Die Geschichte Belgrads umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Belgrad von der ersten Besiedlung in der Jungsteinzeit bis zur Gegenwart. Von den Kelten gegründet, nannten die Römer die Stadt Singidunum. Sie stieg zu einem bedeutenden Legionslager am Donaulimes auf und war bis Anfang des 7. Jahrhunderts zentrale Verteidigungsstellung gegen die Barbaren. Während der Völkerwanderung entrissen die Awaren und Slawen den Byzantinern das Kastron. Der slawische Name Belgrad taucht erstmals 878 in frühmittelalterlichen christlichen Quellen auf. Im Hochmittelalter war sie eine umkämpfte Grenzstadt zwischen Byzanz, Bulgarien und Ungarn, Durchgangsort dreier Kreuzzüge und 1402 erstmals Hauptstadt Serbiens. Als bedeutendes spätmittelalterliches Kulturzentrum und wichtige Handelsstadt der nördlichen Balkanhalbinsel an der Grenze zu Mitteleuropa blühte Belgrad im 15. Jahrhundert auf. Die von Grund auf erneuerte strategisch wichtige Kastellburg trat nach dem Fall Konstantinopels und der türkischen Eroberung Serbiens (1459) in den Fokus osmanischer Expansionspolitik. Die erste Belagerung wurde 1456 erfolgreich abgewehrt, doch eroberten die Osmanen die Stadt schließlich 1521. Nach der Vertreibung der Türken aus Ungarn im Großen Türkenkrieg wurde Belgrad im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts neuerlich zentraler strategischer Kriegsschauplatz und stark umkämpfte Festungsstadt zwischen dem Osmanischen Reich und der Habsburgermonarchie. Während der serbischen Aufstände wurde Belgrad zu Anfang des 19. Jahrhunderts Hauptstadt Serbiens und nach dem Ersten Weltkrieg bis Ende des 20. Jahrhunderts auch zur Hauptstadt Jugoslawiens.
Vor- und Frühgeschichte mini|Fund Figur der sog. Vinča-Kultur
Archäologische Funde werden bis 5000 Jahre v. Chr. in die Jungsteinzeit datiert. In den Vororten Belgrads liegen die neolithischen Siedlungshügel der Starčevo- und Vinča-Kultur.
Antike Römische Periode mini|links|Ein Antoninianus unter Carausius geprägt. Auf der Rückseite der Münze befindet sich der Löwe, das Symbol der Legio IV. Flavia Felix mit der InschriftLEG IIII FL Der erste Name einer Siedlung, der schriftlich erhalten ist, ist die römische Erwähnung einer wahrscheinlich ursprünglich größeren keltischen Ansiedlung um 279 v. Chr. Die Römer bezeichneten die Siedlung als Singidunum. Der Name bedeutete wahrscheinlich runde Festung oder runde Stadt und leitete sich wohl aus dem Keltischen ab. Singidunum wurde durch die Römer um 86 v. Chr. erobert. Diese bauten die Stadt als Festung weiter aus, doch sie blieb lange Zeit im Schatten von Sirmium, das die Hauptstadt einer der vier Präfekturen des Römischen Reiches war.
Die Stadt wurde in die Provinz Moesia superior (Hauptstadt Viminatium, das heutige Kostolac) eingegliedert und wird Garnisonsstadt am Donaulimes. Auf der gegenüber liegenden Seite der Save stand die Stadt Taurunum, das heutige Zemun.
Im Jahr 86 n. Chr. verlegte Domitian parallel zur Verstärkung der Reichsgrenzen gegen die Daker die Legio IV. Flavia Felix nach Singidunum. Dies bedeutete für die Stadt einen bedeutenden Aufschwung. An der Stelle der heutigen Festung steht im 2. Jahrhundert das römische Castrum als klassische rechteckige Anlage mit den Seitenverhältnissen 560 × 350 m welches sich von der Oberstadt der Festung von Belgrad bis zur heutigen Pariska Ulica erstreckt. Eine Brücke über die Save verband in der Zeit zudem Singidunum und Taurunum.
Zu Beginn des 2. Jahrhunderts besiegte Trajan (105–106) Dazien unter Beteiligung der Legio IIII Flavia Felix, die seit 88 an den Feldzügen teilnahm und auch Teile des Straßenbaus nördlich der Donau übernahm. Mit der Bildung der Provinz Dakien begann für Singidunum eine Zeit des Friedens. Mitte des 2. Jahrhunderts verlegte Kaiser Hadrian die Legio IIII Flavia Felix zurück nach Singidunum und verlieh der Stadt den Status eines Municipiums mit größerer administrativer Freiheit.
