Prädikat (von , Partizip zu praedicare „ausrufen, rühmen“), in der traditionellen Grammatik auch Satzaussage, bezeichnet in der deutschen Grammatik in der Regel den Kernbestandteil in einem Satz, von dem ergänzende Satzteile abhängen (die Satzglieder wie Subjekt, Objekt, Adverbial). Der Begriff Prädikat ist allerdings mehrdeutig, und es sind verschiedene Definitionen im Umlauf.

Ein Prädikat enthält meistens ein oder mehrere Verben, jedoch bezieht sich der Begriff Verb auf eine Wortart, hingegen Prädikat auf die grammatische Funktion, die Verben im Satz haben. Neben Verben können auch andere Wortarten beteiligt sein; in manchen Sprachen ist das Auftreten eines Verbs im Prädikat nicht einmal zwingend.

In der Schulgrammatik besteht oft das Ziel, anschauliche Erklärungen des Prädikats anzubieten (etwa: „das Prädikat gibt an, was jemand tut“). Solche Erläuterungen fallen aber darauf zurück, die Bedeutung des Verbs zu beschreiben (und zwar nur des Vollverbs, bei dem es aber auch nicht immer um ein „Tun“ oder „Geschehen“ geht). Die Funktion namens Prädikat, die sich vielmehr in den verschiedenen Arten von Abhängigkeit der Satzglieder zeigt, ist jedoch nicht vollständig auf der Inhaltsebene erfassbar.

Begriff Das Prädikat ist generell der zentrale Bestandteil eines Satzes; Ausdrücke ohne Prädikat sind keine Sätze. Beispielsweise können die Wörter „Ja“ und „Nein“ als Antwort auf eine Frage alleinstehend geäußert werden; sie sind aber keine Sätze, sondern werden nur als Satzäquivalente bezeichnet.Siehe z. B. Roland Schäfer: Einführung in die grammatische Beschreibung des Deutschen. 3. Auflage. Language Science Press, Berlin 2018. ISBN 978-3-96110-116-0. Online frei zugänglich. S. 188.

Der Begriff Prädikat kommt allerdings je nach Tradition in zwei unterschiedlichen Bedeutungen vor:

• In der deutschen Grammatik bezeichnet man als Prädikat eine Einheit, die aus einem finiten Verb ggf. zusammen mit weiteren nicht-finiten Verben oder auch bestimmten Elementen anderer Wortart besteht. Die Einteilung sieht man am klarsten nicht in Hauptsätzen, sondern in Nebensätzen, weil dort typischerweise alle Prädikatsbestandteile am Satzende beieinander stehen (im Beispiel ist „hat“ die finite Verbform in der 3. Person Sg. Präsens und „spazieren“ sowie die Partizipform „geführt“ sind infinite Formen). … (Konjunktion) Adverbial Subjekt Objekt Prädikat …weil gestern niemand den Hund spazieren geführt hat Der entscheidende Punkt ist hier, dass mehrere Verben zuerst zu einer Einheit zusammengefügt werden („zusammengesetztes Prädikat“), bevor Ergänzungen wie Subjekt oder Objekt angeschlossen werden.Hierüber herrscht in der deutschen Grammatik incl. Grammatiktheorie breite Einigkeit, trotz einzelner anders strukturierter Darstellungen. Siehe insbesondere: Dudengrammatik 2009, S. 460 f. / Rand-Nr. 651. – Karin Pittner, Judith Berman: Deutsche Syntax. Ein Arbeitsbuch. 4. Auflage. Narr, Tübingen 2010, Kapitel 8.1. – Haider (2010), Kapitel 7.2. – Stefan Müller: Head-driven Phrase Structure Grammar. Eine Einführung. 3. Auflage. Stauffenburg, Tübingen 2013. Kapitel 15. Diese Eigenheit des Prädikatsbegriffs im Deutschen ist bei Sätzen mit nur einem Verb noch nicht sichtbar. – Im deutschen Hauptsatz können die Bestandteile des Prädikats getrennt auftreten, weil die finite Verbform nach vorne gestellt werden muss; die Bestandteile zählen dennoch weiterhin als eine Einheit. Zum Beispiel: Vorfeld Prädikat (1. Teil) Adverbial Subjekt Objekt Prädikat (2. Teil) Es hat gestern niemand den Hund spazieren geführt

Nach diesem Verständnis des Begriffs Prädikat kann man sagen, dass das Prädikat ein Satzteil ist, dem alle Satzglieder gesammelt gegenüberstehen und von dem sie grammatisch abhängen (also hier als Adverbial, Subjekt oder Objekt zu diesem Prädikat).Dudengrammatik 2009, S. 844 / Rand-Nr. 1309 f. Insofern ist also das Prädikat der Kernbestandteil eines Satzes, und der Gesamtsatz kann vom Prädikat her aufgebaut werden. In Grenzfällen kann ein Satz auch allein aus einem Prädikat bestehen (z. B. in Imperativen: „Komm!“).

