mini|Diagonalsternuhr aus dem Mittleren Reich

Die Astronomie im Alten Ägypten ist die Astronomie der Antike im Alten Ägypten. Sie war untrennbar mit der ägyptischen Mythologie und Religion verbunden, weshalb auch die Bezeichnung „religiöse Astronomie“ verwendet wird. Im Gegensatz zur mesopotamischen stand nicht die Omen-Deutung und das Aufzeichnen von astronomischen Vorfällen im Mittelpunkt, sondern die Übertragung der göttlichen Himmelserscheinungen auf die Gottheiten und Menschen der Erde.

Der König (erst ab 1550 v. Chr. Pharao genannt) stellte in der Kosmologie das Bindeglied dar, der sich zu seinen Lebzeiten nicht mehr als normaler Mensch auf der Erde weilend sah. Er verstand sich als Empfänger der „göttlichen Befehle des Himmels“, die in seiner Verantwortlichkeit durch seinen Hofstaat ausgeführt werden mussten.

Die von den Ägyptern verfassten Astronomie-Texte hatten in der Ägyptologie lange Zeit keine wesentliche Beachtung gefunden. Die Gründe sind zu einem Teil bei den Ägyptologen selbst zu sehen, die in ihrer Erwartung enttäuscht wurden, klare Himmelsbeschreibungen wie in der mesopotamischen Astronomie präsentiert zu bekommen. Zudem sind die Niederschriften sehr anspruchsvoll und bedürfen bei ihrer Analyse der Einbeziehung der ägyptischen Mythologie.

Astronomisch-kosmologische Texte Probleme des Astronomieverständnisses Für die Forschung stand bislang meist der mathematische-wissenschaftliche Aspekt der Astronomie im Vordergrund. Da die Bestimmung von Sternen mit großen Schwierigkeiten verbunden war und der zeitliche Abstand zwischen den Daten und der Erstbezeugung meistens beträchtlich ist, entstand ein wenig vorteilhaftes Bild der ägyptischen Astronomie. Es spricht jedoch vieles dafür, dass die Ägypter eine für die damalige Zeit exakte und anwendbare Astronomie besaßen. Der Praxisbezug schlug sich immer in religiösen Texten nieder.

Astronomie-Historiker gestanden bereits im 18. Jahrhundert den altägyptischen Priesterastronomen einen hohen Wissensstand zu. Die Messgenauigkeit um 400 v. Chr. ermöglichte eine Bestimmung der genauen Jahreslänge zu 365,25 Tagen.Beispielsweise Abel Burja: Lehrbuch der Astronomie. 1787, S. IX: Die astronomischen Kenntnisse der ägyptischen Priester scheinen zwar bis zu einem sehr hohen Alterthume zurück zu reichen... Nur etwa 400 Jahre v.Chr. machten sie merklichere Fortschritte... Dass das Jahr, dem sie bisher nur 365 Tage gegeben hatten, 6 Stunden mehr enthalte. Sie entdeckten auch, dass Venus und Merkur sich um die Sonne bewegten, während diese ihren Kreis um die Erde beschrieb.

Hingegen wurden die kosmologischen Konzepte weder für den mathematischen Gebrauch noch für nachfolgende Generationen geschrieben, um Auskünfte über astronomische Künste der Verfasser zu geben. Dieser Sachverhalt wurde oft nicht beachtet, weshalb bisher auch kaum eine gegenseitige Kenntnisnahme der astronomisch-religiösen Texte unter den Ägyptologen betrieben wurde. Zusätzlich sind die relevanten Materialien oft verteilt und nur schwer greifbar, was von vornherein in der Vergangenheit für ein Desinteresse an der näheren Untersuchung entsprechender Motive in der Ägyptologie sorgte. Der Ägyptologe Ludwig Borchardt konnte aufgrund gefundener Fragmente und Sargausstattungen zuerst die Methoden der altägyptischen Zeitmessung analysieren und bemerkte, dass die Zeitmessung im Alten Ägypten vorwiegend auf astronomischen Beobachtungen basierte. Damit leitete er Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue Phase in der Forschung ein. Viele der ägyptisch-astronomischen Texte sind noch nicht bearbeitet und deshalb nicht publiziert.In jüngerer Zeit widmet sich eine neue Generation der Ägyptologen diesem Bereich, weshalb zukünftig mit einem verbesserten Verständnis und umfangreicheren Auswertungen zu rechnen ist.

