Semiramide ist eine Opera seria (Originalbezeichnung: „melo-dramma tragico“) in zwei Akten von Gioachino Rossini (Musik) mit einem Libretto von Gaetano Rossi. Sie wurde am 3. Februar 1823 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt und ist Rossinis letzte für Italien komponierte Oper. Die Titelrolle schrieb Rossini für seine Frau Isabella Colbran.

Handlung

Vorgeschichte

Semiramide, Königin von Babylon, hat mit Hilfe ihres Geliebten Assur ihren Ehemann, König Nino, vergiftet. Ihr gemeinsamer Sohn Ninia, zu diesem Zeitpunkt noch ein Säugling oder Kleinkind, wurde von einem Vertrauten Ninos, einem skythischen Feldherrn in babylonischen Diensten, gerettet und als dessen Sohn Arsace aufgezogen. Ninia gilt in Babylon seit Ninos Tod als vermisst. Weder Ninia/Arsace selbst noch seine Mutter Semiramide wissen von seiner Identität, sondern lediglich der Hohepriester Oroe, der zudem auch Ninos der Öffentlichkeit unbekannte Todesursache kennt. Semiramide regiert seit Ninos Tod allein und hat sich zunehmend von Assur entfremdet. Ninia/Arsace ist inzwischen erwachsen und selbst erfolgreicher Feldherr; sein Ziehvater ist verstorben.

Kurzfassung

Erster Akt

Assur ist es gelungen, Semiramide unter Druck zu setzen, einen Nachfolger Ninos zu ernennen. Er geht davon aus, dass sie sich an die seinerzeitige Absprache hält und ihn zum König macht. Gegen Assur opponieren jedoch Oroe und Arsace. Assur und Arsace konkurrieren zudem um die Liebe der Prinzessin Azema, die auch vom indischen König Idreno umworben wird. Assur glaubt sich als Prinz von göttlichem Blut sowohl des Thrones als auch der Hand Azemas sicher, auf den „Skythen“ Arsace schaut er verächtlich herab. Arsace weiß jedoch, dass Azema ihn liebt.

Semiramide verkündet öffentlich, dass der neue babylonische König auch ihr Ehemann werden soll, was von allen Aspiranten mit Entsetzen aufgenommen wird. Sie nennt den Namen Arsaces und verlangt von Oroe, sie unverzüglich zu trauen. Oroe und Arsace sind gleichermaßen entsetzt, dieser aufgrund seiner Liebe zu Azema und jener, weil er weiß, dass Arsace Semiramides Sohn ist. Assur ist außer sich vor Wut. Idreno nutzt die Gunst der Stunde und bittet Semiramide um Azemas Hand, die diese ihm auch verspricht. Im allgemeinen Chaos erscheint der Geist König Ninos, der verlangt, dass für noch ungesühnte Schuld ein Opfer dargebracht wird. Auch auf Nachfrage äußert er sich nicht konkreter. Alle Anwesenden sind erschüttert, die Heirat von Semiramide und Arsace findet zunächst nicht statt.

Zweiter Akt

Assur macht Semiramide schwere Vorhaltungen ob des gebrochenen Versprechens und sinnt auf Rache. Unterdessen übergibt Oroe in einer geheimen Zeremonie im Tempel Baals Arsace Schwert und Krone König Ninos. Als Arsace dies entsetzt zurückweist, enthüllt ihm Oroe seine wahre Identität ebenso wie die Tatsache, dass Nino von Assur und Semiramide ermordet wurde. Arsace schwört Rache an Assur, fleht aber um Vergebung für seine Mutter. Oroe befiehlt ihm, sich nachts an Ninos Grab einzufinden, dorthin werde ein Gott das Opfer seiner Rache führen.

Arsace bittet Semiramide, Azema heiraten zu dürfen. Semiramide ist jedoch nach wie vor entschlossen, selbst Arsace zu heiraten. Daraufhin enthüllt er ihr, dass er ihr Sohn ist und von der Ermordung seines Vaters weiß. Sie bricht in Tränen aus und bittet ihn, sie zu töten, um seinen Vater zu rächen, was er jedoch verweigert. Assur wartet in der Nähe von Ninos Grab auf Arsace, den er aus Rache für den entgangenen Thron töten will. Semiramide begibt sich ebenfalls dorthin und bittet Ninos Geist um Schutz für Arsace und Vergebung für sich selbst. Arsace trifft mit Oroe, Priestern und Wachen ein; er ist überzeugt, dass Assur das ausersehene Opfer ist. Auf Oroes Anweisung sticht Arsace im Dunkeln zu. Oroe befiehlt, Assur als Ninos Mörder zu verhaften, und verkündet, dass Arsace König Ninia ist. Als Arsace sich wundert, woher das Blut an seinem Schwert stammt, wenn Assur doch noch lebt, muss er unter Assurs Hohngelächter feststellen, dass er seine Mutter getötet hat. Er will sich nun selbst das Leben nehmen, was Oroe und die Priester jedoch verhindern. Mit einem Huldigungschor auf König Arsace endet die Oper.