• In anderen Traditionen, so in der englischen GrammatikRodney Huddleston, Geoffrey K. Pullum: The Cambridge grammar of the English language. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 2002. Siehe S. 20, 25, 26, 48.Bas Aarts, Liliane Haegeman: English Word Classes and Phrases. In: Bas Aarts, April MacMahon (eds.): The Handbook of English Linguistics. Blackwell, Oxford 2006, S. 117–145. Siehe v. a. S. 128, 136. und der formalen Linguistik,Siehe unter anderem das Lehrbuch von Irene Heim, Angelika Kratzer: Semantics in Generative Grammar. Blackwell Publishers, Malden (MA) & Oxford (UK), 1998, ISBN 0-631-19713-3. Dort wird in der Semantik jeder Ausdruck, der ein Individuenargument verlangt als (semantisches) Prädikat bezeichnet, entsprechend auch die VP, die in der Grammatik einem Subjekt gegenübersteht, vgl. isb. Kapitel 5.2.3 „Predicate abstraction“, S. 96 f. kommt auch ein Begriff vor, bei dem Prädikat das Verb zusammen mit allen Ergänzungen außer dem Subjekt bezeichnet (also in vielen Fällen eine Verbalphrase). Dies entspricht auch dem Prädikatsbegriff in der aristotelischen Logik und wird daher in Lateingrammatiken und traditionellen Grammatiken anderer Sprachen oft vorausgesetzt. Prädikat ist hier alles, was über das Subjekt ausgesagt wird („prädiziert wird“). Diese Variante ist also nicht nur grammatisch, sondern auch logisch motiviert, und nur sie ist es eigentlich, in der das Prädikat als „Satzaussage“ bezeichnet werden kann. Für eine englische Entsprechung des obigen Beispiels ergibt sich die folgende Unterteilung: Subjekt (Satzgegenstand) Prädikat (Satzaussage) PrädikatorSo (d. h. „predicator“) genannt in der englischen Grammatik: Rodney Huddleston, Geoffrey K. Pullum: The Cambridge grammar of the English language. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 2002. S. 48. Im Deutschen findet sich auch die Bezeichnung „Prädikatsverb“ (so Christian Lehmann: Skript „Syntaktische Funktionen“, abgerufen am 9. Februar 2022). Objekt Adverbial Nobody walked the dog yesterday

Zur Frage, warum im Englischen oft dieser andere Prädikatsbegriff verwendet wird, siehe den späteren Abschnitt #Deutsch und Englisch im Vergleich; der englische Satz hat in der Tat eine andere grammatische Aufteilung als der deutsche.

Das Prädikat im Deutschen

Dem heutigen Kenntnisstand der Sprachwissenschaft über die Satzstruktur des Deutschen entspricht die oben zuerst genannte Definition, die das Prädikat nur mit den eigentlich prädikativen Einheiten gleichsetzt, mit dem finiten Verb als Zentrum. In der Schulgrammatik war früher der Prädikatsbegriff an der zweiten, „aristotelischen“ Definition orientiert, er hat sich aber in letzter Zeit in Richtung der ersteren Konzeption gewandelt (wobei man manchmal sogar so weit geht, das Prädikat nur mit dem finiten oder dem valenztragenden Verb zu identifizieren).Matthias Granzow-Emden: Musterbildung in der Grammatik am Beispiel des Verbs. In: Birgit Mesch, Björn Rothstein (Hrsg.) (2015), S. 107–133. Siehe S. 121, Fußnote 27. – Einen prinzipiell gleichartigen Befund, bei jedoch oft wenig expliziten Angaben, ergibt die Sichtung von Sprachlehrwerken in: Birgit Mesch, Yvonne Dammert: Verbwissen in der Primarstufe, in demselben Sammelband, S. 1–43. Siehe hierfür vor allem S. 17 f. (Abschnitt 3.3.2) Die Bezeichnung „Satzaussage“ wurde dennoch meist beibehalten.

