mini|Bruno Doehring in den 1920er Jahren Bruno Doehring (* 3. Februar 1879 in Mohrungen; † 16. April 1961 in West-Berlin) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Pfarrer. Als Prediger am Berliner Dom in den Jahren von 1914 bis 1960 wurde er in der evangelischen Kirche Berlins zu einer populären Gestalt. Kirchlich vertrat er eine streng konservative Position. Er zeigte sich bis weit ins Dritte Reich hinein kaisertreu. In der Weimarer Republik war er Mitgründer und Führer der Deutschen Reformationspartei. Von September 1930 bis Juni 1933 saß er für die DNVP im Reichstag. An der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin war er von 1923 bis 1940 Dozent für evangelische Theologie, von 1946 bis 1960 Professor für praktische Theologie.
Leben und Wirken Hof- und Domprediger bis 1918 Doehring wurde als Sohn eines ostpreußischen Bauern geboren.Christoph Weiling: Die „Christlich-deutsche Bewegung“: eine Studie zum konservativen Protestantismus in der Weimarer Republik (= Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte, Band 28). Vandenhoeck & Ruprecht, 1998, ISBN 978-3-525-55728-0.Wilhelm Heinz Schröder: Bruno Doehring. In: Biographien deutscher Parlamentarier 1848 bis heute (BIOPARL); Abgeordnete in der Nationalversammlung und den deutschen Reichstagen 1919–1933 (BIORAB–WEIMAR), Zentrum für Historische Sozialforschung (ZHSF), Köln, online 2006 Nach dem Besuch der Volksschule in Mohrungen und des königlichen Gymnasiums in Elbing studierte er Theologie an Universität Halle-Wittenberg, der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und der Universität Königsberg. Während seines Studiums wurde er 1900 Mitglied der Sängerschaft Salia Halle.Paul Meißner (Hrsg.): Alt-Herren-Verzeichnis der Deutschen Sängerschaft. Leipzig 1934, S. 67. Im Jahr 1906 wurde Doehring Pfarrer in Tiefensee in Ostpreußen, wo er eine Familie gründete und der Sohn Johannes zur Welt kam, und 1908 Pfarrer in Fischau in Westpreußen. Nach seiner Promotion 1911 erlangte Doehring durch seine Auseinandersetzung mit Arthur Drews die Aufmerksamkeit Georgs zu Dohna (1852–1912), der ihn als Pfarrer auf seinem Schloss Finckenstein anstellte. Zu Doehrings Sprengel gehörte auch der Besitz des konservativen Politikers Elard von Oldenburg-Januschau, dem er freundschaftlich verbunden blieb. Nach Dohnas Tod übernahm Doehring die Leitung des Predigerseminars in Wittenburg. Aus ungeklärtem Grund bestellte Kaiser Wilhelm II. Doehring für den 1. April 1914 zu einer Probepredigt zwecks Besetzung der vakant gewordenen vierten Stelle als Hof- und Domprediger in den Berliner Dom. Nach der Predigt verlieh Wilhelm begeistert die Stelle an Doehring und verzichtete damit auf die Probe des Konkurrenzkandidaten Otto Dibelius.
Einer breiten Öffentlichkeit wurde Doehring durch einen Gottesdienst unter freiem Himmel bekannt, den er anlässlich des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs am 2. August 1914 auf den Stufen des Reichstagsgebäudes vor mehreren zehntausend Gläubigen zelebriert hatte. Darin zitierte er einseitig Otto von Bismarck:Bismarcks Mahnung von 1888, sich nicht in Konflikte hineinziehen zu lassen Rede vor dem Reichstag am 6. Februar 1888 „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!“ Tatsächlich hatte Bismarck damals gemahnt, Deutschland als eine „gesättigte Nation“ müsse es vermeiden, in gefährliche Koalitionen und Konflikte verwickelt zu werden. Doehring dagegen machte nun geltend, der deutsche Kaiser sei durch Gott zum Kreuzzug aufgerufen: „Ja, wenn wir nicht das Recht und das gute Gewissen auf unserer Seite hätten, wenn wir nicht – ich möchte fast sagen handgreiflich – die Nähe Gottes empfänden, der unsere Fahnen entrollt und unserm Kaiser das Schwert zum Kreuzzug, zum heiligen Krieg in die Hand drückt, dann müssten wir zittern und zagen.“ Doehring bot häufig gleich nach dem Gottesdienst den Text seiner Predigten als Drucke an; diese Predigt fand in gedruckter Form besonders weite Verbreitung.Abgedruckt und kommentiert bei Hans-Joachim Schwager: 1789 – 1813 – 1914 – 1939. In: Korrespondenzblatt Evangelischer Schulen und Heime, 2, März/April 1989. Bielefeld 1989, S. 29–33. Doehring reihte sich damit ein in die Zahl der Vertreter vaterländischer „Kriegstheologien“ wie Reinhold Seeberg, Ludwig Wessel, Paul Althaus, Emanuel Hirsch und Otto Dibelius.Manfred Gailus: Protestantismus und Nationalsozialismus in der Kriegs- und Zwischenzeit 1914–1945. In: Berndt Hamm, Harry Oelke, Gury Schneider-Ludorff (Hrsg.): Spielräume des Handelns und der Erinnerung: Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und der Nationalsozialismus (= Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, Band 50; Reihe B: Darstellungen). Vandenhoeck & Ruprecht, 2010, ISBN 978-3-647-55768-7, S. 19 ff.
