Valery Tscheplanowa (* 7. März 1980 in Kasan, Sowjetunion; eigentlich Veronika Walerjewna Tscheplanowa, russisch Вероника Валерьевна Чепланова) ist eine deutsche Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin.
Leben Veronika Tscheplanowa wuchs bei ihren Eltern in Kasan und bei ihrer Urgroßmutter auf dem Land auf. Ihr früh verstorbener Vater hatte in ihr im Vorschulalter die Liebe zu seiner Profession, der Mathematik, geweckt. Später machte sie seinen Vornamen Valery (Валерий) zu dem ihren.Valery Tscheplanowa liebt die Freiheit, auch in Männerrollen zu schlüpfen, MDR Kultur, 6. Januar 2019, abgerufen am 10. Januar 2019.
Als Tscheplanowa acht Jahre alt war, lernte ihre Mutter bei ihrer Arbeit als Dolmetscherin einen Alleinunterhalter kennen, den es nach einer wechselvollen Karriere an die Wolga verschlagen hatte. Sie heiratete ihn und folgte ihm – auch um ihrer kränkelnden Tochter bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen – nach Deutschland. Fünf Jahre später trennte sie sich von ihm und war fortan alleinerziehende Mutter.Ich begebe mich gern in Gefahr, in: Der Tagesspiegel, 4. Mai 2018, abgerufen am 10. Januar 2019.
Bei der Ankunft in Deutschland hatte sie die sprachliche und soziale Integration ihrer Tochter auf ungewöhnliche Weise forciert. Vom dritten Tag an, so Tscheplanowa, habe sie kein Russisch mehr mit ihr gesprochen und sie einer Schar deutscher Kinder „ausgehändigt“ mit der Maßgabe, der Achtjährigen Deutsch beizubringen. Geglückt sei das Experiment unter anderem dadurch, dass zwischen ihr und ihrer Mutter ein auf Liebe und Vertrauen basierendes Verhältnis bestanden habe. Zwar sei sie für ein halbes Jahr verstummt, habe dann aber, als sie zu reden begann, sofort ein akzentfreies Deutsch gesprochen. Ihre Muttersprache sei danach für einige Jahre völlig verschüttet gewesen, durch einen Studienaufenthalt in Russland jedoch zur Gänze wieder zurückgekehrt.
Tscheplanowa lebt in Berlin.
Künstlerische Karriere Tscheplanowa begann ihre Ausbildung im Alter von 17 an der Palucca Schule Dresden als Tänzerin. Ab 1999 studierte sie Puppenspiel an der Berliner Hochschule Ernst Busch und wechselte dort nach drei Semestern ins Schauspielfach. Diesen Studiengang schloss sie 2005 ab., abgerufen am 29. November 2022
Von 2006 bis 2009 war Tscheplanowa festes Ensemble-Mitglied des Deutschen Theaters Berlin und spielte dort unter anderem in Inszenierungen von Dimiter Gotscheff und Jürgen Gosch. 2009 wechselte sie ans Schauspiel Frankfurt, 2013 ans Residenztheater München. Seit 2017, mit ihrem Engagement als Gretchen in Frank Castorfs Faust-Inszenierung an der Volksbühne Berlin, ist sie freischaffend.
Rückblickend meint Tscheplanowa, es sei die Liebe zur Sprache gewesen, die sie zum Theater geführt habe; die Schauspielkunst selbst gebe ihr die Möglichkeit, die Sprache noch lebendiger werden zu lassen. Ihrer Ausbildung im Puppenspiel misst sie heute einen hohen Stellenwert bei; so, wie sie gelernt habe, eine Puppe zu führen, baue sie als Schauspielerin auch die Figuren auf, die sie auf der Bühne verkörpere. Das helfe ihr nicht zuletzt bei der Darstellung von Männerrollen, die sie von Anfang an anvisierte (mit Büchners Leonce hatte sie am Deutschen Theater vorgesprochen) und die sie später auch bekam (unter anderem Tasso und Franz Mohr). Die Chance, eine Inszenierung über eine lange Zeit spielen zu können – Heiner Müllers Hamletmaschine unter der Regie von Dimiter Gotscheff beispielsweise lief sieben Jahre – schätzt sie als besonderes Privileg ihres Berufsstands; die Erfahrungen, die die Darsteller zwischenzeitlich machten, könnten dazu führen, dass jede weitere Vorstellung zu einer echten Neubegegnung werde und sich dadurch von der vorherigen stark unterscheide.
