Als Genzentrum, auch Mannigfaltigkeitszentrum, Allelzentrum oder Ursprungszentrum, werden Gebiete mit besonders großer genetischer Mannigfaltigkeit einer bestimmten Gattung oder Art bezeichnet.Schütt, Schuck, Stimm: Lexikon der Baum- und Straucharten. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-53-8, S. 195.Gerhard Wagenitz: Wörterbuch der Botanik. Morphologie, Anatomie, Taxonomie, Evolution. 2., erweiterte Auflage. Nikol, Hamburg 2008, ISBN 978-3-937872-94-0, S. 126.
Sie sind als eine geografische Region, in der eine Gruppe von Organismen entweder domestiziert oder auch frei-lebend ihre unterschiedlichen Eigenschaften entwickelt hat, definiert.ITPGRFA, Article 2
Oft sind diese Zentren in Regionen mit stark unterschiedlichen Umweltbedingungen entstanden, wodurch eine einseitige Selektion verhindert wurde.
Auch heute sind Ursprungszentren meist noch durch eine sehr hohe Bio-Diversität gekennzeichnet.
Pflanzen Die Ursprungszentren landwirtschaftlicher Nutzpflanzen sind für die Pflanzenzucht sehr bedeutend. So können Gene der wilden Verwandten (crop wild relatives), aber auch ähnlicher Kulturarten, für eine Verbesserung der Sorteneigenschaften herangezogen werden. (z. B. Resistenzzüchtung gegenüber bestimmten Krankheiten)
Die Auseinandersetzung mit der Herkunft unserer Pflanzen ist aber auch wichtig, um der radikalen Reduzierung der Artenvielfalt sowie dem Verlust des hohen genetischen Potenzials, bedingt unter anderem durch einen Rückgang des natürlichen Lebensraums (Abholzung der Regenwälder, Verstädterung, …) entgegenzuwirken.
Neben dem Schutz der natürlichen Lebensräume wird die genetische Vielfalt aber auch in großen Saatgutbanken gesichert.
Zentrum der Mannigfaltigkeit nach Wawilow Der russische Botaniker Nikolaj Wawilow entdeckte auf seinen zahlreichen Forschungsreisen, dass in bestimmten geographischen Regionen eine außerordentliche Mannigfaltigkeit an Wildformen unserer Kulturpflanzen aufzufinden sind. Diese Regionen bezeichnete er als Genzentren.
Diese Zentren der Mannigfaltigkeit wurden als Ausgangszentren für die Domestizierung unserer Kulturpflanzen definiert.
Wawilow entwickelte die Theorie, dass die Domestizierung nicht zufällig über die Welt verteilt, sondern in ganz bestimmten Regionen begann.
Bis heute ist in diesen Regionen eine besonders hohe Artenvielfalt an wilden Verwandten der Kultursorten zu finden.
Weltweite Ursprungszentren der KulturpflanzenWorld centers of origin of Cultivated Plants, Adapted from Vavilov (1951) by R. W. Schery, Plants for Man, Prentice Hall, Englewood Cliffs, NJ, 1972History of Horticulture, Jules Janick, Purdue University, 2002
Region Pflanzen 1. Südmexiko, Mittelamerika: inklusive Guatemala, Honduras und Costa Rica. Getreide und Gemüse: Mais, Gartenbohne, Limabohne, Teparybohne, Jackbohne, Amarant Kürbisgewächse: Feigenblatt-Kürbis, Chayote Faserpflanzen: diverse Baumwollarten, Henequen (Faseragave), Sisal-Agave Weitere: Süßkartoffel, Pfeilwurz, Paprika, Papaya, Guave, Cashew, Cherry-Tomate, Kakao 2. Südamerika: 62 Pflanzen in 3 Unterzentren 2A. Peru, Ecuador, Bolivien: Wurzel- und Knollenpflanzen: Anden-Kartoffel, diverse Kartoffelsorten. Getreide und Gemüse: Stärke-Mais, Limabohne, Gartenbohne Gemüse: Pepino / Melonenbirne, Tomate, Physalis/Blasenkirschen, Kürbis, Paprika Faserpflanzen: Ägyptische Baumwolle Früchte und Weitere: Kakao, Maracuya, Guave, Tabak 2B. Chiloé (Insel bei Südchile) Kartoffel, Erdbeere 2C. Brasilien-Paraguay Maniok, Erdnuss, Gummibaum, Ananas, Cashew. 