Als Prediger verband Doehring Wortgewalt mit Bildung und Volkstümlichkeit, wobei er „Sentimentalität bis hin zum Kitsch“ nicht scheute.Wilhelm Hüffmeier: Die Hof- und Domprediger als Theologen. In: Plöse (siehe Literaturliste), S. 139–154 Er sah seinen Predigtauftrag „immer als ein Konkretum, niemals als ein Abstraktum“ und wollte wie Martin Luther den öffentlichen Problemen seiner Zeit niemals ausweichen.Lebensweg, S. 143ff.
Doehring, der die während des Krieges wachsende Unzufriedenheit und Friedenssehnsucht ignoriert hatte, wurde von den revolutionären Volksunruhen des Jahres 1918 vollkommen überrascht; er verurteilte den Januarstreik. Dessen Führer nannte er „feile und feige Kreaturen, die den Altar des Vaterlands meuchlings mit Bruderblut entweiht“ hätten. Man habe den Streikenden „die Mordwaffe in die Hand gedrückt und sie den Brüdern, die noch vor dem Feinde liegen, in den Rücken fallen“ lassen. Damit nahm Doehring die Idee der Dolchstoßlegende vorweg, die von militärischer Seite erst seit Ende des Jahres vor allem durch Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg öffentlich propagiert wurde.
1919 bis 1933 mini|Führer des Stahlhelm (links), der SA und der SS (rechts) bei Doehrings (hinten) Predigt am 11. Oktober 1931, dem zweiten und letzten Tag der Harzburger Front mini|Berlin, 12. Dezember 1933. Bruno Doehring im Talar rechts neben Reichspräsident Hindenburg beim Verlassen des Doms nach dem Gottesdienst für die evangelischen Abgeordneten des im November 1933 gewählten Reichstags; Links Reichsbischof Ludwig Müller. Die Domgemeinde, in starkem Maße zusammengesetzt aus Angehörigen der preußischen Beamtenschaft und dem Hof nahestehender Kreise, bot dem Domprediger Doehring, verbunden mit der Funktion des Berliner Doms als einem repräsentativen Feierort des Staates, die Gelegenheit, seine Vorstellungen mitten in der deutschen Hauptstadt unüberhörbar zur Geltung zu bringen. Politisch hatte Doehring bereits im Dezember 1918 die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) durch einen Wahlaufruf unterstützt.
Die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die folgende Novemberrevolution erklärte sich Doehring mit einem Abfall des deutschen Volkes vom rechten christlichen Glauben. „Nicht Gott hat unser Volk verlassen, sondern unser Volk hat ihn verlassen.“ Als Hauptverantwortliche dafür galten ihm die katholische Kirche, der Liberalismus und die sozialistische Arbeiterbewegung und der Kommunismus. Eine Wiederauferstehung der Deutschen könne nur durch Rückbezug auf innerste Werte geschehen, auf die Wurzeln „wahren Deutschtums“. Die Rettung erblickte er in einer zeitgemäßen Reformation nach dem Vorbild Luthers.