Mit den Angriffen der Goten verließen die Römer 268 Dakien. Aurelian verlegte alle Legionen deshalb wieder ans Südufer der Donau und reorganisierte die Region durch die Bildung der Provinz Dacia ripensis. Die Legio IIII Flavia Felix nahm im 3. Jahrhundert an zumindest einer Kampagne gegen die Parther teil, was auf einem Grabstein in Kyrrhos in Syrien belegt ist.
Die erste Hälfte des 4. Jahrhunderts war wiederum eine Periode des Friedens: Die Stadt bekam den Status einer römischen Kolonie, was ihre Autonomie nochmals bestärkte. Der zukünftige Kaiser Jovian wird hier 332 geboren. Eine Inschrift von ca. 300, die dem Genius der vierten Flavischen Legion gewidmet ist, bezeugt die weitere Anwesenheit der Flavia Felix in Singidunum. Die vierte Flavische ist noch bis Mitte des Jahrhunderts belegt und wurde vor Ende des Jahrhunderts aufgelöst. Mit der Reichsteilung 395 unter Theodosius I. kam Singidunum zu Ostrom, aus dem das Byzantinische Reich hervorging.
Während der Zeit des römischen Imperiums war Singidunum integraler Bestandteil der Defensivbefestigungen am Donau-Limes. Die strategische Lage von Stadt und Castrum an der Via militaris, die von Sirmium (Sremska Mitrovica) über Viminatium (Kostolac), Trimontium (Plovdiv) bis Konstantinopel führte, bestimmte die Geschichte Singidunums bis zum Beginn des 7. Jahrhunderts. Die in der Umgebung Belgrads gelegenen Forts Mutatio ad Sextum (Mali Mokri Lug), Castra Tricornia (Ritopek) und Mutatio ad Sextum Militare (Grocka) verteidigten die Militärstraße. Eine weitere Straßenverbindung verband die Bergwerke am Avala, Kosmaj und Rudnik.
Die Militärstadt von Singidunum wurde mit der Ansiedlung von Veteranen der Legionen in der Unterstadt durch eine bedeutende Zivilstadt ergänzt. Bemerkenswerte Überbleibsel der imperialen Periode wurden in der ganzen Umgebung gefunden (Gräber, Monumente, Skulpturen, Keramik, Münzgeld). Teile des Straßensystems verliefen noch nach antikem Schema und sind an der Ausrichtung der Straßen Uzun Mirkova, Dušanova und Kralja Petra erkennbar. Am Studentski Trg („Platz der Studenten“) stand das antike Forum mit rechteckigen Grundriss. Teile der römischen Thermen wurden dort in den 1970er Jahren freigelegt.
Völkerwanderung und Byzantinische Periode mini|Kušadak-Kamee („Belgrader Kameo“): Triumphierender Imperator zu Pferde über gefallenen Barbaren, Ende IV. Jh., Serbisches Nationalmuseum mini|links|Ausdehnung des Byzantinischen Reichs um 571 n. Chr.
Im 5. Jahrhundert verschwand das Weströmische Reich als Machtfaktor, was für das verbleibende Oströmische Reich eine Folge von Invasionen der Balkanhalbinsel durch germanische, mongolische, slawische und türkische Völker bedeutete. 441 überfielen die Hunnen Singidunum und zerstörten den Ort dabei nahezu vollständig. 454 eroberten die Oströmer die Stadt zurück, doch fiel sie danach an die Ostgoten, an die Gepiden und Sarmaten und wiederum an die Goten. 488 kam Singidunum vertraglich wieder zum Byzantinischen Reich. 512 siedelte der Byzantinische Kaiser Anastasios I. die germanischen Heruler zur Abwehr der Gepiden an.
Durch die von Justinian I. betriebene Restauratio imperii befestigt der Kaiser 535 die Donaugrenze durch ein großangelegtes, der reinen Defensive dienendes Festungsbauprogramm an der unteren Donau, um an den Fronten gegen die Vandalen in Nordafrika, den Ostgoten in Italien sowie dem Perserreich in die Offensive zu gehen. Justinian erneuerte die dabei ins Zentrum gerückte Befestigungsanlage von Singidunum in Form eines wesentlich verkleinerten, aber mit starken Mauern befestigten byzantinischen Kastrons innerhalb des alten aufgegebenen Legions-Standlagers (Castra), was insbesondere durch eine weitere Staffelung von Kastra, die neuerbauten, der politischen wie kirchlichen Organisation der Region dienenden neue Verwaltungszentrum von Justiniana Prima (Caričin Grad), schützen und Einfälle nach Moesia unterbinden sollte, aber durch die nachfolgend nicht mehr verhinderte Landnahme der Slawen auf dem Balkan zur Makulatur wurde.
