Heinz Harro Max Wilhelm Georg Schulze-Boysen (* 2. September 1909 in Kiel; † 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Publizist, während des NS-Regimes ein Oberleutnant der Luftwaffe, NS-Gegner und führender Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.
Leben und Wirken Erste Lebensjahre und berufliche Entwicklung mini|20+5 Pfennig-Sondermarke der DDR-Post 1964 mit Harro Schulze-Boysen mini|Harro Schulze-Boysen (rechts) mit Marta Husemann und Günther Weisenborn mini|Zitat von Harro Schulze-Boysen am Bundesministerium der Finanzen
Harro Schulze wurde am 2. September 1909, dem damaligen Sedantag, als Sohn des Marineoffiziers Erich Edgar Schulze (1880–1974) und dessen Frau Marie Luise Boysen (1884–1972) sowie väterlicherseits als Großneffe des Admirals Alfred von Tirpitz und mütterlicherseits des Soziologen Ferdinand Tönnies in Kiel geboren. Durch die Versetzung des Vaters siedelte die Familie 1913 nach Berlin um. Er war der Älteste und hatte noch zwei Geschwister, Helga (* November 1910) verheiratete Mulachié und Hartmut (1922–2013).
In Berlin besuchte Harro ab 1913 die Grundschule und später das Heinrich-von-Kleist-Gymnasium im Ortsteil Schmargendorf. Ab 1920 verbrachte er regelmäßig die Sommerferien bei der befreundeten Familie Hasselrot in Gripnas/Schweden. 1922 wurde der Vater nach Duisburg versetzt, und Harro folgte ihm im Herbst. Als Schüler am Steinbart-Gymnasium in Duisburg beteiligte er sich 1923 am Untergrundkampf gegen die französische Ruhrbesetzung und wurde zeitweise von den Besatzungstruppen inhaftiert. Um ihn aus dieser politischen Schusslinie zu holen, organisierten seine Eltern einen etwas längeren Schwedenaufenthalt. Besonders regte Harro aber die Reise 1926 nach England stark zum Vergleichen und Nachdenken an. Dabei stellte er fest, dass das in Deutschland gezeichnete Englandbild sehr wenig mit seinen vor Ort gemachten Beobachtungen übereinstimmte.
1927 schrieb er seinen ersten größeren Zeitungsbericht über einen Skandal in Duisburg zur Aufstellung der Skulptur Kniende von Wilhelm Lehmbruck. Aus Anlass des 80. Geburtstages des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg hielt er an der Schule eine Gedenkrede. Überhaupt wurde sein politisches Engagement am Gymnasium als ungewöhnlich intensiv empfunden. Das Abitur legte er mit der Gesamtbewertung „gut“ ab. Dabei wurde besonders seine Gewandtheit im schriftlichen und mündlichen Ausdruck hervorgehoben. Von seiner geistigen Haltung her befand er sich zu dieser Zeit in guter Übereinstimmung zu den bürgerlichen Wertvorstellungen und den Traditionen der Familie. In der Öffentlichkeit und in schriftlichen Äußerungen trat er von nun an, den Geburtsnamen der Mutter nutzend, mit dem Doppelnamen Schulze-Boysen auf.
Nach dem Abitur 1928 begann er im April ein rechts- und staatswissenschaftliches Studium an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Zur gleichen Zeit wurde er Mitglied des nationalliberalen Jungdeutschen Ordens, der ihn in dieser Zeit ideologisch stark prägte. Ziel dieser Vereinigung war es, die „Kameradschaft aus den Schützengräben des Ersten Weltkrieges“ als Vorlage der zu entwickelnden „Volksgemeinschaft“ ethisch wiederaufleben zu lassen. Dabei wurde jede Form der Diktatur, egal ob von rechts oder links kommend, abgelehnt. In dieser Zeit wurde er Mitglied der Akademischen Verbindung Albingia Freiburg im Miltenberger Ring, einer schlagenden Verbindung. Im Sommer 1929 nahm er an einem Lehrgang des Hochsee-Wehrsportvereins „Hansa“ in Neustadt / Holstein teil, im November wechselte er zur Fortsetzung des begonnenen Jurastudiums an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Hier trat er der internationalen Studentenvereinigung bei. Erstmals setzte er sich in dieser Zeit intensiv mit der Ideologie des Nationalsozialismus auseinander und suchte nach den Ursachen des plötzlichen Stimmengewinns der NSDAP bei den Reichstagswahlen. Er studierte das Programm der NSDAP und las auch Mein Kampf auf der Suche nach Antworten. Dabei wurde ihm klar, dass ein weiterer Stimmengewinn der NSDAP zu noch deutlicheren Verschärfungen und Polarisierungen in der Gesellschaft führen würde. 1930 unterstützte er die intellektuell-nationale Gruppe Volksnationale Reichsvereinigung, an deren Spitze Artur Mahraun stand.
