Die Wasserversorgung in Hamburg war die erste moderne Wasserversorgung und -entsorgung auf dem europäischen Kontinent.Hamburg-Lexikon, Zeiseverlag Hamburg, S. 304 und 490Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg von Altona bis Zollenspieker. Das Haspa-Handbuch für alle Stadtteile der Hansestadt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2002, ISBN 3-455-11333-8, S. 884. Ihre Entstehung war dem Großen Brand in der Hamburger Altstadt 1842 geschuldet, der ein Drittel der inneren Stadt zerstörte. Die völlig unzureichende Löschwasserversorgung trug wesentlich zum Ausmaß der Zerstörungen bei. Noch im selben Jahr begann daher schrittweise der Aufbau einer effektiven Löschwasserversorgung sowie einer fortschrittlichen Wasserversorgung und Kanalisation. Die umfangreichen Bauarbeiten waren 1848 abgeschlossen. Das ursprüngliche Leitungs- und Rohrnetz wuchs kontinuierlich an und ist teilweise noch immer in Betrieb. Bis heute entstand eine leistungsfähige Wasserwirtschaft mit gegenwärtig 17 Wasserwerken. Die heutige Wasserversorgung in Hamburg war von Beginn an in staatlicher Hand und wird durch das öffentlich-rechtliche Unternehmen Hamburg Wasser bewirtschaftet. mini|hochkant=1.5|Versorgungsnetz der Hamburger Wasserkunst im Jahre 1864

Vom Feldbrunnen zur Elbwasserkunst mini|Wasserträgerin bei der Arbeit Bis weit ins 14. Jahrhundert gab es in Hamburg keine geregelte Wasserversorgung. Die Haushalte und Gewerbebetriebe mussten ihren Wasserbedarf decken, indem sie Regenwasser in Tonnen sammelten oder aufwändig Wasser aus Schöpfstellen oder Brunnen an den Verbrauchsort transportierten. Wer hierzu nicht in der Lage war oder wer es sich leisten konnte, kaufte das Wasser von umherfahrenden Wasserwagen oder von Wasserträgern. Das Wassertragen war seinerzeit zumeist Frauenarbeit. Der bekannteste Hamburger Wasserträger war Johann Wilhelm Bentz, der zu einem der Hamburger Wahrzeichen geworden ist.Hamburg-Lexikon, Zeiseverlag Hamburg, S. 490

mini|links|Wasserwagen Die organisierte Wasserversorgung für das Hamburger Stadtgebiet begann erst 1370. Damals wurden vom Catharinen-Feldbrunnen, dessen Hauptquelle sich hinter der Gärtnerstraße (heute Thadenstraße) in Altona befand, Feldbrunnenleitungen in die Stadt verlegt. Die Feldbrunnenleitungen bestanden aus durchbohrten Baumstämmen. Das Quellwasser wurde in sie hineingeleitet und versorgte private Haushalte mit Wasser. Der Rödingsmarkt-Feldbrunnen mit zwei Quellen auf dem Hamburger Berg und einer Quelle im Hornwerk kam ab 1430 hinzu. Ein weiteres Jahrhundert später wurde 1533 der Dammtorbrunnen mit seiner Quelle am heutigen Valentinskamp erschlossen.Chronik Hamburg, Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh/München, S. 86

