mini|Eine reduzierte Variante des Familienstellens mittels Systembrett. Als primär relevant werden Distanz, Winkel und Blickrichtung unter den repräsentierend aufgestellten Personen verstanden. Familienaufstellung (auch Familienstellen) bezeichnet ein Verfahren, bei dem Personen stellvertretend für Mitglieder des Familiensystems eines Klienten relational zu ihm (bzw. zu seinem Repräsentanten) angeordnet (gestellt) werden, um aus den in Beziehung gesetzten Wahrnehmungspositionen (der gestellten Repräsentanten) gewisse Muster innerhalb des gegenständlichen Familiensystems erkennen zu können. Das Familienstellen gründet auf der Vermutung, dass innerlich-grundlegende Beziehungen auch innerlich-räumlich abgespeichert wirken – je nach Ausprägung funktional bis dysfunktional. Es handelt sich bei Aufstellungen nicht um Rollenspiele.Falko von Ameln, Josef Kramer: Organisationen in Bewegung bringen. Handlungsorientierte Methoden für die Personal-, Team- und Organisationsentwicklung. Berlin und Heidelberg 2016, S. 273.

Ablauf Familienaufstellung findet meist in Gruppen von zehn bis zwanzig Personen statt. Jemand, der eine persönliche Thematik lösen möchte, meldet sich, um für sich eine Aufstellung durchführen zu lassen. Der Aufstellungsleiter befragt diesen Klienten zu seiner Situation, zu seinem System (Gegenwarts- und/oder Herkunftssystem) und zu seinem Anliegen.

Für manche Familienmitglieder (welche als wesentlich für das Anliegen des Klienten vermutet werden) werden dann aus der anwesenden Seminargruppe Stellvertreter ausgewählt, die zueinander in Beziehung positioniert werden. Auch für den Klienten selbst gibt es einen Stellvertreter, der für dessen eigenes Ich (Fokus) steht und der zu den anderen repräsentierten Familienmitgliedern in einen räumlichen Bezug gestellt wird. Mittels des intuitiven Positionierens von Stellvertretern „stülpt“ der Klient gewissermaßen sein inneres Bild hinsichtlich unbewusst abgebildeter Relationen (untereinander und in Relation zu seinem Fokus) nach außen in den Raum (Erstbild).

Weil bei der systemischen Aufstellungsarbeit davon ausgegangen wird, dass Symptomatik in loyalem Bezug (zu Einzelnen aus dem Familiensystem) entwickelt werde und „verstrickte“ Bezüge (innerhalb des Erstbildes) räumlich darauf hinweisen, können diese System-Relationen, weil von außerhalb, innerlich distanziert erlebt werden (dissoziiert über den Stellvertreter des eigenen Fokus).

Aus ihrer Position heraus können die Stellvertreter Gefühle und Gedanken entwickeln, die denjenigen der repräsentierten Personen aus dem Familiensystem des Klienten entsprechen. Dieses Phänomen wird als repräsentierende Wahrnehmung bezeichnet. Die Angehörigen des Klienten werden im so strukturierten Raum der Wahrnehmungen gleichsam zu psychisch Anwesenden. Dabei können Verstrickungen (dysfunktionale Systemdynamiken)Falko von Ameln, Josef Kramer: Organisationen in Bewegung bringen. Handlungsorientierte Methoden für die Personal-, Team- und Organisationsentwicklung. Berlin und Heidelberg 2016, S. 273: „Aufstellungen können Systemdynamiken (z. B. Beziehungsstrukturen und Konflikte) schneller deutlich machen [...]“ erkannt werden: Beispielsweise Aufgaben, die dem Klienten (unbewusst) aufgebürdet worden sind („Delegation“), oder eine dysfunktionale Systemdynamik, die der Klient unbewusst (aus Loyalität und „Stolz“Vgl. Peter Osten: Integrative Diagnostik bei Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen. In: Integrative Suchttherapie. Theorie, Methoden, Praxis, Forschung (Hg. Petzold, Schay, Ebert), Wiesbaden 2007, S. 247: „Im infantilen Erleben [jenes Kindes] sorgt das zunächst für eine Beruhigung, eine gewisse Befriedigung, manchmal sogar für „Stolz“, weil die Kinder sich glücklich fühlen, etwas tun zu können oder zumindest froh sind, nicht dadurch schuldig zu werden, daß sie nichts tun (ein verhaltensauffälliges Kind: „wenn ich Mama glücklich mache, wird alles gut“). Wenn sich diese Konstellation im Erwachsenen dysfunktional stabilisiert, wirkt sie von daher nach innen hin wie ein „Versprechen“ des Kindes, das nicht leicht – und nur von innen heraus – aufzulösen ist (wie ein Loyalitätskonflikt).“ zu Einem aus dem System) ursprünglich selbst (intrinsisch) entwickelte. Unterschiedliche Verstrickungsmuster können bei der Aufstellungsarbeit ersichtlich werden – um aber nicht einer „falschen Fährte“ zu folgen, werden bei Familienaufstellungen idealerweise Offenlegungstests zu der vermuteten Kern-Systemdynamik durchgeführt; erst dann kann in Richtung einer Initiierung einer Lösung weitergegangen werden. Der innere Ablauf klassischer Aufstellungsarbeit stellt sich – falls so vorgegangen wird – in drei Schritten dar:

