mini|Münzwurf (12. März 1953) - Bram Appel und Roger Marche Unter dem Namen Watersnoodwedstrijd (niederländisch – „Flutopferspiel“; wörtlich: watersnood = „Wassernotfall“ / „Überschwemmungskatastrophe“, wedstrijd = „Wettstreit“) wurde ein Benefiz-Fußballspiel bekannt, dessen Erlös für die Opfer und Hinterbliebenen der Flutkatastrophe vom 1. Februar 1953 in den Niederlanden bestimmt war. Der Wettstreit wurde am 12. März 1953 in Paris zwischen Frankreich und den Niederlanden (1:2) ausgetragen. Die Partie gilt heute als ausschlaggebender Schritt hin zur Einführung des Profifußballs in den Niederlanden.„De benefiet is een cruciaale stap die leidt tot het invoeren van betaald voetbal in Nederland.“ Christiaan Ruesink, „Wedstrijd van de eeuw“, A4 krant, Algemeen Dagblad, Juni 2003, S. 9/10

Offizielles Benefiz-Länderspiel Das erste von zwei Benefizspielen zugunsten der Flutopfer (in den Niederlanden auch als Rampenwedstrijden bezeichnet) fand schon am 7. März 1953 in Rotterdam statt. Hier führte der Koninklijke Nederlandse Voetbal Bond, der niederländische Fußballverband KNVB, ein offizielles Spiel zugunsten der Stichting Nationaal Rampenfonds („Stiftung Nationaler Katastrophenfonds“) durch.Spielstatistik mit Hinweis auf den Fonds auf der Abbildung einer Eintrittskarte Die vom KNVB organisierte und noch immer nur mit Amateuren bestückte Nationalmannschaft traf dabei im 198. Länderspiel der niederländischen Geschichte auf Dänemark.Während das Spiel beim KNVB in der Liste der offiziellen Länderspiele geführt wird, ist dies beim dänischen Verband DBU nicht der Fall, vgl. Länderspielsuche bei der DBU In De Kuip verloren die Gastgeber vor 63.000 Zuschauern mit 1:2; Holger Seebach erzielte die zwei Tore für die Dänen, ehe Abe Lenstra den Anschlusstreffer markierte. 200.000 GuldenDie Summe entspricht einer Kaufkraft von rund 640.000 € im Jahre 2008; berechnet mit dem Kaufkraftkonverter Waarde van de gulden / euro des Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis kamen für den Fonds zusammen.Christiaan Ruesink, „Wedstrijd van de eeuw“, A4 krant, Algemeen Dagblad, Juni 2003, S. 9/10

Benefizspiel in Paris Vorbereitung eines unvorhergesehenen Aufeinandertreffens 230px Die MannschaftsaufstellungenDutch "professionals" against France, gesichtet am 9. September 2008Ersatzspieler: v. Lent (Lens), Röhrig (Roubaix-T.) für NL; für F unbekannt Fünf Tage nach dem offiziellen Spiel traf eine Auswahl von niederländischen Auslandsprofis auf die französische NationalmannschaftDas Spiel wird wie in den Niederlanden auch in Frankreich nicht als offizielles Länderspiel gezählt (vgl. L’Équipe/Gérard Ejnès: La belle histoire. L’Équipe de France de football. L’Équipe, Issy-les-Moulineaux 2004, ISBN 2-9519605-3-0, S. 366f.); dennoch bot der französische Verband eine starke Elf auf, aus der nur Gaulon und Saunier nie ein offizielles A-Match bestritten und von denen sechs der eingesetzten Spieler 15 Monate später zum endgültigen Weltmeisterschaftsaufgebot gehörten. um Raymond Kopa mit Roger Marche als Mannschaftskapitän.Watersnoodwedstrijd, in: Frans Oosterwijk, Voetbal in de jaren vijftig, in 99 beelden, ANP Foto/Nieuw Amsterdam Uitgevers, Amsterdam 2007, ISBN 978-90-468-0264-9, S. 18, gibt Marches Vornamen in der Unterschrift zum Foto vom Wimpeltausch als René an. Ein ähnliches Foto von ANP und der Vorname Rene finden sich bei Christiaan Ruesink, „Wedstrijd van de eeuw“, A4 krant, Algemeen Dagblad, Juni 2003, S. 9/10 Die Initiative zu diesem Match hatte Theo Timmermans ergriffen, der in Nîmes spielte und zunächst versucht hatte, dort ein Benefizspiel gegen eine Auswahl von Spielern aus Südfrankreich zu organisieren. Doch es wurde noch mehr daraus, nachdem er den Vorschlag beim Französischen Fußballbund angebracht hatte: die FFF sagte ein Spiel in Paris gegen die Nationalmannschaft zu. Bram Appel von Stade Reims, der in der Champagne näher an Paris und näher an der niederländischen Heimat war, wurde daraufhin Timmermans’ Mitorganisator.