mini|Wasserkunst Edward James Smiths auf dem Grasbrook, 1840 1531 wurden die so genannten Alsterwasserkünste – so hießen diese frühen „Wasserwerke“ – als Wasserversorger eingerichtet. Der Fluss Alster verläuft aus Richtung Norden kommend unmittelbar durchs Stadtzentrum, um später in die Elbe zu münden. Im Bereich des Oberdamms (heutige Reesendammbrücke und Jungfernstieg) wurde das Flusswasser gestaut. Das aus dem Staubecken abfließende Flusswasser setzte große Wasserräder in Bewegung, die ihrerseits Kolbenpumpen antrieben. Die vollgefüllten Gefäße wurden zunächst in große Sammelbehälter unter dem Dach des Kunsthauses gehoben. Von dort aus wurde das Wasser durch Leitungssysteme an wohlhabende Haushalte befördert, die sich die Gebühren leisten konnten. Ärmere Bewohner der Stadt hingegen blieben auf die mühselige und anstrengende Eigenversorgung angewiesen. Eine weitere Alsterwasserkunst wurde 1535 am Niederdamm (heute Großer Burstah) in Betrieb genommen, ein drittes Wasserwerk folgte am Graskeller. mini|Halblinks: Smith’sche Elbwasserkunst um 1840 1828 errichtete der englische Ingenieur Edward James Smith (1779–1854) eine „Felsenwasserkunst“ an der Alster. Die Hamburger entnahmen zur damaligen Zeit der Alster und den Fleeten jedoch nicht nur Trink- und Brauchwasser für ihre Haushalte, sondern sie leiteten das Abwasser jeder Art, das unter anderem auch aus Urin und Kot bestand, in dieselben Gewässer zurück. Darüber hinaus verschmutzten auch Gerbereien, Kattunbleichen und Wäschereien die Alster durch ihre Abwässer. Diese Art der Abwasserentsorgung brachte neben Verunreinigungen und Geruchsbelästigungen schwere Erkrankungen wie Typhus oder Cholera mit sich. Die diese Krankheiten auslösenden Bakterien werden in erster Linie durch verunreinigtes Trinkwasser verbreitet. In Hamburg starben auf diese Weise 1831 an der ersten von mehreren Cholera-Epidemien 482 Einwohner. 1832 forderte die zweite Cholera-Epidemie bereits 1.652 Menschenleben.Hamburg-Lexikon, Zeiseverlag Hamburg, S. 106 1822 entstand mit der „Bieber’schen Elbwasserkunst“ an den heutigen St. Pauli-Landungsbrücken das erste Wasserwerk, das der Elbe Wasser entnahm. Das Elbwasser wurde bei Flut in Absetzbecken geleitet und in einen Turmbehälter gefördert. Über ein 15 Kilometer langes gusseisernes Rohrnetz gelangte es zu den Verbrauchern. Zunächst wurden die Pumpen von Pferden (Rosswerke), nach 1832 von Dampfmaschinen angetrieben. Später erbaute auch der Ingenieur Smith eine Elbwasserkunst, die „Smith’sche Elbwasserkunst“ im Holzhafen von Moorfleet.Agenda 21-Prozess Elbinsel Kaltehofe, Wasserforum, Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e. V., Landesverband Hamburg

Der Große Brand als Wegbereiter mini|1842 versagte die Versorgung mit Löschwasser Am 5. Mai 1842 brach in der Deichstraße der Große Brand aus und mit ihm ein bis dahin noch nicht da gewesenes Chaos in der Stadt: Tausende Menschen verließen mit ihrem Hab und Gut ihre Wohnungen und Häuser und flüchteten Hals über Kopf vor den Flammen. Banden plünderten die verlassenen Häuser und raubten die Flüchtenden aus, die ihrerseits die Straßen verstopften und die Brandbekämpfung behinderten. Der Stadtchronist Johann Gustav Gallois schrieb: „Mehrere Tage hindurch herrschte in der Stadt fast ungehindert die vollendete Anarchie“, die Stadt sei „geradezu dem Regimente eines raubenden und vandalisch zerstörenden Pöbels preisgegeben“ gewesen.Chronik Hamburg, Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh/München, S. 214 Die Flammen breiteten sich rasch aus. Ein Notfallplan mit einer koordinierten Abwicklung existierte nicht. Aus den benachbarten Orten traf Hilfe ein, insgesamt bekamen 1150 Feuerwehrleute mit 34 Land- und elf Schiffspritzen den Brand zunächst nicht unter Kontrolle.Chronik Hamburg, Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh/München, S. 216 mini|links|Ein Spritzwagen mit Feuerspritze Das Feuer erfasste 71 Straßen mit etwa 1749 Häusern, über 4000 Wohnungen und 102 Speicher. Die gelagerten Handelsmaterialien wie Arrack, Schellack und Gummi fingen rasch Feuer und fachten den Brand weiter an. Fast die gesamte Altstadt brannte, das Feuer nahm katastrophenartige Ausmaße an. Zunächst zögerlich, dann immer häufiger sprengten die Spritzenmeister private Häuser und öffentliche Gebäude wie das Alte Rathaus, um das Übergreifen der Flammen auf die Neustadt zu verhindern. Nach vier Tagen war das Feuer schließlich gelöscht. 51 Menschen fanden den Tod, 151 weitere wurden verletzt. 20.000 Menschen, etwa zehn Prozent der Bevölkerung, waren obdachlos geworden. Ein Drittel der Stadt war zerstört. Fast alle Gebäude im betroffenen Areal – darunter auch die meisten öffentlichen Gebäude – lagen in Schutt und Asche.Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg von Altona bis Zollenspieker. Das Haspa-Handbuch für alle Stadtteile der Hansestadt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2002, ISBN 3-455-11333-8, S. 24. Das galt auch für die drei frühen Wasserwerke, die Alsterwasserkünste. Die Löschwasserversorgung war unzureichend und den Flammen nicht gewachsen. Das Löschwasser musste herangeschafft werden, um die Feuerspritzen neu zu befüllen. Hatte eine Spritze ihr Löschwasser verbraucht, konnte sie bis zur nächsten Befüllung nicht genutzt werden. Die Löschwasserversorgung der Stadt hatte in diesem Ernstfall versagt. Die Bürgerschaft musste die Trink- und Löschwasserversorgung des Stadtgebietes neu regeln.