Interview mit dem Klienten (zu seiner Symptomatik und zu Ungewöhnlichkeiten in seiner Familie) Offenlegung (Testen jeweiliger Kern-Systemdynamik und zur Veranschaulichung von Loyalitätsbezügen) Lösung (initiierende Intervention)

Neben dem Familienaufstellen in einer Gruppe gibt es auch die Möglichkeit, die räumlichen Korrelationen und die relationalen Abhängigkeiten unter den Familienmitgliedern figürlich (siehe auch Familienbrett) abzubilden.

Voraussetzungen Entscheidend für den sinnvollen Verlauf einer Familienaufstellung ist, dass der jeweilige Klient ein ernsthaftes Anliegen hat (Leidensdruck). Zur Vorbereitung auf eine eigene Familienaufstellung empfiehlt sich die Auseinandersetzung mit dem eigenen Herkunftssystem und auch, im Vorfeld ein Genogramm (inklusive Ungewöhnlichkeiten innerhalb des Systems) anzufertigen.

Die Teilnahme an Familienaufstellungen auch als Stellvertreter setzt normale körperliche und psychische Belastbarkeit voraus. Familienaufstellungen wirken nicht automatisch therapeutisch – ebenso wenig wie ein einfaches Gespräch. Damit Familienaufstellungen therapeutisch wirksam sein können, benötigen sie die fachkundige Begleitung durch einen qualifizierten Aufstellungsleiter. Das Ziel der Aufstellungsarbeit (auch in abgeänderter Form bei Einzelsitzungen) ist nicht zwangsläufig therapeutisch. Dennoch sollte die tiefgreifende Wirkung, die Aufstellungen haben können, nicht unterschätzt werden.