Entwicklung als Publizist und Suche nach Gleichgesinnten Im Juli 1931 lernte Harro Schulze-Boysen bei einem Frankreichaufenthalt französische Intellektuelle im Umfeld der Zeitschrift Plans kennen, unter deren Einfluss er sich nun politisch links orientierte. Mehr und mehr distanzierte er sich von den Anschauungen des Jungdeutschen Ordens, und es reifte bei ihm die Erkenntnis, dass sich der Tageskampf in Deutschland in erster Linie gegen den aufkommenden Faschismus und alles Reaktionäre richten müsse. 1932/33 gab er nach dem Vorbild von Plans die 1931 von Franz Jung wiedergegründete linksliberale Zeitschrift Der Gegner heraus, an der unter anderen Ernst Fuhrmann, Raoul Hausmann, Ernst von Salomon, Adrien Turel und Karl Korsch mitarbeiteten. Das verfolgte Ziel bestand darin, eine einheitliche Front von Jugendlichen gegen den „liberalen, kapitalistischen und nationalistischen Geist“ in Europa aufzubauen. Für die Franzosen war Schulze-Boysen auf diesem Gebiet der Akteur für Deutschland. Er versuchte mit dem „Gegner-Kreis“, zu dem auch Robert Jungk, Erwin Gehrts, Kurt Schumacher und Gisela von Poellnitz gehörten, eine eigenständige deutsche Jugendbewegung zu entwickeln, und begann damit, in Berliner Cafés „Gegner-Abende“ zu veranstalten. „Es gab kaum eine oppositionelle Jugendgruppe, mit der er nicht Kontakt hielt.“ Ende des Jahres 1931 ließ er sich vom Studium beurlauben, da er zu der Auffassung gelangt war, dass die hier behandelten Inhalte nichts mit den tagtäglichen politischen Auseinandersetzungen mehr zu tun hatten. Für den Februar 1932 organisierte Schulze-Boysen in Abstimmung mit seinen französischen Partnern von Plans ein Treffen der „Jugend Europas“ in Frankfurt/Main. Insgesamt nahmen etwa 1.000 Jugendliche am Treffen teil und er formulierte für die deutsche Delegation die politischen Ziele. Diese bestanden angesichts der Krise in Deutschland einerseits in der Abschaffung des kapitalistischen Systems und andererseits in der Durchsetzung einer eigenen Rolle Deutschlands ohne ausländisches Diktat und Einmischung. Auf der Suche nach Alternativen zum krisengeschüttelten Westeuropa begann er sich stärker für das Sowjetsystem zu interessieren. Diese Wendung war auch beeinflusst durch seine Enttäuschung über die nationalen und konservativen Parteien in Deutschland, die seiner Meinung nach den aufkommenden Nationalsozialismus nicht genug bekämpften.
Als im Mai 1932 gegen Franz Jung ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und die Geschäftsräume des Gegners versiegelt wurden, übernahm Harro Schulze-Boysen als neuer Herausgeber und mit einer neuen Firmierung als gegner (nunmehr klein geschrieben), aber mit dem gleichen Netzwerk zu den verschiedensten politischen Lagern die Geschäfte. Im Tiefpunkt der Krise sah er zugleich eine deutliche Chance, einen neuen Politikansatz zu verwirklichen. „Gegner von heute – Kampfgenosse von morgen“ formulierte er diesen in der im Herbst veröffentlichten Streitschrift. Damit war er zum führenden Kopf und zum Mittelpunkt des „Gegner-Kreises“ geworden. Die Machtergreifung durch Hitler hielt Schulze-Boysen zu diesem Zeitpunkt bereits für wahrscheinlich, glaubte aber an dessen baldigen Sturz durch einen Generalstreik. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Reichstagsbrand in Berlin verhalf Schulze-Boysen mehreren bedrohten Personen seines Umgangskreises zur Flucht ins Ausland. Um seinen Sohn ebenfalls aus der politischen Frontstellung in Berlin zu bekommen, organisierte sein Vater für ihn in Warnemünde einen Ausbildungsplatz als „Seebeobachter“. Aber bereits im Februar 1933 bewertete die politische Polizei das Handeln der gegner-Gruppe in einer amtlichen Mitteilung als „radikal“. Im April 1933 besetzten SS-Männer die Redaktionsräume und inhaftierten die Anwesenden. Die Redaktionsmitglieder der Zeitschrift wurden in ein Sonderlager der 6. SS-Standarte verschleppt; Schulze-Boysen dabei schwer misshandelt und mehrere Tage lang festgehalten. Die Nazi-Schlägertrupps ermordeten während dieser illegalen Inhaftierung vor seinen Augen seinen jüdischen Freund und Mitstreiter Henry Erlanger. Mit dieser Erfahrung war ihm klar geworden, dass er als bekennender Nazi-Gegner keine Chance hatte, öffentlich aktiv zu sein, und für sich neue Wege finden musste, seine Überzeugungen dennoch umzusetzen.
