mini|hochkant|Das Krochhochhaus, Standort des Museums seit 2010 (Foto 2011)
Das Ägyptische Museum der Universität Leipzig (ÄMUL; vollständiger Name Ägyptisches Museum – Georg Steindorff – der Universität Leipzig) umfasst eine Sammlung von ca. 7.000 Fundstücken aus mehreren Jahrtausenden, von der Altsteinzeit und den vordynastischen Kulturen Ägyptens über alle Perioden des pharaonischen Ägypten (Frühzeit, Altes Reich, Mittleres Reich, Neues Reich, Spätzeit) bis hin zur griechisch-römischen und der frühen islamischen Zeit (Fatimidendynastie).
Geschichte mini|hochkant=0.7|Gustav Adolph Hennig: Porträt Gustav Seyffarth, Gemälde aus dem Jahr 1837
Die Anfänge unter Gustav Seyffarth (1840–1855) Mit einem Glücksfall beginnt die Geschichte des Leipziger Museums. Gustav Seyffarth (1796–1885) kaufte 1840 in Triest einen mumiengestaltigen Sarg für 289 Taler. Dieser Sarg wurde der Grundstock des späteren Ägyptischen Museums und gehört bis heute zu dessen Glanzstücken. Seyffarth, der Professor für Archäologie an der Universität Leipzig war, gehörte zu den Schülern von Friedrich August Wilhelm Spohn (1792–1824) und wurde bald von der Leidenschaft Spohns für Ägypten und dessen Sprache angesteckt. Spohn beschäftigte sich neben Jean-François Champollion (1790–1832) und Thomas Young (1773–1829) mit der Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen, jedoch führte sein früher Tod dazu, dass kaum etwas von seinen Forschungsergebnissen veröffentlicht wurde. Seyffarth versuchte nach Spohns Tod dessen Werk zu Ende zu bringen, scheiterte jedoch. 1855 endete Seyffarths Leipziger Amtszeit mit seiner vorzeitigen Emeritierung. Er wanderte in die Vereinigten Staaten aus und starb dort 1885.Elke Blumenthal: Zur Geschichte der Sammlung. Mainz 1997, S. 1–3.
Das eigenständige Museum unter Georg Ebers (1870–1889) mini|hochkant=0.7|links|Georg Ebers
Die nächste Etappe in der Geschichte der Leipziger Sammlung setzte nach fünfzehnjähriger Unterbrechung 1870 mit der Einrichtung eines Lehrstuhls für Ägyptologie durch Georg Ebers (1837–1898) ein. Für den Schüler von Karl Richard Lepsius (1810–1884) stand der Aufbau der Ägyptologie als akademische Disziplin, das heißt der Lehrbetrieb, im Zentrum seines Interesses. Diesen wollte er aber nicht auf die Weitergabe von Buchwissen beschränken, sondern seinen Schülern „mit Vorzeigung von bildlichen und plastischen Nachbildungen wichtiger Monumente“ illustrieren.Elke Blumenthal: Zur Geschichte der Sammlung. Mainz 1997, S. 3.
Ebers gelang es, eine repräsentative Auswahl von Gipsabgüssen bedeutender Skulpturen und eine kleine Anzahl von Originalen trotz geringen Etats zu kaufen. Papierabklatsche von Reliefs und Inschriften fertigte er auf seinen Reisen eigenständig an. 1873 entdeckte er den berühmten medizinischen Papyrus des Neuen Reichs, welcher nach ihm benannt ist und den er der Leipziger Universitätsbibliothek übergab. Unter Ebers, wie auch unter Seyffarth, war es meist sonntags der Öffentlichkeit möglich, die kleine Sammlung zu besuchen. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit verfasste Ebers auch Professorenromane, unter anderem „Eine ägyptische Königstochter“ (1864) und „Uarda“ (1876). Diese halfen, der breiten Öffentlichkeit ein lebendiges Bild Ägyptens zu vermitteln. 1889 ließ sich Ebers, wie sein Vorgänger, vorzeitig in den Ruhestand versetzen, verließ Leipzig und setzte sich in Tutzing am Starnberger See zur Ruhe, wo er 1898 verstarb.Elke Blumenthal: Zur Geschichte der Sammlung. Mainz 1997, S. 3–4.