Finite und infinite Verben Traditionell wird in deutschen Grammatiken oft eine Bedingung ausgesprochen, dass ein Prädikat immer ein finites Verb enthalten müsse.Siehe z. B. Elke Hentschel (Hrsg.): Deutsche Grammatik ( = De Gruyter Lexikon). Walter de Gruyter, Berlin 2010. Stichwort „Prädikat“ S. 253 f. – Infinite Nebensätze werden in diesem Werk (S. 319, unter dem Lemma „Satz“) unter der Rubrik „Nebensatzäquivalente“ geführt, aber zugleich alternativ auch als „Infinitivsätze“ bezeichnet. Dies gerät jedoch in Widerspruch dazu, dass bestimmte Infinitivkonstruktionen als eigenständige Nebensätze einzustufen sindAusführlich zur Analyse als vollgültige Nebensätze: Wolfgang Sternefeld: Syntax. Eine morphologisch motivierte generative Beschreibung des Deutschen. 3. Auflage. Stauffenburg, Tübingen 2009, Band 1, S. 197 ff. (= Kapitel III.5.2 Infinitivische CPs). („satzwertiger Infinitiv“ bzw. inkohärente Konstruktion des Infinitivs). Wenn es Sätze sind, müssen sie Prädikate enthalten. In neuerer Literatur wird die Existenz von infiniten Prädikaten daher durchaus vorausgesetzt.Maria Averintseva-Klisch, Steffen Froemel: Der komplexe Satz. (= Linguistik und Schule, 13). Narr / Francke / Attempto, Tübingen 2022, ISBN 978-3-8233-8222-5. S. 11. Im Folgenden werden hier aber nur finite Sätze betrachtet. (Für ein Beispiel eines infiniten Nebensatzes siehe den Artikel Um-zu-Satz.)

Einfache und zusammengesetzte Prädikate

Das Prädikat kann im Deutschen aus einem Wort (einteiliges Prädikat) oder aus mehreren Wörtern bestehen (mehrteiliges Prädikat). Mehrteilige Prädikate können ausschließlich aus Verben oder auch aus Verben und anderen Wortarten bestehen.

Einteilige Prädikate Bei einteiligen Prädikaten liegt nur ein Verb vor, das ein Inhaltswort ist (Vollverb); dieses bestimmt auch, welche Satzglieder mindestens noch benötigt werden. Beispielsweise erfordert das Verb schlafen nur ein Subjekt, während das Verb geben je nach Kontext ein Subjekt und mindestens ein, meist aber zwei Objekte erfordert. Eine Besonderheit des Deutschen ist, dass auch Modalverben (wie müssen, dürfen) manchmal als einziges Verb benutzt werden können, wie unten im vierten Beispiel: „Du schläfst.“ „Die Band gab ein Konzert.“ „Er gab ihr einen Tipp.“ „Ich muss nachher noch in die Stadt.“

Im deutschen Aussagesatz steht ein solches einzelnes Verb als Prädikat dann in der Regel an zweiter Stelle im Satz, genauer gesagt in der Position der sogenannten linken Satzklammer. Diese Wortstellungsregel hängt allerdings nicht von der Funktion des Verbs als Prädikat ab, sondern von der Eigenschaft, finite Verbform zu sein (siehe im Artikel V2-Stellung #Herleitung von Verbzweitsätzen), und sie hängt außerdem noch vom Satztyp ab.

Sogenannte trennbare Verben werden nicht als einteiliges Prädikat bezeichnet, sondern als mehrteiliges,Elke Hentschel (Hrsg.): Deutsche Grammatik ( = De Gruyter Lexikon). Walter de Gruyter, Berlin 2010. Stichwort „Mehrteiliges Prädikat“ S. 178. auch wenn sie in gewissem Sinn ein einziges Wort darstellen. Der Grund ist die Verteilung auf zwei Positionen, genau wie bei den Beispielen der nachfolgenden Abschnitte: „Ich mache die Tür zu.“ („zumachen“ = „schließen“) Hier zeigt sich ebenfalls, dass in der Zweitposition nicht „das Prädikat“ als solches steht, sondern nur der finite Teil des Prädikats (oder sogar nur des Verbs). Nur bei einteiligen Prädikaten ist der Unterschied zwischen Finitum und Prädikat nicht sichtbar.

Mehrteilige Prädikate aus mehreren Verben Mehrteilige Prädikate, die nur aus Verben bestehen, enthalten neben dem Vollverb noch Hilfsverben oder Modalverben, selten auch ein weiteres Vollverb. Solche mehrteiligen Prädikate erscheinen im deutschen Aussagesatz (als Hauptsatz) auf zwei Positionen verteilt: Das finite Verb besetzt wiederum die zweite Position (linke Satzklammer), dies ist aber nun ein Hilfs- bzw. Modalverb; die übrigen Verben des zusammengesetzten Prädikats stehen getrennt davon, normalerweise in Endposition, in einer infiniten Form. Infinite Verben erscheinen niemals in der vorgezogenen Position der linken Satzklammer (in der Erstposition davor (Vorfeld) hingegen schon, siehe am Ende dieses Abschnitts).

Beispiele (finiter Prädiktatsteil fett und infinite Prädikatsteile kursiv gesetzt): „Ich habe es gefunden.“ zusammengesetztes Prädikat mit Vollverb und Perfekt-Hilfsverb habe „Man wird ja sehen.“ Vollverb mit Futur-Hilfsverb wird „Wir dürfen heute zum Glück ausschlafen.“ … mit Modalverb dürfen „Es wird wohl nicht genehmigt worden sein.“