Entstehung des modernen Versorgungsnetzes Der britische Genius mini|hochkant|William Lindley Der Große Brand war es letztlich, der Grund und letzter Anlass war, die Wasserversorgung der Stadt komplett zu reformieren. Die innere Stadt Hamburgs umfasste damals etwa das Gebiet der heutigen Altstadt und der heutigen Neustadt, also etwa 4,6 Quadratkilometer. Damit hatte Hamburg bei weitem nicht seine heutige Größe von etwa 755 Quadratkilometern.

Die Bürgerschaft verfolgte drei Ziele: Sie wollte die Stadt aus den Trümmern konzeptionell neu aufbauen. Sie wollte ein neues, staatliches Wasserversorgungsnetz für die gesamte Stadt errichten, das gleichzeitig die Funktion der Abwasserentsorgung übernehmen sollte und sie wollte ein der Brandbekämpfung dienendes Netz so genannter Nothpfosten – also Hydranten – aufbauen, damit die Feuerwehr im Brandfall rasch an jedem Ort über ausreichend Löschwasser verfügen konnte.Chronik Hamburg, Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh/München, S. 224

mini|links|Angesehene Hamburger ehrten 1852 Lindleys Leistungen, Blatt von Hermann Wilhelm Soltau Am 1. September 1842 verabschiedete die Bürgerschaft einen Plan zum Aufbau einer neu konzipierten Altstadt, den eine Expertenkommission, die so genannte Technische Kommission, ausarbeitete. Die Bürgerschaft verabschiedete in diesem Zusammenhang eigens ein Enteignungsgesetz, durch das viele Grundeigentümer in den zerstörten Gebieten enteignet wurden. Durch breitere und gerade Straßen sollten Brände größeren Ausmaßes durch Überspringen verhindert werden und die Feuerwehr sollte im Brandfall rasch zu jedem Brandort gelangen. Unter anderem wurde der Stadtkern von der Trostbrücke (an der das Alte Rathhaus stand) in den Bereich zwischen Börse und Binnenalster verlagert. Es entstanden unter anderem die Alsterarkaden und durch Aufschüttung der Alsterdamm (heute Ballindamm). Der Technischen Kommission gehörten neben den Architekten Alexis de Chateauneuf und Gottfried Semper auch William Lindley an.Chronik Hamburg, Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh/München, S. 217

Lindley galt als fähiger Ingenieur. Er war schon ab 1834 als assistierender Ingenieur zunächst am Bau der Eisenbahnstrecke Hamburg–Lübeck und ab 1837 am Bau der Eisenbahnstrecke Hamburg–Bergedorf beteiligt. Nach dem Großen Brand stellte er seine Fachkenntnisse der Rat- und Bürgerdeputation zur Verfügung, bevor er in die Technische Kommission berufen wurde. Am 26. Juni 1844 beschloss die Bürgerschaft, ein umfassendes staatliches Wasserversorgungssystem für die gesamte Stadt zu errichten. Der Senat übertrug Lindley als verantwortlichem Ingenieur die Konzeption und Umsetzung des Beschlusses. Ihm kam damit eine entscheidende Bedeutung zu., Deutsche Bauzeitung, Ausgabe 6/2003

Zur damaligen Zeit verfügte in Europa lediglich England über ein leistungsfähiges unterirdisches Rohrleitungssystem. Die Abwässer wurden dort allerdings ungefiltert auch in die kleineren Flüsse abgeleitet, was insbesondere an wärmeren Tagen zu erheblichen Geruchsbelästigungen führte. Der europäische Kontinent selbst wies keinerlei derartige moderne Systeme auf.

Entwässerung mini|Bau der eiförmigen Kanalisation um 1845