Die Ära Georg Steindorff (1893–1934) mini|hochkant=0.7|Georg Steindorff
Als Nachfolger von Ebers wurde – nach erneuter Unterbrechung – 1893 Georg Steindorff (1861–1951) an die Universität berufen. Unter ihm erhielt die Leipziger Sammlung ihre entscheidende Prägung. Georg Steindorff war ein Schüler Adolf Ermans (1854–1937) und hatte unter dessen Leitung als Direktoralassistent am Ägyptischen Museum in Berlin gearbeitet. Seine Erfahrung nutzend, wandte er viel Kraft, Phantasie und Organisationstalent dafür auf, die kleine Lehrschausammlung zu einem veritablen Museum auszubauen. Während seiner zahlreichen Ägyptenreisen erwarb er Gegenstände aller Epochen der altägyptischen Geschichte, um den Fundus des Museums zu vergrößern. Zudem gelang es ihm im großen Stil Sponsoren zu mobilisieren: Vordynastische Keramik wurde mehrfach von dem Egypt Exploration Fund in London gestiftet, die Berliner Deutsche Orient-Gesellschaft übergab nach Grabungen in Abusir die komplette Grabausstattung des Totenpriesters Herischefhotep an Georg Steindorff. Durch private Spenden wurden auch die Grabungen Steindorffs 1903, 1905, 1906, 1909 und 1910 finanziert. Diese erweiterten die Sammlung um zahlreiche Fragmente von Königsplastiken und prachtvolle Steingefäße, die Ausgrabungen von 1912, 1914 und 1930/31 um Keramik und andere Fundstücke der unternubischen Aniba- und sudanesischen Kerma-Kultur. Der Erste Weltkrieg bedeutete einen tiefen Einschnitt auch für diejenigen, die mit der Erforschung Ägyptens vor Ort beschäftigt waren. Durch den Krieg hatten viele Gönner ihr privates Vermögen verloren und es war schwer, Geld für weitere Grabungskampagnen zu erhalten. Steindorff ließ sich dadurch jedoch nicht entmutigen und durch Kontakte zu ausländischen Kollegen gelang es ihm, in dieser Zeit zahlreiche Neuerwerbungen zu tätigen.Elke Blumenthal: Zur Geschichte der Sammlung. Mainz 1997, S. 4–8.
mini|hochkant=0.7|Das Johanneum war ab 1916 Standort des Museums
Am 21. Mai 1916 wurde das Ägyptische Museum im Anbau am Johanneum der Universität neu eröffnet. In den nächsten Jahren lehrte, forschte und reiste Steindorff und vergrößerte die Sammlung. Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland wurde das Wirkungsfeld Steindorffs, aufgrund seiner jüdischen Herkunft, mehr und mehr eingeschränkt. Seine Emeritierung wäre eigentlich Ende März 1931 fällig gewesen, wurde aber wegen Schwierigkeiten, einen Nachfolger zu finden, zunächst um zwei Jahre und 1932 und 1933 jeweils um ein weiteres Jahr verschoben, bis sie Ende März 1934 endgültig in Kraft trat. In letzter Minute gelang es ihm im März 1939 mit seiner Familie in die USA auszuwandern, wo er 1951, nahezu neunzigjährig, in Kalifornien starb. Steindorff gebührt das große Verdienst, innerhalb von zwanzig Jahren die bedeutendste ägyptische Universitätssammlung auf deutschem Boden aufgebaut zu haben.Elke Blumenthal: Zur Geschichte der Sammlung. Mainz 1997, S. 8–9.
Nationalsozialismus und Nachkriegszeit Steindorffs Schüler und Nachfolger, Walther Wolf (1900–1973), war als Privatdozent am Institut und Museum tätig. 1939 wurde Wolff zur Wehrmacht eingezogen. Nach Kriegsende kehrte er, wohl aufgrund seiner Verwicklung in das NS-System, nicht mehr nach Leipzig zurück. Er veranlasste zu Kriegszeiten die Auslagerung von Teilen der Sammlung.Elke Blumenthal: Zur Geschichte der Sammlung. Mainz 1997, S. 9–10.
Die Durchführung der Auslagerung fiel Siegfried Morenz (1914–1970) zu. Er studierte Theologie und Ägyptologie an der Universität Leipzig. Als wissenschaftliche Hilfskraft „auf Kriegszeit“ verpackte er im Frühjahr 1943 gut 2000 Objekte in Kisten, die an zwei Orten der sächsischen Provinz untergebracht wurden. Der Rest, vor allem die ortsgebundenen Gipsabgüsse, bedeutende Reliefs des Alten Reichs und meroitische Grabreliefs, blieben im Museum und wurden während des großen Bombenangriffs vom 4. Dezember 1943 zerstört. Nur wenige Reste konnten aus den Trümmern geborgen werden.Elke Blumenthal: Zur Geschichte der Sammlung. Mainz 1997, S. 10.
Wiederaufbau der Sammlung ab 1951 mini|hochkant=0.7|Die Schillerstraße 6 war zwischen 1951 und 2002 Standort des Museums
Auch die Etappe des Wiederaufbaus der Leipziger Ägyptologie ist mit dem Namen Siegfried Morenz verbunden. Zuerst als Assistent und Dozent, später als Ordinarius und Institutsdirektor sorgte er für eine neue Unterkunft im Erdgeschoss des Universitätsgebäudes Schillerstraße 6. In dessen Kellerräumen hatte weiterer ausgelagerter Sammlungsbestand die Angriffe überstanden. Dort gelang es ihm, 1951 mit einem Teil der sichergestellten und inzwischen zurückgekehrten Originale eine kleine Ausstellung aufzubauen.Elke Blumenthal: Zur Geschichte der Sammlung. Mainz 1997, S. 10–13.