Befragt, welche Art von Regisseur sie bevorzuge, meint Tscheplanowa: jemand mit einer starken eigenen Handschrift und der Fähigkeit, diese auch dem Schauspieler zuzugestehen. Diese doppelte Qualität kleidet sie in ein Bild: Der Regisseur baue das Haus und räume dem Schauspieler die Möglichkeit ein, es zu beziehen und einzurichten. Dimiter Gotscheff und Frank Castorf nennt Tscheplanowa namentlich als diejenigen Regisseure, bei denen sie gefunden habe, was sie suche. Castorf beispielsweise habe die russischen Impulse, die sie einbringe, erkannt und gefördert. Erst unter ihm, an der Berliner Volksbühne, sei sie „wirklich angekommen“ als Russin in Deutschland.
Zu Beginn ihrer Schauspielkarriere wollte Tscheplanowa sehr viel lieber auf der Bühne stehen als vor der Kamera. Inzwischen sucht sie auch verstärkt nach Angeboten aus der Filmbranche. Dem Fernsehpublikum ist sie bislang vor allem durch ihre Rolle als Gina Lombard in der TV-Serie Doktor Martin bekannt. In Speed Racer von Lilly und Lana Wachowski wirkte sie 2008 erstmals in einer Kinoproduktion mit.
Tscheplanowa tritt außerdem als Sängerin, insbesondere als Fassbinder-Interpretin, in Erscheinung und wirkt in Hörspielproduktionen mit. Für die Lesung des Buchs Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war von Paulus Hochgatterer wurde sie 2018 mit dem Deutschen Hörbuchpreis als „Beste Interpretin“ ausgezeichnet.
Ihr vielbeachtetes literarisches Debüt als Autorin gab sie 2023 mit dem Roman Das Pferd im Brunnen, gefolgt von Ist es Liebe (2025).
Im Mai 2018 wurde Tscheplanowa als neues Mitglied in die Sektion Darstellende Kunst der Berliner Akademie der Künste gewählt., Deutschlandfunk vom 10. Juli 2018, abgerufen am 10. Juli 2018.
Filmografie (Auswahl)
Theater (Auswahl)
Deutsches Theater Berlin:
2006: Volpone – Regie: Dimiter Gotscheff 2006: Die Fledermaus – Regie: Michael Thalheimer 2006: Die bitteren Tränen der Petra von Kant – Regie: Philipp Preuss 2007: Die Hamletmaschine – Regie Dimitr Gotscheff 2008: Das Pulverfass – Regie: Dimiter Gotscheff 2009: Persona – Regie: Philipp Preuss 2009: Idomeneus – Regie: Jürgen Gosch
Schauspiel Frankfurt:
2009: M.E.Z. – Regie: Karoline Behrens 2009: Remake::Rosemarie – Konzept und Regie: Bernhard Mikeska, Text: Lothar Kittstein 2010: Der Diener zweier Herren – Regie: Andreas Kriegenburg 2010: Cabaret – Regie: Michael Simon 2010: Alice im Wunderland – Regie: Philipp Preuss 2010: Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen – Regie: René Pollesch 2010: Mein Kampf – Regie: Amélie Niermeyer 2011: Maria Stuart – Regie: Michael Thalheimer 2011: Stella – Regie: Andreas Kriegenburg 2012: Käthchen von Heilbronn – Regie: Philipp Preuss 2012: Salome – Regie: Günter Krämer 2012: Faust II – Regie: Günter Krämer
Residenztheater München
2013: Zement (als Njurka). Von Heiner Müller. Inszenierung: Dimiter Gotscheff 2015: Der Bau (als Baubewohner). Von Franz Kafka. Inszenierung: Jakub Gawlik (Marstalltheater) 2015: The Land (Ensemble). Von Gabriela Carrizo in Kooperation mit der Peeping Tom Company. Inszenierung: Gabriela Carrizo (Cuvilliéstheater) 2015: Torquato Tasso (als Torquato Tasso). Von Johann Wolfgang von Goethe. Inszenierung: Philipp Preuss 2015: The Dark Ages (als Valery Tscheplanowa). Von Milo Rau und Ensemble. Inszenierung: Milo Rau (Marstalltheater) 2016: Hexenjagd (als Abigail Williams). Von Arthur Miller. Inszenierung: Tina Lanik 2016: Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im ersten Weltkrieg (als Schwarze Witwe). Nach Jaroslav Hašek. Inszenierung: Frank Castorf 2016: Die Räuber (als Franz Moor). Von Friedrich Schiller. Inszenierung: Ulrich Rasche 2016: ReMIX. Africa in Translation goes München – Lesung (Marstalltheater) 2016: Antigone (als Antigone). Von Sophokles. Inszenierung: Hans Neuenfels 2017: Der Eindringling (als Die Magd). Von Maurice Maeterlinck. Inszenierung: Hannes Köpke (Marstalltheater im Rahmen von Marstallplan) 2026: Faust I (als Mephisto). Von Johann Wolfgang von Goethe. Inszenierung: Ulrich Rasche (In Kooperation mit den Salzburger Festspielen)