Die folgende Inhaltsangabe basiert auf dem Libretto der Urfassung von 1823.

Erster Akt

Festlich geschmückter prächtiger Tempel Baals

mini|links|Alessandro Sanquirico: Erster Akt, Szene 1, Mailand 1824

Szene 1. Umgeben von seinen Magier-Priestern betet Oberpriester Oroe zu Füßen der Baalsstatue in Erwartung des „Schreckensaugenblicks der Rache und Gerechtigkeit“.Textzitate nach der deutschsprachigen Dresdner Fassung von 1826 (Introduktion: „Sì… gran nume… t’intesi“) Anschließend lässt er die Tempeltore für das Volk und die internationalen Gäste öffnen.

Szene 2. Babylonier, Inder mit ihrem König Idreno und Assyrer mit Prinz Assur betreten den Tempel und bringen der Gottheit ihre Opfergaben dar. Königin Semiramide plant, noch heute den Nachfolger König Ninos zu bestimmen. Idreno hofft, den Lohn für seine Liebe zu finden. Assur dagegen ist fest davon überzeugt, dass er selbst erwählt werde. Oroe, der Assurs Charakter und seine Taten kennt, ist entsetzt.

Szene 3. In Begleitung der königlichen Wachen und des gesamten Hofstaats treten Semiramide, die Prinzessin Azema und der Hauptmann Mitrane auf. Nachdem die Ankömmlinge vom Volk bejubelt wurden, fordert Assur Semiramide auf, zu schwören, dass sie Ninos Nachfolger bestimmen werde. Semiramide schaut sich unsicher um. Sie zögert, da sie jemanden unter den Anwesenden vermisst. Schließlich beginnt sie mit ihrer Erklärung: „Des Nino…“ Da ertönt ein Donnerschlag, und das Altarfeuer verlischt. Semiramide fragt Oroe nach dem Grund für den Zorn des Himmels. Oroe erklärt mit festem Blick auf sie und Assur, dass es noch immer ungesühnte Verbrechen gebe. Er erwarte den Spruch des Orakels von Memphis. Dann könne der künftige König erwählt werden. Assur erinnert Semiramide an ihre gemeinsame Vergangenheit. Sie will die Thronanwärter im Palast erwarten. Alle verlassen den Tempel.

Szene 4. Oroe hofft auf die Gerechtigkeit der Götter und fürchtet um das Schicksal Semiramides. Er tritt in das Innere des Tempels.

Szene 5. Der babylonische General Arsace erscheint mit zwei Sklaven, die eine verschlossene Truhe tragen. Er betrachtet ehrfürchtig den Tempel, zu dem ihn sein Vater Fradate noch auf dem Totenbett befohlen hatte (Rezitativ: „Eccomi alfine in Babilonia“). Nun hat ihn Semiramide an ihren Palast berufen. Er hofft, dort seine Geliebte Azema wiederzusehen, die er einst vor Barbaren gerettet hatte (Cavatine: „Ah! quel giorno ognor rammento“).

Szene 6. Oroe begrüßt Arsace herzlich. Arsace übergibt ihm die Truhe. Sie enthält den Nachlass seines Vaters – Pfänder, die bislang noch niemand zu Gesicht bekam. Es handelt sich um ein Schriftstück, die Königskrone und ein Schwert. Oroe offenbart Arsace, dass sein Vater durch Gift und Verrat umgekommen sei und durch dieses Schwert gerächt werden solle. Als er Assur kommen sieht, zieht er sich zurück. Zwei Priester folgen ihm mit der Truhe.

Szene 7. Assur wirft Arsace vor, das kaukasische Heerlager ohne seinen Befehl verlassen zu haben. Arsace rechtfertigt sich mit dem Befehl der Königin – und seiner Liebe zu Azema. Assur weist ihn darauf hin, dass Azema von königlichem Geblüt sei und schon seit ihrer Kindheit dem Ninias versprochen war. Nur assyrische Halbgötter wie er dürften um sie werben, aber keine „Skythen“. Assur weiß jedoch von Ninias Schicksal. Er kenne und fürchte niemanden, der ihm entgegentreten könne. Seine Liebe sei echt und werde von Azema erwidert, während Assur lediglich den Thron liebe. Assur antwortet mit hochmütigen Drohungen (Duett: „Bella imago degli dèi“).

Vorhalle im Palast

mini|links|Alessandro Sanquirico: Erster Akt, Szene 8, Mailand 1824

Szene 8. Während Azema sich über die Ankunft ihres Geliebten Arsace freut (Szene „O me felice!“), tritt Idreno auf sie zu. Auch er hofft auf ihre Hand, sorgt sich aber wegen seines Rivalen Assur. Azema erklärt ihm, dass sie diesen verachte. Idreno versichert ihr seine Liebe (Arie: „Ah dov’è, dov’è il cimento?“). Azema ist von seiner Rede beeindruckt. Sie könnte ihn lieben, wenn nicht schon Arsace ihr Herz besäße.