Die Folgen der Novemberrevolution kritisierte er als „Entchristlichung“ und damit als „Entseelung“ des politischen Systems. Er machte in Reden vor Parlamentariern klar, dass er die Demokratie ablehnte. In ihr werde „man auf den ebenso end- wie heillosen Weg der Kompromisse gedrängt“, die „satanische Fratze der Zufallsmehrheit [erhebe] sich hohnlachend über weittragenden Entschlüssen“.Jonathan Richard Cassé Wright: „Über den Parteien“: die politische Haltung der evangelischen Kirchenführer 1918–1933. In: Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe B, Band 2. Vandenhoeck & Ruprecht, 1977, ISBN 978-3-525-55702-0. Seine tagesaktuell zugespitzten Predigten riefen daher wiederholt Kritik in der demokratischen Presse und öffentliche Missfallensäußerungen prominenter Persönlichkeiten hervor. So bemerkte Gustav Stresemann in ihnen „nicht … Ausdruck christlicher Nächstenliebe, sondern … bis zur Ekstase gesteigerte[n] Abneigung gegen Andersdenkende“Stresemannzitat bei Gerhard Besier: Der Dom ohne Kaiser. Der Dom in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. In: Pöse, S. 197–209, hier S. 200. und Karl Barth nannte Doehring 1924 einen „elenden Windbeutel“ und „theologischen Hanswurst“.
1923 erhielt Doehring nach Habilitation an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin die Lehrbefähigung in evangelischer Theologie. Daraufhin war er dort von 1923 bis 1940 im Nebenamt Privatdozent für evangelische Theologie, danach bis 1946 Lehrbeauftragter.
Im Jahre 1924 übernahm Doehring den Vorsitz des Evangelischen Bundes zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen (EB). Die Aufgabe dieses anti-katholischen und anti-semitischen Bundes sah er darin, „die deutsche Volksseele, die unter jüdisch-ultramontaner Zwangsvormundschaft“ stehe, zu „befreien“.Zit. bei Hans-Joachim Schwager: 1789 – 1813 – 1914 – 1939. In: Korrespondenzblatt Evangelischer Schulen und Heime, 2, März/April 1989. Bielefeld 1989, S. 30. Im Jahr 1927 entstand in diesem Sinn nach Doehrings Idee und Drehbuch der Spielfilm Luther – Ein Film der deutschen Reformation. Doehrings Engagement fand nicht die einhellige Zustimmung der Bundesbrüder. Die von ihm propagierte kritiklose Verbundenheit mit dem abgedankten Kaiserhaus, seine starre Feindschaft zur katholischen Kirche und antisemitische Untertöne trugen zur zunehmenden Isolation der evangelischen Kirche in der deutschen Gesellschaft, besonders gegenüber der Arbeiterschaft und dem bürgerlich geprägten Lager der Demokratie bei. Einem politisch immer dringender werdenden überkonfessionellen Zusammenwirken mit staatserhaltenden katholischen Kräften, die sich in der Annäherung von Zentrum und DNVP seit der Jahreswende 1926/27 abzeichnete, verweigerte sich Doehring. Insoweit stand er sogar im Widerspruch zu Kaiser Wilhelm II., der ihn über Dritte aufforderte, zugunsten des Kampfes „gegen Jehuda“ seine „antirömische Politik einzudämmen“. Nach den Austritten Adolf von Harnacks und Otto Baumgartens gipfelten die Auseinandersetzungen um den Kurs des EB mit dem Rücktritt Doehrings im Februar 1927.
Daraufhin gründete Doehring den Lutherring für aktives Christentum auf reformatorischer Grundlage. Aus ihm ging im Januar 1928 unter seiner Führung die Deutsche Reformationspartei hervor, um nach seinen Worten der „heillosen Zersplitterung der nationalen Kräfte … Einhalt zu gebieten“.Zitat und weiteres bei Herbert Gottwald: Deutsche Reformationspartei (DReP) 1928. In: Dieter Fricke in Zusammenarbeit mit Manfred Weißbecker, Siegfried Schmidt, Herbert Gottwald und Werner Fritsch (Hrsg.): Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945) (4 Bände). VEB Bibliographisches Institut Leipzig, Leipzig 1984, Band 2, Deutsche Liga für Völkerbund – Gesamtverband der christlichen Gewerkschaften Deutschlands, S. 60–62, hier S. 61. Das konsequent antimoderne, monarchistische und deutsch-nationale Parteiprogramm fand selbst im evangelischen Lager wenig Resonanz. An der Reichstagswahl 1928 nahm die Reformationspartei zusammen mit der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung (DVFB) im Völkisch-nationalen Block teil, dem mit 266.000 Stimmen (0,87 %) der Einzug in den Reichstag versagt blieb. Anlässlich der Reichstagswahl 1930 schloss sich Doehring in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Lutherrings der DNVP an und gewann ein Mandat im Wahlkreis Chemnitz-Zwickau, das er in den vier Legislaturperioden von September 1930 bis Juni 1933 innehatte. Beim Zusammentritt der Harzburger Front am 11. Oktober 1931 zelebrierte Doehring einen Feldgottesdienst.
1933 bis 1945