mini|hochkant|Georg Zülch (um 1914)

Karl Georg Heinrich Friedrich Wilhelm Otto Fürchtegott Zülch (* 19. Juli 1870 in Carlshafen, Kreis Hofgeismar, Provinz Hessen-Nassau; † 31. August 1942 in Groß Grabow, Landkreis Güstrow, Mecklenburg) war ein deutscher Verwaltungsjurist und Politiker (DNVP). Er war von 1908 bis 1932 das Stadtoberhaupt von Allenstein in Ostpreußen. Vom 6. Dezember 1932 bis zum 1. Februar 1933 war er Mitglied des Reichstages.

Leben Kindheit Karl Georg Zülch wurde als Sohn des Zigarrenfabrikanten Karl Zülch (1828–1872) und dessen Ehefrau Bertha geb. Schirmer (1835–1875) am Tag des Ausbruchs des Deutsch-Französischen Krieges geboren. Er verlor beide Eltern im Vorschulalter und wurde zusammen mit seinen vier älteren Geschwistern bei einem Bruder seiner Mutter in dem hessischen Dorf Kerspenhausen aufgezogen, wo sein Onkel Pfarrer war. Weil er sich als Mitglied der Renitenten Kirche nach dem Deutschen Krieg und den preußischen Gebietsannexionen von 1866 weigerte, den preußischen König als obersten Kirchenherrn anzuerkennen, hatte Zülchs Onkel seine Bezüge als Kirchenbeamter verloren und eine antipreußische Gesinnung verinnerlicht. Die Familie, die neben den fünf Waisenkindern noch zahlreiche eigene Kinder versorgen musste, lebte in dementsprechend ärmlichen Verhältnissen. Georg Zülch wurde als kleiner Bub im Dorf auch „das arme Milchjingle“ genannt, weil es zu seinen Aufgaben gehörte, bei den Bauern täglich die Milch für die Pfarrersfamilie einzusammeln. In der Schule verweigerte der Junge bei der ersten Sedanfeier das Hoch! auf Kaiser Wilhelm und Bismarck.Heinz-Jörn Zülch: Dreißig Jahre für Allenstein. In: Ostpreußenblatt, Jg. 18, Nr. 35 (2. September 1967), S. 17.

Ausbildung und Werdegang Nach dem Besuch der Volksschule kam Georg Zülch mit zwölf Jahren auf das Alumnat in Höxter und besuchte das dortige Gymnasium, wo er 1888 die Reifeprüfung bestand. Er nahm ein Studium der Rechtswissenschaft, Volkswirtschaft, Philosophie und Geschichte an den Universitäten in Marburg und Greifswald auf und wurde 1889 Mitglied der Marburger Burschenschaft Germania.Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 567. Nach dem Studium setzte er die Beamtenausbildung im preußischen Justizdienst fort und war am Oberlandesgericht Stettin, wo er 1891 die Referendarprüfung ablegte, und anschließend als Gemeindeanwalt in Northeim tätig. 1897 legte er in Berlin das Examen als Gerichtsassessor ab. Im August desselben Jahres wurde er zum Bürgermeister der Stadt Wilster gewählt und am 23. Oktober 1897 durch den Landrat von Steinburg in sein Amt eingeführt.1897–1903 Georg Zülch – Bürgermeister der Stadt Wilster. Onlineveröffentlichung auf mein-wilster.de, 13. Dezember 2020, abgerufen am 17. Februar 2021.

Aufstieg zum Oberbürgermeister mini|Das in Zülchs Amtszeit erbaute Rathaus in Olsztyn

Im Oktober 1902 wurde Georg Zülch auf Vermittlung des Stadtverordnetenvorstehers Karl Roensch zum Zweiten Bürgermeister der Stadt Allenstein in Ostpreußen gewählt. Sein Amtsvorgänger, Bürgermeister Pfeiffer, war nach kurzer Anstellung an Typhus verstorben.Meldung der Indiana Tribüne, Band 26, Nr. 41 (2. Oktober 1902), S. 6. Im Januar 1903 zog er nach Allenstein und trat in die dortige Stadtverwaltung ein. 1908 wurde er als Nachfolger von Oskar Belian zum Ersten Bürgermeister gewählt. Er wurde durch den Regierungspräsidenten Hans von Hellmann am 2. November 1908 in sein Amt eingeführt und stand 24 Jahre lang an der Spitze der Stadt.

