Die SPD Baden-Württemberg ist mit ca. 30.100 Mitgliedern die zweitgrößte Partei in Baden-Württemberg. Landesvorsitzende sind seit Juni 2026 als gleichberechtigte Doppelspitze Isabel Cademartori und Robin Mesarosch.
mini|Titelblatt der Schwäbischen Tagwacht anlässlich der Konferenzeröffnung des Internationalen Sozialistenkongresses 1907 in Stuttgart
Geschichte Vor der Novemberrevolution Die SPD hat in Baden-Württemberg eine lange Tradition, die im 19. Jahrhundert in den ehemaligen Ländern Württemberg und Baden begann. Von 1878 bis 1890, während der Dauer der Sozialistengesetze, war die SPD wie überall in Deutschland verboten. Danach setzte eine Gründungswelle sozialdemokratischer Vereine ein. Eine badische Hochburg der SPD bildete sich in Mannheim heraus. Die Wirtschafts- und Sozialstruktur in Württemberg war von mittelständischer Industrie geprägt, außerdem war die Verstädterung und die damit verbundene Verelendung der Arbeiter dort geringer als in anderen Teilen des Deutschen Reichs. In Stuttgart gab es jedoch Wohnungselend.vgl. Friedrich Westmeyer: Wohnungselend in Stuttgart. Stuttgart 1911 Die zunehmend eigenständige kulturelle Identität der Arbeiterbewegung wurde mit der Gründung der Stuttgarter Waldheime sichtbar. Auf der kommunalen Ebene wirkten Sozialdemokraten früh an der Politik mit und fanden häufig politischen Konsens mit bürgerlichen Parteien. Im württembergischen Landtag hingegen stimmte die sozialdemokratische Fraktion nur ein einziges Mal, im Jahr 1907, dem württembergischen Staatshaushalt zu. Dies war die Gegenleistung für den im August 1907 stattfindenden Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart, der erste seiner Art auf deutschem Boden. Im badischen Landtag kam es nach der Wahl 1905 zu einer bis zum Jahr 1918 einmaligen Zusammenarbeit der Nationalliberalen und der SPD im sogenannten Großblock, um den Einfluss des erstarkten badischen Zentrums zurückzudrängen. Bis zur Novemberrevolution konnte trotzdem kein SPD-Mitglied Beamter werden. Im Ersten Weltkrieg mussten auch viele Sozialdemokraten für Kaiser und Reich ihr Leben lassen. Freiwillig zu den Waffen meldete sich der prominente badische Sozialdemokrat Ludwig Frank, er fiel bereits in den ersten Kriegswochen.
In der Weimarer Republik In der Weimarer Republik spielte die SPD zunächst eine führende Rolle. Sowohl in Württemberg als auch in Baden wurde die SPD Regierungspartei und stellte mit Wilhelm Blos in Stuttgart und mit Anton Geiß in Karlsruhe auch jeweils den Ministerpräsidenten. In Württemberg endete die Regierungsbeteiligung der SPD mit dem Austritt von Wilhelm Keil aus dem Kabinett Hieber bereits im Juni 1923 und sie blieb trotz des großen Wahlerfolgs im Jahr 1928 in der Opposition. Seit 1924 war Kurt Schumacher als streitbarer Oppositionsredner für die SPD im württembergischen Landtag vertreten. In Baden konnte sich die SPD in den Jahren 1918 bis Ende 1932 ununterbrochen an der Regierung beteiligen und stellte mit Adam Remmele mehrmals den turnusmäßig wechselnden Ministerpräsidenten. Weitere führende badische Sozialdemokraten der Weimarer Republik waren der Reichskanzler Hermann Müller und der Reichstagsabgeordnete Ludwig Marum. In der NS-Zeit von 1933 bis 1945 wurden die SPD-Mitglieder verfolgt und viele bereits 1933 in Konzentrationslager verschleppt.
