Im Kosten-Belohnungs-Modell (), begründet vom Psychologenpaar Jane und Irving Piliavin, wird das Hilfeverhalten (Hilfeleistung oder Nichthelfen) von Beobachtern einer Notsituation mithilfe der Annahme von faktischen und kognitiven Kosten und Nutzen der jeweiligen Handlung erklärt.Piliavin, Jane A./Dovidio, John F./Gaertner, Samuel L./Clark, Russell D.: Emergency Intervention. New York: Academic Press. 1981.
Modell des Hilfeverhaltens nach Piliavin et al.
Impulsives Helfen
Das piliavinsche Modell bezieht sich auf das Verhalten in Notsituationen, also auf jene Situationen, in denen Entscheidungen schnell getroffen werden und die Gesundheit von Menschen in Gefahr ist. Dieses impulsive Helfen ist, im Gegensatz zum abwägenden Helfen, durch situative Bedingungen und Zeitdruck charakterisiert. Bei unmittelbarem Handlungsbedarf sind kognitive Abwicklungsprozesse nicht möglich, da die Zeit dazu nicht ausreicht. Nach Piliavin & Piliavin tritt impulsive Hilfe auf, wenn eine Notsituation dringlich ist und die Folgen vorhersehbar sind, eine Ähnlichkeit mit dem Opfer wahrgenommen wird, dem Opfer eine besondere Hilfsbedürftigkeit unterstellt wird, es eine Bekanntschaft oder frühere Interaktion mit dem Opfer gibt, die Aufmerksamkeit nach außen und nicht auf sich selbst gerichtet ist, der Helfer seiner Einschätzung nach wirksam handeln kann.Wiswede, Günter: Sozialpsychologie Lexikon. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag. 2003. S. 233ff.
Kosten-Ansätze
Im Modell von Piliavin, Dovidio, Gaertner und Clark Piliavin, Jane A./Dovidio, John F./Gaertner, Samuel L./Clark, Russell D. (1982): Responsive Bystanders: The Process of Intervention. In: Derlega, Valerian J./Grzelak Janusz (Hrsg.): Cooperation and Helping Behavior: Theories and Research. New York: Academic Press, 1982. S. 280 ff. steht die Analyse der Kosten des Helfens und des Nichthelfens im Vordergrund. Dies umfasst materielle und immaterielle Kosten genauso wie alle antizipierten Konsequenzen der Nichthilfe wie z. B. Strafen für unterlassene Hilfeleistung oder psychische Kosten wie Schuldgefühle oder Bedrohung des Selbstbildes.Manhart, Klaus: Anomalien der rationalen Entscheidungstheorie. S. 205f. Volltext online (PDF; 143 kB) Prosoziales Verhalten wird in einer Situation dann wahrscheinlich, wenn die mit diesem Verhalten verbundenen Kosten gering sind. Piliavin, Irving/Rodin, Judith/Piliavin, Jane (1969): Good Samaritans. An Underground Phenomenon? In: Journal of Personality and Social Psychology 13. S. 289–299.
Empathische Erregung als Kostenfaktor
Piliavin et al. nahmen an, dass bei Beobachtern einer Notsituation eine empathische Erregung (Überaktivierung) entsteht, und ordneten sie den Kostenfaktoren beim Hilfeverhalten zu. Da diese physiologische und emotionale Erregung als unangenehm empfunden wird, sind die Beobachter motiviert, sie möglichst schnell zu reduzieren und reagieren demgemäß. Je größer die durch die Notlage anderer erzeugte Erregung ist, desto unangenehmer wird sie durch den Beobachter erlebt, was ihn wiederum zum Handeln motiviert. Piliavin et al. 1982: S. 296 ff. Durch das Handeln verringert man seinen eigenen Erregungszustand. Da der Beobachter vor allem seine eigene Homöostase erhalten möchte, hilft er dem anderen entweder, um indirekt den eigenen unangenehmen körperlichen Zustand zu verändern (egoistische Motivation), oder deshalb, weil er sich empathisch in die Lage des anderen versetzt (altruistische Motivation).Batson, C.D. (1998): Altruism and prosocial behaviour. In: Gilbert, D.T./Fiske, S.T./Lindzey, G. (Hrsg.): The Handbook of Social Psychology. (Vol. 2) Boston: McGraw-Hill. S. 282–316. Im zweiten Fall wären die Empathie und der primäre Wunsch, dem anderen zu helfen, für die Hilfe verantwortlich. In beiden Fällen jedoch stellen die unangenehmen körperlichen Zustände einen Kostenfaktor dar, den es zu minimieren gilt.