Nach der maßgeblich von Zülch betriebenen Erhebung Allensteins zum Stadtkreis am 1. April 1910 und der erfolgreichen Ausrichtung einer Gewerbeausstellung, die vom 28. Mai bis zum 24. September 1910 unter der Schirmherrschaft von Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen in Allenstein stattfand,Ernst Vogelsang: Die Gewerbeausstellung in Allenstein 1910 – nur ein lokales Ereignis? In: Allensteiner Heimatbrief Nr. 249 (PDF; 5,4 MB) (Sommer 2010), Stadtgemeinschaft Allenstein, Gelsenkirchen 2010, S. 11–19. wurde ihm auf seinen Wunsch am 25. August desselben Jahres anlässlich eines Kaiserbesuchs in Königsberg von König Wilhelm II. der Amtstitel eines Oberbürgermeisters verliehen, der ihm als Alternative zur Verleihung des Schwarzen Adlerordens angeboten worden war.

Ebenfalls im Jahr 1910 wurde das unter seiner Federführung auf dem Grundstück des alten katholischen Friedhofs erbaute neue Rathaus von Allenstein bezogen, in dem die bis dahin über das Stadtgebiet verstreuten Verwaltungsstellen zusammengeführt wurden. Auch der Bau eines Feuerwehrhauses, mehrerer städtischer Schulen und Heime sowie der Aufbau der Müllabfuhr und der seit 1907 betriebenen Straßenbahn Allenstein erfolgten unter Zülchs Leitung. 1911 wurde er als Vertreter des Stadtkreises Allenstein in den Provinziallandtag der Provinz Ostpreußen entsandt. Am 5. Februar 1913 wurde ihm das Recht verliehen, die Goldene Amtskette zu tragen. Er gehörte dem Vorstand des Deutschen und Preußischen Städtetages an und war Ehrenmitglied vieler bürgerlicher Vereine.

Krieg, Revolution und Abstimmungszeit mini|Postkartenbild aus Alleinstein, im Hintergrund das Eisenbahnviadukt (um 1900)

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Allenstein während der später so benannten Schlacht von Tannenberg für kurze Zeit (27.–29. August 1914) kampflos von der russischen Zweiten Armee besetzt. Ein großer Teil der Einwohnerschaft war geflohen, was die Beschaffung von Lebensmitteln für die Besatzungstruppen erschwerte. Das Verhandlungsgeschick und besonnene Verhalten Karl Georg Zülchs gegenüber den russischen Befehlshabern, womit er unter anderem die Sprengung der Eisenbahnbrücke Allenstein in unmittelbarer Nähe des Schlosses verhindert haben soll, trug zu seinem Ansehen bei. Er wurde dafür mit dem Eisernen Kreuz für Nichtkombattanten ausgezeichnet. Später wurden ihm auch das Verdienstkreuz für Kriegshilfe, die preußische Rote Kreuz-Medaille und das preußische Feuerwehr-Ehrenzeichen verliehen.

Nach der Novemberrevolution 1918 musste Zülch sein Amt zeitweise unter Aufsicht des revolutionären Volksrates ausüben. Er schloss sich der neu gegründeten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) an, die die rechtsgerichteten bürgerlichen Kräfte vertrat und in den Anfangsjahren der Weimarer Republik mit regelmäßig mehr als 50 % der Stimmen die stärkste politische Kraft in Ostpreußen bildete,Ralph Giordano: Ostpreußen ade. Reise durch ein melancholisches Land. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1994, ISBN 3-462-02371-3, S. 52. das als Hochburg der konservativen Reaktion galt.Andreas Kossert: Ostpreussen. Geschichte einer historischen Landschaft. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-66980-4, S. 72. Die im Frühjahr 1919 durchgeführten Neuwahlen zur Stadtverordnetenversammlung führten trotz der inzwischen erfolgten Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts nicht zur Umkehr der politischen Verhältnisse in der Stadt. Allerdings schied der langjährige Stadtverordnetenvorsteher und Weggefährte Zülchs, der Fabrikbesitzer Karl Roensch, im Februar 1919 aus der Stadtpolitik aus und starb zwei Jahre später.Anton Funk: Wegbereiter des modernen Allenstein. In: 650 Jahre Allenstein 1353–2003 (= Allensteiner Heimatbrief Nr. 235), Stadtgemeinschaft Allenstein, Gelsenkirchen 2003, S. 59–66 (hier: S. 62 f.). Überlegungen Zülchs, sein Amt aufzugeben und den ihm Ende 1919 angebotenen Posten im Aufsichtsrat einer großen Versicherungsgesellschaft in Berlin anzunehmen, führten im Januar 1920 zu einer Gehaltserhöhung durch die Stadtverordnetenversammlung. Bei der vorzeitig angesetzten Neuwahl des Oberbürgermeisters zum Ablauf seiner 12-jährigen Amtsperiode wurde er am 16. Januar 1920 für weitere 12 Jahre wiedergewählt.