In Baden-Württemberg Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in den Ländern Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zunächst drei unabhängige SPD-Parteibezirke. Alle drei Parteibezirke befürworteten vorbehaltlos die Gründung des Landes Baden-Württemberg, obwohl dies gerade die starke Position der SPD im von Industrie geprägten Land Württemberg-Baden schwächte, da im wenig industrialisierten und stark katholischen Süden des neuen Landes strukturbedingt weniger SPD-Wähler vorhanden waren. Der Landesverband der SPD wurde auf dem Parteitag vom 7. zum 8. Juni 1952 in Stuttgart gegründet. Zunächst firmierte die SPD Baden-Württemberg unter der Bezeichnung „Parteibezirk“ und erst ab 1962 als „Landesverband“. Die Partei war in den Jahren 1952 bis 1960 in einer Allparteienregierung und von 1966 bis 1972 und 1992 bis 1996 in einer Großen Koalition an der Regierung Baden-Württembergs beteiligt, stellte aber niemals den Ministerpräsidenten. Von 2011 bis 2016 war die SPD Juniorpartner in einer Grün-roten Koalition. Seit 2016 befindet sich die SPD wieder in der Opposition. In den vergangenen Jahren verschlechterten sich die Wahlergebnisse der SPD in Baden-Württemberg kontinuierlich. Nachdem sie bei der Landtagswahl 2001 noch 33,3 Prozent der Stimmen erhalten hatte, schaffte sie bei der Landtagswahl 2026 mit 5,5 Prozent der Stimmen – dem schlechtesten Ergebnis der Partei bei einer überregionalen Wahl in Deutschland jemals – nur noch knapp den Einzug in den Landtag.
Maßgeblichen Anteil hatte die SPD auch an der Verwaltungsreform von 1973. In der Schulpolitik wirkte die SPD bis zum Ende der 1960er Jahre darauf hin, noch bestehende konfessionsgebundene Schulen und Lehrerausbildung besonders in Südwürttemberg abzuschaffen. Aus dem SPD-Landesverband in Baden-Württemberg gingen auch immer wieder wichtige bundespolitische Persönlichkeiten hervor, wie etwa Carlo Schmid, Alex Möller, Horst Ehmke, Erhard Eppler, Volker Hauff, Rainer Offergeld, Herta Däubler-Gmelin und Walter Riester.
Struktur Organisation Der Landesverband organisiert sich in Ortsvereinen, die zu 43 Kreisverbänden zusammengefasst sind. Die 43 Kreisverbände sind auf vier Regionen verteilt, deren Einzugsgebiet den vier Regierungsbezirke Karlsruhe, Freiburg, Stuttgart und Tübingen entspricht.
Mitglieder Die nachfolgende Tabelle gibt die Entwicklung der Anzahl der Mitglieder seit der Gründung des Landesverbandes im Jahr 1952 an. Die bisher höchste Zahl an Mitgliedern wurde im Jahr 1976 erreicht.Michael Eilfort (Hrsg.): Parteien in Baden-Württemberg. Schriften zur politischen Landeskunde Band 31. Verlag W. Kohlhammer in Verbindung mit der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2004, Seite 91
JahrMitglieder1952 37.6611955 35.7881968 47.1921976 77.9791980 71.4571990 66.3872002 49.2432014 35.8352018 36.451202133.200202630.100
Vorsitzende mini|Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Erwin Schoettle (rechts), 1969 mini|hochkant|Alex Möller, 1973 mini|Erhard Eppler, 1973 mini|Carlo Schmid (links) im Gespräch mit Egon Bahr 1976 mini|hochkant|Ute Vogt 1890–1933 SPD Baden JahreVorsitzender1890–1894Adolf Geck1894–1895Jakob Friedrich Autenrieth1895–1900Johann Friedrich Haug1900–November 1901Wilhelm Opificius1901–1906Georg Pfeiffle1906–1908August Schaier und Friedrich Sigmund1908–1919Anton Geiß1920–1923Georg Strobel1923–1924Gustav Zimmermann1924–1933Georg Reinbold