Aus ganz Frankreich und – mit Torhüter Frans de Munck vom 1. FC Köln – aus Deutschland reisten Profis an, um für die niederländische Auswahl anzutreten. Lediglich Faas Wilkes wurde von seinem italienischen Verein AC Turin nicht freigestellt. Als Trainer des zusammengewürfelten Teams, dessen Mitglieder nie zuvor gemeinsam in einer Mannschaft gespielt hatten, sprang der damalige Übungsleiter von Stade Français, Edmond Delfour, ein. Der KNVB hatte durchgesetzt, dass die Nationalhymne Het Wilhelmus nicht gespielt wurde und dass die Spieler nicht in Oranje-Hemden auflaufen durften; sie traten im Prinzenpark stattdessen in roten Shirts, weißen Hosen und blauen Strümpfen an, den Farben der niederländischen Flagge.Watersnoodwedstrijd, in: Frans Oosterwijk, Voetbal in de jaren vijftig, in 99 beelden, ANP Foto/Nieuw Amsterdam Uitgevers, Amsterdam 2007, ISBN 978-90-468-0264-9, S. 5 Statt des Wilhelmus erklang die ehemalige Nationalhymne Wien Neêrlands Bloed.Watersnoodwedstrijd, in: Frans Oosterwijk, Voetbal in de jaren vijftig, in 99 beelden, ANP Foto/Nieuw Amsterdam Uitgevers, Amsterdam 2007, ISBN 978-90-468-0264-9, S. 14 Auf der Anzeigetafel wurden die Teams als Pr. Holl. und France,ANP Foto, in Watersnoodwedstrijd, in: Frans Oosterwijk, Voetbal in de jaren vijftig, in 99 beelden, ANP Foto/Nieuw Amsterdam Uitgevers, Amsterdam 2007, ISBN 978-90-468-0264-9, S. 2/3 auf dem offiziellen Mannschaftsfoto der Niederländer als France und "Pros" Hollandais bezeichnet.ANP Foto, in Watersnoodwedstrijd, in: Frans Oosterwijk, Voetbal in de jaren vijftig, in 99 beelden, ANP Foto/Nieuw Amsterdam Uitgevers, Amsterdam 2007, ISBN 978-90-468-0264-9, S. 10/11

mini|links|Spielankündigung aus L’Équipe vom 12. März 1953 „Die Atmosphäre war einzigartig; mir liefen Schauer über den Rücken,“ erinnerte sich Cor van der Hart später.„De sfeer was uniek, de rillingen liepen me over de rug,“ zitiert nach Christiaan Ruesink, Wedstrijd van de eeuw, A4 krant, Algemeen Dagblad, Juni 2003, S. 9/10 Die Mannschaft der Niederländer war eine kuriose Mischung – einige der Spieler kannten einander nicht einmal persönlich und es gab neben de Munck nur Mittelfeld- und Angriffsspieler, so dass die beiden Verteidiger Vreeken und de Vroet erstmals auf diesen Positionen aufliefen.

Spielverlauf Vor 5.000 bis 10.000 angereisten Oranje-Fans und mehr als 30.000 französischen Anhängern begannen die niederländischen Profis, die nur zwei Tage in einem Pariser Hotel Zeit gehabt hatten, sich näher kennenzulernen, verhalten, jedoch ohne Nervosität, erinnerte sich Timmermans später: Die Elf versuchte, zueinander zu finden; die beiden Außenläufer waren angehalten, mit zu verteidigen, die Halbstürmer Rijvers und Timmermans spielten zurückgezogen im Mittelfeld. „Ihre konzentrierte Verteidigung, ihre verhaltenen Aktionen und ihre scheinbare Ängstlichkeit wirkten wie Narkotika auf unsere Repräsentanten“, schrieb L’Équipe am folgenden Tag über die Elftal.Gabriel Hanot, Les français caressèrent le ballon, L’Équipe vom 13. März 1953 So erzielten – nach ersten Chancen der Franzosen durch Kopa – die Niederländer in der elften Spielminute den ersten Treffer des Spiels. Van Geens Tor wurde jedoch wegen einer Abseitsposition des Mittelstürmers vom Luxemburger Schiedsrichter Elschen aberkannt. In der 34. Minute erhielt Saunier einen Pass von Kopa, umspielte van der Hart, umdribbelte de Munck und brachte den Ball im niederländischen Tor unter – ebenfalls aus abseitsverdächtiger Position. Doch Schiedsrichter Elschen erkannte diesmal den Treffer und damit die Führung für die Bleus an.L’Équipe vom 13. März 1953; ebenso http://www.arbeiter-zeitung.at/cgi-bin/archiv/flash.pl?seite=19530313_A08;html=1; eine niederländische Website gibt Raymond Kopa als Torschützen an. Eine weitere Chance Kopas nur Minuten später vereitelte de Munck, der nach Meinung Timmermans’ „nach diesem kein besseres Spiel mehr gespielt haben kann“Theo Timmermans, in Johan Derksen et al., Het Nederlands Elftal 1905–1989. De historie van Oranje, Weekbladpers BV/Voetbal International, Amsterdam 1989, ISBN 90-236-7211-9, S. 168 so dass es mit dem knappen Vorsprung der Équipe tricolore in die Pause ging.