In Batsons Empathie-Altruismus-Hypothese wird die Motivation auf Basis des Mitgefühls gesondert betrachtet. Werden die Selbstbewertung (im Gegensatz zur Fremdbewertung) und die Einfühlung als die Faktoren angesehen, die altruistisch motivierte Hilfe begünstigen, fühlt man sich in seiner Entscheidung freier und kann sich leichter der Forderung nach Hilfe entziehen. Hilft man in solchen Situationen trotzdem, dann wahrscheinlich aufgrund der Einfühlung in den anderen, aufgrund persönlicher Normen, die als verpflichtend erlebt werden, und aufgrund attribuierter Verantwortlichkeit der eigenen Person.Huth, Radoslaw: Rational Choice und Altruismus. Dissertation, Aachen, 2008, S. 220f. (Online, abgerufen am 30. Dezember 2024)
Voraussage des Hilfeverhaltens
Piliavin postulierte das jeweilige Hilfeverhalten, das aus hohen oder niedrigen Kosten der Hilfe und der Nichthilfe resultiert:Piliavin et al. 1982: S. 288.
hohe Kosten der Hilfe / niedrige Kosten der Nichthilfe: Verlassen der Situation, Ignorieren, Verleugnen hohe Kosten der Hilfe / hohe Kosten der Nichthilfe: Neudefinition der Situation, Abwehrmechanismen, Herabsetzung des Opfers, Diffusion der Verantwortung niedrige Kosten der Hilfe / hohe Kosten der Nichthilfe: direkte Intervention und Hilfeleistung niedrige Kosten der Hilfe / niedrige Kosten der Nichthilfe: keine direkte Voraussage möglich, situationsabhängig
Mensch-in-Not-Experimente
Piliavin et al. führten eine Reihe von Experimenten durch, bei denen untersucht wurde, wie Beobachter auf einen Menschen in Not reagieren und unter welchen Bedingungen sie bereit sind, Hilfe zu leisten. In den Untersuchungen arrangierten die Psychologen fiktive Notsituationen, um herauszufinden, ob Fahrgäste der New Yorker U-Bahn einem Mitreisenden zu Hilfe kommen würden, der plötzlich zusammenbricht.
Opfer mit Krücke vs. betrunkenes Opfer (1969)
Bei ihren Versuchen 1969 wählten die Experimentatoren Irving Piliavin, Judith Rodin und Jane Piliavin die New Yorker Eighth-Avenue-Schnellbahn zwischen der 59. und der 125. Straße; die Fahrt zwischen den beiden Stationen dauert ca. acht Minuten. Während einer der Assistenten im hinteren Teil eines der Wagen die Vorgänge unauffällig protokollierte, stand ein anderer – ein männlicher Student – im vorderen Teil. Etwa eine Minute nach Verlassen des Bahnhofs begann er zu torkeln und brach zusammen. Er hatte die Anweisung auf dem Rücken liegen zu bleiben, bis ihm jemand zu Hilfe käme. Falls der Zug die Haltestelle erreichen sollte, ohne dass ihm jemand geholfen hätte, sollte dies ein anderer Mitarbeiter tun. In jedem Fall sollte das Team an der Haltestelle aussteigen und das Verfahren im nächsten entgegenkommenden Zug wiederholen. Frank, Robert: Die Strategie der Emotionen. Oldenbourg: Scientia Nova. 1998. S. 181–184.
Das Experiment wurde in zwei Versionen durchgeführt. In der ersten trug der Student eine Krücke bei sich (geringe Kosten der Hilfe), bei der zweiten Version sollte das Opfer betrunken wirken (hohe Kosten der Hilfe). Bei diesen Versuchen übergoss er sich vorher mit stark riechendem Schnaps und trug eine braune Papiertüte, die deutlich erkennbar eine Flasche enthielt. Dem Opfer mit der Krücke wurde in 62 von 65 Fällen von mindestens einem Mitreisenden geholfen. Wie erwartet erhielt das betrunkene Opfer sehr viel seltener Hilfe, aber selbst ihm sprang in 19 von 38 Fällen jemand bei. (vom 19. Januar 1970)
Blut vs. kein Blut (1972)
Im Experiment von Piliavin & Piliavin 1972Piliavin, Jane A./Piliavin, Irving M. (1972): Effect of Blood on Reactions to a Victim. In: Journal of Personality and Social Psychology 23. S. 353–361. stiegen gleichzeitig vier Mitglieder des Forschungsteams in einen U-Bahn-Wagen: zwei Beobachter, ein „programmierter“ Augenzeuge und ein Opfer. Die Fahrzeit zwischen zwei Stationen betrug etwa drei Minuten. Die beiden Beobachter und der Augenzeuge setzten sich auf einen Platz in der Mitte des Abteils. Nach Anfahren des Zuges ging das Opfer, ein männlicher Student, an einem Stock auf das Abteilende zu und fiel direkt vor dem programmierten Augenzeugen zu Boden. Variiert wurde die Art des Notfalls: In einer Versuchsbedingung stürzte das Opfer zu Boden (niedrige Kosten der Hilfe), in der zweiten kam zusätzlich Blut aus seinem Mund (hohe Kosten der Hilfe). Auch die Art des programmierten Zeugen wurde unterschiedlich gewählt: Er trug entweder die Kleidung eines Pfarrers (Rolle des verallgemeinerten Helfers), eines Arztes (Rolle des spezialisierten Helfers) oder einen normalen Anzug. Kam niemand dem Opfer zu Hilfe, bemühte sich der programmierte Augenzeuge um ihn. An der nächsten Station stiegen alle vier Forschungsmitglieder aus.Friedrichs, Jürgen: Methoden empirischer Sozialforschung. Opladen: Westdeutscher Verlag (14. Aufl.), 1990. S. 347ff.