3. Mittelmeerraum: 84 Pflanzen Getreide und Gemüse: Hartweizen, Emmer, Dinkel, diverse Hafersorten, Saat-Platterbse, Erbse, Lupine Futterpflanze: Weißklee, Inkarnatsklee Öl- und Faserpflanzen: Lein, Raps, Schwarzer Senf, Olive Gemüse: Rote Bete, Kohl, Rübe, Salat, Spargel, Sellerie, Zichorie, Pastinake, Rhabarber ätherische Öl- und Gewürzpflanzen: Kümmel, Anis, Thymian, Pfefferminze, Hopfen, Salbei. 4. Mittlerer Osten: inklusive Teile Asiens, gesamter Südkaukasus, Iran, Berggebiete von Turkmenistan – 83 Pflanzen Getreide und Gemüse: Einkorn, Hartweizen, Weizen, Orientalischer Weizen, Persischer Weizen, zweizeilige Gerste, Roggen, Linsen, Lupine Futterpflanzen: Luzerne, Persianerklee, Bockshornklee, Wicke Früchte: Feige, Granatapfel, Apfel, Birne, Quitte, Kirsche. 5. Äthiopien: inklusive Abessinien, Eritrea und Teile von Somaliland. 38 Pflanzen; reich an Weizen und Gerste Getreide und Gemüse: Abessinien-Hartweizen, Emmer, Gerste, Perlhirse, Sorghum, Augenbohne, Lein Weitere: Sesam, Wunderbaum, Gartenkresse, Kaffee, Eibisch, Myrrhe. 6. Zentral-Asien: inklusive Nordwest-Indien (Punjab, Grenzregionen im Nordwesten und Kaschmir), Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan und West-Tian-Shan – 43 Pflanzen Getreide und Gemüse: Weizen, Bohne, Linse, Pferdebohne, Kichererbse, Mungobohne, Senf, Lein, Sesam Faserpflanzen: Hanf, Baumwolle Gemüse: Zwiebel, Knoblauch, Spinat, Karotte Früchte: Pistazie, Birne, Mandel, Wein, Apfel. 7. Indien: Zwei Subzentren 7A. Indo-Burma: Hauptzentrum (Hindustan): umfasst Assam und Burma, aber nicht Nordwest-Indien, Punjab und die Grenzgebiete im Nordwesten – 117 Pflanzen Getreide und Gemüse: Reis, Kichererbse, Straucherbse, Urdbohne, Mungobohne, Reisbohne, Augenbohne, Gemüse und Knollengewächse: Aubergine, Gurke, Rettich, Taro, Yams Früchte: Mango, Orange, Mandarine, Zitrone, Tamarinde Zucker-, Öl- und Faserpflanzen: Zuckerrohr, Kokosnuss, Sesam, Öldistel, Baumwolle, Orientalische Baumwolle, Jute, Kenaf Gewürz- und Färberpflanzen und Weitere: Hanf, Schwarzer Pfeffer, Gummibaum, Sandelbaum, Ceylon-Zimtbaum, Croton, Bambus. 7B. Siam-Malaya-Java: inklusive Indochina und Malayischem Archipel, 55 Pflanzen Getreide und Gemüse: Hiobsträne, Juckbohne Früchte: Pampelmuse, Banane, Brotfrucht, Mangostane Öl-, Zucker-, Gewürz- und Faserpflanzen: Lichtnussbaum, Kokosnuss, Zuckerrohr, Gewürznelke, Muskatnuss, Schwarzer Pfeffer, Manilahanf. 8. China: 136 Pflanzen Getreide und Gemüse: z. B.: Rispenhirse, Kolbenhirse, Koaliang, Buchweizen, Sojabohne, Adzukibohne, Velvetbohne Wurzel- und Knollengewächse, Gemüse: z. B.: Chinesischer Yams, Rettich, Chinakohl, Zwiebel, Gurke Früchte und Nüsse: z. B.: Birne, Chinesischer Apfel, Pfirsich, Aprikose (Marille), Kirsche, Walnuss, Litschi Zucker-, Medizin- und Faserpflanzen: z. B.: Zuckerrohr, Mohn, Ginseng, Kampferbaum, Hanf.
Einzelnachweise
Kategorie:Biogeographie