Am 12. Februar 1920 traf die Interalliierte Kommission in Allenstein ein, die in der Zeit der Abstimmung über den Verbleib Allensteins und Masurens beim Deutschen Reich die hoheitlichen Funktionen im Abstimmungsgebiet ausübte. Auf Anweisung der Kommission musste Zülch das Abstimmungsgebiet verlassen, nachdem er am 7. März 1920 eine vom polnischen Generalkonsul gehisste polnische Flagge hatte entfernen lassen, wobei es zu Tumulten gekommen war. Als Regierungskommissar beaufsichtigte er in der Zeit seiner Ausweisung in Pillau die Einreise der Abstimmungsberechtigten, die auf dem Seeweg in das Abstimmungsgebiet kamen. Noch am Tag der für die deutschgesinnte Bevölkerungsmehrheit höchst erfolgreichen Abstimmung am 11. Juli 1920 kehrte er nach Allenstein zurück und wurde von der Bevölkerung gefeiert. mini|Mitglieder der interalliierten Kommission in Allenstein während der Volksabstimmungszeit

Deutschnationale Kulturpolitik Als Kommunalpolitiker stellte Zülch angesichts der Wirren der Umbruchszeit das Ethos des pflichttreuen und im Deutschtum verwurzelten preußischen Beamten als Vorbild für die Lösung politischer Probleme in den Mittelpunkt seiner Rhetorik. 1923 gehörte er zu den Mitgründern des Schutzvereins für die geistigen Güter Deutschlands, einer im Umfeld des alldeutschen Parteiflügels von Alfred Hugenberg angesiedelten nationalistischen Kulturkampforganisation.Jürgen Gimmel: Die politische Organisation kulturellen Ressentiments. Der „Kampfbund für deutsche Kultur“ und das bildungsbürgerliche Unbehagen an der Moderne (= Schriftenreihe der Stipendiatinnen und Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, Band 10). Lit Verlag, Münster/Hamburg 2001, ISBN 3-8258-5418-3 (zugl. Diss., Siegen 1999), S. 361, Anm. 11. Nach Hugenbergs Aufstieg zum DNVP-Vorsitzenden im Ergebnis des parteiinternen Rechtsrucks vom Herbst 1928 wurde der Schutzverein und sein Mitteilungsblatt für den Kampf des deutschnationalen Lagers in Konkurrenz zur NSDAP gegen den sogenannten Kulturbolschewismus eingesetzt.Björn Laser: Kulturbolschewismus! Zur Diskurssemantik der „totalen Krise“ 1929–1933. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-59416-2, S. 110.

Zusammen mit dem neuen Stadtverordnetenvorsteher, Hilfsschulrektor Anton Funk (1867–1956), sowie dem Regierungspräsidenten Matthias von Oppen und privaten Stiftern förderte Zülch den von dem deutschnationalen Agitator der Abstimmungszeit, Max Worgitzki, initiierten Bau eines Landestheaters für Südostpreußen mit 700 Plätzen, mit dem vor allen Dingen die Erinnerung an den Erfolg der Volksabstimmung wachgehalten werden sollte. Die Stadt stiftete das Baugrundstück für das am 29. September 1925 mit einer Aufführung des Faust eingeweihte Treudank-Theater,Helmut Kunigk: Kulturelles Leben im südlichen Ermland. In: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands. Band 43 (1985), S. 87–118 (hier: S. 103). benannt nach der preußischen Stiftung Der Treudank, die den Dank für die Treue der Bevölkerung zu Deutschland zum Ausdruck bringen sollte.Ernst Vogelsang: Aus der Geschichte der Stadt Allenstein. In: 650 Jahre Allenstein 1353–2003 (= Allensteiner Heimatbrief Nr. 235), Stadtgemeinschaft Allenstein, Gelsenkirchen 2003, S. 7–22 (hier: S. 11, 17). Es ersetzte das ab 1915 entstandene Stadttheater und verstand sich ursprünglich als Gegenvorhaben zu dem (nicht realisierten) Projekt eines von staatlichen Stellen aus Warschau finanzierten polnischen Theaters in Olsztyn. Das Ensemble absolvierte etwa die Hälfte seiner Auftritte in Allenstein und spielte ansonsten in anderen Städten der Region.Helmut Kunigk: Kulturelles Leben im südlichen Ermland. In: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands. Band 43 (1985), S. 87–118 (hier: S. 93–105).