terrorstätte der SS“, S. 225 (PDF; 4,8 MB). Beim Obergruppenführersaal handelt es sich um einen kreisförmigen Raum mit zwölf Säulen und dazwischenliegenden Fenstern. In der Mitte des hellgrauen Marmorbodens befindet sich eine von Wiligut gestalteteHeraldische Figuren, Symbole und Runen, die in der Zeit des Nationalsozialismus Verwendung fanden. Redaktion Zukunft braucht Erinnerung, 17. August 2022. dunkelgrüne Marmorinkrustation in der Gestalt eines zwölfspeichigen Sonnenrades. Ursprünglich soll sich im Zentrum des Ornamentes eine goldene Platte befunden haben.Hüser: Wewelsburg 1933–1945. S. 61. Ob das Ornament ursprünglich eine besondere Benennung hatte und ob ihm eine bestimmte Bedeutung beigemessen wurde, ist unbekannt. Das Sonnenrad hatte möglicherweise eine symbolhafte Bedeutung für die „germanische Licht- und Sonnenmystik“, die von der SS propagiert wurde. Eher jedoch ist anzunehmen, dass das Bodenmosaik im „Obergruppenführersaal“ durch alemannische Zierscheiben inspiriert wurde, die zuhauf archäologisch nachgewiesen wurden und mit denen sich Forscher in den 1930er und 1940er Jahren ausgiebig beschäftigt haben.

Dieses Bodenornament im Obergruppenführersaal ist das Vorbild des heute als Schwarze Sonne bekannten Symbols (Abbildung oben rechts), auch wenn dieses in Form und Farbe vom Original abweicht.

Die unterhalb des Obergruppenführersaales liegende „Gruft“ ähnelt in der Gestalt einem mykenischen Kuppelgrab. Der Raum, in dessen Mitte die Vorbereitung für eine ewige Flamme noch erkennbar ist, wurde nicht fertiggestellt. Der Zweck der beiden Räume ist unbekannt. Die oberhalb des Obergruppenführersaales liegenden Stockwerke des Turmes wurden abgerissen. Hier sollte ein mehrstöckiger Kuppelsaal geschaffen werden.

Ab 1941 wurde geplant, die Gesamtanlage der Wewelsburg innerhalb von 20 Jahren zu einer kreisförmigen Anlage mit einem Radius von 600 Metern auszubauen. Der Nordturm, mit einem Außendurchmesser von fast 21 m der stärkste der drei Burgtürme, sollte das Zentrum der geplanten Anlage werden. Die geplanten Ring- und Stichstraßen, Gebäude und Ringmauern waren auf ihn ausgerichtet. So sollte die Wewelsburg nach dem „Endsieg“ zur zentralen SS-Kultstätte ausgebautDokumentation „Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS“ (PDF; 4,8 MB), S. 214. und zum „Zentrum der neuen Welt“ und einer „artgemäßen Religion“ gestaltet werden.

Wahrscheinlich fanden in der Wewelsburg drei- bis viermal im Jahr feierliche Akte von SS-Führern statt. Entgegen verbreiteten Vermutungen belegen die überlieferten Dokumente keinen okkulten Hintergrund.Nicholas Goodrick Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, S. 197. Jährliche Gruppenführertreffen sowie Vereidigungsfeiern waren von Himmler geplant. Gegen Kriegsende wurde von ihm angeordnet, dass die Wewelsburg das „Reichshaus der SS-Gruppenführer“ werden solle.

Darstellung und Interpretationen miniatur|hochkant|links|Schwarze Sonne aus drei erweiterten Swastiken miniatur|hochkant|Zierscheibe aus der Villanova-Nekropole von Verucchio(8.–7. Jh. v. Chr., Archäologisches Stadtmuseum von Verucchio) miniatur|hochkant|Skizze einer alamannischen Zierscheibe aus der Merowingerzeit

Das Symbol besteht aus zwei konzentrischen Kreisen mit zwölf Speichen, die jeweils rechtwinklig geknickt sind. Die Speichen weisen auf die zwölf Säulen im Saal und sehen aus wie drei erweiterte Hakenkreuze bzw. zwölf umgedrehte Siegrunen. Charakteristisch für die Neugestaltung des Nordturms der Wewelsburg, in dem sich der Saal mit dem Bodenornament befindet, ist die Zahl Zwölf, deren mögliche Symbolhaftigkeit im Einzelnen nicht geklärt ist. Im Obergruppenführersaal weisen die zwölf Speichen des Ornaments auf je eine der zwölf vorgelagerten Säulen, die mit Arkaden verbunden sind. Die Fenster und Türen des Raumes sind wiederum in zwölf Nischen der Außenwand angeordnet. Auch in der Gruft, deren zentraler architektonischer Schmuck ein stilisiertes Hakenkreuz im Scheitel der Kuppel ist, sind zwölf runde Steinsockel in gleichen Abständen an der Wand aufgestellt. Spekulationen zufolge sollten hier die Urnen verstorbener SS-Führer aufgestellt werden.