Das gut befestigte, schon einer mittelalterlichen Burg ähnelnde Kastron Singidunum bildete fortan den Nukleus der mittelalterlichen Stadt, die, mit Ausnahme der erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts unter Stefan Lazarević neubebauten und befestigten Unterstadt der Festung von Belgrad, bis Anfang des 16. Jahrhunderts auch nicht über die justinianschen Grenzen hinauswuchs.
Mit dem letzten großen Völkerwanderungszug der Awaren wandern die Slawen als Verbündete in die Pannonische Tiefebene ein und eroberten 582 die strategisch wichtige Stadt Sirmium. 584 fiel auch das Kastron Singidunum, womit die Verteidigung der gesamten byzantinischen Donaugrenze zusammenbrach. Erst Kaiser Maurikios unternahm, mit seinem Regierungsantritt beginnend, einen 20-jährigen und schließlich erfolgreichen Abwehrkampf gegen Awaren und Slawen. 592 konnten seine Truppen Singidunum zurückerobern. Nachfolgend wurden die Awaren wieder nördlich der Donaulinie zurückgedrängt. Die Wiedereroberung des Balkans durch die Armeen der Römer wurde auch durch die nachfolgenden Feldzüge unter Phokas weiter untermauert, doch mit Abzug der Römischen Verbände nach Kleinasien unter Herakleios brach die römische Vormacht auf der Balkanhalbinsel völlig zusammen. Die folgende schnelle Landnahme der Slawen erfolgte ab 612, doch noch bis 625 hielt sich in Singidunum ein römischer Festungskommandant.vgl. Michael Witby, The Emperor Maurice and his Historian – Theophylact Simocatta on Persian and Balkan Warfare. Oxford 1988., Seite 187
Mittelalter Frühmittelalter Slawische Besiedlung 630 wurde Singidunum von den Slawen erobert und die Region wie große Teile der Balkanhalbinsel wurden slawisiert. Nach dieser Eroberung folgten 200 Jahre ohne jegliche geschichtlicher Erwähnung über das Schicksal der Stadt. Mit dem Einfall des aus Asien stammenden Nomadenvolkes der Proto-Bulgaren taucht dann in lateinischen Quellen der Name Alba Bulgarica auf, was auf die aktuellen Machtverhältnisse in der Region zu dieser Zeit deutet. Der Name Beograd (štokavisch seit ca. 1400, zuvor mit silbenschließendem -l: Bel-grad) war lokal seit der großen Völkerwanderung der Slawen Anfang des 7. Jahrhunderts etabliert. Zum ersten Mal 878 dokumentiert ist er in einem Brief des Papstes Johannes VIII. an den Bulgaren Knjaz Boris I.: episcopus Belogradensis. Eine gelehrte Form war Alba Graeca. Dieser Name deutet auf die Zeit der byzantinischen (graeca – griechischen) Vormachtstellung in dieser Region. In byzantinischen Quellen wurde die Stadt als Veligradon bezeichnet – eine leichte Abwandlung von Belgrad. Der Name geht wahrscheinlich auf die helle Farbe des Kalksteins, der für den Bau der Befestigung genutzt wurde, zurück, während der awarische Name historisch verlorenging.Seite 83
Zwischen Ungarn, Byzanz und Bulgarien In den folgenden vier Jahrhunderten wurde Belgrad zu einem ständigen strategischen Zankapfel zwischen dem Byzantinischen Reich, dem Königreich Ungarn und dem Ersten Bulgarischen Reich.
Einige Daten markieren diese kriegerische Periode: 896 übernahmen die Ungarn Belgrad. 971 eroberten die Byzantiner die Stadt. Der bulgarische Zar Samuil eroberte 976 die Stadt. 1018 reintegrierte Basileios II. Belgrad in das Byzantinische Reich und 1096 zerstörten die Ungarn die Stadt, doch behielten die Byzantiner die Kontrolle.
Hochmittelalter mini|links|Stefan Dragutin mini|Serbien während der Regierung von Stefan Uroš IV. Dušan – Belgrad ist eine ungarische Stadt an der Grenze des Serbischen Reiches
Kreuzzüge und Byzantinische Erneuerung der Donaubefestigung unter Manuel I.