Volksbühne Berlin
2017: Faust (als Gretchen). Von Johann Wolfgang von Goethe. Inszenierung: Frank Castorf
Salzburger Festspiele
2018: Die Perser (als Chor des persischen Ältestenrates/Dareios’ Geist) Von Aischylos. Inszenierung: Ulrich Rasche 2019: Jedermann (als Buhlschaft). Von Hugo von Hofmannsthal. Inszenierung: Michael Sturminger 2023: Nathan der Weise (als Nathan). Von Gotthold Ephraim Lessing. Inszenierung: Ulrich Rasche 2026: Faust I (als Mephisto). Von Johann Wolfgang von Goethe. Inszenierung: Ulrich Rasche (In Kooperation mit dem Residenztheater München)
Hörspiele
Weg ins Leben von Mariannick Bellot, Deutschlandradio Kultur 2006 Träumen von Koraljka Meštrovic, Deutschlandradio Kultur 2008 Sudoku. Mathematiker sind anders, Feature von Jan Lublinski, WDR 2008 Parikmacherscha – Die Friseuse von Sergej Medwedew, Deutschlandradio Kultur 2009 Cap Ferret oder Die andere Seite des Bassins von Torsten Buchsteiner, Regie: Annette Kurth, WDR 2009 Windräder Von Kurt Kreiler, Produktion: NDR 2010, Deutschlandfunk Elf Wochen und ein Tag Von Thomas Fritz, Produktion: Deutschlandradio Kultur 2012 Salome – Die Befreiung einer Theaterfigur. Eine akustische Choreographie Von Evelyn Dörr, Produktion: Rundfunk Berlin-Brandenburg / Deutschlandradio Kultur 2013 Salome – Hohelied einer Dichtung. Eine akustische Choreographie 5.1 Von Evelyn Dörr, Produktion: Rundfunk Berlin-Brandenburg 2015 Das Geräusch einer Schnecke beim Essen, Regie: Elisabeth Weilenmann nach Elisabeth Tova Bailey, Produktion: SRF 2017 Die Welt schaukelt und du willst glücklich sein von Herta Müller. Regie: Erik Altorfer, Deutschlandfunk 2025.
Hörbücher (Auswahl) 2019: Laetitia Colombani: Der Zopf (gemeinsam mit Eva Gosciejewicz & Andrea Sawatzki), Argon Verlag, ISBN 978-3-8398-9414-9 2020: Thomas Hettche: Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste (gemeinsam mit Christian Brückner), Argon Verlag, ISBN 978-3-8398-1817-6
Auszeichnungen 2014: Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2015: Bayerischer Kunstförderpreis 2017: Kunstpreis Berlin 2017: Schauspielerin des JahresderStandard.at: Joachim Meyerhoff zum "Schauspieler des Jahres" gewählt. Artikel vom 31. August 2017, abgerufen am 31. August 2017. 2018: Ulrich-Wildgruber-PreisUlrich-Wildgruber-Preis für Valery Tscheplanowa, WDR.de vom 18. Januar 2018, abgerufen am 20. Januar 2018 2018: Deutscher Hörbuchpreis in der Kategorie „Beste Interpretin“ 2024: Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Abteilung Darstellende KunstBayerische Akademie der Schönen Künste: Neue Mitglieder 2024, abgerufen am 21. Juli 2024
Literarisches Werk
Das Pferd im Brunnen. Rowohlt Berlin, Berlin 2023, ISBN 978-3-7371-0184-4. Ist es Liebe. Rowohlt Berlin, Berlin 2025, ISBN 978-3-7371-0221-6.
Bibliographie Dorte Lena Eilers: Tscheplanowa, Theater der Zeit. Berlin 2020, ISBN 978-3-95749-276-0.
Weblinks
Valery Tscheplanowa auf der Website des Deutschen Theaters Berlin Sie verrät viel, aber sie gibt nichts preis, Porträt von Martin Eich in Die Zeit vom 22. November 2012 Die Eleganz der Garbo, das Timbre der Piaf, Porträt von Deutschlandradio Kultur vom 5. Oktober 2009 Ich begebe mich gern in Gefahr, Gespräch mit Valery Tscheplanowa in Der Tagesspiegel vom 4. Mai 2018 Valery Tscheplanowa liebt die Freiheit, auch in Männerrollen zu schlüpfen, Gespräch mit Valery Tscheplanowa in MDR Kultur vom 6. Januar 2019 -->
Einzelnachweise
Kategorie:Theaterschauspieler Kategorie:Filmschauspieler Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1980 Kategorie:Frau