Von insgesamt 40 Versuchen entfielen je die Hälfte auf die Bedingungen „Blut“ und „kein Blut“ des Opfers. Der programmierte Augenzeuge trug in 13 Fällen die Kleidung eines Arztes, in 12 die eines Pfarrers und in 15 die eines normalen Passanten. Unter der „Blut“-Bedingung wurde seltener Hilfe geleistet (in vier Fällen keine Hilfe, dreimal indirekte Hilfe [Suche nach anderen], dreizehnmal direkt) und die Zahl der Helfenden war niedriger als in der anderen Bedingung. In der Situation ohne Blut wurde in 19 Fällen direkte Hilfe geleistet und einmal half niemand.Piliavin/Piliavin 1972: S. 358f.
Die Art des programmierten Augenzeugen hatte zwar Auswirkungen auf die Reaktionszeit der Beobachter, einen signifikanten Unterschied zwischen den einzelnen „Programmierter Augenzeuge“-Bedingungen gab es aber nicht. Lediglich in der Versuchsbedingung „Blut“ + „Arzt“ erhöhte sich die Reaktionszeit um ein Vielfaches, d. h. die Zuschauer entledigten sich ihrer Verantwortung, weil eine Person anwesend war, von der man erwarten kann, dass sie ihrer Verpflichtung zur Hilfe nachkommt.
Stigma vs. kein Stigma (1975)
Ähnliche Ergebnisse wurden in der Bedingung erzielt, in der das Opfer ein auffälliges Feuermal im Gesicht hatte. Piliavin, Irving M./Piliavin, Jane A./Rodin, Judith (1975): Costs, Diffusion, and the Stigmatized Victim. In: Journal of Personality and Social Psychology 32. S. 429–438. Dabei hatte das Opfer entweder eine stark geschminkte Gesichtshälfte (Stigma, das im Versuch deutlich zu sehen war) oder ein normales Aussehen. Ferner war ein Arzt (erkennbar durch seine äußere Erscheinung) anwesend oder nicht. Die Hilferate für das entstellte Opfer wurde durch die Anwesenheit des Arztes reduziert. War das Opfer dagegen nicht weiter gezeichnet, so spielte die Anwesenheit des Arztes keine Rolle für die Hilferate. Dieser Unterschied kann darauf zurückgeführt werden, dass das Feuermal im Gesicht der „Opfer“ die wahrgenommenen Kosten des Helfens für die Zeugen steigen ließ, da sie vermutlich einen Zusammenhang zwischen dem negativ bewerteten Merkmal (Stigma) und dem Kollaps sahen. In dessen Folge schoben sie die Verantwortung in der Notsituation von sich auf den Arzt und halfen weniger. Ansonsten ist ein Kollaps ein Notfall, der bewältigt werden kann, so dass Hilfe gewährt wird. Piliavin et al. 1975: S. 432f. Vorlesung: Sozialpsychologie an der Universität Hamburg. S. 208.
Die Ergebnisse der Experimente bestätigten die Annahme, dass, je höher die Kosten der Hilfe sind, desto weniger die Bereitschaft vorhanden ist, Hilfe zu leisten. Die Narbe im Gesicht oder das Blut hatten eine abstoßende Wirkung auf die Versuchspersonen, und obwohl sie sich dem Ernst der Situation bewusst waren, versuchten sie den direkten körperlichen Kontakt mit dem Opfer entweder zu verzögern oder ganz zu unterlassen. Die Kosten des direkten Kontaktes und damit der Hilfe waren offenbar sehr hoch eingeschätzt worden.
Bystander-Effekt