Als Erklärungsversuche für den Symbolgehalt der Zahl Zwölf werden Parallelen gezogen zu dem aus zwölf Ordensrittern bestehenden leitenden Konvent des Deutschen Ordens auf der Marienburg, zu den zwölf göttlichen Asen der Edda, die als Richter über das Menschenschicksal wirken,Sünner: Schwarze Sonne, S. 107. zu den zwölf Tafelrittern des König Artus und zur Anzahl der SS-Hauptämter. Der SS-Führer Walther Blachetta nannte 1941, unabhängig vom Wewelsburg-Ornament, ein einfaches zwölfspeichiges Rad ein „Himmelsrad“ und ein „Zeichen der Vollendung und des Zieles“;Walther Blachetta: Das Buch der deutschen Sinnzeichen. Widukind-Verlag, Berlin-Lichterfelde 1941, S. 80. die Sonne an sich war für ihn der „stärkste und sichtbarste Ausdruck Gottes“.Walther Blachetta: Das Buch der deutschen Sinnzeichen, S. 16.

Nach Friedrich Paul Heller und Anton Maegerle ist das Symbol ein originäres Element des Nationalsozialismus,Heller, Maegerle: Die Sprache des Hasses, S. 77. obwohl es selbst zu dieser Zeit keine bekannte Bedeutung hatte. Als historische Vorlagen dienten ähnlich gestaltete, allerdings ohne Symbolhaftigkeit ausgestattete alamannische Zierscheiben,Die Architektur des „Obergruppenführersaals“. Kreismuseum Wewelsburg, 2019, S. 20ff.Wulff E. Brebeck: Die Wewelsburg – Geschichte und Bauwerk im Überblick. 2. Auflage. Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2009, ISBN 978-3-422-02182-2, S. 76ff.Dorothee Renner: Die durchbrochenen Zierscheiben der Merowingerzeit. Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz, Dr. Rudolf Habelt GmbH, Bonn 1970, ISBN 3-7749-1091-X. die als Darstellungen der sichtbaren Sonne oder ihres Laufes durch die Jahreszeiten gedeutet werden können.Sünner: Schwarze Sonne, S. 148. Auch bekannt aus dem 6. bis 8. Jahrhundert ist eine mit zwölf Speichen, die jeweils einer Siegrune ähneln, umschlossene Swastika.Informationen über bajuwarische Bronze-Zierscheiben (letzter Absatz) auf der Website des Museum des Haager Landes. Laut Chris Mathews wurde das Ornament als einzigartiges Design speziell für Himmler in Auftrag gegeben; wer den Entwurf gestaltete, ist unbekannt. Wie das Symbol in der Zeit des Nationalsozialismus genannt oder welche Bedeutung ihm beigemessen wurde, geht aus den Quellen nicht hervor, mit Inhalten aufgeladen wurde es erst seit den 1990er Jahren. Nach Dana Schlegelmilch und Jan Raabe kann man deshalb von einem „nationalsozialistischen Symbol“ allenfalls im Sinne einer Zeitangabe seines Ursprungs sprechen.Dana Schlegelmilch, Jan Raabe: Die Wewelsburg und die „Schwarze Sonne“. In: Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten. Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-00131-5, S. 79–100, hier S. 80 f., zitiert nach Matthias Pöhlmann: Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen. Herder, Freiburg 2021, S. 126 f.

Namensgebung und Nutzung nach 1945 mini|Gürtel mit Gürtelschnalle in Form der schwarzen Sonne aus den 2010er Jahren. Wegen der Legalität des Tragens in der Öffentlichkeit wird das Symbol auch von deutschen Neonazi-Gruppen als Erkennungsmerkmal bzw. -zeichen verwendet. mini|hochkant|Der NPD-Funktionär Sascha Wagner mit einem T-Shirt mit dem Symbol sowie dem Wort T.Y.R. (Tyr), das einen weiteren esoterisch-völkischen Bezug herstellt

Erst in den 1950er Jahren wurde in einem esoterisch ausgerichteten neonazistischen Kreis um den ehemaligen SS-Oberscharführer Wilhelm Landig der Begriff der Schwarzen Sonne als ein Ersatz für die Swastika und Symbol für eine mystische Energiequelle, die die arische Rasse erneuern sollte, geprägt.Nicholas Goodrick-Clarke: Black Sun. Aryan Cults, Esoteric Nazism and the Politics of Identity. New York University Press, New York / London 2002, ISBN 0-8147-3124-4, S. 3f. Zitat: “In Austria and Germany, the former SS man Wilhelm Landig revived the ariosophical mythology of Thule, the supposed polar homeland of the ancient Aryans. He coined the idea of the Black Sun, a substitute swastika and mystical source of energy capable of regenerating the Aryan race.” Seit den 1970er Jahren wurde diese Idee im Rahmen einer rechtsesoterischen Verklärung des Nationalsozialismus verbreitet und insbesondere ab den 1990er Jahren von einer neuen Generation rechtsextremer Esoterik-Autoren weiterentwickelt.Strube, 2012. Erst 1991 wurde dieses Konzept der Schwarzen Sonne in dem unter dem Pseudonym Russell McCloud von dem deutschen Autor Stephan Mögle-Stadel geschriebenen Roman Die Schwarze Sonne von Tashi Lhunpo, der im rechtsextremen Arun-Verlag erschien und in Teilen der rechtsextremen Szene als „Bibel“ bezeichnet wird, mit dem Symbol in der Wewelsburg in Verbindung gebracht.Russell McCloud: Die schwarze Sonne von Tashi Lhunpo. Arun Verlag 1998, ISBN 978-3-927940-24-6. Fundstelle: S. 42 in ISBN 978-5-88134-185-5.