Definition der religiösen Astronomie Götter können sowohl ähnlich wie Personen als auch als himmlische Wesenheiten auftreten. Ihr Wirken ist immer vom Rahmen der kosmischen Ordnung abhängig, die hier meist mit der Göttin Maat verbunden ist. Menschen, die sich nicht an die vorgegebene Ordnung hielten, bekamen den Zorn des Sonnenauges zu spüren. Zusätzlich bedienten sich die Götter der Chatiu-Dämonen und anderen gefährlichen Götterboten. Die Chatiu-Dämonen waren zugleich als Dekan-Sterne am Himmel und in der Unterwelt tätig. Gemeinsam mit Ipet-em-pet und Sopdet bewachten sie Seth, der als Sternbild Großer Bär am Himmel versuchte, dem toten Osiris in Verkörperung des Orion Schaden zuzufügen.

So gilt die Göttin Sopdet als Herrin der Dekane, die auch für die Geburt der toten Dekane zuständig ist, die siebzig Tage unsichtbar im Totenreich weilten, um danach neugeboren am Himmel zu erscheinen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass für Verstorbene der Wunsch geäußert wurde, unter die Chatiu versetzt zu werden. Auf dieser Grundlage wird die Einbindung der Diagonalsternuhren in den Särgen verständlich, da der Verstorbene als späterer Dekan-Stern in den Lebenszyklus der anderen Dekan-Sterne eingebunden war.

Gleichzeitig werden die Dekane mit den altägyptischen Gauen und den Mumifizierungsriten assoziiert. Der Verstorbene erhielt das Versprechen, sein Ba könne sich nach Belieben in einen Dekan-Stern verwandeln,Alexandra von Lieven: Grundriss des Laufes der Sterne – Das sogenannte Nutbuch. Kopenhagen 2007, S. 166; Serge Sauneron et al.: Rituel de l'embaumement, pap. Boulaq III, pap. Louvre 5.158. Imprimerie nationale, Kairo 1952, S. 24,12–25,1 sowie 29,5–8. der in diesem Zusammenhang ikonografisch als Vogel mit menschlichem Kopf dargestellt wurde. Dessen Funktionen waren vielfältig, konnte er doch entweder als Schutz-, Weisheits- oder Schicksalsgott auftreten. Insofern verbergen sich hinter den Dekan-Sternen zugleich altbekannte ägyptische Gottheiten.

Die mehrfach belegte Feststellung antiker Autoren, die Ägypter würden nur die Gestirne als Götter verehren, beruht auf einem Missverständnis. Die Ägypter verehrten nicht allein die Gestirne, sondern erkannten in den Sternen die auf der Erde wirkenden Gottheiten wieder und umgekehrt. Dazu benutzten sie astrale Deutungen und Darstellungen.

Wie in anderen frühen Kulturen zeigen auch die Ausrichtungen der Grabbauten nach Auf- und Untergangspunkten und die „Blickrichtung“ der Toten astronomische Bezüge sowie die Verbindung von Fruchtbarkeits- und Gestirnskulten.Jürgen Hamel: Geschichte der Astronomie: in Texten von Hesiod bis Hubble. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Magnus, Essen 2004, ISBN 3-88400-421-2, S. 13f.

Entwicklung der Himmelsvorstellungen Als ältester Beleg der ägyptischen Himmelsvorstellungen gilt der „Kamm des Königs Wadji“ aus der 1. Dynastie. Verzierungen von Decken mit einfachen Sternmustern sind erstmals in der Djoser-Pyramide (3. Dynastie) vorzufinden. Genauer fassbar wird die Kosmologie in den Pyramidentexten, die den Aufstieg des toten Königs zum Himmel schwerpunktmäßig zum Inhalt haben. Der Himmel galt als Ort der wichtigsten Gottheiten, die in ihrer Anfangsphase ikonografisch nur in Tiererscheinungen auftraten.

Die Sargtexte des Mittleren Reichs nahmen im Verlauf die Beschreibungen der himmlischen Sphäre aus den Pyramidentexten dekorativ auf. Besonders auffällig treten nun die Diagonalsternuhren auf den Innenseiten der Sargdeckel in Erscheinung. Einzigartig ist bislang die Himmelsdarstellung im Sarg des Heni, die auch später noch in den Gräbern des Neuen Reiches vorzufinden ist. Generell lässt sich die früher angewendete strikte Trennung von Sarg- und Pyramidentexten nicht mehr aufrechterhalten, da sich die Übergänge fließend gestalten und auch später Motive des Alten Reiches vorzufinden sind.Alexandra von Lieven: Der Himmel über Esna. Eine Fallstudie zur religiösen Astronomie in Ägypten am Beispiel der kosmologischen Decken- und Architravinschriften im Tempel von Esna. Wiesbaden 2000, S. 12.