Ursprünge, ähnliche Verfahren und Weiterentwicklungen Der österreichische Arzt Jakob Moreno wählte im Psychodrama Stellvertreter für die betreffenden Personen eines zu bearbeitenden Konflikts. Die Stellvertreter hatten jenen Konflikt in ihren Rollen dramaturgisch darzustellen (im Unterschied zum Familien-Stellen). Die „Familienskulptur“, entwickelt von Virginia Satir (Palo-Alto-Gruppe). Dieses Verfahren nutzte bereits räumliche Anordnungen unter den (teilweise real anwesenden) Familienmitgliedern, wobei das Hauptaugenmerk anfangs auf dem aktuellen Beziehungssystem der Familie des jeweiligen Klienten lag/liegt und weniger auf der räumlichen Anordnung allein, als vielmehr auf Art und Weise der körperlichen Skulpturen bzw. Haltungen, die (aus sprachlich metaphorischen Hinweisen des Klienten bei Beziehungsproblembeschreibungen) nach- bzw. abgebildet wurden/werden.Eva Tillmetz: Familienaufstellungen. Sich selbst verstehen – die eigenen Wurzeln entdecken. Stuttgart 2012, S. 17 f. So ermöglicht(e) die kreierte Familienskulptur (deren externe Abbildung) dem jeweiligen Klienten, Familienbeziehungen nonverbal darzustellen und (innere, tw. sprachlich repräsentierte) Konflikte (aus dem Bild der Familienskulptur) nachzuvollziehen. Auf dieser (symptomatischen) Basis erfolgte die Prozessarbeit (häufig Reframing)Amir Levy, Uri Merry: Organizational Transformation. Approaches, Strategies, Theories. New York 1986, ISBN 0-275-92147-6, S. 106. durch Virginia Satir. Bei der „Familienrekonstruktion“ wurde von Virginia Satir dann die Mehrgenerationenperspektive hinzugefügt.Freda Eidmann, Ulrich Sachsse: Trauma im Kontext. Integrative Aufstellungsarbeit in der Traumatherapie. Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-40153-8, S. 115. Anwendungen aus der Hypnotherapie nach Milton H. Erickson waren prägend für den Sprachgebrauch (Semantik) innerhalb der Familienaufstellung. Loyalität, Gerechtigkeit, Ausgleich und Ordnung: Iván Böszörményi-Nagy, Geraldine M. Spark (Unsichtbare Bindungen. Die Dynamik familiärer Systeme), USA 1965 (dt. 1973)„Böszörményi-Nagy und Spark betrachten Familien sehr unter dem Aspekt der Gerechtigkeit und den daraus resultierenden Leitideen von Loyalität und Versöhnung. Es geht Boszormenyi-Nagy ebenso wie Stierlin darum, Dimensionen der Individuation sowohl zu beschreiben als auch deren Hindernisse und Potentiale aufzugreifen und zu verändern. Eine gelingende Individuation ist nach Boszormenyi-Nagy/Spark nur möglich, wenn eine Versöhnung mit den ‚verinnerlichten‘ und/oder realen Eltern stattfindet. Diese Versöhnung ist eng verbunden mit der Loyalität, die das ‚wesentliche Band zwischen den Generationen sei, die auf dem Ausgleich der gegenseitigen Schuldigkeiten beruht‘ (S. 258). [...] Das Aufrechnen von Dingen, die jemand für einen anderen getan hat, mit dem, was er oder sie von demjenigen erhalten hat, ist ein im Alltag ständig stattfindender Prozeß, meist uns nicht bewußt, oftmals geleugnet, dennoch das Miteinanderumgehen von Familienmitgliedern untereinander sowie mit der Außenwelt im wesentlichen strukturierender Aspekt.“ (Marie-Luise Conen: Loyalitätsbindungen – Versöhnung – Ethik).; siehe auch Parentifizierung. Auf Bert Hellinger ist die zu Ausgleich und Ordnung ergänzte Zugehörigkeit (Bindung) zum jeweiligen System zurückzuführen. Die strukturelle Familientherapie (Salvador Minuchin, 1967/77) fokussiert auf dysfunktionale Grenzverletzungen von Subsystemen untereinander und innerhalb jenes des Klienten.Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen. Göttingen 2013, ISBN 978-3-525-40274-0, S. 45 ff. Auf Basis der strukturellen Familientherapie werden beim Familiensystem-Test (FAST)Familiensystemtest (FAST) unter Einbeziehung von individuell und gemeinsam dargestellten Beziehungsmustern etwa Interaktionen der Familienmitglieder untereinander supervidiert und von dysfunktionaler Kommunikation zu Konsensfindung geleitet. Auf Kurt Ludewig und Thea Schönfelder basiert u. a. das Familienbrett. Von Thea Schönfelder wurde erstmals das Stellen von Stellvertretern ohne Angabe von Gesten, Sätzen und ohne nähere Informationen zur ersten Informationsgewinnung genutzt.Freda Eidmann: Trauma im Kontext. Integrative Aufstellungsarbeit in der Traumatherapie. Göttingen 2009, S. 116. Bei einem Kurs (Lindauer Psychotherapiewochen) von Thea Schönfelder lernte Bert Hellinger die Effekte einer Familienaufstellung ursprünglich kennen, bei Ruth McClendon und Leslie B. Kadis (Carmel Institute for Family Business, California, USA) lernte er Hintergründe der Methode und baute diese weiter aus. Ab 1999/2000 entwickelte er das Aufstellungsformat „Bewegungen der Seele“,Klaus Grochowiak: wo entweder nur manchen oder allen Stellvertretern erlaubt wird, ihren innerlich auftretenden Bewegungstendenzen nach-zu-gehen (Hin-, Zu- oder Abwendung etc.). Bei einer reduzierten Variante von Bewegungen der Seele wird nur der Stellvertreter des Klienten (Fokus) gestellt – in Erwartung „seiner“ nach außen repräsentierten (inneren) Bewegungstendenz. Die Weiterentwicklung zur Organisationsaufstellung (durch Gunthard Weber und Klaus Grochowiak) entstand auf Basis der Erkenntnisse aus der Familienaufstellung. Global gelten identische Parameter (Ausgleich/Ordnung/Zugehörigkeit) in Systemen, Details differieren. Hinsichtlich Zugehörigkeit differiert im Organisationssystem freilich das Recht auf unbedingte Zugehörigkeit (leichtfertiger Ausschluss gilt dennoch als dysfunktionales Risiko).Klaus Grochowiak: : „Daraus ist aber nicht zu schließen, dass es ein absolutes Recht auf Zugehörigkeit gibt, sondern dass die Bindung an die entlassenen Kollegen dann ins Spiel kommt, wenn es sich um eine leichtfertige Entlassung handelt.“