In der zweiten Halbzeit wurde „auf Anweisung von Appel die Sturmflagge gehisst“.‚Op aanwijzing van Appel werd in de tweede helft de stormvlag gehesen.‘ Theo Timmermans, in Johan Derksen et al., Het Nederlands Elftal 1905–1989. De historie van Oranje, Weekbladpers BV/Voetbal International, Amsterdam 1989, ISBN 90-236-7211-9, S. 168 Sie nahmen den „blassen, ängstlichen und verunsicherten“Gabriel Hanot, Les français caressèrent le ballon, L’Équipe vom 13. März 1953 Franzosen die Kontrolle des Spiels aus der Hand. Dank der Vorstöße und des taktischen Überblicks eines herausragenden Bertus de Harder, der nun von der linken Flanke immer wieder in die Mitte wechselte, kamen die niederländischen Profis zu ihren Chancen und glichen in der 58. Minute aus. Kees Rijvers bereitete den Treffer mit einem Torschuss vor; Ruminski konnte den Ball nicht kontrollieren und de Harder verwandelte. Die Niederländer hatten weitere Chancen und kamen folgerichtig in der 81. Minute durch Bram Appel zu ihrem zweiten Tor. Der von Gaulon gefoulte de Kubber schoss den fälligen Freistoß vor auf Timmermans, dessen Verlängerung landete bei Appel, der aus kurzer Entfernung das 2:1 und damit den Siegtreffer erzielte. L’Équipe erklärte die Niederlage der Bleus am folgenden Tag mit den Worten

Reaktionen nach dem Match Fast war es nach dem Schlusspfiff zur Nebensache geworden, dass noch einmal 110.000 GuldenDie Summe entspricht einer Kaufkraft von rund 350.000 € im Jahre 2008; berechnet mit dem Kaufkraftkonverter Waarde van de gulden / euro des Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis für die Flutopfer zusammengekommen waren; die einhellige Reaktion der niederländischen Zeitungen bestand in wahren Lobeshymnen: „Welch ein Tempo, welch eine Technik, welch eine Körperbeherrschung und vor allem, welch ein Kampfeswillen“.„De persverhalen vormden één grote lofzang op het Nederlands profteam. Wat een tempo, wat een techniek, wat een lichaamsbeheersing en vooral wat een vechtlust.“, aus: De Rampenwedstrijden en hun grote gevolgen, in: Johan Derksen et al., Het Nederlands Elftal 1905–1989. De historie van Oranje, Weekbladpers BV/Voetbal International, Amsterdam 1989, ISBN 90-236-7211-9, S. 168 Wie lange würde der niederländischen Öffentlichkeit dieses wunderbare Spiel ihrer Profis noch vorenthalten? Auf der Pressetribüne saß auch Abe Lenstra, der fünf Tage zuvor für den KNVB gespielt hatte. Auf Einladung der Zeitschrift Sport en Sportwereld sollte er einen Artikel über das Spiel schreiben. Sein Bericht schwärmte von den niederländischen Profis, die sich nicht nur seiner Meinung nach seit ihrem Weggang aus den Niederlanden technisch, taktisch und konditionell enorm verbessert hätten.Johann Mast, Abe. Het levensverhaal van Nederlands eerste grote sportidool, Tirion Uitgevers, Baarn 2007, ISBN 978-90-439-0983-9, S. 149 Cor van der Hart äußerte gegenüber der französischen Zeitung L’Équipe unmittelbar nach dem Spiel:Zitat aus dem Artikel „Devroedt: «Le plus beau jour de notre vie sportive !»“ von Max Urbini in l’Équipe vom 13. März 1953

Nach Aussage Kees Rijvers’ wollten die Franzosen ein Revanchematch, möglichst in einem vollen De Kuip in Rotterdam, so dass noch mehr Geld für die Flutopfer eingehe. „Der KNVB sagte nein, keine Profis auf unserem Boden.“Het Gouden Binnentrio, in: Johan Derksen et al., Het Nederlands Elftal 1905–1989. De historie van Oranje, Weekbladpers BV/Voetbal International, Amsterdam 1989, ISBN 90-236-7211-9, S. 157

Bedeutung für den niederländischen Fußball