Unter Sesostris III. widmete man sich der Neustrukturierung des sogenannten Nutbuches, das die Ägypter „Grundriss des Laufes der Sterne“ nannten und dessen Anfänge in die Thinitenzeit datiert (Anfang des dritten Jahrtausends v. Chr.) wird.Christian Leitz: Studien zur ägyptischen Astronomie. Wiesbaden 1991, S. 49. Die archäologische Fundlage ist für das Neue Reich in den Tempeln und Gräbern wesentlich besser als in der Vorzeit belegt. Ob die Beschäftigung mit den Phänomenen des Himmels in dieser Zeit intensiviert wurde, kann daraus jedoch nicht geschlossen werden. Nach wie vor waren Wissenschaft und Religion weiter als eine Einheit verbunden. Die neu erfundenen Wasseruhren schmückten als Ergänzung die astronomischen Darstellungen. Ähnliche kosmologische Bezüge sind in den Tagewählkalendern vorhanden.

mini|Astronomische Kalendereinteilung im Grab des Senenmut

In den Königsgräbern tauchen erstmals die Bücher vom Tag und Buch der Nacht ebenso wie das Nut-Buch auf. Die Fortführung von kosmologischen Varianten ist in der dritten Zwischenzeit festzustellen, die sich in diesem Zusammenhang besonders häufig auf das Geb-Nut-Motiv konzentrierten. Die Tempel und Gräber der Spätzeit sind meist so zerstört, dass kaum sichere Aussagen des weiteren Verlaufs möglich sind. Zusätzlich fehlen fast gänzlich erhaltene Papyri. Jedoch zeigen die wenigen erhaltenen Gräber der 25. und 26. Dynastie sowie Särge der letzten einheimischen Dynastien bis in die Ptolemäerzeit weiter die große Beliebtheit von astronomischen Motiven in Verbindung mit den Himmelsbüchern.

Zunehmend sind im sechsten Jahrhundert v. Chr. Einflüsse in den Himmelsdarstellungen mit divinatorischem Hintergrund zu bemerken, was sicherlich mit dem Einzug des Zodiaks aus Babylonien im Zusammenhang stand. Der intensive Kontakt mit der nubischen 25. Dynastie transferierte ägyptische Vorstellungen bis nach Meroe. In der griechisch-römischen Zeit sind wieder besonders vielzählige Funde von Himmelsvorstellungen in den Tempeln verzeichnet. Neben astrologischen Texten fanden auch unverändert die Himmelsbücher Anwendung.

Mit dem Ende der pharaonisch-ägyptischen Kultur sowie dem Verfall der ägyptischen Tempel verschwanden auch zumeist die Himmelsvorstellungen, die sich nur noch rudimentär in der koptischen Liturgie wiederfinden oder sich in Einzelfällen bis in die Renaissance retten konnten, ehe sich in arabischer Zeit die Spuren verlieren.

Die kosmologische Schöpfung mini|Die Himmelskuh Die Vorstellungen über das Entstehen der Welt sind im Neuen Reich erstmals dekorativ auf den Tempel- und Grabwänden dargestellt. In der Grabanlage von Ramses III. schmückten Auszüge aus dem Pfortenbuch und dem Buch von der Erde die Sarkophaghalle, im Seitenraum Szenen vom Buch von der Himmelskuh, aus dem die Priester jeweils an den Tagen des Neu- und Vollmonds unter anderem die kosmologische Schöpfung rezitierten:

Astronomische Konstellationen hochkant=1.35|mini|Um 2800 v. Chr. repräsentierte Thuban (Alpha Draconis) den Himmelspol. Anfang des vierten Jahrtausends v. Chr. herrschten im Alten Ägypten andere astronomische Konstellationen als beispielsweise im 20. Jahrhundert. Wegen der Präzession war der heutige Polarstern weit vom Himmelspol entfernt und gehörte noch nicht zu den Zirkumpolarsternen. Im Nildelta blieb er erst ab 3733 v. Chr. durchgehend am Himmel sichtbar und in Elephantine ab 2326 v. Chr. Den Himmelspol repräsentierte um das Jahr 2830 v. Chr. der Stern Thuban im Sternbild Drache.

Die Zuordnung des Sternbildes „Stierschenkel“ zum Wüstengott Seth kann erst ab dem Alten Reich erfolgt sein, da die ihm zugeschriebene mythologische Rolle vorher astronomisch nicht gegeben war. Bemerkenswert ist der Umstand, dass das Sternbild des Seth in der altägyptischen Dynastiegeschichte als einzige Konstellation des Himmels nicht unterging.

Zur Zeitbestimmung bei Nacht benutzte man zwölf zirkumpolare Nachtsterne, wobei die Länge des jeweils ersten und letzten Zeitabschnitts der Jahreszeit angepasst wurde.