Hängende Gärten

Szene 9. Junge Kitharöden und Hofdamen bemühen sich um Trost für die noch immer trübsinnige Semiramide. Sie verheißen ihr Liebesfreuden mit dem zurückgekehrten Arsace (Frauenchor: „Serena i vaghi rai“). Semiramide schöpft wieder Hoffnung (Cavatine: „Bel raggio lusinghier“).

Szene 10. Mitrane erscheint mit einem Papyrusblatt. Es ist der erwartete Orakelspruch aus Memphis. Er prophezeit, dass Semiramides Leiden enden werden, wenn Arsace zu einer neuen Hochzeit zurückgekehrt ist. Semiramide glaubt, es handle sich um ihre eigene Heirat. Sie beauftragt Mitrane, die Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier zu treffen. Alle sollen sich an ihrem Thron einfinden, um ihre Entscheidung zu erfahren.

Szene 11. Arsace erzählt Semiramide vom Hochmut Assurs, der sich bereits für den König und Azemas Bräutigam halte. Er werde mit Freuden für sie (Semiramide) sterben, aber niemals Assur dienen. Semiramide versichert ihm, dass Azema keinesfalls Assur heiraten werde. Sie wisse von dessen Plänen und werde ihn strafen. Außerdem kenne sie seine (Arsaces) Treue und Reinheit. Er könne alles von ihr erhoffen. Arsace bekennt, wie sehr er von Liebe durchdrungen sei. Beide überlassen sich „süßen Bildern […] des Friedens und des Segens“ (Duettino: „Serbami ognor sì fido“).

Vorhalle

Szene 12. Assur und Oroe treffen nach fünfzehn Jahren zum ersten Mal wieder aufeinander. Oroe erinnert Assur an die damalige Schreckensnacht, in der die Assyrer den König und dessen Sohn Ninia verloren hatten – dabei fixiert er Assur mit seinem Blick. Assur geht nicht darauf ein. Er warnt Oroe und Arsace davor, ihm in die Quere zu kommen. Oroe vertraut auf die Hilfe seines Gottes, der den Verräter strafen werde.

Prächtiger Ort im Palast mit Blick auf Babylon

mini|links|Alessandro Sanquirico: Erster Akt, Szene 13, Mailand 1824

Auf der rechten Seite der Thron, auf der linken die Vorhalle zum Mausoleum König Ninos.

Szene 13. Unter dem Gesang des Volks und der Priester ziehen die Würdenträger ein. Den königlichen Wachen folgen zunächst die Satrapen mit ihrem Gefolge, darauf Oroe und die Priester, die einen Altar tragen, anschließend Idreno, Assur und Arsace mit Gefolge und schließlich Semiramide, Azema, Mitrane und die Hofdamen. Alle erwarten hoffnungsvoll, dass das Reich endlich einen neuen König erhalte (Finale I: „Ergi omai la fronte altera“). Semiramide besteigt den Thron. Auf die Stufen neben ihr setzen sich Azema, Assur, Oroe, Arsace und Idreno. Semiramide lässt die Anwesenden schwören, den von ihr Erwählten als König anzuerkennen, wer immer es auch sei. Dann verkündet sie zum Entsetzen aller, dass der betreffende nicht nur König, sondern auch ihr Gatte werden solle. Es sei Arsace. Während dieser, Azema, Oroe und Assur sich noch von ihrem Schrecken erholen, preist das Volk bereits Arsace als neuen König. Assur begehrt kurz auf, wird aber von Semiramide zum Schweigen gebracht. Einzig Idreno schöpft Hoffnung. Er bittet Semiramide um die Hand Azemas. Semiramide gewährt sie ihm. Arsace weist sie darauf hin, dass es ihm nie um den Thron ging. Semiramide ignoriert den Einwand und lässt die Priester vortreten. In diesem Moment erbebt die Erde. Blitze zucken durch die Luft, das Tor zum Mausoleum öffnet sich, und der Geist des Nino erscheint. Er prophezeit, dass Arsace herrschen werde. Aber zuvor sei eine schwere Untat zu versöhnen. Arsace solle an seinem Grab ein Opfer darbringen. Arsace verspricht das, erhält aber keine Antwort auf seine Frage, worin das Opfer bestehen solle. Als Semiramide ihm zum Grabmal folgen will, weist Nino sie zurück. Er werde sie zu ihm rufen, sobald es die Götter wollen. Er tritt zurück in die Gruft. Das Tor schließt sich hinter ihm. Alle schaudern vor dem Zorn der Götter.

Zweiter Akt

Vorhalle