Beim Militär und Gegner des NS-Regimes In dieser Situation kam der vom Vater in Warnemünde reservierte Ausbildungsplatz an der getarnten Deutschen Verkehrsfliegerschule wie gerufen. Der Ort war weit weg von Berlin, es war genug Gelegenheit, über das Gewesene nachzudenken und Schritte vorzubereiten, worin in Zukunft sein Engagement bestehen konnte. Noch vor seiner Abreise riet er den ihm Nahestehenden, sich in Nazideutschland umzusehen und in die Institutionen des NS-Regimes zu gehen. Aber er befand sich im militärischen Sektor und musste sich den Gegebenheiten vor Ort unterwerfen.
Im Mai 1933 begann seine Luftbeobachter- und Fliegerausbildung in Warnemünde, und Harro Schulze-Boysen bemühte sich, im NS-System zu existieren, ohne seine bisherigen Anschauungen aufzugeben. Er las Bücher, auf die sich die Herrschenden beriefen, und versuchte, mit gebotener Vorsicht zu seiner Publikationsarbeit zurückzukehren. Im Frühjahr 1934 ergab sich dafür eine Gelegenheit durch einen Kontakt zu Erich Röth (1895–1971) aus der Gegner-Zeit. Er gab die Zeitschrift Wille zum Reich heraus und bearbeitete nach außen kulturpolitische Themen, aber mit dem abgedeckten Ziel, die NS-Bewegung mit ihren eigenen Themen zu unterlaufen. Auch hier fanden regelmäßige Diskussionsabende mit den Interessenten statt. Unter einem Pseudonym (vermutlich das Kürzel E.R. – für Erich Röth) schrieb Schulze-Boysen einzelne Leitartikel und Aufsätze. Dabei war für ihn wichtig auszuloten, welche Einflussmöglichkeiten hinsichtlich der neuen Situation bestünden. Von Warnemünde aus erfolgte ab 10. April 1934 seine Anstellung als Hilfsreferendar in der Gruppe „Fremde Luftmächte“ in der Zentralabteilung des Reichsluftfahrtministeriums (RLM) in Berlin. Als Adjutant des Gruppenleiters Presse Inland/Ausland Werner Bartzin der Sekundärliteratur, auf Verwechslung beruhend: Karl Bartz oblag ihm, die in- und ausländische Presse nach Themen der Luftrüstung auszuwerten. In diesem Arbeitsbereich wurden neben der Erstellung von Feindbildanalysen auch Materialien für die Kriegspropaganda der eigentlich offiziell noch nicht bestehenden deutschen Luftwaffe erarbeitet.
Um sich vor erneuten Verfolgungen zu schützen, umgab sich Schulze-Boysen mit einem Kreis politisch unverfänglicher Freunde. Hier lernte er 1934 auch die 20-jährige Libertas Haas-Heye, genannt „Libs“, kennen. Mit ihr unternahm er 1935 einen als Privatreise getarnten Besuch zu einer Vortragsreihe über internationale Rechtsfragen in Genf. Als die Hochzeit für 1936 geplant wurde, hatte Harro vorher notwendigerweise auch den Namen Schulze-Boysen beim Standesamt legalisieren lassen. Am 26. Juli 1936 fand die Hochzeit auf Schloss Liebenberg in Liebenberg, dem Gut ihrer Großeltern, statt. Ihr Trauzeuge war Reichsluftfahrtminister Hermann Göring. Die Hochzeitsreise nach Stockholm gab Schulze-Boysen gegenüber seinem Arbeitgeber als Sprachstudienreise aus und legte nach der Rückkehr einen vertraulichen Bericht an.Schulze-Boysen: Bericht über Sprachstudienreise nach Schweden vom 13. August 1936. In: Institut für Zeitgeschichte München, ED 335/2.