„Wir haben nicht mehr alles, aber wir haben noch vieles, und nicht weniges davon ist gut.“ (Fazit Morenz, das er über die Rückführung der Gegenstände vor der Sächsischen Akademie der Wissenschaft zog)Elke Blumenthal: Zur Geschichte der Sammlung. Mainz 1997, S. 10, 13.
Nach Morenz’ plötzlichem Tod 1970 bestand die Gefahr, dass der Museumsbestand auf andere Institute aufgeteilt würde. Morenz’ Mitarbeiterschaft setzte sich jedoch für den Erhalt der Sammlung ein. Durch verschiedene Studioausstellungen in Leipzig und Sonderausstellungen in Sachsen und Thüringen schaffte es die Gruppe innerhalb von kurzer Zeit, die Unentbehrlichkeit des Museums zu verdeutlichen und konnte eine Dauerausstellung in der Schillerstraße 6 am 12. Mai 1976 realisieren. Die Wiedereröffnung war nicht nur das Ende einer Arbeitsetappe, sondern bildete zugleich den Auftakt einer neuen. Ziel war es, das Erreichte zu festigen und auszubauen. Dies gelang Elke Blumenthal (1938–2022) und ihren Mitarbeitern und darüber hinaus auch die Förderung und der Ausbau des Ägyptologischen Instituts über die Zeit der Friedlichen Revolution und der Neuaufstellung der Universität Leipzig nach 1993.Elke Blumenthal: Zur Geschichte der Sammlung. Mainz 1997, S. 13–15.
Das Museum seit 1990 mini|hochkant=0.7|Interims-Standort zwischen 2003 und 2010 in der Burgstraße 21
Von 1999 bis 2020 führte Hans-Werner Fischer-Elfert (* 1954) das Ägyptologische Institut und das Museum, seit 2020 leitet Holger Kockelmann (* 1973) beide Institutionen. Im November 2002 musste das Museum seine bisherigen Räumlichkeiten in der Schillerstraße verlassen und in einen Interims-Standort in der Burgstraße 21 umziehen. Die Wiedereröffnung fand im Februar 2003 statt.Friederike Seyfried: Erfolgreicher Einstand. In: aMun. Magazin für die Freunde der ägyptischen Museen. Band 17, 2003, S. 40–41. Im April 2010 erfolgte schließlich der Umzug an den neuen, dauerhaften Standort im Krochhochhaus am Augustusplatz, wo die neue Dauerausstellung im Juni 2010 eingeweiht wurde.Kerstin Seidel, Susanne Töpfer: Endlich angekommen … Das Ägyptische Museum – Georg Steindorff – an seinem neuen Standort. In: aMun. Magazin für die Freunde der ägyptischen Museen. Band 44, 2012, S. 9–15.
Auf Beschluss des Berliner Verwaltungsgerichts vom 26. Mai 2011 musste die Universität Leipzig den Teil der 1936 von Georg Steindorff an die Universität zum Verkauf angebotenen Stücke an die Jewish Claims Conference übertragen, da es das Gericht als erwiesen ansah, dass Steindorff die Stücke unter Wert an die Universität verkaufte und ein Zwang aufgrund der damaligen Rechtssituation jüdischer Bürger nicht ausgeschlossen werden konnte. Die Universität Leipzig hat im Anschluss hieran den verfolgungsbedingten Entzug der Privatsammlung von Georg Steindorff anerkannt. In einer außergerichtlichen Einigung übertrug die Jewish Claims Conference am 22. Juni 2011, ganz im Sinne des in den USA lebenden Enkels Thomas Hemer, der sich für den Verbleib der Stücke in Leipzig eingesetzt hatte, das Eigentum in vollem Umfang an die Universität zurück. Die Universität wiederum verpflichtete sich, dem Andenken von Georg Steindorff an prominenter Stelle im Museum Platz zur Verfügung zu stellen und gerade auch bei Führungen für Kinder und Jugendliche auf das Schicksal der Familie von Georg Steindorff, dessen Schwester 1942 in Bernburg vergast worden war, hinzuweisen. Die Steindorff-Sammlung kann somit in Leipzig verbleiben und weiterhin im Sinne ihres Gründers für die akademische Lehre und die interessierte Öffentlichkeit genutzt werden.Universität Leipzig: Steindorff-Sammlung bleibt an Universität Leipzig. 22. Juni 2011, abgerufen am 10. Oktober 2014.
Kustoden der Sammlung Renate Krauspe (1978–1999) Friederike Seyfried (1999–2009)