SPD Württemberg JahreVorsitzender1890–1891Rudolf Behr1891–1892Adam Dietrich1892–1895Karl Sperka1895–1899Adam Dietrich1899–1900Friedrich Fischer1900–1903Otto Wasner1903–1904Rudolf Behr1904–1905Karl Sperka1905–1906Adam Dietrich1906–1908Gottlieb Eduard Steinbrenner1908–1911Karl Sperka1911–1913Karl Hildenbrand1913–1920Friedrich Fischer1920–1924Otto Steinmayer1924–1933Erich Roßmann
1946–1952 SPD Württemberg-Baden JahreVorsitzender1946–1947Fritz Ulrich und Gustavo Alfredo Zimmermann1947–1952Erwin Schoettle
SPD Baden JahreVorsitzender1946–1952Richard Jäckle
SPD Württemberg-Hohenzollern JahreVorsitzender1946–1952Carlo Schmid
SPD Baden-Württemberg (ab 1952) JahreVorsitzender/Vorsitzende1952–1962Erwin Schoettle1962–1966Alex Möller1966–1968Walter KrauseMai–November 1968kommissarisch: Erwin Schoettle, Heinz Bühringer und Eugen Loderer1968–1973Heinz Bühringer1973–1981Erhard Eppler1981–1987Ulrich Lang1987–1999Ulrich Maurer1999–2009Ute Vogt2009–2016Nils Schmid2016–2018Leni Breymaier2018–2026Andreas Stochseit 2026Isabel Cademartori und Robin Mesarosch
Für die Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion siehe: Landtag von Baden-Württemberg#Fraktionsvorsitzende der SPD
Landtagswahlergebnisse
Ergebnisse der LandtagswahlenErgebnisse der Landtagswahlen in Baden-Württemberg Jahr Spitzenkandidat/in Stimmen Sitze 1952 Hermann Veit 28,0 % 38 1956 28,9 % 36 1960 35,3 % 44 1964 Walter Krause 37,3 % 47 1968 29,0 % 37 1972 Heinz Bühringer 37,6 % 45 1976 Erhard Eppler 33,3 % 41 1980 32,5 % 40 1984 Ulrich Lang 32,4 % 41 1988 Dieter Spöri 32,0 % 42 1992 29,4 % 46 1996 25,1 % 39 2001 Ute Vogt 33,3 % 45 2006 25,2 % 38 2011Wahlergebnisse in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz auf Focus Online, abgerufen am 27. März 2011 Nils Schmid 23,1 % 35 2016 12,7 % 19 2021 Andreas Stoch 11,0 % 19 2026 5,5 % 10
Literatur Jörg Schadt und Wolfgang Schmierer (Hrsg.): Die SPD in Baden-Württemberg und ihre Geschichte. Von den Anfängen der Arbeiterbewegung bis heute. Schriften zur politischen Landeskunde Band 3. Verlag W. Kohlhammer in Verbindung mit der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 1979. Horst Glück: Die SPD. In: Michael Eilfort (Hrsg.): Parteien in Baden-Württemberg. Schriften zur politischen Landeskunde Band 31. Verlag W. Kohlhammer in Verbindung mit der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2004, S. 75–104 Martin Mendler: mal ganz ehrlich: Geschichte und Politik von Landtagsfraktion und Landespartei der SPD Baden-Württemberg von 1952 bis 2022, epubli GmbH, 1. Auflage, Berlin 2024, ISBN 978-3-7598-7013-1.
Weblinks
SPD Baden-Württemberg SPD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg Zur Geschichte der SPD Baden-Württemberg Wer steht zur Wahl? Angaben bei der Bundeszentrale für politische Bildung
Einzelnachweise und Anmerkungen
Baden-Wurttemberg Spd Kategorie:Parteigründung 1952